Harley Davidson Softail und Dyna 2015 im Gebraucht Test

Sind Softail Deluxe und Dyna Street Bob eine Empfehlung für 2021?

Harley-Davidsons haben einen phänomenalen Werterhalt. Am Gebrauchtmarkt beobachten wir teils astronomisch wirkende Preise für "Modelle mit Geschichte" wie Harley sie gern nennt. Aber sind sie ihr Geld noch wert? Wir haben uns zwei 2015er Modelle geschnappt und es für euch herausgefunden!

Winterflucht Teneriffa - Motorradfahren zu jeder Jahreszeit

Dem tristen Alltag des ost-österreichischen Winters zu entfliehen und auf den Kanarischen Inseln Motorrad zu fahren ist ein Luxus, den ich jedem Biker wärmstens ans Herz legen kann. Besonders Mitte Dezember ist ein Aufenthalt dort Balsam für die Seele. Während man in unseren Breiten zwischen 8 und 16 Uhr verschiedene Grau-Schattierungen als Früh, Mittag und Abend bezeichnet, geht auf Teneriffa die Sonne um 07:30 auf uns erst um 18:45 wieder unter, man hat also echt viel von seinem (Urlaubs-)Tag. Da der "Winter" in diesen breiten so mild verläuft, befinden sich auch die allermeisten Straßen in tadellosem Zustand, Bitumen ist auf den Kanaren also in doppeltem Sinn ein Fremdwort. Ein großer Dank gilt dem Vermieter Canary Islands Rides mit dem freundlichen Chef Luca, der Juliane und mir für diesen herrlichen Dezembertag eine Harley-Davidson Dyna Street Bob und eine Softail Deluxe für eine Testfahrt zur Verfügung stellte. Beide Maschinen sind 2015er Modelle und hatten eine Laufleistung von rund 38.000 km bzw 26.000 km. Durch die offenbar gute Pflege standen sie aber beinahe wie neu da.

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103 Cubic Inch verbinden Dyna und Softail

Der brummige charakteristische V2 mit Luftkühlung und 1690 Kubikzentimetern ist ein Motor, wie man ihn sich in einem Cruiser wünscht. Massig Drehmoment, das bereits sehr weit unten im Drehzahlbereich zur Verfügung steht schieben die beiden Dickschiffe mit Vehemenz nach vorne. Maximal werden dabei 130 Nm Drehmoment bei 3.250 U/min und 79 PS Spitzenleistung bei 5.250 U/min entwickelt. Neu für 2015 war beiden Harleys der sechste Gang, dem im analogen Rundinstrument der Softail Deluxe sogar eine eigene grüne Anzeigeleuchte gewidmet ist. In diesem sechsten Gang ist man auch recht häufig unterwegs, denn Kraft von unten ist, wie erwähnt, ausreichend vorhanden. Die Kraft wird bei beiden Modellen über einen wartungsarmen Riemenantrieb ans Hinterrad übertragen, das spart lästiges Kettenschmieren auf größeren Ausfahrten, passt also perfekt zum Cruiser-Feeling, das Softail und Dyna vermitteln.

Bremsen vorhanden - das Kapitel Verzögerung ist kein Ruhmesblatt für die Kolosse

330 Kilogramm bei der Softail Deluxe und 305 kg bei der Dyna Street Bob, jeweils vollgetankt, sind kein Pappenstiel. Ergo ist, wie oben besprochen, ein passend dimensionierter Motor in den beiden Harleys verbaut. Leider wird der daraus resultierenden Beschleunigung keine entsprechende negative Beschleunigung entgegengesetzt, oder anders formuliert: Die Bremsen an den beiden getesteten Harley-Davidsons sind unterdimensioniert, es ist bei trockener Fahrbahn so gut wie unmöglich das serienmäßige ABS in den Regelbereich zu bringen. Die Einzelscheibe vorne mit der simplen Vierkolben-Festsattel-Anlage ist mit dem hohen Gewicht der Cruiser schlichtweg überfordert, bei Motorrädern dieser Klasse spielt aber auch die Hinterradbremse eine vergleichsweise große Rolle, diese erledigte bei beiden Modellen zwar einen brauchbaren Job, ist aber auch zu schwach, um insgesamt eine zufriedenstellende Verzögerung zu erreichen. So mahnt die Bremsanlage im Zusammenspiel mit der beschränkten Schräglagenfreiheit (insbesondere die breiten Trittbretter der Softail Deluxe setzen sehr früh auf) den Fahrer stets zur gemächlichen Fahrweise. Harleyfahren erfordert eben einen gewissen Grad geistiger Reife, hat man sich aber mit den Gegebenheiten abgefunden, eröffnet sich im Sattel einer Harley eine völlig neue Dimension des Motorradfahrens.

Optik: Ein Heimspiel für die dicken Brummer aus Millwaukee

Das Schöne an diesen beiden Maschinen ist, dass die Freude auch weitergeht, wenn man sich aus dem Sattel erhebt. Legt man ein Päuschen an der Tankstelle oder beim Cafe ein, erfreut man sich auch aus der Distanz an den beiden Eisen, wenn sie so in der Sonne um die Wette glitzern. Vor allem die Softtail Deluxe in der herrlichen weiß-blauen Metallic-Lackierung wirkt mit ihren Weißwandreifen wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Es fällt nicht schwer, sich Elvis Presley in einer Fransen-Lederjacke darauf vorzustellen. Besonderen Flair verbreiten auch die runden Zusatzscheinwerfer, links und rechts des Hauptlichts, die mittels einem Schalter aktiviert werden, der aus einem Flugzeug der 50er-Jahre stammen könnte. Man fühlt sich wie der "king of the road", wenn man auf dem königlichen Sattel Softail Deluxe Platz nimmt, wenngleich der Road King natürlich ein anderes Harley-Modell ist.

Aber auch die Dyna Street Bob mit ihrem Easy-Rider-Spirit, der hauptsächlich durch den hoch-gelegten Ape-Lenker vermittelt wird, hat etwas für sich. Durch die nach vorne verlegten aber höherliegenden Fußrasten ergibt sich neben dem coolen Look, auch eine beachtliche Schräglagenfreiheit, die man dem Motorrad auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte. Die verchromten Auspuffsysteme stammen an beiden Modellen vom renommierten Zulieferer Vance & Hines, sie sehen nicht nur gut aus, sondern machen auch einen wahrlich Harley-würdigen Wirbel. Auf der karg besiedelten Insel Teneriffa kann man den Sound noch in vollen Zügen genießen, man versteht aber gleichzeitig auch, warum Harley-Davidson bei den aktuellen Modellreihen auf einen gemäßigteren Geräuschpegel setzt. Die minimalistische Street Bob ohne viel Schnick-Schnack, weiß durch eine harmonische Linienführung zu begeistern.

Fahreindrücke: Harley-Davidson auf Teneriffa

Teneriffa ist ein Kurvenparadies, insofern könnte man denken, dass man mit schweren Cruisern hier die vollkommen falschen Geräte ausgefasst hat, aber das Gegenteil ist der Fall. Zum einen gibt es ausreichend Straßen mit langgezogenen Kurven die wie für Harleys gemacht scheinen, zum anderen ist die Hochebene rund um den, die Insel dominierenden Vulkan, Teide eine Landschaft, die stark an die west-amerikanischen Nationalparks wie den Zion National Park oder das Death Valley erinnert. Schnurgerade endlos wirkende Straßen inmitten einer spektakulären Umgebung. Auch wenn man an der Küste bleibt, kann man das entspannte Gleiten auf den V2-Schlachtschiffen richtig genießen. Passender Weise liegt der Verleih von Canary Islands Rides am Playa de Las Americas, einem Ort der Kalifornien zum Täuschen ähnelt.

Die Softail Deluxe bietet ein Maß an Entschleunigung und Souveränität das kaum mit anderen Motorrädern vergleichbar ist. Trotz des massiven Gewichts sorgen die relativ schmalen 16 Zoll Weißwandreifen auf traditionellen Speichenfelgen für ein agiles, beinahe kippeliges Fahrverhalten. Die niedrige Sitzhöhe von lediglich 670 mm macht die Maschine einem sehr breiten Spektrum an Piloten zugänglich. Die Gasannahme erfolgt sehr feinfühlig und auf längeren Autobahnetappen freut man sich über den serienmäßigen Tempomaten. Der bequeme Sattel und die Eigendämpfung der Reifen machen die Schwächen des Fahrwerks hinsichtlich Komfort relativ gut wett. Die Starrrahmenoptik fordert hier eben ihren Tribut. Mangels Windschild, hängt man auf der Softail Deluxe wie das sprichwörtliche Segel im Wind. Wenn einem bei moderatem Tempo dann die frische Meeresluft um die Nase tänzelt, genießt man das aber in vollen Zügen, ansonsten bietet der Zubehörmarkt hier eine breite Palette an Abhilfe-Möglichkeiten. Mit knapp 19 Litern Tankinhalt sind 300 km Reichweite drin, auch wenn die Softail Deluxe natürlich kein Spritsparwunder ist.

Kommen wir zur Harley-Davidson Dyna Street Bob, die Dyna-Reihe die unter anderem durch die frei liegenden Stereo-Federbeine erkennbar ist, hat Harley 2017 in die Softail-Reihe integriert. Daher sind Dynas am Gebrauchtmarkt sehr gefragt. Mit dem Ape-Hanger-Lenker hat man automatisch den legendären Song "Born to be Wild" im Kopf und fühlt sich wie Peter Fonda in Easy Rider. Überraschender Weise gewöhnt man sich rasch an die Lenkerposition und auch fahrdynamisch ergibt sich ein stimmiges Gesamtkonzept, wenn man sich darauf einlässt. Die Dyna Street Bob bietet durch das größere 19 Zoll Rad in den Dimensionen vorne massig Stabilität im Sattel. Ergänzt durch den 160er Hinterreifen im 17-Zoll-Format ergibt sich ein berechenbares Fahrverhalten. Zwar will die Dyna zunächst etwas in die Kurve gezwungen werden, hat man sich daran aber gewöhnt sich auch flottere Wechselkurven angenehm zügig zu durchfahren. Die Street Bob bietet 17,5 Liter Tankinhalt.

Soziustauglichkeit auf Dyna Street Bob und Softail Deluxe

Die Harley-Davidson Softail Deluxe ist eindeutig das Motorrad, das eher zu Fahrten zu zweit einlädt. Sie bietet der Sozia bzw. dem Sozius mehr Platz, als die Dyna Street Bob. Die an beiden Motorrädern verbaute (optionale) Sissybar ist ein zweischneidiges Schwert, bietet sie doch auf der einen Seite Halt und steigert den Komfort, kostet aber auf der anderen Seite Platz. Bei der Dyna Street Bob kann sich dann für längere Touren nur ein zierlicher Passagier wohlfühlen, bei der Softail Deluxe bleibt bauartbedingt etwas mehr Raum. Die Soziussitzbank ist da wie dort komfortabel weich gepolstert. Ein praktisches Extra auf der Deluxe sind die große Leder-Seitentaschen, in denen wir problemlos das gesamte Kamera-Equipment unterbringen konnten, zudem passen sie auch gut zur klassischen Optik der Softail Deluxe. Wermutstropfen: Vollbepackt und mit Sozius setzt die Deluxe dann noch schneller mit den Trittbrettern auf, was zu wahrnehmbarem Kreischen hinter einem führen kann. Das kann die Dyna Street Bob besser, sie lässt sich auch zu zweit, wie der Name schon sagt, noch relativ dynamisch bewegen.

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Sind gebrauchte Harley-Davidson Motorräder ihr Geld wert?

Für Motorräder, die 5 Jahre am Buckel haben sind Laufleistungen über 25.000 km überdurchschnittlich. Das gilt bei Harleys noch mehr, da viele Harley-Davidson Modelle bei uns in der Gebrauchtbörse diesen Kilometerstand selbst nach 10 Jahren nicht erreicht haben. Durch die robuste und erprobte Motor-Technik sind solche Kilometerleistungen für den V2 kein Problem. Es gibt Modelle mit dem 103 Cubic Inch die weit über 60.000 km am Buckel haben. Harley-Davidsons sind in den aller meisten Fällen Liebhaber-Fahrzeuge und weisen einen außerordentlich hohen Pflegezustand auf, Garagierung versteht sich von selbst. Insofern sind die hohen Gebrauchtpreise durchaus gerechtfertigt, insbesondere für die Baureihen und Motoren die aufgrund immer schärfer werdenden Abgas-Normen nicht mehr gefertigt werden. Achtet man selbst dann genauso auf sein Schätzchen wie der Vorbesitzer steht einem etwaigen Weiterverkauf zu einem guten Preis nach ein paar Jahren nichts im Wege. Alle Wertanlagen aus dem Hause Harley-Davidson findet ihr auf unserem Marktplatz.

Fazit: Harley-Davidson Softail Deluxe FLSTN

Die Softail Deluxe ist eine wunderbar klassisches Motorrad mit einer zum Niederknien schönen Optik. Die Fahrt im bequemen Sattel vermittelt ein unvergleichliches Gefühl der Erhabenheit und der Motor hat viel Charakter. Wer damit auf Kurvenhatz gehen will hat Entscheidendes im Leben nicht verstanden. Leider ist die Deluxe auch gebraucht kein günstiger Spaß!


  • King of the Road - Gefühl
  • charakterstarker V2-Motor
  • Tempomat serienmäßig, herrliche 2-Farben Metallic-Lackierung
  • klassische Schönheit
  • geringe Schräglagenfreiheit
  • hoher Preis
  • hohes Gewicht beim Rangieren spürbar

Fazit: Harley-Davidson Dyna Street Bob FXDB

Die 2015er Dyna Street Bob ist eine coole Vertreterin einer leider ausgestorbenen Rasse. Der Ape-Hanger-Lenker und die nach vorn verlegten Fußrasten lassen Easy-Rider Feeling aufkommen. Der 103 cubic inch V2 ist über jeden Zweifel erhaben. Zudem ließe sie sich für ein 300+ Kilo-Motorrad durchaus dynamisch bewegen, wären da nicht diese schwachen Bremsen. In Summe trotzdem ein spaßiger Cruiser!


  • potenter Motor
  • entspannte Sitzposition
  • relativ große Schräglagenfreiheit: puristische Optik
  • hohe Stabilität
  • Bremsen schwach
  • Soziuskomfort eingeschränkt
  • lenkt eher unwillig ein

Bericht vom 21.12.2020 | 15.057 Aufrufe

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