Yamaha Tracer 700 2020 Test in den Schweizer Alpen

Yamahas leichtester Sporttourer im Hochgebirge

Einmal quer durch die Schweiz, von Fribourg über Bern bis nach Locarno, bin ich mit der Tracer 700 gefahren. Auf 400 Kilometern voller mächtiger Pässe und Gebirgsketten wurde sie auf Herz und Nieren getestet. 73 PS, unter 200 kg - Reicht das für große Touren?

Was macht ein gutes Reisemotorrad aus? Komfort ist für Langstrecken auf jeden Fall wichtig. Auch auf ein praktisches Design und alltagstaugliche Lösungen sollte man achten. Die Leistung sollte genug sein um Spaß zu haben, gleichzeitig aber gemütliches Cruisen ermöglichen. Ob die Tracer diesen Spagat zwischen Komfort, Alltagstauglichkeit und Fahrspaß schafft?

Yamaha Tracer 700 Sitzposition, Komfort, Ergonomie - Hoch zu Ross auf der kleinen Tracer

Die Sitzhöhe der Tracer von 840 mm liegt schön im Mittelfeld der üblichen Sitzhöhen und genauso verhält es sich auch mit dem Härtegrad der Sitzbank selbst. Mit Sicherheit ist sie kein hartes Brett, wie man es so auf manchem Sportmotorrad vorfindet, aber auch einen fahrenden Couchsessel darf man sich nicht erwarten. Man hält schon auch knackige Tagestouren auf der Tracer aus. Das ist aber nicht nur dem Sitz zu verdanken, sondern auch der angenehmen und aufrechten Sitzposition. Der Kniewinkel ist nicht zu Spitz und vor allem der breite Lenker krümmt sich dem Fahrer entgegen und ermöglicht so eine aufrechte Sitzposition. Allerdings nicht zu aufrecht. Den Hintern auf der durchgehenden Bank etwas nach hinten gedrückt und schon kann man es in aktiverer Haltung auch etwas sportlicher angehen. Der Fahrtwind wird von den schicken Handguards mit integrierten LED-Blinker etwas abgeleitet. Der Windschild ist während der Fahrt mit einer Hand einfach verstellbar. Die obere Position nimmt vorbildlich den Winddruck von der Brust, doch bei mir mit 1,85 Körpergröße trifft der Wind dann auf halber Helmhöhe auf den Kopf und sorgt für recht laute Verwirbelungen.

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Yamaha Tracer 700 Elektronische Systeme, Alltagstauglichkeit und praktische Eigenschaften - Weniger ist mehr

In puncto Ausstattung ist die Tracer 700 eher auf der einfacheren Seite. Das ist aber überhaupt nicht als negativer Punkt gemeint. Sie übt sich vielmehr in Bescheidenheit und beschränkt sich auf die notwendigen Features. Fahrmodi, Traktionskontrolle, Tempomat, Quickshifter - alles unnötig in den Augen der Tracer. Selbst im Zubehör beschränkt sich die mögliche Erweiterung der Elektronik auf Heizgriffe und einen USB-Anschluss im Cockpit. Im gut lesbaren Negativ-LCD-Display lassen sich die Basis-Anzeigen gut ablesen, aber nach elektronischen Spielereien sucht man vergeblich. Die Tracer ist halt kein Motorrad für Fans von Connectivity und Co., sondern für Anhänger der puristischen Motorradfahrt. Ein ABS für den Fall der Fälle und mehr braucht es nicht.

Damit die puristische Tracer trotzdem nicht zum unpraktischen Trum wird, sorgen zum Beispiel die Yamaha-eigenen Seitenkoffer aus dem Zubehör. Sie passen in Farbe und Form perfekt in die neue Optik der Tracer. Mit einem Stauraum von 20 l pro Seite ist auch genug Platz für das Gepäck eines mehrtägigen Trips. Die Koffer lassen sich einfach per Hebel abnehmen oder montieren. Was mir ebenfalls sehr positiv auf meiner Reise aufgefallen ist, war der niedrige Verbrauch der Tracer. 4,3 l/100km soll sie laut Werk verbrauchen und auch ich bin selbst bei sportlicher Gangart und den starken Steigungen des Hochgebirges im Durchschnitt nicht über 5l gekommen. Damit schafft man es mit dem 17 l Tank mehr als 300 Kilometer weit.

Yamaha Tracer 700 Motor, Leistung, Fahrverhalten Fahrwerk - Perfekt motorisiert für Schweizer Alpenpässe

In Zeiten des PS-Wahns, wo die meisten Motorräder immer stärker, größer und schwerer werden, ist ein Motorrad wie die Tracer 700 sehr erfrischend. Ihr 689cc-Crossplane Zweizylinder ist nun für Euro5 homologiert und hat im Zuge dieser Anpassung 1,5 PS verloren. Dafür liegen die 73,4 PS jetzt 250 Umdrehungen früher an. Zu spüren ist das im Sattel natürlich nicht. Die Drehfreudigkeit und Quirligkeit des Aggregats spürt man jedoch sehr deutlich. Wie auch schon in der MT-07 zeigt der CP2 auch in der Tracer 700 als Spaß-Motor auf. Gerade für Solo-Fahrer passt die Leistung sehr gut. Man kann ihr auch mal die Sporen geben, die Gänge am Pass ordentlich auswinden, ohne dass man sich sofort im schwer illegalen Bereich wiederfindet. So habe auch ich in der Schweiz, trotz 80 km/h Geschwindigkeitsbegrenzung und radikaler Strafen, richtig Spaß.

Zusätzlich zum tollen Ansprechverhalten des Motors ermöglicht auch das niedrige Gewicht von nur 196 kg (fahrfertig) ein müheloses Fahren. Eine kleine Gewichtsverlagerung und sachter Input am breiten Lenker reichen aus, um die Tracer rasant umzulegen und von einem Radius in den nächsten zu werfen. Dass sie in Schräglage auch gut liegt, dafür sorgt das in Vorspannung und Zugstufe einstellbare Fahrwerk. So kann man auch bei Gepäck schön straff um die Kurve ziehen. Am Ende der Kurve sorgt die 282 mm Doppelbremsscheiben vorne und die 245 mm Bremsscheibe hinten für ausreichend Verzögerung. Wie alles an der gutmütigen Tracer, gelingt auch die Bremserei mühelos und ohne große Kraftanstrengung. Der einzige Bauteil, der aus diesem Muster der Leichtgängigkeit ausbricht, ist der Kupplungshebel. Er ist im Gegensatz zum Bremshebel nicht vierfach einstellbar und benötigt überraschenderweise recht viel Kraft. Nicht übertrieben viel, aber doch genug, um im abendlichen Stau bei Locarno aufzufallen.

Soziustauglichkeit der Yamaha Tracer 700

Die Soziustauglichkeit wird wider Erwarten nicht von der Leistung beschränkt. Diese würde für eine entschleunigte Reise zu zweit auch absolut genügen. Vielmehr ist die maximale Zuladung der limitierende Faktor. Zieht man vom höchstzulässigen Gesamtgewicht von 377 kg die 196 fahrfertigen Kilogramm der Tracer ab, bleiben nur noch 181 kg für Fahrer, Sozius und Gepäck. Das kann dann bei einer größeren Tour mit viel Gepäck schon mal eng werden.

Fazit: Yamaha Tracer 700

Das Update ist den Ingenieuren bei Yamaha optisch - wie technisch wirklich gut gelungen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel Spaß man auf Motorrädern haben kann, die deutlich unter 10.000 Euro kosten. Der Motor ist trotz Euro 5 quicklebendig geblieben. Das geringe Gewicht und das einstellbare Fahrwerk machen die Tracer 700 zu einem echten Kurvenräuber. Natürlich muss man in dieser Preisklasse bei der Ausstattung Abstriche machen, aber das tut man gerne, da die puristische Mittelklasse-Yamaha, wie kaum eine anderes Motorrad daran erinnert, worauf es beim Motorradfahren wirklich ankommt.


  • einstellbares Fahrwerk
  • solider Motor
  • LED-Leuchtkörper rundum
  • Leichteste ihrer Klasse
  • Preis-Leistung top
  • mächtige Optik
  • knackiges Getriebe
  • Bremsanlage passt perfekt
  • rundum mühelos zu bedienen
  • serienmäßiges Windschild für große Piloten unzureichend
  • Elektronik nicht mehr "State of the art"
  • geringe Zuladung

Bericht vom 19.10.2020 | 11.882 Aufrufe

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