Harley-Davidson Road Glide Special vs. Honda Gold Wing Tour DCT

Zwei Reisebomber, die unterschiedlicher nicht sein könnten!

Es sind schon ganz spezielle Leute, die sich solche Eisenschweine (und das meine ich gar nicht böse oder negativ!) in die Garage stellen. Denn knapp 400 Kilo fahrfertig erfordern vor allem beim Rangieren schon eine gute Technik und ausreichend Beinmuskulatur. Rollen diese Dickschiffe aber erst einmal, dann gleiten, fahren und bremsen sie erstaunlich gut! Die Herangehensweise der beiden Schlachtschiffe in Sachen Langstrecke könnte dennoch unterschiedlicher nicht sein – welche ist denn nun der bessere Tourer?

Wer sich auf ein Motorrad mit fast 400 Kilo einlässt, muss schon ziemlich gefestigt sein – sowohl beim Charakter als auch bei der Beinmuskulatur. Denn nur zu oft stößt man auf Unverständnis, warum man sich eine solche „Schrankwand“ antut, wo doch gerade das Motorradfahren eine dynamische und sportliche Sache sein soll, die mit solchen schweren Eisen nicht funktioniert – was natürlich keineswegs stimmt, wie ich im Anschluss widerlegen werde. Was die Beinmuskulatur betrifft, kommt man allerdings tatsächlich nicht drum herum, bereits beim Aufstellen der Maschine vom Seitenständer zu merken, ob man dieser Wuchtigkeit gewachsen ist, oder nicht.

Weitere vollausgestattete Reisebomber:

Mit der Honda Gold Wing Tour DCT kommt man leichter aus „verfahrenen“ Situationen heraus

Hat man sich dann zusätzlich noch in eine Situation manövriert, in der man die Wuchtbrumme rangieren muss, stellt man endgültig fest, dass man im schlimmsten Fall nur mit Hilfe aus dieser misslichen Lage heraus kommt – was mit einer 200 Kilo leichteren Maschine vermutlich tatsächlich nicht passiert wäre. Doch da sind wir auch schon bei einem trefflichen Unterschied zwischen Harley-Davidson Road Glide Special und Honda Gold Wing Tour DCT: Die Honda besitzt in ihrem ultramodernen 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe samt herrlich präziser Automatik-Funktion auch einen Kriechgang, der die dicke Gold Wing im Schneckentempo sowohl vorwärts als auch rückwärts voran treibt – und somit die peinliche Frage um Hilfe von Passanten erübrigt. Die Harley besitzt indes zwar bereits sechs Gänge, diese wollen aber nach traditioneller Manier mit einem lauten Klonk eingelegt werden, einen Rückwärtsgang sucht man vergeblich.

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Die Road Glide Special darf man hören UND spüren – das ist Harley-Davidson!

Auf der einen Seite also die Honda Gold Wing Tour DCT als mörderisch mit allen Finessen aufgerüsteter Technologieträger, auf der anderen Seite die Harley, die der guten alten Zeiten wegen absichtlich mehr rüttelt, klopft und scheppert. Man darf in diesem Zusammenhang aber nicht vergessen, dass Harley-Davidson tatsächlich ganz bewusst mit dieser Tradition spielt, denn mal ganz ehrlich: Ist es nicht einfach herrlich, die stampfende Power eines V2-Zylinders unter sich zu spüren, wie er unsagbar viel Schmalz aus zwei je über 900 Kubik großen Töpfen schöpft? In Zahlen sind es aus 1868 Kubik Hubraum 89 PS bei knapp 5000 Touren, was bei den erwähnten 387 Kilo Gewicht nicht allzu berauschend ist. Allerdings bekommt man auch 163 Newtonmeter Drehmoment bei nur 3000 Undrehungen serviert – und genau das macht eine Harley aus. Natürlich könnte das mächtige Milwaukee Eight-Triebwerk sanfter zu Werke gehen, die Harley-Techniker könnten das, aber wer will das schon? Man denke nur an die Harley V-Rod, deren Motormanagement von Porsche programmiert wurde – und sogar als zu stimmig und perfekt erachtet wurde, woraufhin dem Triebwerk nachträglich noch ein etwas unrunder Lauf eingepflanzt wurde – das ist Harley!

Den ebenso kräftigen wie seidigen Boxer-Sechszylinder der Honda Gold Wing muss man erlebt haben

Da könnte man nun glatt glauben, der seidige Boxer-Sechszylinder der Honda Gold Wing Tour DCT hätte so gar nichts gegen den fetten Ami-Block auszurichten. Statt über 900 Kubik pro Häfen schnurren bei ihr sechs Becherlein mit je nur etwas mehr als 300 Kubik. Doch auch, oder besser gerade dieses Triebwerk mit insgesamt 1833 Kubik Hubraum hat Charakter und Charme, zwar anders als die Harley, aber auf ganz spezielle Weise. Bereits 126,5 PS bei 5500 Touren sind fast 40 PS mehr bei zugegeben vernachlässigbaren, aber doch vorhandenen 4 Kilo weniger Gewicht. Vor allem aber das Drehmoment „fährt“ noch ärger als jenes der Harley – 170 Newtonmeter bei 4500 Umdrehungen muss man einfach erlebt haben, um sich davon ein Bild zu machen, wie unfassbar souverän eine Gold Wing anschiebt und Fahrt aufnimmt.

Die Japanerin will perfekt sein, die Amerikanerin will gespürt werden – Emotionen wecken beide

Und genau das ist diese völlig unterschiedliche Herangehensweise der beiden Reisetourer an das Thema: Wer es souverän, distinguiert mit einem riesigen Haufen Hightech-Gimmicks mag, wird mit der Gold Wing Tour DCT so richtig glücklich. Aber nicht jeder mag es so berechenbar mit einer weißen Weste, so mancher sieht in einem Motorrad, speziell in einer Harley ein bisschen den Bad Boy, der dir beim Gasaufreißen den Stiefel in den Allerwertesten tritt – eine Road Glide Special zum Beispiel! Aber bitte keine Sorge, auch die Harley ist bestens kontrollierbar, der Motor benimmt sich mit all seinen absichtlichen „Good Vibrations“ sehr gutmütig und auch der Rest der Fuhre kann sogar sportlich bewegt werden. Vor allem zu wenig Schräglagenfreiheit kann man auf einem Harley-Modell der Touring-Reihe nur schwer bekritteln, da darf man auch bei flotter Fahrweise erstaunlich weit umlegen, ohne lästiges Kratzen hinnehmen zu müssen. Das mag natürlich zusätzlich auch am großen 19 Zoll-Vorderrad der Road Glide Special liegen, das die ganze Maschine klarerweise noch etwas mehr vom Boden hebt, allerdings will dieses größere Rad dann auch etwas unwilliger einlenken als ein kleineres Rad – wenn auch die Harley dadurch in Fahrt keineswegs unhandlich wird.

Vorbei die Zeiten, in denen eine Harley-Davidson schlecht bremst!

Und so viel kleiner ist das 18 Zoll-Vorderrad der Honda Gold Wing Tour DCT ja auch nicht, aber insgesamt spürt man gerade beim Fahrwerk das Streben der Honda-Techniker nach Perfektion. Die entkoppelte Vorderradaufhängung ist einfach ultrapräzise und filtert alle Unebenheiten heraus. Hat man erst einmal Vertrauen gefasst, diese dicke Berta auch durch enge Kurven flott zu scheuchen, wird man merken, dass es sportlicher geht, als man vermutet hätte. Besonders beeindruckend ist dabei die Bremsanlage mit zwei 320er-Scheiben samt Sechskolbenzangen an der Front sowie einer 316er-Scheibe hinten in gekoppelter „Combined Braking“-Version: Einfach faszinierend, wie einfach, präzise und zugleich mit enormer Vehemenz die Fuhre gebremst werden kann. Ich persönlich stelle mir immer vor, was solch eine Anlage auf einer halb so schweren Maschine verbrechen würde – und sehe vor meinem geistigen Auge den Fahrer beim kleinsten Tipper des Bremshebels in hohem Bogen über den Lenker fliegen… Doch auch die Harley-Davidson Road Glide Special kann beim Bremsen-Kapitel überzeugen. Vielleicht nicht ganz so souverän wie die Honda, mit ihren beiden Scheiben an der Front aber ebenfalls sehr präzise und vor allem standfest – vorbei die Zeiten, in denen man, wenn von einer dicken Touring-Harley mit einer Scheibe an der Front gesprochen wird, man eher vermutet, dass damit die Windschutzscheibe zum Bremsen gemeint ist, weil der Eisenhaufen so schlecht verzögert.

Vaulis Fazit Harley-Davidson Road Glide Special vs. Honda Gold Wing Tour DCT 2020:

Wenn zwei das gleich tun, ist es noch lange nicht dasselbe – ein ausgelutschter Spruch, aber durchaus für diese beiden „Eisenschweine“ passend. Sowohl die Harley-Davidson Road Glide Special als auch die Honda Gold Wing Tour DCT wollen mit viel Komfort und Langstreckentauglichkeit auf der weiten Reise überzeugen. Der Weg dorthin ist allerdings doch äußerst unterschiedlich: Möchte man noch annehmen, dass nahezu gleiches Gewicht und Hubraum doch für ganz ähnliches Fahrverhalten sorgen müssten, wird man schnell eines Besseren belehrt. Die Honda präsentiert sich mit ihrem kräftigen und vor allem durchzugsstarken Boxer-Sechszylinder gepaart mit dem Hightech-DCT-Getriebe mehr als souverän, während die Harley ihr fast gleich hohes Drehmoment statt aus sechs, aus nur zwei Töpfen generiert – da darf es ja wohl ein bisserl mehr stampfen! Und genau das will man auf einer Harley doch auch, en coolen V2-Motor hören und spüren!

Fazit: Harley-Davidson Touring Road Glide Special FLTRXS

Die Road Glide Special ist ein guter Beweis dafür, dass es sehr wohl funktioniert, Tradition mit Moderne ganz unauffällig zu vereinen. Rein optisch sticht natürlich die „Sharknose“ ins Auge - egal, ob man sie mag oder nicht, sie ist einzigartig. Im Inneren ist hingegen modernste Technik verbaut: Eine kombinierte ABS-Bremse, LED-Scheinwerfer, ein kräftiges Infotainment-System und der kräftige 114 Cubik Inch (1868 Kubik) V2-Motor, der so herrlich stampft, wie es sich für eine Harley nun mal gehört. Der dicke Murl erlaubt sehr drehzahlarmes Fahren, das gewaltige Drehmoment liefert ohnehin in jeder Lebenslage genug Druck. Nur das hohe Gewicht und der fehlende Rückwärtsgang können beim Stehenbleiben und beim Rangieren mitunter für Probleme sorgen.


  • Typischer Harley-V2-Motor mit „Good Vibrations“
  • einzigartiges Design, hochwertige Lackierung
  • großzügige Ausstattung
  • ausreichende Schräglagenfreiheit
  • gut dosierbare und standfeste Bremsen mit ABS
  • tolle Soundanlage
  • hoher Komfort mit gemütlicher Sitzposition
  • druckvolle Beschleunigung
  • hohes Gewicht
  • kein Retourgang

Fazit: Honda GL 1800 Goldwing Tour DCT

Die aktuelle Honda Gold Wing Tour DCT ist ein großer Wurf, sowohl in Sachen Ausstattung als auch Fahrdynamik. Der Motor bleibt ein herrlich sanfter Sechsylinder-Boxer, der seine Bestimmung nach wie vor in der Souveränität von unten heraus findet. Dennoch wird die Gold Wing Tour durch weniger Gewicht und vor allem durch ein exzellentes Fahrwerk viel agiler und sportlicher. Das Doppelkupplungsgetriebe DCT (Dual Clutch Transmission) passt perfekt zur Gold Wing Tour, vor allem die automatisierten Stufen Tour und Econ bereichert den Komfort ungemein. Der Sport-Modus ist vielleicht etwas zu sportlich geraten, an Bequemlichkeit mangelt es trotzdem nicht. Der Sitzkomfort und der Windschutz sind einmalig, die vielen Features sind einfach herrlich - mehr geht nun wirklich nicht.


  • sanfter Sechszylinder-Boxermotor
  • guter Sound - sowohl Motor als auch Boxen
  • tolles DCT Doppelkupplungsgetriebe
  • elektrisch verstellbares Windschild
  • 4 Fahrmodi
  • Traktionskontrolle
  • serienmäßiger Airbag
  • elektronisch verstellbares Fahrwerk
  • serienmäßiges Navi
  • Rückwärtsgang
  • Heizgriffe
  • beheizter Sattel
  • Tempomat
  • Hauptständer
  • Apple CarPlay und Android Auto
  • Motor wird laut im oberen Drehzahlbereich
  • weniger Stauraum als Vorgängerin
  • hohes Gewicht

Bericht vom 19.05.2020 | 12.201 Aufrufe

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