Yamaha Tracer 700 gegen Tracer 900 GT Vergleichstest 2020

Muss es immer die Große sein?

Die taufrische Yamaha Tracer 700 hat für die Saison 2020 neben einem optischen Aufputz, ein einstellbares Fahrwerk und etwas mehr Zuladung erhalten und wurde dadurch für einen größeren (und schwereren) Personenkreis interessant. Aber reicht das um ihrer über 40 PS stärkeren Dreizylinderschwester den Rang abzulaufen? Ein Regentest in der Schweiz bringt Licht ins Dunkel.

Motor und Gewicht - Ein Zylinder macht den Unterschied

Zweizylinder gegen Dreizylinder, 689 gegen 847 Kubikzentimeter Hubraum, 196 kg gegen 215 kg (+12 Kilo wenn man die serienmäßigen Seitenkoffer und den Träger montiert hat) fahrfertig. Beide Motoren sind ursprünglich in der MT-Reihe aus der Taufe gehoben worden. MT steht bekanntlich für Master of Torque frei übersetzt: Drehmomentmeister, so bietet die Tracer 700 68 Nm bei 6.000 U/Min und die Tracer 900 GT 87,5 Nm bei 8.000 U/Min. Da wie dort werken die Zylinder in Crossplane-Technologie. Der Hubzapfenversatz sorgt für den unvergleichlichen Klang und Motorlauf.

Mit 73,5 PS fühlt man sich (im Solobetrieb) auf der wendigen Tracer 700 zu keinem Zeitpunkt untermotorisiert. Steigt man aber direkt von der kleinen auf die große Tracer um, will man so schnell nicht zurück. Die Souveränität, die einem der kraftvolle Dreizylinder (115 PS bei 10.000 U/Min) verleiht indem man auch mit einem oder zwei Gängen zu hoch noch mit genügend Punch aus der Kurve feuern kann, fehlt einem auf dem Reihenzweier einfach. Hier ist Schaltarbeit gefragt möchte man am Vordermann auf der Tracer 900 dranbleiben. Zumindest gelingt diese mit dem gut schaltbaren 6-Gang Getriebe tadellos.

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Fahrverhalten der Tracers - Wendigkeit als Trumpf

In schnellen Wechselkurven kann die kleinere Tracer ihr niedrigeres Gewicht ausspielen. Nicht, dass die Tracer 900 GT ein träges Motorrad wäre - im Gegenteil, dennoch lässt sich die Tracer 700 im direkten Vergleich noch leichter in die Radien werfen. Beide Bikes überzeugen mit hoher Stabilität auch in weiter gezogenen Kurven. Werden die Straßen schlechter, hat man auf der 900er die besseren Karten, das voll-verstellbare Kayaba Fahrwerk macht seine Sache einen Ticken besser als die "nur" in Vorspannung und Zugstufe verstellbaren Federelemente (41 mm Teleskopfedergabel mit 130 mm Federweg vorne und Zentralfederbein mit 142 mm Federweg hinten) der 700er. Wer abwechselnd alleine und mit Sozius unterwegs ist, wird die ohne Werkzeugeinsatz verstellbare Vorspannung des Federbeins an der Tracer 900 GT schätzen, bei der Tracer 700 muss hier noch zum Schraubenzieher gegriffen werden.

Bremsen und Reifen Yamaha Tracer 700 und 900 GT

Eine 282 mm Doppelscheibe vorne und 245 mm Einzelscheibe hinten bei der Tracer 700, sowie eine 298 mm Doppelscheibe vorne und 245 mm Einzelscheibe hinten bei der Tracer 900 GT sind Dimensionen, die klassentypisch sind. Auch bei der Bremsleistung gibt es nichts zu meckern, wenngleich aufgrund der nass-kalten Bedingungen keine extremen Manöver veranstaltet wurden. ABS ist selbstverständlich da wie dort an Bord, Kurven-ABS ist jedoch bei keinem der beiden Sporttourer zu bekommen.

Auf den ersten Blick überraschend, sind die Reifen-Dimensionen der Sporttourer mit 120/70 17 Zoll vorne und 180/55 17 Zoll hinten ident. Auch bei den unwirtlichen Bedingungen, die wir an diesem kalten Märztag rund um Sursee vorfanden, gaben sich weder die Michelin Pilot Road 4 auf der Tracer 700 noch die Dunlop Sportmaxx D 222 auf der Tracer 900 GT irgendeine Form der Blöße. Absolut schlechtwettertaugliche Pneus, wie es sich für die Erstausstattung von Touringmaschinen gehört.

Wenig Elektronik auf der kleinen, mehr auf der großen Tracer

In diesem Bereich wird klar, dass hier tatsächlich zwei Motorräder aus unterschiedliche Preisklassen verglichen werden. Die neue Tracer 700 hat neben dem obligatorischen ABS keinerlei elektronische Helferlein an Board. Die Tracer 900 GT, die in dieser Form bereit seit 2018 angeboten wird bietet, neben Ride-by-Wire, Tempomat, einem TFT-Farbdisplay und einer dreistufig verstellbare und abschaltbare Traktionskontrolle, auch 3 verschiedene Fahrmodi und einen Quickshifter (nur fürs Hochschalten) zu bieten. Dazu kommt man in der von uns getesteten Topversion in den Genuss dreistufig verstellbarer Heizgriffe, die bei Außentemperaturen von 2-5 Grad natürlich ständig aktiviert waren. Bei der kleinen Tracer bekommt man diese nur gegen Aufpreis.

Soziusbetrieb - nicht die ganz große Stärke der Tracers

Grundsätzlich sind beide Sporttourer für die Reise zu zweit geeignet. Naturgemäß sind die Platzverhältnisse auf der größeren Maschine etwas großzügiger und bei der kleinen Tracer etwas beengter. Die GT Version der Tracer 900 ist bereits mit Seiten-Koffern ausgestattet, bei der 700 lassen sich diese mit dem Travel Pack (beinhaltet außerdem das hohe Windschild und die Komfortsitzbank) zusätzlich ordern.

Der Wind und Wetterschutz ist bei beiden Bikes ausreichend, auf der 900er noch etwas besser als auf der kleinen und deutlich schmaleren Tracer. Der Sozius sitzt auf der Tracer 700 gewissermaßen einen Halbstock höher und ist den Naturgewalten unmittelbarer ausgesetzt. Will man zu zweit längere Touren in flotter Gangart absolvieren, sollte man nach Möglichkeit zur Tracer 900 greifen. Die 700er ist für die kurze Runde zum Badesee und Wochenend-Touren, bei denen es nicht zu steil bergauf geht ausreichend, wird die Luft dünner gerät der quirlige CP2 Twin an seine Grenzen.

Das ewige Problem der Yamaha Tracer - die Zuladung

Die 181 Kilogramm Zuladung der Tracer 700 klingen nicht viel, aber - kaum zu glauben- es sind immer noch mehr als die 176 kg Zuladung bei der größeren Schwester. Montiert man die Gepäckbrücke und die zugehörigen Koffer (Serie bei der GT) reduziert sich die Zuladung um weitere 12 Kilogramm. Ähnliches gilt für die Tracer 700, sofern man das Travel Pack hinzufügt. Wenn man von zwei Personen mit je 80 Kilogramm ausgeht, bleiben bei der Tracer 900 GT gerade einmal 4 Kilogramm Zuladung übrig. Zu wenig, selbst für einen Wochenendtrip.

Bitte nicht missverstehen: Mit leichtem Sozius / leichter Sozia, ist die Tracer 900 GT ein herrliches Reisemotorrad. Und auch die Tracer 700 ist zu zweit für den Kurztrip absolut empfehlenswert. Dennoch gilt es vorher genau zu prüfen, ob das höchstzulässige Gesamtgewicht eingehalten werden kann, um keine bösen Überraschungen zu erleben.

Pokys Fazit zum Vergleich Yamaha Tracer 700 vs. Tracer 900 GT

Muss es also die Große sein? Nein, es sei denn, man zählt zur wirklich sportlichen Fraktion, fährt ständig zu zweit in den Alpen, oder ist ein Elektronik-Fetischist. Die Tracer 700 ist für mich der klare Preis-Leistungssieger des Vergleichs. Frische Optik und puristische Fahrfreude für das kleine Börserl. Kommt die Tracer 900 allerdings nächstes Jahr neu und übernimmt die erstklassige Optik der kleinen Schwester muss ich mein Urteil wohl revidieren und meinen Bausparer auflösen.

Vaulis Fazit zur Yamaha Tracer 700:

Man könnte meinen, die Yamaha Tracer 700 ist ein richtig schlecht ausgestattetes Touring-Motorrad, außer einem ABS (ohne Kurven-Funktion) ist da technisch nichts weiter an Bord. Sitzt man aber erst einmal drauf und fährt los, merkt man, dass die Tracer 700 ein durchaus ernst gemeintes Touren-Motorrad ist – nur eben in abgespeckter Version. Die Ergonomie geht voll in Ordnung, durch die Schlankheit der ganzen Maschine ist der Windschutz zwar nur durchschnittlich und der Windschild lässt sich sogar in der Höhe verstellen.

Der Motor ist ohnehin ein absolut quirliger Geselle, mit 73,5 PS ist man in der Regel ja nicht übermotorisiert, der Reihen-Zweier zieht aber enorm gut und wirkt auch in der vergleichsweise leichten Touristin herrlich spritzig. Bleibt als großer Pluspunkt der neuen Tracer 700 schließlich die herrliche Optik. Am Heck zwar unverändert kantig, präsentiert sich die Front im glatten, flachen Stil der beiden Supersportler R1 und R6 – und die LED-Schlitze stehen auch der Tracer 700 ausgezeichnet.

Vaulis Senf zur Yamaha Tracer 900 GT:

Die Yamaha Tracer 900 GT ist eine der sportlichsten ihrer Klasse – daran gibt es nichts zu rütteln. Denn sowohl das unfassbar agile Dreizylinder-Triebwerk mit 115 PS (die sich ohnehin nach mehr anfühlen) als auch das herrlich spielerische Handling dieser Tourenmaschine machen definitiv viel mehr Spaß, als viele Mitbewerberinnen. Dass im Gegenzug der Windschutz durchschnittlich ist, kann verkraftet werden, immerhin ist der Windschild höhenverstellbar und die Handprotektoren erhöhen den Komfort ebenso wie die serienmäßigen Heizgriffe.

Das farbige TFT-Display entspricht der heutigen Zeit, während einige Mitbewerber bereits Quickshifter mit Blipper anbieten, die Tracer 900 GT hat ihn nur zum Hinaufschalten. Schließlich merkt man auch an der Optik, dass die größere Tracer zwar eigenständig und modern aussieht, aber doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Wer also nicht unbedingt die allermodernste Optik und Ausstattung braucht, stattdessen den größten Wert auf Sportlichkeit innerhalb der Reiseklasse legt, macht mit der Tracer 900 GT bestimmt nichts falsch.

Vaulis Fazit zu Yamaha Tracer 700 vs. Tracer 900 GT:

Im direkten Vergleich kann rein von der Papierform her die Tracer 700 klarerweise nichts gegen die Tracer 900 GT ausrichten: Mehr als 40 PS weniger, keine Traktionskontrolle, kein Quickshifter, kein Farb-TFT-Display. Und tatsächlich spielt die Tracer 900 GT ihre noch sportlicheren Talente voll aus, der unübertroffen agile Reihen-Dreizylinder schiebt mörderisch an und die Tracer 900 GT ist trotz Mehrgewicht gegenüber der Tracer 700 immer noch eine enorm wendige Sportlerin in ihrem Segment.

Spricht also viel für die Tracer 900 GT, der die Tracer 700 vorerst nur den viel günstigeren Preis entgegen setzen kann. Fährt man sich auf der 700er aber erst einmal ein, kann diese ebenfalls viele Sympathiepunkte einheimsen. Denn das Einfahren beziehe ich lediglich auf den Motor – nach der Tracer 900 GT mit ihren 115 sportlichen PS sind 73,5 PS natürlich vorerst keine Herausforderung. Binnen kürzester Zeit merkt man aber, dass dieses agile CP2-Triebwerk die leichtere Tracer 700 ebenfalls quirlig und sportlich voran bringt. In Sachen Handling gibt es ohnehin keine Eingewöhnung nach der Tracer 900 GT, die trotz ihres kurvengierigen Fahrverhaltens im direkten Vergleich mit der Tracer 700 weitaus weniger behände wirkt. Das Fehlen der vielen Elektronik-Features spürt man ebenfalls im direkten Vergleich viel stärker, als man es im wahren Leben dann braucht: Keine Traktionskontrolle ist bei unter 75 PS vertretbar, ebenso die fehlenden Fahrmodi, das Display ist in Schwarz-Weiß ausreichend gut ablesbar und das ABS regelt auch auf der Kleinen sensibel genug.

Wer also eine kompakte, quirlige und leistbare Reisebegleiterin sucht, ist mit der wunderhübschen Tracer 700 bestens bedient – es muss daher nicht unbedingt die Große sein. Soll es aber tatsächlich sportlich zur Sache gehen, ist die Tracer 900 GT die bessere Wahl. Dabei sind es nicht einmal die zusätzlichen Features wie Farb-TFT-Display oder Heizgriffe sondern dieser herrlich agile Motor, der aus der Tracer 900 GT eine der sportlichsten ihrer Klasse macht. Der Quickshifter setzt dem sportiven Charakter sozusagen die Krone auf und macht die Tracer 900 GT zur besseren Wahl, wenn es darum geht, die Tour mit der Stoppuhr im Hinterkopf zu bewältigen.

Fazit: Yamaha Tracer 700

Das Update ist den Ingenieuren bei Yamaha optisch - wie technisch wirklich gut gelungen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel Spaß man auf Motorrädern haben kann, die deutlich unter 10.000 Euro kosten. Der Motor ist trotz Euro 5 quicklebendig geblieben. Das geringe Gewicht und das einstellbare Fahrwerk machen die Tracer 700 zu einem echten Kurvenräuber. Natürlich muss man in dieser Preisklasse bei der Ausstattung Abstriche machen, aber das tut man gerne, da die puristische Mittelklasse-Yamaha, wie kaum eine anderes Motorrad daran erinnert, worauf es beim Motorradfahren wirklich ankommt.


  • einstellbares Fahrwerk
  • solider Motor
  • LED-Leuchtkörper rundum
  • Leichteste ihrer Klasse
  • Preis-Leistung top
  • mächtige Optik
  • Bremsanlage passt perfekt
  • serienmäßiges Windschild für große Piloten unzureichend
  • Elektronik nicht mehr "State of the art"
  • Seriensitzbank zu weich
  • geringe Zuladung

Fazit: Yamaha Tracer 900 GT

Die Tracer 900 GT perfekte Bike für alle, denen die nackte MT-09 zu spartanisch auf sportliche Landstraßenfahrten ausgelegt ist. Dank der längeren Schwinge sowie der besseren Aerodynamik sind nun auch die Hochgeschwindigkeitsprobleme, mit denen die Vorgängerin zu kämpfen hatte, größtenteils eliminiert. Die Premiumvariante in Form der Tracer 900 GT legt noch eins oben drauf und kann mit tollen Komfortfeatures zusätzlich überzeugen.


  • kraftvoller Motor
  • Top Fahrwerk
  • Fahrspaß
  • gute Stabilität
  • gelungene Überarbeitung der Aerodynamik
  • Komfortgewinn für Sozius
  • Tempomat
  • Heizgriffe
  • TFT-Farbdispay
  • sehr geringe Zuladung
  • Sozius-Fußrastenanlage schränkt Bewegungsfreiheit ein
  • kein Kurven-ABS

Bericht vom 13.03.2020 | 12.188 Aufrufe

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