Harley-Davidson Softail Slim Red Iron Denim Test 2017

Harley-Davidson Softail Slim Red Iron Denim Test 2017

Low Down on Harley and Jeans

Low down auf 650 mm. Mit der Harley-Davidson Softail Slim Red Iron Denim zum Low Down Jeans Store. Zurück zum Wertvollen.

Wir haben nachgesehen, tiefer geht’s nicht mehr. Tiefer als die Softail Slim. Die Sitzhöhe betreffend. 650 mm sind sozusagen ein Negativrekordwert, der das Fahren mit dem Singleseater so besonders macht. Nicht einmal die Ultra Limited Low aus dem eigenen Stall von Harley ist tiefer. Und ich mag es, tief unten zu sein, auf Augenhöhe mit den Autofahrern und trotzdem haushoch überlegen. Es ist eine coole, entspannte Welt hier unten, low down auf der Softail Slim Red Iron Denim. Da war es schon fast zwingend, dass ich mit ihr den Low Down Denim Store in Wien besuche, denn, ganz ehrlich, kann man eine Brücke noch besser schlagen?

Motorrad und Bekleidung aus einer vergessenen Zeit

To give the Lowdown, das bedeutet auch, detaillierte Informationen aus erster Hand weiterzugeben. Die bekommt man in diesem grundehrlichen Bekleidungsgeschäft vom Pionier Martin Novak, der zu jeder Marke, zu jedem Stück eine Historie zu erzählen weiß. Es klingt zwar immer etwas blöd, aber dieser Laden könnte auch in London, New York, Paris oder Tokio stehen. Aus Japan kommen auch die von Kennern zum Kult erhobenen Iron Heart Jeans, die teilweise das dreifache wiegen wie normale Jeans – und auch so viel kosten. Doch die Preise erklären sich einerseits über die handwerkliche und stoffliche Qualität, wodurch sich eine heute schon vergessene Langlebigkeit ergibt, und andererseits über den Herkunftsnachweis im Kragen: Made in France, Made in Japan, Made in USA, Made in Italy. Sämtliche Produkte werden dort hergestellt, wo sie ihren Ursprung haben. So wie die Harley.

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Softail Slim mit 321 kg

So wie die Harley fühlt sich auch das Gewand hier an. Schwerer, robuster, traditioneller und manches auch etwas grober als das, was man sonst im Fetzensupermarkt zum spöttischen Diskontrabattpreis bekommt. Hier ist ein Socken noch ein Socken und geht im Winter zur Not auch als Fäustlin, das Flanellhemd ist in der Übergangszeit auch als Jacke dienlich und die Jeans erinnern anfangs etwas an einen doppelten Gipsfuß. Die Softail Slim hat ebenfalls ihren eigenen Charakter. Ihr 103 ci – 1690 Kubik – V2 mit 75 PS Spitzenleistung und 126 Nm Drehmoment wirkt im Vergleich zum Milwaukee 8 wie aus dem vorigen Jahrhundert. Mehr Hitze, mehr Unruhe, mehr Verbrauch, und ja, mehr Charakter. Wie die japanischen 21 Unzen Jeans – diese Einheit steht für das Stoffgewicht pro square yard – ist die Slim mit 321 Kilo vollgetankt alles andere als schlank, was sie aber nicht langsam macht.

24° Schräglage

Die Fahrdynamik ist allerdings ob einer Schräglagenfreiheit von 24° je Seite stark begrenzt, das Aufsetzen der Trittbretter im Kreisverkehr oder engen Kurven kaum zu vermeiden. Wir haben aber gelernt, behutsamer mit unseren Testcruisern umzugehen und schonten das Material diesmal. Was wir uns außerdem abgewöhnen werden, ist, zu erwähnen, dass die Bremsen bei Harley mittlerweile richtig gut funktionieren. Das Advanced Breaking System kommt mit den insgesamt 400 kg (=Motorrad, 18,9 l Sprit, Fahrer, Bekleidung) hervorragend zurecht, und das mit nur einer Bremsscheibe und einem Vierkolbenbremssattel vorne. Das Fahrwerk verträgt ohnehin keine Prügel, was auch dem sauberen Hardtail-Look mit den versteckten Federbeinen geschuldet ist. Die Bodenfreiheit beträgt gerademal 115 mm.

Ein Fenster in die Vergangenheit

Die Reifen sind im Gegensatz zum Motorrad selbst wirklich schlank: 130/90 H 16 vorne und 140/85 H 16 hinten der Marke Dunlop verleihen dem Klassiker einen dezenten, eleganten Bobber-Look. Die Mittelstrebe am leicht gebogenen Lenker strahlt sogar etwas Sportlichkeit aus, wurde aber ursprünglich montiert, um zusätzliche Scheinwerfer zu montieren, damals, vor 60, 70 Jahren. Aus dieser Zeit könnte sie durchaus stammen, die Softail Slim und ich wette, dass das viele Laien auch glauben würden. Vieles an ihr ist geschwärzt, begonnen beim Scheinwerfergehäuse, der Gabelblende, dem Lenker, über den Motor, die Trittbretter und Pedale, bis zur Schwinge und den Felgen, wodurch man das Gefühl hat, durch ein Fenster in die Vergangenheit zu blicken.

3000 Touren bei 130

Am Tank ist ein analoger Tachometer angebracht, darunter kann man sich auf einem LC-Display, das so groß ist wie das einer Taschenrechneruhr, einige Infos wie Gang/Drehzahl, Reichweite, Gesamtkilometer, Uhrzeit etc. anzeigen lassen. Der sechste Gang wird mit einer kleinen, grün leuchtenden 6 links von der Tachonadel signalisiert. Wenn man den erreicht hat, weiß man, dass man richtig ist. Denn für's Cruisen sind Harleys einfach gemacht und ich meine, dass es keine besser können. Bei 130 steht man bei ca. 3000 Touren, die Leerlaufdrehzahl beträgt keine 1000 Touren. 130 sind für das unverkleidete Motorrad aber fast schon zu schnell. Für meinen empfindlichen Hintern wären auf dem Einzelsitz die erreichbaren Tageskilometer auf ca. 250 begrenzt, andere mögen da leidensfähiger sein.

Einzelsitz - Low down lonesome Rider

Dass ein Motorrad mit einem Sitz extrem erfolgreich sein kann, bewies nicht zuletzt Triumph mit seinem Bonneville Bobber. Im Vergleich zur Softail Slim würde ich dem Brit-Bob mehr Dynamik zuschreiben, aber auch mehr Modernität. Man sitzt am Bobber auch aufrechter, während man auf der Harley richtig hockt. Persönlich würde ich mit 1.80 m einen Lenker wählen, der mir etwas mehr entgegenkommt. Das ließe sich wahrscheinlich sogar mit einem Riser unter der schönen, mit einem Harley-Davidson Logo geprägten Lenkeraufnahme lösen lassen.

Zu schwacher Sound

Der einzig große Wermutstropfen ist im dunklen Zeitalter immer strengerer EURO-Normen natürlich der Sound. Die zeitgleich von uns getestete Road Glide Special mit dem bereits erwähnten Milwaukee 8 Triebwerk klang wesentlich satter und beinahe so, wie ich es als angemessen bezeichnen würde. Die Double-Shotgun-Anlage der Slim muss aber zubetoniert worden sein, denn sie klingt fast so hintergründig und gedämpft, dass es mir richtig peinlich ist. Da entsteht die klassische Bild-Ton-Schere, das mit dem Auge Wahrgenommene passt nicht mit dem Gehörten zusammen. Wer mit einer Harley auftritt, der muss das mit ein bisschen Tam-Tam tun dürfen. Möglichkeiten gibt es ja genug...

Amerikanische Geschichte in Reinkultur

Es war sofort klar, dass ich den Low Down Denim Store in Wien nicht mit leeren Händen wieder verlassen werden würde. Ich habe ein Kurz- und zwei Langarmshirts gekauft - Made in France (Sorry, USA). Ich werde sie bestimmt länger haben, als die Slim, viel länger. Obwohl sich die Harley schon jetzt so anfühlt, als wäre sie ein Erbstück, das ich mal selbst weitervererben würde. Harley ist Geschichte made in USA. Die Softail Slim verkörpert diese in der reinsten Form.

Die Sitzhöhe der Harley Softail Slim im Vergleich

ModellSitzhöhe mmGewicht kg
Harley Softail Slim650321
Harley Ultra Limited Low675413
Honda Rebel690190
Harley Low Rider700311
Ducati Diavel S755240
Harley Iron 883760256
Honda MSX125765105
Yamaha MT-03780168
Ducati Scrambler Icon790185
BMW R 1200 R790232
BMW R nineT805222
Yamaha MT-09820193
Triumph Street Triple RS825183
Yamaha SCR950830252
KTM 1290 Super Duke R835215
Yamaha Tracer 700835196
Yamaha YZF-R6850190
Ducati Desert Sled860205
BMW R 1200 GS Adv890263
KTM 1290 Super Adv R890245
KTM 690 SMC-R890160
KTM 300 EXC-TPI960112

Fazit: Harley-Davidson Softail Slim FLS

Bei unserem Test waren sich Vauli und K.OT einig. Kein Modell der Harley-Davidson Palette gefällt ihnen so gut wie die Softail Slim. Sie verkörpert 100% Harley-Geschichte und Made in America. Mit ihren Look könnte sie als Original aus den Fünfzigern durchgehen und greift auch einige Elemente und Zitate aus dieser Zeit auf. Sogar beim Einzelsitz machte man keine Kompromisse. Der Motor ist extrem drehmomentstark, Staus sollten aber wegen der hohen Wärmeabstrahlung möglichst vermieden werden. Die Bremsen funktionieren tadellos und die Fahrdynamik ist durch die beiden schmalen Reifen harmonisch, durch die Schräglagenfreiheit allerdings stark begrenzt. Beim Sound sollte man und wird man nachrüsten, den zu diesem authentischen Look gehört auch ein authentischer Sound. Ein Motorrad für Generationen.

1
Vorteile
  • authentischer Look
  • kraftvoller Motor
  • gute Bremsen
  • 100% Harley-Geschichte
1
Nachteile
  • stark begrenzte Schräglage
  • schwacher Sound

Bericht vom 01.09.2017 | 18.687 Aufrufe

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