Yamaha SCR950 Test 2017

Yamaha SCR950 Test 2017

"Sport Heritage" goes Scrambler!

Wenn ein japanischer Hersteller den Trend zu coolen Retro-Bikes erkannt hat, dann ja wohl Yamaha - mit der neuen SCR950 im robusten Scrambler-Outfit wird die breite Palette an "Sport Heritage"-Modellen weiter ausgebaut. Beim ersten Test der neuesten Faster Sons-Kreation zeigte sich, dass Leichtigkeit nicht immer mit leicht zu tun haben muss!

Yamaha hat als einer der wenigen Motorrad-Hersteller schon sehr früh das Potential der Retro-Bikes erkannt - vor allem im Vergleich mit den drei anderen namhaften japanischen Produzenten. Denn gerade erst hat Honda die Wirkung seines Juwels CB1100 erkannt und bringt die coole Custom-Variante CB1100 RS, während Kawasaki seit Jahren das wunderschöne Retro-Modell W800 im Modellprogramm dahinschlummern lässt. Und Suzuki hat zwar sehr schlau die etwas zu weichgespülte SFV650 Gladius durch die stilsichere SV650 mit traditionellem Rundscheinwerfer ersetzt, doch mehr tut sich da auch nicht - auf eine käufliche Version der Bandit "Fat Mile" warten wir immer noch vergeblich.

Weitere coole Scrambler:

Die Faster Sons haben sich etabliert!

Yamaha hat derweil schon seit 2012 mehrere "Yard built"-Projekte, also geniale Hinterhof-Schraubereien auf die Räder gestellt und die fesche "Faster Sons"-Linie mit Motorrädern, Zubehör und Bekleidung erfolgreich etabliert. Da ist im Grunde genommen für jeden etwas dabei: Wer etwas leichtes, quirliges sucht, nimmt die XSR700 mit solider MT-07-Großserientechnik, wer es hingegen radikal und kräftig braucht, nimmt die XSR900 auf Basis der MT-09 - von deren Sportlichkeit ich mich erst unlängst bei der Präsentation des brandneuen Modells mit einem Dauergrinser unter dem Helm überzeugen durfte.

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Die Yamaha SCR950 vermittelt das Thema Scrambler glaubwürdig

Und nun kommt ganz aktuell neben der streng limitierten und besonders stylishen XSR900 Abarth auch noch die robuste SCR950 im gelungenen Scrambler-Stil. Kleiner Scheinwerfer an der Front, breiter und hoher Lenker mit Querstrebe, schmaler und hübsch gemachter Tank, stark profilierte Reifen auf Drahtspeichenfelgen und eine relativ hohe Sitzbank im Offroad-Stil. Als Abschluss ein frei stehendes, rundes LED-Rücklicht, das dem einen oder anderen bekannt vorkommen dürfte - das er aber eigentlich von einem gewichtigen Cruiser kennt...

Der Cruiser XV950 als passende Basis?

Unmöglich? Weit gefehlt, die SCR950 stammt tatsächlich von der Yamaha XV950 ab, ein vergleichsweise zwar handlicher Cruiser - aber gleich einen Scrambler daraus machen?! Nun ja, der Begriff Leichtigkeit hat nicht zwangsläufig mit leicht zu tun, bei der SCR950 sind es stolze 252 Kilo Lebendgewicht, die sich redlich bemühen, dieses spielerische Handling eines Scramblers auf die Straße zu bringen. Auf befestigten Wegen funktioniert das sogar ziemlich gut, der tiefe Schwerpunkt in Kombination mit dem breiten Lenker und der aufrechten Sitzposition mit einer Sitzhöhe von 830 Millimeter machen es erstaunlich einfach, die SCR950 um die Ecken zu bringen, sogar Wechselkurven gehen relativ einfach von der Hand. Wird es aber sportlicher, stößt die Maschine an ihre Grenzen - und diese sind die Fußrasten auf beiden Seiten. Zwar wurden sie sowohl um 150 Millimeter nach hinten als auch um 30 Millimeter nach oben verlegt, allerdings kratzen die Fußrasten trotzdem sehr flott am Asphalt.

Die Yamaha SCR950 erzieht zum Genussfahren

Sind die Angstnippel erst mal weggefräst und tastet man sich an die wahren Schräglagengrenzen heran, hat man dann doch noch etwas mehr Reserven, bis man allerdings mit dem Rahmen aufsetzt - und dann kann die SCR950 recht flott ausgehebelt werden. So wird man eben rechtzeitig zur Räson gebracht und genießt die Power des Motors auf die Weise, die ihm angemessen ist: Nicht die schiere Leistung zählt bei dem 942 Kubik großen V2-Motor, mit 52 PS bei 5500 Umdrehungen gewinnt man nicht unbedingt Rennen. Ein Drehmoment von 79,5 Newtonmeter bereits bei 3000 Touren zeugt hingegen von einem ordentlichen Punch, mit dem man in allen fünf Gängen nach vorne katapultiert wird.

Für grobes Gelände ist die Yamaha SCR950 schlicht und ergreifend zu schwer

Dass es bei der SCR950 mehr um das Schrambler-Outfit als um die wahren Offroad-Tugenden geht, merke ich bei den Testfahrten auf Sardinien sehr deutlich. Wie bereits erwähnt, macht die SCR950 auf befestigten Wegen eine Menge Spaß und sogar auf Schotterpisten kann die kräftige Erscheinung zielsicher manövriert werden. Lediglich Schlaglöchern sollte man möglichst aus dem Weg gehen bzw. fahren, denn da schlagen die Federelemente derart derb durch, dass zumindest ich sehr schnell Mitleid mit der Maschine bekam und den besonders fiesen Unebenheiten auswich.

Eigentlich verkörpert die Yamaha SCR950 die Ursprünge der Scrambler

Bei Federwegen von 135 Millimeter vorne und 110 Millimeter hinten sowie keinerlei Verstellmöglichkeiten an der vorderen konventionell montierten Telegabel sowie den Stereo-Federbeinen im Heck sollte man aber auch nicht erwarten, in schwierigem Gelände tadellos voran zu kommen. Die SCR950 zelebriert meiner Meinung nach gar nicht so sehr die typischen Scrambler der 1960er-Jahre sondern gekonnt die wilden 1950er, als man sich noch mit dicken und schweren Maschinen ohne lange Federwege ins Gelände wagen musste - also der Ursprung der Scrambler sozusagen. Und damit ist auch die Yamaha SCR950 auf ihre ganz eigene Weise absolut authentisch!

Die SCR950 ist ein optischer Leckerbissen - und soll Designverliebte anlocken

Geht es nach den Marketing-Gurus bei Yamaha, sollte die SCR950 ohnehin vorrangig die designorientierten Käufer anlocken, die ein unkompliziertes Motorrad suchen, das ihnen ohne Elektronik-Überfrachtung lange Zeit Spaß machen kann. Unter diesen Voraussetzungen haben die Techniker die Vorgaben tadellos umgesetzt - herrliches Design mit gekonnter "Vertuschung" des hohen Gewichts, außer ABS völliger Verzicht auf Elektronik-Firlefanz und ein vergleichsweise einfaches Handling - das unter anderem durch die schmale und große Bereifung von 100/90-19 vorne und 140/80-17 hinten ermöglicht wird. Und auch der Trail Wing von Bridgestone erweist sich als gute Reifenwahl: Für Asphalt ausreichend Grip, für Schotterstraßen ausreichend Profil und für den coolen Auftritt eine herrlich klassische Optik.

Für das pure Fahrvergnügen, das viele schon schmerzhaft vermissen

An den Digitalinstrumenten im runden Gehäuse, die direkt von der XV950 übernommen werden, zeigt sich vielleicht die einzige Stelle, an der der Rotstift angesetzt wurde - die SCR950 hätte sich durchaus hübschere Analoginstrumente verdient. Insgesamt ist sie aber ein doch sehr fein ausgeführtes und selbstbewusstes Konzept, das sich schließlich auch beim Preis fortsetzt: In Österreich werden für eine SCR950 11.899 Euro fällig, in Deutschland 9895 Euro und in der Schweiz 10.890 Franken - damit bewegt sie sich jeweils ziemlich exakt auf dem Niveau der ebenfalls retro-orientierten Yamaha XSR900 mit mehr als doppelt so vielen Pferdestärken und vielen schlauen und brauchbaren Elektronik-Gadgets. Diesen herrlichen Easy-going-Stil, dieses gemütliche und dennoch spaßorientierte Fahren, das viele bei modernen Motorrädern schon so schmerzlich vermissen, vermittelt die SCR950 allerdings um einiges besser.

Fazit: Yamaha SCR950

Mit der neuen SCR950 wird das breit gefächerte Programm der "Faster Sons"-Retro-Bikes noch weiter ausgebaut. Ein optisch äußerst gelungenes, minimalistisches Bike mit wunderschönen Scrambler-Elementen. In Fahrt merkt man auf Asphalt nur aufgrund der geringen Schräglagenfreiheit, dass als Basis der Cruiser XV950 dient. Der Motor zieht hingegen brav durch und die Bremsen mit jeweils einer 298er-Scheibe vorne und hinten bemühen sich redlich. Im Gelände schlagen die Federelemente wegen des hohen Gewichts von 252 Kilo aber recht schnell durch. Insgesamt eine interessante und sehr fein umgesetzte Interpretation eines sehr frühen Scramblers.

1
Vorteile
  • glaubwürdige Scrambler-Optik
  • angenehme Sitzposition
  • antrittsstarkes Triebwerk
  • ausreichend dimensionierte Bremsen
  • unkompliziertes Fahrverhalten
1
Nachteile
  • außer ABS keine Elektronik-Features
  • Fahrwerk schlägt recht schnell durch
  • vergleichsweise wenig Schräglagenfreiheit

Bericht vom 04.04.2017 | 22.408 Aufrufe

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