A1-Führerschein - Vom Sozius zum Piloten

Motorradfahren mit dem eigenen Sohn

Wenn der Nachwuchs vom Soziussitz auf die eigene Maschine wechselt, beginnt für Motorrad-Eltern ein neues Kapitel. Wir haben die Honda CB 125 R auf Gran Canarias anspruchsvollen Strecken getestet – und dabei mehr über das Motorradfahren mit jungen Piloten gelernt als in jedem Fahrsicherheitstraining.

Die Winterflucht nach Gran Canaria ist für uns zur Tradition geworden. Während Mitteleuropa im Eisgriff erstarrt, locken auf der Kanareninsel Sonne, Kurven und jene Straßen, die Motorradfahrerherzen höherschlagen lassen. Doch dieses Jahr ist etwas anders: Mein Sohn sitzt nicht mehr hinter mir auf dem Soziussitz, sondern steuert seine eigene Maschine – eine Honda CB 125 R von Canary Ride, dem Verleih unseres Vertrauens mit über 100 Fahrzeugen im Portfolio.
Der frisch erworbene A1-Führerschein macht's möglich. Anders als die eingeschränkten nationalen Varianten B111 oder B196 ist dies ein vollwertiger europäischer Führerschein, der jungen Fahrern die Tür zur großen, weiten Motorradwelt öffnet.


Die Honda CB 125 R: Kompakt, aber kompetent

Mit über 1,80 Meter Körpergröße wirkt mein Sohn auf der zierlichen Honda etwas groß geraten – kein Wunder bei einer Maschine, die für internationale Durchschnittsmaße entwickelt wurde. Seine private Beta 125 Supermoto mit aufrechter Sitzposition passt ergonomisch besser. Doch was die CB 125 R an Platzverhältnissen einbüßt, macht sie auf Gran Canarias anspruchsvollen Strecken mehr als wett.
Die engen, teils schlechter asphaltierten Passagen hier erinnern an das Stilfserjoch – nur enger, steiler und mit noch mehr Herausforderungen. Genau dort spielt die Honda ihre Stärken aus: Das geringe Gewicht und die kompakten Abmessungen vermitteln in kritischen Situationen stets das Gefühl, Herr der Lage zu sein. Honda versteht es meisterhaft, spielerische Leichtigkeit mit solider Stabilität zu verbinden. Selbst bei Autobahngeschwindigkeiten um 130 km/h liegt die kleine CB satt und vertrauenerweckend auf der Straße.
Besonders beeindruckend: die Zugänglichkeit. Die butterweiche Kupplung, die präzise ansprechenden Bremsen mit ernstzunehmendem ABS, die feinfühlige Gasannahme – alles ist auf mühelose Bedienbarkeit ausgelegt. Für junge Fahrer auf technisch anspruchsvollen Strecken ein unschätzbarer Vorteil. Die CB 125 R ist kein Spielzeug, sondern ein vollwertiges Motorrad, das zufällig kompakt und leicht ist. Und nebenbei sieht sie verdammt gut aus.


Honda CB 125 R von Canary Ride auf Gran Canaria
Honda CB 125 R von Canary Ride auf Gran Canaria

Der entspannte Umgang meines Sohnes mit der Honda kommt nicht von ungefähr. Wie sein älterer Bruder wuchs er mit motorisiertem Zweirad-Spielzeug auf: Oset E-Trials, kleine Motocross-Maschinen, die gute alte Yamaha PW50 mit Kardanantrieb und als Krönung die Honda CRF150L - all das vor dem 14. Geburtstag. Auf dem Land gehört das zur Standardausrüstung der Jugend.
Was nach nostalgischer Kindheitserinnerung klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Grundlegende Fahrtechniken – das Gefühl fürs Bremsen, korrektes Kurvenverhalten, Beschleunigung aus der Kurve – lernen Kinder auf kleinen Maschinen mit deutlich weniger Risiko. Ein Sturz auf der Wiese mit der Trial schmerzt weniger als derselbe Fehler später im Straßenverkehr. Während Smartphones zur größten Gefahr für junge Menschen geworden sind, bieten Motocross und E-Trials eine wertvolle motorische Schulung und mentale Vorbereitung für spätere Verkehrsteilnahme.


Headset-Kommunikation: Der unsichtbare Fahrlehrer

Das technische Fahren beherrscht mein Sohn bereits solide – es ist die Erfahrung, die ihm fehlt. Jene Vorausahnung, die uns alten Hasen im Schlaf kommt: dass eine entgegenkommende Motorradgruppe die Kurve schneiden könnte, dass der entgegenkommende Linksabbieger vielleicht uns eventuell übersieht, dass die nächste Kurve im Schatten liegt und rutschiger sein könnte.
Hier zahlt sich die Investition in ein gutes Kommunikationssystem aus. Mit dem Cardo System und seinem Active Noise Cancelling können wir während der Fahrt in kristallklarer Qualität kommunizieren. So lassen sich Gefahrensituationen ansprechen, bevor sie kritisch werden. ”Schau, der Linksabbieger vorne – Blickkontakt?" Kleine Hinweise, die den Unterschied machen zwischen Erfahrung und teuer bezahlter Lektion.


In Verbindung bleiben - Cardo Packtalk Edge auf unseren Helmen
In Verbindung bleiben - Cardo Packtalk Edge auf unseren Helmen

Sichtbare und unsichtbare Gefahren

Die größte Herausforderung für junge Fahrer: Sie konzentrieren sich auf das, was sie sehen können. Bei unübersichtlichen Rechtskurven drängt der Instinkt sie nach innen, weg von potenziellen Gefahren von außen. Das Resultat: Am Kurvenausgang, den sie beim Einlenken noch nicht sehen können, fehlen die Reserven. Die unsichtbaren Gefahren – ein Schlagloch, Rollsplitt, ein unerwarteter Radiuswechsel – werden unterschätzt.
Interessanterweise klappen Linkskurven schon erstaunlich gut. Während sich viele erfahrene Fahrer zu weit nach innen treiben lassen und mit dem Oberkörper in den Gegenverkehr ragen, hält sich der Nachwuchs diszipliniert an die richtige Linie. Die intensive Übung zahlt sich aus.
Was jungen Fahrern noch fehlt: die rhythmische Gleichmäßigkeit, das harmonische Gleiten durch Kurven. Stattdessen dominiert die Freude an Beschleunigung und Motorsound – verständlich und Teil des Lernprozesses. Gelegentlich muss man sanft einbremsen, wenn der Enthusiasmus die Vernunft zu überholen droht.


Überraschend souverän: Autobahnverhalten

Wo man als erfahrener Fahrer die größte Anspannung erwartet, zeigt sich der Nachwuchs erstaunlich diszipliniert. Der obligatorische Schulterblick vor jedem Spurwechsel, konzentrierte Aufmerksamkeit, saubere Fahrweise – die moderne Fahrschulausbildung in Österreich und Deutschland leistet hier hervorragende Arbeit. Auch Verkehrszeichen, Vorrangregeln und Versetztfahren sitzen.
Beim Versetztfahren profitieren junge Fahrer allerdings weniger vom Voranfahren eines erfahrenen Piloten, als man denken würde. Die Fähigkeit, eine gute Linie zu antizipieren, entwickelt sich erst mit der Zeit. Daher bewährt sich der Wechsel: abwechselnd vorausfahren und folgen. So entsteht der beste Lerneffekt.


Frühmorgens auf der Autobahn bei Las Palmas
Frühmorgens auf der Autobahn bei Las Palmas

Der tiefere Sinn: Bewusstsein und Achtsamkeit

Was mich auf dieser Tour besonders beeindruckt: Wie intensiv mein Sohn die Umgebung wahrnimmt. Aussichtspunkte, Landschaftsdetails, atmosphärische Nuancen – Dinge, für die Teenager im Alltag selten Aufmerksamkeit zeigen. Im Motorradsattel ist das anders.
Der Grund liegt auf der Hand: Beim Motorradfahren sind alle Sinne permanent aktiv. Riechen, fühlen, hören, sehen, spüren – ein Dauerfeuer an Eindrücken, das zu gesteigerter Achtsamkeit führt. Man taucht bewusster in die Welt ein, nimmt das Leben intensiver wahr. Eine wertvolle Lektion, die über das reine Fahrkönnen hinausgeht.


Ausrüstung auf dieser Tour

Für die mehrtägige Tour auf Gran Canaria setzte mein Sohn auf die Vanucci Schuhe VAB-8, die Vanucci Jacke RVX-3 sowie den Nishua NTX-4 EVO Integralhelm, kombiniert mit den Vanucci VAG-9 Handschuhen. Ich selbst war mit der Vanucci VSJ-7 Textiljacke und der Vanucci VAT-6 Textilhose unterwegs, dazu der Nishua NT4-6 Evo Integralhelm, Vanucci VAB-5 Stiefel und Vanucci VAG-4 Handschuhe.


Alle Produkte sind hier zu finden: https://www.louis.eu/de-eu/marken/collection/vanucci-collection


Die Kommunikation zwischen unseren beiden Maschinen ermöglichte das Cardo Packtalk Edge System, das in beiden Helmen verbaut war. Für die Tourenplanung und Navigation kam Calimoto zum Einsatz, das sich besonders für kurvenreiche Strecken auf der Insel bewährt hat.


NastyNils bei der 1000PS Winterflucht im Januar 2026 auf Gran Canaria.
NastyNils bei der 1000PS Winterflucht im Januar 2026 auf Gran Canaria.

Plädoyer für den A1-Führerschein

Trotz aller Vorteile wird jungen Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz der Zugang zur motorisierten Zweiradmobilität schwer gemacht. Unter dem Deckmantel der Sicherheit entstehen bürokratische und finanzielle Hürden, die verdächtig nach Lenkung in Richtung öffentlicher Verkehrsmittel riechen. Dabei sind Mopeds und Motorräder gerade auf dem Land oft die einzige realistische Mobilitätsoption für Jugendliche.
Die Einstiegskosten für den Führerschein sind hoch, danach jedoch überschaubar. Im Vergleich zu 50er-Mopeds, E-Scootern oder E-Mountainbikes bieten 125er-Maschinen ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis – bei deutlich höherer Sicherheit.
Mein dringender Appell an alle Motorrad fahrenden Eltern: Bringt eure Kinder so schnell wie möglich von den 50er-Mopeds auf 125er-Maschinen. Die vermeintlich langsameren 50er sind oft frisiert, schlecht gewartet und von zweifelhafter Qualität. Die höhere Geschwindigkeit einer 125er ist nicht das Problem – im Gegenteil: Mit vernünftigem Fahrwerk, funktionierenden Bremsen und stabiler Straßenlage bietet sie mehr Handlungsspielraum und damit mehr Sicherheit.
Der A1-Führerschein ist kein Luxus, sondern ein echtes Sicherheits-Upgrade.


Gemeinsame Leidenschaft verbindet

Diese Tage auf Gran Canaria haben mir gezeigt: Motorradfahren mit dem eigenen Nachwuchs ist eine der bereicherndsten Erfahrungen, die man als Vater und Biker machen kann. Ja, es erfordert Geduld und gute Nerven. Ja, es birgt Risiken. Aber welche wirklich wertvolle Erfahrung tut das nicht?
Die gemeinsamen Erlebnisse, das gegenseitige Lernen, die geteilte Faszination für diese einzigartige Form der Fortbewegung – das schweißt zusammen. Und wenn ich meinen Sohn dabei beobachte, wie er konzentriert durch eine anspruchsvolle Passage navigiert, dann weiß ich: Die Investition in frühe Motorrad-Erfahrungen hat sich gelohnt.
Die Honda CB 125 R hat dabei ihre Rolle perfekt erfüllt: als zugängliches Motorrad für die ersten großen Abenteuer auf zwei Rädern. Manchmal sind es die kleinen Maschinen, die die größten Geschichten schreiben.


Bericht vom 22.01.2026 | 4.441 Aufrufe

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