Yamaha Tracer 700 in der Süd-Schweiz - Schweiz Motorrad-Tour Pt.1

Yamahas kleiner Sporttourer auf Passjagd

Auf der dreitägigen Motorradreise durch die Schweiz wurden Pässe erklommen, Seen umrundet und Sporttourer auf Herz und Nieren geprüft. Doch wie schlägt sich die Tracer 700 im Schweizer Hochgebirge? Ist Yamahas kleinster Sporttourer Alpen-tauglich?

In so einem verflixten Jahr wie diesem sind aufgrund der Corona-Pandemie die Reise-Gelüste viel zu kurz gekommen. So ist es klar, dass ich nach einem 125er-Event im Westen der Schweiz die Chance ergreifen muss, um ein letztes Mal vor der Winterpause Hochgebirge und Passstraßen auf zwei Rädern zu genießen. Darum mache ich mich im französischen Teil der Schweiz, in der Nähe von Fribourg, auf den Weg zum Yamaha-Händler, um mir einen fahrbaren Untersatz zu checken. Zuerst steht mir der Sinn nach etwas Mächtigem. Etwas, womit ich die Pässe unter brüllendem Motor und wahnsinnigem Tempo hochjagen kann. Am Weg zu Yamaha recherchiere ich noch schnell, worauf man in der Schweiz als Motorradfahrer achten muss. Die Autobahn-Vignette gibt es nur um 40 Franken in der Ganzjahres-Version - Aha. Warnweste und Verbandsbeutel sind nicht verpflichtend mitzuführen - Ok. Die Geschwindigkeitsbegrenzung außerorts ist 80 km/h - Bitte was? Das wars dann wohl mit dem Pässe-Hochjagen. Vielleicht ist etwas Ausgeglicheneres diesmal doch passender. Bei Yamaha angekommen schreite ich den Schauraum ab. Hier reihen sich mächtige Maschinen aneinander. MT-10 SP, Tracer 900 GT, FJR1300AE - lauter fette Eisen. Und trotzdem greife ich schlussendlich zur kleinen Schwester. Bestechende Optik, nur 196 kg fahrfertig und 73 PS Leistung - sie ist Yamahas kleinster und leichtester Sporttourer. Doch ich will wissen: "Reicht das fürs große Abenteuer im Hochgebirge?"

Yamaha Tracer 700 auf Motorradreise - Einmal quer durch die Schweiz

Die Reise startet in Marly-le-Grande gleich neben Fribourg. Das Gepäck noch in die schicken Gepäckkoffer der Tracer geladen, die Route ins Garmin zumo XT Navigationsgerät geladen und schon geht's los. Durch den Naturpark Gantrisch geht es östlich in Richtung des Thunersees. Der Naturpark Gantrisch zeichnet sich durch kleine, sehr kurvige Straßen, inmitten von tiefgrünen Wäldern und zwischen satten Almen, aus. Langsam schlängelt sich die Straße etwas höher und gibt den Blick frei auf das wunderschöne Berner Oberland und den 2176 Meter hohen Berg Gantrisch. Die Tracer muss auf diesem ersten Wegstück gleich ihr Feingefühl beweisen, denn die verwinkelte Straße ist vor allem auf den bewaldeten Strecken noch klitschnass. Doch der Reihen-2-Zylinder geht sanft ans Gas und bringt seine 68 Nm Drehmoment behutsam auf die Straße. Der Motor lässt sich sehr ruhig und schaltfaul fahren. Vibrationsarm cruise ich um die nassen Ecken und nehme mir viel Zeit, um die Landschaft um mich herum zu genießen. Bei trockener Fahrbahn wäre der Naturpark Gantrisch aber schon eine richtige Spaß-Strecke. Kurve folgt auf Kurve und lädt zum Gas geben ein.

Doch nicht nur die suboptimalen Wetterbedingungen, sondern auch die strengen Strafen für Geschwindigkeitsübertretungen in der Schweiz wirken stark hemmend auf ambitionierte Kurvenjäger. Wird man mit mehr als 6 km/h über der recht niedrigen erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h auf Landstraßen erwischt, so kostet das schon knapp 100 €. Bei einer Übertretung von mehr als 11 km/h ist man schon bei 160 Schweizer Franken. Wem diese Bußgelder hoch vorkommen, der sollte sich im Ortsgebiet noch mehr Acht geben. Statt der 160 CHF brennt man dort bei 11 km/h zu viel schon 250 Franken - Das tut weh! Raser haben es also schwer in der Schweiz und man ist mit einer gemächlicheren Gangart sicherlich besser beraten. Damit es nicht langweilig wird, bietet die Schweiz ihre unfassbare Landschaft als Ausgleich.

Das nächste landschaftliche Highlight folgt nicht unweit des Gantrisch. Thun - die größte Garnisonsstadt und elftgrößte Stadt der Schweiz - und der direkt angrenzende Thunersee. Südlich des knapp 20 Kilometer langen Alpensees mit seinem türkisblauen Wasser verläuft die Autobahn Nr. 8. Sie ist zwar der schnellste Weg, um aus dem Berner Oberland ins östlich gelegene Hochgebirge zu kommen, doch ich bin nicht auf der Flucht und entscheide mich stattdessen für die kleine Straße entlang der Nordseite des Sees. Sie geht durch zahlreiche hübsche, zwischen der steilen Berghänge und dem Seeufer eingezwängte Ortschaften und führt teilweise auch durch in die Felswand gesprengte Tunnel. In engen Kurven fährt man nur wenige Meter über dem Wasser entlang und genießt die Aussicht. Es ist Ende September und damit ist die Hauptsaison des Tourismus vorbei und der Verkehr hält sich stark in Grenzen. Doch die vielen Hotels und Apartments am Wegesrand deuten auf ein hohes Touristenaufkommen in der Hochsaison. In solchen Zeiten muss dann jede und jeder für sich entscheiden, ob man dem Trubel doch nicht lieber ausweicht und die zeitsparende Variante über die Autobahn nimmt.

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Schweizer Passgenuss auf kleinem Raum - Motorrad Highlights in der Schweiz

Nach dem Thunersee geht es mit dem Brienzersee in ähnlicher Manier weiter. Entschleunigte Fahrt entlang am extrem klaren Wasser, während in der Ferne die mächtigen Gipfel näher rücken. Denn vom östlichen Ende des Brienzersees ist es nicht mehr weit. Nach nur 15 km erreicht man ein Gebiet, welches ich als den All-Star-Achter bezeichne. Hier reihen sich berühmte Pässe, einer schöner und spektakulärer als der andere, aneinander. Sustenpass, Furkapass, Nufenenpass, Grimselpass, Gotthardspass - lauter große Namen und Passhöhen über 2000 m.ü.M. Wie die Acht auf einer Digitaluhr sind sie angeordnet und liegen so knapp beieinander, dass sie sich alle zusammen an einem Tag erklimmen lassen. Von Oben nach unten liegen in West-Ost Richtung der Sustenpass, der Furkapass und der Nufenenpass. In dieser Reihenfolge werden sie auch von mir und der Tracer in Angriff genommen. Vom Gadmertal steigt die Westrampe des Sustenpasses hinauf. Zuerst geht es für ein paar Kilometer in saften Kurven dahin, bevor es in zahlreichen Kehren hinaufgeht. Kurze Steintunnel führen durch Felsformationen und vorgeschobene Teile des Berghangs und geben dem Sustenpass etwas dramatisches. Die Straße ist zweispurig und sehr breit ausgebaut, da sich im Sommer hier auch große Touristenmassen entlangschieben. Der Sustenpass ist nämlich eine der neueren Passstraßen. Sie wurde erst 1945 gebaut und ist fast ausschließlich für den Tourismus da. Die Passhöhe auf 2259 m.ü.M. ist mit dem Motorrad nicht erreichbar, da die Straße im Tunnel knapp darunter vorbeiführt. Doch auch von der Straße vor dem Tunnel ist der Ausblick gigantisch. Über 3000 Meter hohe Gipfel umgeben den Pass. Besonders spektakulär ist das südlich gelegene Sustenhorn (3503 m) und das benachbarte Gwächtenhorn (3420 m). Zwischen den beiden eingekesselt liegt der vom Sustenpass aus sehr gut sichtbare Steingletscher.

Die Ostrampe des Sustenpasses ist weniger spektakulär wie die Westrampe und führt relativ gerade nach Wassen im Reusstal im Kanton Uri. Nur kurz geht es südlich entlang der Reuss nach Andermatt, wo schon der nächste Top-Pass wartet. Wieder zurück nach Westen in den Kanton Wallis führt der Furkapass. Zwischen dem Pizzo Rotondo im Süden und dem Galenstock im Norden geht es hinauf auf 2429 m.ü.M. Auch der Furkapass ist sehr breit ausgebaut, sogar eine Postbuslinie führt über ihn. Mit einer angenehmen Kombination aus engen Kehren und geraderen Passagen ist der Furkapass abwechslungsreich zu fahren. Auf den geraden Strecken kann in aller Ruhe das Panorama genossen werden und im Getümmel der Kehren kann man ordentlich die Sau raus lassen. Hier passt die Tracer perfekt rein. Mit ihren 73 PS ist sie genau richtig für die engen Kurven und die strengen Geschwindigkeitsbegrenzungen der Schweiz dimensioniert. Man fühlt sich nicht permanent übermotorisiert, sondern kann auch mal etwas fester am Gasgriff drehen ohne sich sofort im schwer illegalen Bereich aufzuhalten. Der CP2-Motor, ein altbekanntes Aggregat aus der MT-07, überzeugt auch in der Tracer durch seine angenehme, lebhafte Charakteristik. Spielerisch dreht er sauber hoch und hat aus der Mitte des Drehzahlbandes schon richtig Druck. Passend zum quirligen Motor ist auch das Handling der Tracer extrem leichtgängig. Mit ihren knapp 200 kg ist sie ein sehr leichtes Tourenmotorrad. Dieses Fliegengewicht lässt sich spielerisch und mühelos von einer Kurve in die nächste Werfen. Auch das Fahrwerk mit 130 mm Federweg vorne und 142 mm Federweg hinten ist straff genug, um auch auf der teils welligen Straße bei sportlicher Gangart gut zu performen.

Mit James Bond am Schweizer Pass - Motorradtour auf Schweizer Pässen

Dass der Furkapass ein Hochalpenpass wie aus dem Buche ist, zeigte auch prominenter Besuch in der Vergangenheit. Schon Sean Connery brauste in seiner Rolle als James Bond in wilder Verfolgungsjagd über den Furkapass. Auf der östlichen Seite geht es vorbei am still gelegten, gespenstischen Hotel Belvedere. Mitten in der Kehre liegt es innen, die rötliche Farbe am abblättern und die Fensterläden schief in den Angeln hängend. Diese leicht gruselige Stimmung von vergangener Glorie setzt sich auch im etwas später folgenden Talort Gletsch fort. Nach einigen mächtigen Kehren erreicht man diesen alten Hotelort im Bezirk Goms. Seine Blütezeit ist lang vorüber. Ab Mitte des 19. Jhd. bis zum Anfang des 20. Jhd. war Gletsch ein viel bereister Tourismusort, wo die Reichen und Schönen per Pferdekutsche die umliegenden Alpen und Pässe bereisten. An seiner Spitze während der Belle Epoque rund um die Jahrhundertwende beherbergte das riesige Hotel Glacier du Rhone mehrere Hundert Gäste und bot Platz für 200 Pferde. Direkt am Rhonegletscher gelegen muss es ein beeindruckender Ort gewesen sein. Heute sind nur leerstehende, gruselige Gebäude geblieben. Der Gletscher hat sich seitdem in höhere Lagen zurückgezogen und Gletsch ist ein Geisterort geworden. So traurig das Schicksal von Gletsch auch ist, den Furkapass bereichert die Geisterstadt um noch einen interessanten Aspekt.

In Gletsch zweigt nördlich auch die Auffahrt zum Grimselpass ab. Die Serpentinen starten schon gleich oberhalb der Ortschaft und rufen mich zu sich, doch es wird langsam spät und mein Quartier im Tessin ist noch ein gutes Stück entfernt. Doch es wartet noch ein Pass auf meinem Weg: Der Nufenenpass. Dieser zweigt wenig südlich von Gletsch in Richtung Osten ab und überwindet die Grenze zwischen Wallis und Tessin. Mit einer Höhe von 2478 m ist er der höchste der von mir befahrenen Pässe. Nach den traumhaften Fahrten über den Susten- und Furkapass erwarte ich mir noch mehr spektakuläre Aussichten...Doch es sollte anders kommen. Die Wolken kommen näher und näher, je weiter ich den Pass erklimme und plötzlich bin ich mitten drinnen. Die Temperatur sinkt unter 10 Grad, es nieselt und die Sicht reicht vielleicht 20 Meter weit. Doch es hilft nichts, ich muss rüber! Zitternd und nass schleiche ich mit vielleicht 30 km/h über den Pass. Mein Visier beschlägt permanent, irgendwann fahre ich mit offenem Helm und zusammengekniffenen Augen weiter. Kehren tauchen unvermittelt auf und das Panorama kann ich mir höchstens vorstellen. Über die brav zupackenden Bremsen bin ich jetzt dankbar, da immer wieder Autos plötzlich aus dem Nebel auftauchen. Die undurchdringliche, weiße Wand lichtet sich kein einziges Mal bis ich nicht wieder auf der anderen Seite ins Tal abfahre.

Der Nufenenpass mündet in das obere Ende des Valle Leventino. Von Airolo aus folge ich dem Fluss Tessin in Richtung Süden. Die Bundesstraße führt durch zahlreiche Dörfer, welche schon spürbar den italienischen Flair und einen mediterranen, romanischen Stil haben. Da es schon spät ist und das Wetter auch im Tal noch eher bescheiden ist, entscheide ich mich die Autobahn Nr. 2 bis nach Bellinzona zu nehmen. Auf den letzten Metern nach Locarno am Lago Maggiore komme ich noch in den abendlichen Berufsverkehr und staue mich mühsam voran. Schon vorher ist mir die relativ stramme Kupplung der Tracer aufgefallen. Gerade bei so einem Motorrad, welches sonst in allen Belangen eine gewisse Leichtigkeit und Mühelosigkeit an den Tag legt, sticht es umso mehr hervor, wenn ein Faktor dieses Muster durchbricht. Nicht falsch verstehen, es ist keine Fingerbrechende Harley-Kupplung. Aber im nicht enden wollenden Stop-and-Go-Verkehr wird es dann doch etwas mühsam. Mag aber auch an meiner Müdigkeit liegen. Nach knapp 400 Kilometern im Sattel und gerade als die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen verschwinden, erreiche ich mein Hotel am Berghang über Locarno. Die GPX-Datei der gesamten Tagesroute könnt ihr euch hier runterladen.

Yamaha Tracer 700 im Hochgebirge - Reicht der kleine Sportourer für die Alpen?

Am Balkon sitzend und mit Ausblick über den gesamten Lago Maggiore siniere ich über den vergangenen Tag. Die Yamaha Tracer 700 hat sich auf 3 großen Pässen und auf 375 Kilometern durch die Schweiz bewiesen. Der lebhafte CP2-Zweizylinder überzeugt auch im Sporttourer. Es ist einfach ein Spaß-Aggregat und gerade für Solo-Piloten, welche auch nicht Geschwindigkeitsrekorde aufstellen müssen, reichen 73 PS vollkommen. In der Schweiz darf man sowieso nicht rasen und so macht sich die Tracer noch besser. Auch sonst ist die Verarbeitung hochwertig, die restlichen Komponenten wie Bremsen, Fahrwerk oder auch die Koffer aus dem originalen Tracer-Zubehör funktionieren gut und erfüllen ihre Aufgaben wie es sein muss. Das niedrige Gewicht, und die damit verbundene Leichtigkeit, sind neben dem tollen Motor die größte Stärke der Tracer. Das Fahren auf ihr hat etwas müheloses, fast schon verspieltes. Enge Kurven-Kombinationen machen einfach extremen Spaß, trotzdem sind Komfort und gemütliches Cruisen jederzeit möglich. Schlussendlich setzt die überarbeitete Optik dem Ganzen die Krone auf. Die neue Front hat etwas elegantes, auch futuristisches an sich. Sie sieht einfach saugut aus. Zu kritisieren gibt es kaum was. Ein großes Elektronikpaket mit Fahrmodi und mehr wird bei 73 PS kaum vermisst. Auch sonst funktioniert alles sehr gut. Das 6-Gang-Getriebe ist knackig zu schalten, die Sitzhöhe von 840 mm ist nicht zu hoch und auch die Reichweite des 17 Liter Tanks befindet sich mit ca. 350 km in einem guten Bereich. Die Tracer ist einfach ein grundsolides Motorrad und ich finde beim besten Willen keine großen Mankos. Selbst das Verstell-System des Windschilds ist vorbildlich gelöst. Falls es aber noch mehr Infos zur Tracer sein dürfen, dann lest euch unseren Yamaha Tracer 700 2020 Test-Bericht durch.

Meine Zeit auf der Tracer geht in Locarno zwar zu Ende, doch die Reise durch die Schweiz geht weiter. Am folgenden Morgen mache ich mich auf in Richtung Graubünden, auf der Suche nach noch mehr spektakulären Pässen. Doch diesmal bin ich nicht auf zwei, sondern auf drei Rädern unterwegs! Kann sich die Yamaha Niken GT auch auf den Alpenpässen behaupten? Das und mehr erfahrt ihr im zweiten Reisebericht aus der Schweiz.

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Bericht vom 30.09.2020 | 6.797 Aufrufe

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