Reisebericht, mit dem Motorrad durch Island

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Endlich finden wir nach langer Suche und unkontrolliertem Hin- und Hertorkeln unser Zelt. Vielleicht hätten wir nicht unbedingt so viel Trinken sollen, denn wir brauchen für die rund 200 Meter von der Bar bis zu unserem Zelt sicher eine viertel Stunde. Allerdings war heute das Fußball-WM 98 Länderspiel Dänemark gegen Brasilien und der Lokalbesitzer hat bei jedem Tor eine Runde aus gegeben. Zusätzlich müssen wir wieder einmal unseren Abschied vom mitteleuropäischen Kontinent feiern. Gestern um fünf in der Früh habe ich das Motorrad mit 54.148 km aus der Garage geschoben, mich drauf gesetzt und die vertraute Tiroler Heimat hinter mir gelassen. Am späten Nachmittag haben wir Hamburg erreicht und etwa 100 km weiter nördlich, in Schleswig Holstein, an der Nordsee unser Zelt aufgeschlagen. Heute sind wir nochmals rund 400 km bis hier her, nahe Hanstholm gefahren. Der Himmel ist mit dunklen, schweren Wolken verhängt und der starke Seitenwind, der uns das Fahren erschwerte hat das Meer aufgewühlt. Wir, das sind Robert, ein Studienkollege, der mich mit seiner BMW 1000GS auch schon ans Nordkap und nach Marokko begleitet hat und meine Wenigkeit auf einer ebenfalls schon weitgereisten Honda NX650 Dominator.

Als ich in der Früh aufwache, sind die Wolken gerade dabei ihre nasse Fracht zu entladen und der Wind jagt den Regen waagrecht durch die Luft. Novemberwetter Anfang Juli. Was soll´s, die Euphorie endlich wieder eine Motorradreise zu unternehmen ist größer, sogar noch größer als mein verkaterter Kopf, der die Ausmaße eines Kühlschrankes zu haben scheint. Um die Mittagszeit kommen wir im Hafen von Hanstholm an. Von hier startet die Fähre zu einer mystischen Insel, weit draußen im sturmumtosten Nordatlantik. Am Hafen spielt sich wieder das übliche Ritual, des gegenseitigen Abcheckens und der Märchenerzählerei ab.


Jeder der Islandnewcomer hat sich unglaublich gut informiert was Flussdurchfahrten, Hochlanddurchquerungen und das berühmte Isländische Wetter betrifft und kann nun erklären, warum ausgerechnet sein Motorrad und seine Ausrüstung das Beste ist. Jene, die schon einmal zuvor in Island waren werden wie unnahbare Helden behandelt. Wir haben dieses Getue ziemlich bald satt und vertreiben uns zwischen den anderen Schiffen die Zeit, bis wir gegen 17 Uhr mit dem Einschiffen beginnen können. Mein Motorrad wird ganz vorne in der Fähre mit vielen Bändern und Schnüren an die Wand gezurrt. Blöderweise vergesse ich den Sturzhelm und den Schlafsack mit zu nehmen. Das Schiff, die MS Norröna, das für die Färöische Rederei Smyril- Line fährt, ist vergleichsweise klein und scheint eher altersschwach, wobei mein Vertrauen in die nordischen Sicherheitsbestimmungen so groß ist, dass ich mir keine Gedanken mache. Obwohl es sehr alt scheint, ist es offensichtlich, dass es laufend mit den neuesten und modernsten Sicherheitsmaßnahmen aufgerüstet wurde. Am Abend wird in der Bar "Viking Club" noch das eine oder andere Bier getrunken. Unsere Kabine ist etwa zwei drei mal drei Meter klein. Links und Rechts sind Dreifach-Stockbetten aufgestellt. Die Innenkabine ist finster, weil es kein Fenster gibt und die Klimaanlage ist viel zu stark aufgedreht. Wie gut, dass mein warmer Daunenschlafsack beim Motorrad im versperrten Autodeck ist. Notdürftig decke ich mich mit meiner Endurojacke zu. Mit dem Quietschen, der durch den Seegang hin und her schaukelnden Metallbetten und dem Gestank von sechs Menschen in der Kabine schlafe ich ein.

Gegen Mittag komme ich aus dem Bett und begebe mich schlaftrunken an Deck. Das Nordmeer ist sturmgebeutelt und tiefschwarz, der Wind weht mir die Gischt ins Gesicht, sodass ich innerhalb kürzester Zeit friere. Also begebe ich mich ins Restaurant, wo ich mir ein paar Schrimpsbrote zum Frühstück gönne. Durch das Fenster kann ich in der Ferne ein paar Bohrinseln und etwas näher auch einen Frachter erkennen, doch immer nur für wenige Sekunden, dann schiebt sich wieder eine Wellenfront dazwischen und man sieht nur mehr das Meer. Bereits am frühen Nachmittag werden im Viking Club die ersten Biere gezapft und aus den Lautsprechern dröhnt Musik. Vor dem Schlafengehen beschließen Robert und ich uns noch zu betrinken, damit die kommende Nacht besser auszuhalten ist. Ab einem gewissen Pensum kann man die Gänge der Fähre problemlos entlang gehen, dann nämlich, wenn sich der Seegang des Schiffs und der von einem selbst gegenseitig aufheben.

Gegen fünf in der Früh werden wir vom Nebelhorn des Schiffs geweckt und um sechs erreichen wir den Hafen von Torshavn, der Hauptstadt der Färöer Inseln. Auch wenn die Färöer offiziell, so wie auch Grönland zu Dänemark gehören, so sind sie doch weitestgehend unabhängig. Sie haben ein eigenes Parlament, eine eigene Währung und eine eigene Flagge. Nur militärisch und außenpolitisch werden sie durch Dänemark vertreten. Die Färöer bestehen aus 18 Inseln, wovon die beiden größten durch eine Brücke verbunden sind. Gut 15.000 der insgesamt rund 45.000 Färöer leben in der Hauptstadt Torshavn. Hier müssen wir nun für zwei Tage von der Fähre, die weiter zu den Shetland Inseln und ins Norwegische Bergen fährt, bevor wir übermorgen wieder an Bord gehen können. Im Fahrzeugdeck macht mein Motorrad ein eintrauriges Bild. Es stand ganz vorne, direkt unterhalb der Lüftungsschächte, durch die immer wieder Meerwasser hereingeschwappt sein muss. Die ganze Maschine und vor allem auch der zurück gelassene Sturzhelm sind mit einer Salzschicht überzogen. Wir fahren einige Fjorde der Inseln ab, doch leider wird das anfangs gute Wetter immer schlechter. Gegen 15 Uhr schlagen wir am Campingplatz in Eidi unser Zelt auf. Kurz danach macht das Färöische Wetter seinem Ruf alle Ehre. Innerhalb weniger Sekunden hört der Regen auf und nach einigen Minuten scheint die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Am Abend treffen dann noch ein Ostdeutsches Pensionistenehepaar, das seine gewonnene Karibikkreuzfahrt gegen die Fährkarte nach Island getauscht hat und ein paar Motorradfahrer, die wir von der Fähre kennen, ein. Noch lange sitzen wir an diesem Abend zusammen, obwohl es in der Nacht ziemlich kalt wird, aber die nicht mehr hereinbrechende Dunkelheit animiert zum Aufbleiben.



Am Morgen zeigt sich beim Blick aus dem Zelt eine Märchenlandschaft. Schroffe Klippen, sattgrüne breite, von den Eiszeitgletschern ausgeschliffene Trogtäler, tiefblauer Himmel und glasklare Luft ergeben ein fast irreales Bild. Von der Anhöhe auf dem unser Campingplatz ist, sehen wir die geschwungene Straße dem Fjord entlang und dahinter auf einen Pass zulaufen. Was machen wir noch in den Schlafsäcken? Nichts wie raus, rein in die Lederhose und die Endurojacke, Zähne putzen, Sturzhelm auf und los geht es. Fahren kreuz und quer fast alle möglichen Straßen der beiden Hauptinseln ab. Keine Tempobeschränkung, keine Anrainer, einfach nur das Asphaltband mitten in einer unberührten, ursprünglichen Landschaft. Nur in den Ortschaften ist es ganz normal, dass die Kinder auf der Straße spielen. Da heißt es ganz gewaltig aufpassen und besser mit dem ersten, als mit dem zweiten Gang zu fahren. Am Abend fahren wir wieder nach Eidi. Wir haben einen der sehr seltenen regenfreien Tage hier verbringen können, doch nun legt der Wind bereits wieder mächtig zu, sodass wir im Zelt kochen müssen. In der Nacht verstärkt er sich noch so weit, dass ich fürchte, die Zeltplane könnte zerreißen. Zum Glück hält sie, doch flattert und schnalzt sie so laut, dass an Schlaf nicht zu denken ist.


Mittwoch Morgen, der Sturm hat an seiner Mächtigkeit nichts verloren und gestaltet somit den Zeltabbau sehr schwierig, gleichzeitig nieselt es. Auf einem Pass während der 70 km langen Rückfahrt nach Torshaven verbläst mich der Seitenwind quer über die Straße bis auf die Gegenfahrbahn, ohne dass ich etwas dagegen machen kann. Zum Glück ist der Verkehr sehr gering. In Torshavn angekommen scheint wieder die Sonne und mit deutlich über 20 Grad ist es außergewöhnlich mild, daher genießen wir die Ausfahrt aus dem Hafen und die Fahrt zwischen den eng aneinander liegenden Inseln am Sonnendeck, bis wir wieder am freien Nordatlantik dem Seegang und dem Sturm ausgeliefert sind. Die Live band im Viking Club hat es längst aufgegeben zu spielen, denn ohne sich irgendwo fest zu halten ist an ein aufrechtes Stehen nicht zu denken. Die Biergläser rutschen am Tisch hin und her und wenn man es nicht rechtzeitig auffängt, fällt das Glas mit dem teuren Gerstensaft auf den Boden.


Um halb acht in der Früh entdecke das erste Stück Island. Gegen Neun komme ich von der Fähre. Ich bin in Island, der Insel meiner Kindheitsträume, doch die Realität schaut nicht ganz so toll aus: Im Norden sollen die Straßen salznass sein, im Hochland schneit es, also wurde noch auf der Fähre geraten in den sonst eigentlich für das schlechte Wetter bekannten Süden Islands zu fahren. Auf dem kleinen Pass zwischen Seydisfjördur, wo uns die Fähre an Land gespuckt hat und Egilsstadir liegt Schneematsch, doch unmittelbar nachdem wir der Bundesstraße Nummer 92 folgen wird das Wetter immer besser und nur der starke Westwind ist lästig. Auch die unasphaltierten Abschnitte der Straße lassen mit der Enduro Geschwindigkeiten von etwa 100 km/h locker zu. Ab Breiddalsvik geht es über die Ringstraße, ihres Zeichens Bundesstraße Nummer 1, weil sie die Insel umrundet, weiter. Auch sie ist teilweise unasphaltiert und die Brücken sind meist einspurig, doch beim eigentlich nicht vorhandenen Verkehr ist das ohnehin egal.


Nach etwa 300 km lassen wir an diesem Tag unsere Motorräder stehen, stellen gegen 23 Uhr im sanften Licht des Sonnenuntergangs das Zelt auf und begeben uns nach dem Abendessen in die warmen Schlafsäcke. Kaum schließe ich die Augen beginnt das Zelt zu schaukeln. Na super, seekrank wurde ich nicht, aber jetzt bin ich landkrank. Sobald ich mich in Ruhe oder in einem engen Raum befinde beginne ich im Rhythmus der Wellen auf dem Meer zu schwanken.

Die Sonne scheint, es ist fein warm und der Wind hat aufgehört. So kann ein Morgen in Island beginnen. Wir fahren nach Höfn wo wir uns etwas zum Mittagessen besorgen. Unmittelbar danach gibt es die erste beeindruckende Aussicht auf den Vatnajökull.

Er ist der größte Gletscher Europas, doppelt so groß wie alle Alpengletscher zusammen. Die Abflüsse von den einzelnen Gletscherzungen sind teilweise mehrere Kilometer breit. Das sind Dimensionen wie sie in Mitteleuropa nicht einmal zu erahnen und in Norwegen nur ansatzweise vorhanden sind. Gut hundert Kilometer lang fahren wir auf dem schmalen, grünen und landwirtschaftlich teilweise genutzten Landstreifen zwischen den einzelnen Gletscherzungen und dem Meer Richtung Südwesten. Unterwegs kommen wir beim Gletschersee Jökulsarlon vorbei. Die Eisberge, die von der Gletscherzunge kalben treiben durch den See und dessen Abfluss ins nur wenige hundert Meter entfernte Meer hinaus. Viele Reisende machen hier vom Jedermannsrecht gebrauch und schlagen ihre Zelte auf, doch die Gegend ist so weitläufig, dass noch unzählige schöne Nachtplätze vorhanden wären. Wir beschließen mit einem Amphibienfahrzeug eine Tour durch den See zu machen und danach noch etwas weiter zu fahren.


Unmittelbar neben der Gletscherzunge des Skafttafellsjökull schlagen wir dann unser Lager auf. Ich könnte mir in den Allerwertesten beißen, dass ich meine Steigeisen zu Hause gelassen habe. Was würde ich jetzt dafür geben ein bisschen den Gletscher zu erforschen, doch die Zunge ist so steil, dass an eine Besteigung ohne Steigeisen nicht zu denken ist. Das Abflusswasser ist zu dreckig, deshalb müssen wir unsere geringe Menge mitgebrachten Wassers zunächst für den Reis und anschließend für den Tee verwenden. Nur durch einen kräftigen Schuss Whisky bringen wir das Gebräu hinunter.

Wir stehen bei bestem Wetter auf und fahren rund 4 km nach Skaftafell zum Frühstücken. Danach gehen wir zum Svartifoss einem Wasserfall, der über senkrecht stehende Basaltsäulen herunterbricht. Vor der weiteren Fahrt nach Westen mache mir aber Sorgen, denn das Wetter dort sieht nicht gut aus. Jedoch ist es gar nicht schlecht. Nach einem Sandsturm ist einfach sehr viel Staub in der Luft. Dies ist die Gegend, wo 1996 der riesige Gletscherlauf war. Nach einem Vulkanausbruch unterhalb des Gletschers schmolzen gewaltige Eismassen ab und das Schmelzwasser wurde zunächst von den Eismassen aufgestaut. Nach 4 Wochen war der Wasserdruck zu hoch und das Eis gab nach. Eine unvorstellbare Wasserwalze entlud sich mit einem Spitzenabfluss von 45.000ml/s, innerhalb von 60 Stunden flossen 4 kml Wasser ab. Nur der dünnen Besiedlung und dem routinierten Umgang mit den Naturgewalten der Isländer ist es zu verdanken, dass keine Menschen zu schaden kamen. Nun zwei Jahre später schmelzen die letzten herumliegenden Eisberge ab und der Wiederaufbau der Ringstraße läuft auf höchsten Touren. Nach rund 60 km biegen wir nach Norden in Richtung der Laki-Furche ab. Auf dieser Strecke müssen wir erstmals mehrere Flüsse furten. Wir lassen die Motoren jedes Mal zuerst ordentlich auskühlen denn irgendjemand hat Robert erzählt, dass der Zylinderkopf des Boxers scheinbar recht empfindlich gegen Schockkühlungen sein soll. Mein Zylinderkopf liegt deutlich höher und so mache ich mich voller Elan an die erste Bachquerung. Mache am Anfang den Fehler viel zu schnell durch die Bäche zu fahren und bekomme so eine Dusche meines eigenen Spritzwassers ab. Das Wetter wird schlechter und in der Laki- Furche selbst regnet es, sodass man leider nichts von der gewaltigen Gegend sieht. Hier hat sich im Jahre 1783 die größte Katastrophe seit der Besiedelung Islands 874 ereignet. Jon Steingrimsson, der Pastor von Prestbakki schrieb: "Erdbeben leiteten das Unheil am Pfingsttag ein, trieben die Bauern aufs freie Feld, wo sie in Zelten hausten. Nach einer Woche stiegen unter Donnerschlägen riesenhafte Aschenwolken himmelan. Dem folgte die Lava, füllte glutfließend, die Wasser in Dampf verwandelnd, die Strombetten. Aus über 22 Ausbruchsstellen loderten hohe Flammensäulen". Die Ausbruchsserie dauerte bis in den Herbst, vernichtete die Hälfte des Isländischen Viehbestandes, vier Fünftel der Schafe und drei Viertel der Pferde. Elftausend Isländer verloren ihr Leben und selbst auf dem Europäischen Kontinent sorge die schwefelverpestete Luft noch für Missernten und Elend. An die 40 km lang ist die Laki-Furche wo ein Krater nach dem anderen wie an einer Perlenkette aufgereiht steht. Die Erde ist damals hier einfach aufgerissen. Am Ende der Rundfahrt werden wir in eine Hütte auf einen wärmenden Kaffee eingeladen. Bei der Rückfahrt laufen die Furten schon wesentlich routinierter ab. Das Motorrad läuft völlig problemlos, der Eintopf zieht trotz seiner nun schon rund 60tsd Kilometer, sehr ruhig und elastisch ab 30-35 km/h im dritten Gang satt und kräftig an und ich komme trotz durchschnittlich nur 30 - 40 km/h 202 km weit bis zur Reserve.



Am Morgen hat sich das Wetter wieder beruhigt, ich liege um neun in der Früh im T-Shirt in der Sonne und genieße die angenehme Luft. Noch schnell zur Tankstelle und weiter geht's. Zunächst noch einige Kilometer über die Ringstraße und dann über die Piste F22 nach Landmannalaugar. Viele Flüsse, verschiedenster Größe werden durchquert und selbstverständlich müssen wir auch die berühmte Eldgjä -Schlucht und den Ofaerufoss (foss steht für Wasserfall) besuchen. Die Eldgjä (Feuerschlucht) ist nach den alten Sagas der Weg in die Unterwelt. Bis zum frühen Abend erreichen wir Landmannalaugar, einen hot spot, wo sich einerseits ein kalter Gletscherbach und andererseits eine heiße Quelle vermischen und durch einen kleinen Aufstau ein Becken von etwa 80cm Tiefe füllen.


Leider haben wir seit Mittag nichts mehr gegessen und auch nichts dabei. Egal, was soll´s, Badehose anziehen, Whiskyflasche mitnehmen und nichts wie rein ins fein warme Wasser. Ist einem zu heiß, schwimmt man etwas weiter zum Gletscherbach, ist einem zu kalt, etwas weiter zur Quelle. Zufälligerweise sitzen auch schon ein Grazer Student, der ein Auslandssemester an der Uni Reykjavik macht und seine Steirischen Freunde, die ihn gerade besuchen, im Pool. So wird es noch ein feuchtfröhlicher Abend bis drei in der Früh, doch dunkel wird es jetzt Anfang Juli ohnehin nicht.


Es ist 10 Uhr, ich bin hungrig und verkatert, doch zum Essen haben wir nichts dabei und gegen den Kater hilft am Besten ein ausgedehnter Spaziergang. Als ich am Nachmittag zurückkomme, entdecke ich am Campingplatz einen kleinen Laden, wo ich frischen Fisch kaufen kann. Robert schläft noch immer, doch durch den "Duft" des, in einem Topf über dem Gaskocher bratenden Fisches, wird er schnell munter. "Wie spät ist es?" "Drei." "In der Früh oder am Nachmittag?" "Keine Ahnung, vermute Nachmittag". "OK, morgen fahren wir weiter." "In Ordnung." Die nächsten Stunden bis zum Schlafen gehen verbringe ich wieder in der angenehmen Wärme des hot spot.

Wir kommen gegen Mittag los und fahren zunächst über die Schotterpiste F22 zu einem gewaltigen Wasserfall und dann an der Westseite des Vulkanberges Hekla bis zur Ringstraße. Endlich gibt es wieder einmal etwas genießbares zum Essen. Danach geht es bis nach Vik, dem südlichsten Ort Islands wo auf den Klippen tausende Papageientaucher brüten. Beim nur wenige Kilometer entfernten, 60 Meter hohen Wasserfall Skogarfoss, lässt es sich gut über Nacht aushalten.


Traumhaftes Wetter weckt uns am Morgen und wir fahren zum 135km entfernten Pinkvellir, der Geburtsstätte der Isländischen Demokratie. Früher gab es hier einmal jährlich eine große Ratsversammlung mit Vertretern der Leute von überall auf der Insel. Dabei wurden die wichtigsten Entscheidungen getroffen und neue Gesetze beschlossen. Gleichzeitig ist hier geologisch gesehen die Grenze zwischen der Eurasischen und der Amerikanischen Kontinentalplatte. Der Mittelatlantische Rücken, der für die Entstehung und den Vulkanismus auf Island verantwortlich ist, liegt hier offen vor dem Betrachter. Manche der Risse in der Erde sind viele Meter breit, andere nur wenige Zentimeter. Man muss beim herumgehen vorsichtig sein und immer auf den Boden schauen, denn überall könnten unter dem Gras Spalten verborgen sein. Überhaupt ist die Gegend hier ähnlich der Oberfläche eines Gletschers strukturiert. Ein paar Deutsche haben vor in den, mit klarem Wasser gefüllten, breiten Spalten zu tauchen. Robert, ein begeisterter Taucher, ist verständlicherweise voll des Neids und meint nur: "Ich würde sterben dafür, um hier tauen zu dürfen". Wir haben aber ein ganz anderes Vorhaben für diesen Nachmittag. Zwei andere Reisende, denen wir immer wieder begegnet sind haben Angeln dabei und so haben wir beschlossen, uns heute Abend den Bauch mit frischem Fisch voll zu schlagen. Noch lange in die helle Nacht hinein sitzen wir auf dem Gras am Seeufer zusammen und philosophieren über unsere Leben, wo wir sind, wo wir hin wollen und warum wir zu Hause in unserer gestressten Gesellschaft ständig Dingen nacheifern, die dann doch nicht glücklicher machen, aber für die wir, um sie zu erreichen, so viel auf der Strecke lassen.


Am Morgen ist das Wetter nicht schlecht, aber es hat deutlich auf etwa 10 Grad abgekühlt und der Himmel ist wolkenverhangen. Zunächst fahren wir zum etwa 50 km entfernten Geysir, dem Namensgeber aller heißen Springquellen. Mich trifft fast der Schlag als ich den massentouristischen Wirbel sehe. Busweise werden die Touristen von ihren Hotels in Reykjavik hier her gekarrt, bzw. ist der Geysir ein Fixpunkt bei allen "Abenteuertouristen", die einen Outdoorurlaub zu Hause im Reisebüro gebucht haben. Bis Anfang des 20.Jh schoss in regelmäßigen Abständen eine 60Meter hohe Wasserfontäne vom Geysir in den Himmel. Jedoch war es auch schon damals Mode, Steine und persönliche Gegenstände in das Wasserloch zu werfen, sodass der Geysir dann bis ins Jahr 1992 nur mehr zum Staatsfeiertag durch künstliche Maßnahmen (Grundwasserspiegelabsenkung, Waschmittel) dazu gebracht wurde aus zu brechen. Wenige Meter daneben gibt es jedoch den Strokkur Geysir, der im 10 Minutentakt kochend heißes Wasser 20 Meter hoch katapultiert. Im näheren Umkreis gibt es immer wieder Wasserstellen in denen es kocht und brodelt, oder Löcher aus denen unter hohem Druck Schwefelgase entweichen. Schon bald räumen wir wieder das Feld. Wer es über einige Tage gewohnt ist seine Ruhe zu haben, der fühlt sich in Menschenmengen (auch wenn es nur etwa 100 Personen sind) unwohl.


Zum Glück brauchen wir weiter nichts zu machen als uns auf unsere Maschinen zu setzen, den Starterknopf zu drücken und schon sind wir wieder weg. Unser nächstes Ziel ist der Gullfoss, der goldene Wasserfall. Eigentlich sind es zwei hintereinander liegende Wasserfälle von jeweils über 30 Meter Höhe, über die ein Fluss von der Größe des Inns in einen engen Canyon stürzt. Wenn die Sonne scheint, dann bildet sich aus der Gischt ein über den Fällen stehender Regenbogen. Danach geht's nach Pinkvillir zurück und dann weiter auf die 52 und die F35. Wir fahren durch eine absolute Mondlandschaft. Im Vergleich dazu scheint die Sahara direkt freundlich. Es ist faszinierend und abschreckend zugleich. 



Es ist saukalt und zwischendurch nieselt es immer wieder leicht. Meinem Gefühl nach müsste es eigentlich schneien. Möchten uns etwas zu essen richten, es ist aber zu windig und zu kalt also schauen wir uns Lavahöhlen an, die uns von Einheimischen empfohlen wurden. Nach einem einstündigen Fußmarsch finden wir sie. Wie sie entstanden sind können wir uns eigentlich nicht erklären. Kann es sein, dass die Lava Eis zugedeckt hat und nach dem Abschmelzen diese Höhlen frei wurden? Ich weiß es nicht, egal, auf alle Fälle ist es interessant im Höhlenlabyrinth herumzu-gehen. Leider haben wir keine Taschenlampen dabei, denn nachdem wir in Skandinavien vor zwei Jahren bemerkten wie sinnlos eine Taschenlampe im Sommer im Norden ist haben wir heuer darauf verzichtet. Anschließend fahren wir in ein Buschgebiet, wo wir einen guten Platz zum wild campen finden. Im Zelt wird es schnell recht gemütlich. Essen und schlafen.


>>>hier gehts zum zweiten Teil des Island-Berichtes<<<

Bericht vom 17.03.2003 | 13.502 Aufrufe

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