Vespa GTV 300 Roller im Test 2024

Lohnt sich der Aufpreis zur GTS 300?

Die GTV 300 ist das neue Flaggschiff von Vespa, bildet eine Hommage an Vespas größten Rennerfolg und leiht sich obendrein bei ihrer GTS-Schwester viel Technik. Kann dieses Gesamtpaket überzeugen? Wir haben die GTV in und um Wien getestet.

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Laut Vespa ist die GTV die sportlichere und gleichzeitig traditionellere Modellschwester ihres Topmodells, der GTS 300. Die GTV-Modellreihe erinnert nämlich an Vespas möglicherweise größten Rennerfolg. 1951 treten beim Sei Giorni Ausdauerrennen in Varese neben vielen Offroad-Rennmotorrädern auch 10 Vespas an. Die Roller werden von den Motorradfahrern belächelt und wirken fehl am Platz, bis sie zur Überraschung aller am Ende des Rennens neun Einzelgoldmedaillen holen. Schon 2017 erinnerte das limitierte "Sei Giorni" Vespa Modell an diesen Triumph und die GTV 300 setzt die Tradition nun fort.

Traditionelles Design mit moderner GTS-Technologie in der Vespa GTV 300 2024

Optisch zeigt die GTV diese Historie durch ihre sportliche Retro-Optik, allem voran mit dem auffällig tief platzierten Scheinwerfer. Faro basso, also Lampe unten, nennt der Italiener dieses Design, welches über die Jahrzehnte schon bei den verschiedensten Vespa Modellen zu sehen war. Die GTV leiht sich dieses traditionelle Designelement, genauso wie den freistehenden Rohrlenker und die Frontverkleidung, von vorangegangenen GTV-Modellen, verpasst dem Look aber noch einen modernen Touch mit LED-Lichtelementen und dem modernen, kreisrunden LC-Display mit der Möglichkeit für Smartphone Konnektivität. Außerdem bricht die GTV bewusst mit dem traditionelleren, manche würden auch sagen biederen Design vorangegangener GTV-Modelle und verzichtet ganz Vespa-untypisch auf sämtlich Chrom-Teile. Weder an den Lenkerenden, noch bei den Armaturen, der Auspuffblende, dem Scheinwerferring, Vespa Logo, Modellschriftzug und weiteren sonst spiegelnden Bauteilen ist glänzendes Chrom zu finden. Dadurch sieht die GTV 300 auf Anhieb ernst, grimmig und sportlich aus, ohne den Italo-Style zu verlieren. Außer bei den Lenkerarmaturen. Durch den freistehenden Rohrlenker waren die sonst in der Lenkerverkleidung integrierten Schaltereinheiten nicht mehr realisierbar, doch bei aller Sportlichkeit und Purismus hätte sich die GTV 300 dennoch etwas liebvoller gestaltete Armaturen verdient.

Vespa GTV 300 2024 Test
Kein glänzendes Chrom in Sicht! Durch ihr grimmiges Äußeres hebt sich die GTV 300 von der restlichen Vespa Palette ab.

Abgesehen des besonderen, alleinstehenden Designs, hält sich die GTV aus technischer Sicht sehr nah an ihrer GTS-Schwester. Im Herzen werkt der gleiche flüssigkeitsgekühlte HPE 300 Einzylindermotor, der aus seinen 278 cm³ Hubraum 23,8 PS bei 8.250 U/min und 26 Nm Drehmoment bei 5.250 U/min holt. Der Stahlrahmen, die Grundform der Verkleidung, die 12 Zoll Räder, der 8,5 Liter Tank und die Sitzhöhe von 790 mm sind ident zur GTS. Dementsprechend nahe liegen auch die Fahrzeuggewichte beieinander. Die GTV 300 haben wir auf unserer 1000PS-Viehwaage vollgetankt mit 168 kg gewogen, die GTS 300 brachte es auf 166,5 kg. Lediglich beim Sattel, der Vorderradaufhängung und den Bremsen gibt es leichte Unterschiede, die innerhalb der Vespa-Community aber schon für Aufregung gesorgt haben. Die GTS 300 erhielt 2023 nämlich überarbeitete Bremssättel und Bremspumpen und eine Querstrebe beim Fahrwerk des Vorderrads, die laut Vespa den Komfort und die Stabilität des Fahrzeugs auf Kopfsteinpflaster erhöhen soll. Doch die neue GTV 300 hat diese Updates nicht bekommen und ist dadurch im Inneren baugleich mit der "alten" GTS 300. Doch fällt die "veraltete" Technik im Fahrbetrieb negativ auf?

Fahrendes Motorrad

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Komfort der Vespa GTV im Stadtgebiet

Die Vespa GTV präsentiert sich zwar als sportliches Zweirad, als Kleinradroller bleibt aber das Stadtgebiet ihr Heimatterritorium. Unser Testgebiet war dementsprechend hauptsächlich das Wiener Stadtgebiet, sowie umliegende Landstraßen und kurze Autobahnstrecken. Im und um den Großstadtdschungel schlägt sich die GTV erwartungsgemäß sehr gut. Das tief liegende Gewicht und die kleinen Räder verleihen ihr eine große Agilität, nahezu von selbst kippt sie in Schräglage und lässt sich über den Rohrlenker und dank des kurzen Radstands von 1380 mm herrlich einfach und flott durch dichten Verkehr und Autokolonnen steuern. Auf unebener Fahrbahn ist die GTV mit ihren kurzen Federwegen kein Komfort-Wunder, aber trotz fehlendem Fahrwerks-Update wird die Fahrt auf ihr nicht zum Leidensweg. Schläge sind zwar wahrnehmbar, werden aber nicht ungut ins Kreuz geleitet und nur bei den größten Unebenheiten und mit Schwung bringt man die Federbeine am Heck zum Durchschlagen. Auch bei höheren Geschwindigkeiten von bis zu ca. 130 km/h, denn in diesem Bereich liegt die maximale Geschwindigkeit der GTV, bleibt sie stabil und spurtreu. Was die Federung an Schlägen nicht schluckt, lindert zumindest der gut gepolsterte Sattel im Einzelsitz-Look. Die im Vergleich zur GTS sportlichere Form der Sitzbank bietet guten Halt für den Fahrer, hat dafür Nachteile beim Fahrten zu zweit.

Vespa GTV 300 2024
In der Stadt fühlt man sich auf der GTV 300 wohl, vor allem im Solo-Betrieb. Fahrten zu zweit sind nicht wirklich ihr Metier, aber auf kurzen Strecken durchaus machbar.

Sozius-Komfort auf der Vespa GTV 300 2024

Kamerakind Schaaf nimmt hinter mir Platz und zu zweit geht es durchs Verkehrsgetümmel. Prinzipiell bietet die GTV gleich viel Platz, wie die GTS, das heißt bei zwei Männern mit Schuhgröße 44-45 wird es schon etwas eng im Fußbereich. Der größte Unterschied liegt aber bei der Sitzbank. Der Sattel der GTS ist eher gerade, der Soziusplatz neigt sich sogar leicht dem Fahrer entgegen. Durch den Single-Seat-Look fällt der Sattel der GTV aber nach hinten hin ab. Das sieht optisch dramatischer aus, als es in der Praxis dann ist, da der Sitz sich unter dem Gewicht des Beifahrers schön zusammenpresst und man nicht das Gefühl hat, permanent nach hinten herunterfallen zu können. Die zweisame Fahrt funktioniert auf der GTV 300 schon unkompliziert und gut genug, dennoch spürt man die etwas eigenwillige Form des GTV-Sattels und fühlt sich im Zwei-Personen-Betrieb weniger wohl, als auf anderen Vespa-Modellen.

Kann die Vespa GTV 300 sportliches Fahren bieten?

Obwohl mit dem Motor wie schon erwähnt auch höhere Geschwindigkeiten möglich sind, sind Stadtgeschwindigkeiten und etwas mehr spürbar die Komfortzone des HPE-Aggregats. Ampelstarts gehen rasant vonstatten, richtig flott beschleunigt der italienische Roller von 0 auf 50 km/h und auch die 70er-Marke folgt schnell, wenn man das Gas stehen lässt. Diese Beschleunigungsmanöver zaubern ein breites Grinsen unter den Helm, außer die Traktionskontrolle funkt dazwischen. Unter widrigen Bedingungen, bei Kälte, Nässe, oder auf nassen Schienen, ist sie ein gutes Sicherheitsfeature, doch im Trockenen ist das System etwas zu konservativ abgestimmt und nimmt gefühlsmäßig öfter Leistung weg, als es notwendig wäre. Das ist aber nur bei hartem Beschleunigen aus dem Stand der Fall, während der Fahrt funktioniert die Elektronik vorbildlich. Je enger die Kurven, desto spaßiger ist die Fahrt auf der GTV 300, da man hier ihre Agilität und die druckvolle Mitte des Leistungsbandes voll ausnutzen kann. Spaßig-flottes Tempo gelingt ihr sehr gut, sie fühlt sich souverän an und bleibt auch bei welligen Straßen stabil. Die Bremsen sind nicht übermäßig fein dosierbar, packen aber anständig zu, wobei die Hinterradbremse durch das hinten lastende Gewicht hier mehr Arbeit verrichtet, als sonst bei motorisierten Zweirädern üblich. Sobald man das Messer zwischen die Zähne steckt, die schon erwähnte Komfortzone des Rollers verlässt und es wirklich wissen will, erreicht man spürbar die Grenze der GTV. Für gnadenloses Heizen ist sie nicht gemacht. Dem Motor geht bei höheren Geschwindigkeiten etwas die Luft aus, das Fahrwerk kann kleine Schaukelbewegungen nicht mehr unterbinden und auch die Bremsen brauchen für harte Verzögerungen viel Handkraft. Zusätzlich muss man in Linkskurven noch auf die Schräglagenfreiheit achten, die links durch den Hauptständer deutlich beschränkter ist, als rechts.

Vespa GTV 300 Test
Bis zu einem gewissen Grad lässt sich die Vespa GTV 300 auch spaßig durch die Kurven treiben. Für echte Henker ist sie aber eher nichts und das liegt nicht nur am schnell schleifenden Hauptständer.

Praktischer Nutzen der Vespa GTV 300 2024

Der praktische Nutzen spielt bei Rollern, die oft hauptsächlich als Alltagsfahrzeug genutzt werden, ein große Rolle. Für die GTV 300 spricht das praktische Keyless-System, Smartphone-Konnektivität über die Vespa MIA App, der niedrige Verbrauch von 3,3 l/100km, wobei dieser auf Hochgeschwindigkeitspassagen schnell in Richtung 5l/100km klettert, und die kleine Bauform, die geschaffen wurde für flottes Vorankommen im dichten Verkehr. Was der GTV fehlt, genauso wie ihrer GTS-Schwester, ist ausreichend Stauraum unter der Sitzbank. Hier geht sich leider kein Integralhelm, sondern lediglich ein Jethelm aus. Die Verkaufszahlen der GTS sprechen aber dafür, dass dieses Manko nicht allzu viele Vespa-Käufer stören dürfte.

Preisvergleich der Vespa GTV 300 mit der GTS 300 2024

Da die GTS 300 nicht nur die Modellschwester der GTV ist, sondern mit Blick auf die Verkaufszahlen auch der derzeitige Platzhirsch im Vespa-Sortiment ist, lohnt sich ein Preisvergleich. In Österreich kostet die Vespa GTV 300 mit 7.699 € um 500 € mehr, als die 7.199 € teure GTS 300. Hier findest du Deutsche Preise der Vespa GTV 300 und Schweizer Preise der Vespa GTV 300. Für den Aufpreis bekommt man mit der GTV 300 eine finster dreinblickende, gleichzeitig traditionell gestylte GTS mit modernem LC-Display, welches bessere Ablesbarkeit und Smartphone Konnektivität bietet.

Fazit: Vespa GTV 300 2024

Die Vespa GTV 300 bietet typische Vespa Qualitäten: Agiles, spaßiges Fahrverhalten, ein druckvoller, fein dosierbarer Motor und schönes Italo-Design. Im dichten Stadtverkehr ist man der King mit der GTV. Große fahrdynamische Unterschiede im Vergleich zur fast baugleichen GTS 300 darf man sich nicht erwarten, was im Angesicht der Beliebtheit der GTS keine schlechte Sache ist. Vor allem Solo-Fahrer und Fans der Vespa-Historie wird die GTV erfreuen. Wer auf praktischen Nutzen oder Fahrten zu zweit den Fokus legt, findet geeignetere Roller am Markt.


  • Druckvoller Motor
  • Agiles Fahrverhalten
  • Akzeptabler Komfort
  • Schickes Design mit interessantem Geschichts-Hintergrund
  • Gut dosierbare Bremsen
  • Praktisches Keyless System
  • Integralhelm geht sich nicht unter Sitzbank aus
  • Armaturen könnten schöner gestaltet sein

Bericht vom 18.05.2024 | 22.554 Aufrufe

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