BMW M 1000 R Test - Das beste Naked Bike 2023?

Martin Bauer testet

Mit 210PS und nur 199kg sind die Gene der neue M1000R aus dem Hause BMW sicher eindeutig definiert und der Griff nach der Krone in der bereits stark besetzten Hyper Naked Klasse für alle sichtbar. Doch geht sich damit der erste Platz an der Sonne tatsächlich aus?

Auf den Bergstraßen rund um Almeria wurde sie zum ersten mal entfesselt und somit konnte die neue Naked endlich ihr Potenzial zeigen. Beginnen wir mit dem Herzstück und gleichzeitig sicher dem herausragendsten Merkmal:

Motor und Leistung der neuen M 1000 R

Der Reihen 4 Zylinder mit 999 ccm stammt nicht wie vermutet von der S1000R ab, sondern wurde direkt vom Superbike der S1000RR entnommen und in das unverkleidete Chassis der M1000R gesteckt. Dabei verzichtete BMW auf das sonst übliche Anpassen der Leistungscharakteristik des Aggregates für die Klasse der Streetfighter. Das bedeutet deshalb auch gleiche Leistung sowie Drehmoment wie beim Superbike und somit satte 45 PS mehr als die S1000R. Ein Paukenschlag und jedenfalls neuer Rekord bei den Nakeds. So viel zur Theorie und wie macht sich das Triebwerk im Einsatz?

Bis 6.000 U/min geht der Superbike Motor trotz der Shift Cam Technologie eher gemütlich zur Sache und lässt nicht, wie man von einem 210PS Motor erwarten würde, das Blut gerinnen wenn man den Gashahn voll aufdreht. Danach legt er aber merklich zu und wird ab 9.000 U/min so richtig zornig und macht eindeutig klar warum er in einem der stärksten Superbikes Verwendung findet. Nachdem der Begrenzer erst bei 14.600 U/min einsetzt, sprechen wir immerhin von einem nutzbaren Drehzahlband von fasst 6.000 U/min, in dem der Motor sich immer im 200 PS Bereich befindet und das leichte Naked Bike Richtung Horizont beamt. Dabei ist es offensichtlich, dass dieser Schub in den unteren 2 Gängen kaum abrufbar ist, da sich das Vorderrad sowieso Richtung Himmel verabschiedet, wenn da nicht ein paar elektronische Helferlein wären, dazu aber später mehr.

Vibrationen immer noch ein Problem

Dank der nun etwas kürzeren Gesamtübersetzung fällt der etwas zahmere untere Drehzahlbereich nicht ganz so ins Gewicht und wird zügig durchschritten was auch dem Durchzug zugute kommt. Mit kürzer ist aber nicht kurz gemeint, denn der erste Gang macht dank des hohen Drehzahllimits immer noch knapp 140km/h und katapultiert einem zumindest in Österreich schon in die Illegalität.

Doch wie so oft, da wo viel Sonne ist, ist auch Schatten. Leider sind auch in der M1000R wie schon bei der S1000RR Motorvibrationen besonders rund um 6.000 U/min spürbar, die durch den breiten Lenker auf die Handflächen übertragen werden. Durch die serienmäßige eigentlich pfiffige Montagelösung der Spiegel an den Lenkerenden, führen die Vibes auch im Spiegel zu starken Verzerrungen des Spiegelbilds und erschweren dadurch etwas den Blick nach hinten. Dieser ist aber gerade bei diesem Bike nicht unwichtig, da nach einer Beschleunigungsorgie vermutlich die meisten anderen Verkehrsteilnehmer eher hinter einem zu sehen sein werden.

Umfangreiche Elektronik des BMW Naked Bikes

Diese ist gerade bei den starken Bikes mit ihren Assistenzsystemen kaum mehr weg zu denken. Deshalb hat BMW auch auf diesen Gebiet eine Schippe nachgelegt.

Grundlegend gibt es 4 vorgefertigte Fahrmodi: RAIN, ROAD, DYNAMIK und RACE. Diese sind vorbelegt und schärfen beim durchspringen nicht nur die Gasannahme (Ride by Wire), sondern limitieren auch die maximale Leistung besonders in den ersten drei Gängen. Erst ab dem Modus RACE wird auch in diesen Gängen auf ernst gemacht und die volle Leistung freigegeben. Auch die Traktionskontrolle wird mit dem Modiwechsel automatisch auf andere Werte eingestellt. Darüber hinaus findet sich noch 3 weitere, selbst belegbare Modi im Display. PRO1 bis PRO3. Diese bauen auf die Grundkennfelder des RACE Modus auf, ermöglichen aber zusätzlich eine starke Individualisierung aller elektronischen Helfer sowie dem elektronischen Fahrwerk. Per Knopfdruck mit der rechten Hand kann dann ganz einfach während der Fahrt zwischen den Modi umgeschaltet werden ohne in den Tiefen der Menüstruktur verloren zu gehen. Und welche Fahrhilfen stehen jetzt zur Verfügung?

Am wichtigsten ist hierbei wohl die TC zu nennen. Die Regeleingriffe können in den 3 PRO Modi stufenweise mit der linken Hand verstärkt oder abgeschwächt werden. Für die Mutigen können die Regeleingriffe auch relativ einfach per Zusatzschalter deaktiviert werden. Die Regelung selber ist sehr unspektakulär. Durch Zurücknahme der Drosselklappe sowie Zündung und Einspritzung wird die Zugkraft des Motors deutlich verringert und ein beginnendes Durchdrehen des Rades je nach eingestellter Stufe zuverlässig verhindert. Das passiert bereits so sanft, dass der Fahrer davon nicht mehr viel spürt.

BMW M 1000 R mit faszinierender Wheelie Control

Ein Highlight für mich ist die neu abgestimmte Wheeliecontrol. Diese kann nämlich jetzt auf einen gewünschten Abhebewinkel eingestellt werden. Das funktioniert auch wirklich gut! Eine große Hilfe für alle die das Wheeliefahren noch nicht so beherrschen, es aber gerne machen würden. Mit diesem Feature kann selbst im ersten Gang der Hahn voll gespannt werden und das Vorderrad hebt tatsächlich nur bis zur gewünschten Stellung ab. Die Regelung funktioniert dabei so gut, dass man sofort Vertrauen fast. Für viele sicherlich eine große Bereicherung.

Eine weitere Hilfe für den außerhalb üblichen Fahrbetrieb ist die Brake Slide Control. Diese ermöglicht mit Hilfe der ABS Eingriffe ein quer Reinfahren in die Kurve. Durch den unterschiedlichen Schlupf von Vorderrad und Hinterrad lässt das System den Bremsdruck etwas nach und hält sozusagen einen bestimmten Driftwinkel. Leider verfügt das System aber über noch keinen Lenkwinkelsensor, der für so eine Regelung aber eine wichtige Führungsgröße darstellt. Deshalb hat das System im Vergleich zur Wheeliecontrol auch ihre Grenzen. Am ehesten kann man sie auf der Rennstrecke bei höheren Drehzahlen einsetzen, da funktioniert sie am Besten. Was man hierzu noch zu Hilfe nehmen kann ist die verstellbare Motorbremse. Diese kann in mehreren Stufen von maximal möglichen bis zu deutlich reduzierten Motorbremse einen großen Bereich abdecken.

Natürlich findet sich auch ein gut funktionierender Blipper an Bord, der den Gangwechsel sehr einfach gestaltet. Auch auf eine Launch Control wurde für die Racing Freunde nicht vergessen. Was für viele aber eventuell im Alltagsgebrauch eine Hilfe darstellt, ist die Berganfahrhilfe die ein zurückrollen des Bikes beim Anfahren am Berg verhindert. Nach 2 maliger Betätigung der Bremse hält die Regelung die Bremskraft auch beim Loslassen des Bremshebels aufrecht, bis ein Vorwärtsdrang durch Einkuppeln und Gasgeben dedektiert wird. Vielleicht nicht das wichtigste Feature für ein sportliches Bike aber immerhin nice to have.

Rahmen und Fahrwerk

Der Rahmen ist eine der wenigen Dinge, die gegenüber der S1000R gleichgeblieben ist. Nur beim Fahrwerk wurde auf das bekannte elektronische DDC gesetzt, welches aber eine neue Regelung bekommen hat. Mit dem verwendeten Magnetventil zur Regelung der Dämpfung hat man aus technischer Sicht eine fast unbegrenzte Anzahl an Möglichkeiten. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig ein gut funktionierendes Fahrwerk. Man benötigt viel an Erfahrung, um mit dieser Technik auch die gewünschten Effekte hin zu bekommen. Man merkt jetzt, dass BMW damit viel gearbeitet hat und die zu Grunde liegenden Regelungen ganz gut getroffen hat. Der Fahrer kann hier sogar die Dämpfung in den PRO Modi nach belieben übers Display justieren und den jeweiligen Fahrmodus zuordnen. Nur die Federvorspannung ist noch manuell einstellbar. Sowohl auf der Straße als auch bei Rennstreckenbetrieb hat man damit gute Möglichkeiten, sich das Fahrwerk nach seinen Wünschen in gewissen Grenzen anpassen zu können. Mit Slickbereifung und schnellen Rundenzeiten muss sich das System erst noch beweisen. Die wenigen Runden auf der Rennstrecke in Almeria mit Straßenbereifung hat es allerdings mit etwas Bewegung in den Beschleunigungsbereichen gut gemeistert.

Aerodynamik - was bringen die Winglets?

Gerade mit starken Motoren in Naked Bikes gibt es immer mehr die Schwierigkeit des abhebenden Vorderrades, das zwar Spaß macht aber leider auch die Fahrstabilität stark negativ beeinflusst. Dagegen sollen die neuen effizienten Flügel wirken. Diese beginnen aber erst ab ca. 150 km/h zu wirken. Nachdem die M1000R aber bis dahin auch beim harten Beschleunigen ungewöhnlich stabil liegt, fällt das nicht stark ins Gewicht. Auf der Landstraße konnte trotz des starken Antriebs keine unangenehme Instabilität bemerkt werden. Erst auf den schnelleren Geraden auf der Rennstrecke zeigt sich das Naked Bike typische schlingernde Verhalten des Vorderbaus, das aber zu jeder Zeit gut berechenbar bleibt und mit ruhiger Hand am Lenker auch stabilisiert werden kann. Ein kleiner Tribut der beim Fahren eines Streetfighters einfach vorhanden ist.

BMW M 1000 R 2023 Bremse

Auch hier wurde wieder ins Superbike Regal gegriffen. Die RR Bremse wurde dabei leicht angepasst und mit 5mm starken Bremsscheiben kombiniert. Das Ergebnis macht wirklich eine top Figur. Die Bremse zeigt sich super bissig ohne zu aggressiv zu wirken. In Kombination mit der guten Conti Kurven ABS Regelung sind hohe Verzögerungswerte mit Leichtigkeit zu realisieren. Auch das in die Kurve bremsen fällt leicht, da der Druckpunkt und somit die Rückmeldung gut funktioniert. Für die Rennstrecke gibt es dann noch Racingbeläge die die Möglichkeiten nochmals verbessern sollen.

Martin_Bauer

MARTIN_BAUER

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Fazit: BMW M 1000 R 2023

Somit kann man mit guten Gewissen sagen, dass die neue M1000R sehr gut gelungen ist und das gesamte Paket gut passt. Auch wenn es sicherlich eher auf die sportlichen Fahrer abzielt, kann sich das Bike auch bei längeren Landstraßenfahrten mit kleinen Einschränkungen hinsichtlich Fahrkomfort gut bewähren. Durch den tieferen geraden Lenker eher nach vorne orientierte Sitzhaltung in Kombination mit höheren Fußrasten ergibt sich automatisch eine sportivere Dynamik, die gerade bei größeren Fahren keine Couchgefühle aufkommen lassen. Dafür hat man einen guten Kontakt zum Vorderrad und ausreichend Schräglagenfreiheit. In Kombination mit dem starken Antrieb spielt das neue Hyper Naked auf jeden Fall in der obersten Liga. Der starke RR Motor ist abgesehen von den leichten Schwächen in unteren Drehzahlbereichen und leichten Vibrationen eine Macht, der derzeit nur wenig Konkurrenz im Naked Segment zu fürchten braucht. Die neue Elektronik verhilft auch den nicht so geübten Fahrern bei konservativen Einstellungen die geballte Kraft dosiert freigeben zu können.


  • Starker Motor
  • Tolle und einstellbare Elektronik
  • Gute Rückmeldung
  • Vibrationen
  • Motor bei tiefen Drehzahlen etwas zahm

Bericht vom 29.11.2022 | 13.117 Aufrufe

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