Intensiv-Test: Suzuki GSX-S 1000GT 2022 im Reisecheck

Eine Reiseüberraschung allererster Güte

Gebückte Haltung, Wind und Wetter ausgesetzt, Einsatzgebiet eingeschränkt. Die Sporttourerklasse kam in den letzten Jahren durch andere Motorradsegmente ordentlich unter Druck. Kann die Suzuki GSX-S 1000 GT dem Druck standhalten?

Mehr Tour geht nicht: Reisezubehör der Suzuki GSX-S 1000 GT ausgeschöpft

Die einwöchige Reise war nicht unser Erstkontakt mit der Suzuki. Anfang der Saison konnten wir in Spanien Erfahrungen mit der GSX-S 1000GT sammeln und selbst in den Alpen waren wir beim Test im Rahmen der Alpenmasters 2022 schon mit ihr unterwegs (auf diesen Test möchte ich alljene verweisen, die sich für das Ansprechverhalten des Motors interessieren). Insofern hatte ich eine relativ gefestigte Meinung zu dem Sporttourer: Spaß ja, Tagestour ja, längere Etappen mühsam. Eines vorweg: Meine Ansichten musste ich nach 2000 km in sieben Tagen über den Haufen werfen.

Der Hauptgrund dafür ist bei Suzuki Österreich zu suchen, die uns eine GT in der "volle Hütte" Variante zur Verfügung stellte. Die Sonderausstattung umfasste folgende Posten: Holiday Paket (bestehend aus Seitenkoffer, Schlosssatz, Halterungen, farblich passenden Abdeckungen und Tankpad), Griffheizung, Touring-Scheibe, Tankrucksack mit Ringbefestigung, Tankschutzfolien, Komfort Sitzbank. Insgesamt wird der österreichische Grundpreis der GSX-S 1000GT von 16.890 Euro dadurch auf knapp 19.000 Euro angehoben. Ein stolzer (Auf-)Preis, der bei der Suzuki allerdings wirklich an genau den Schrauben dreht, die der Reisetauglichkeit dienen.

Am Weg zum Stilfser Joch gibt es auch weite Kurven - Härtetest für Windschutz und Fahrwerk!

Unsere Reise führt uns auf einen der spektakulärsten und auch berüchtigtsten Pässe der Alpen, das auf 2758 Meter gelegene Stilfser Joch. Zuvor gab es ab Wiener Neustadt jedoch auch einige Kilometer Autobahn und Schnellstraße und damit weite Radien, um Hochgeschwindigkeitsstabilität und Windschutz gebührend beurteilen zu können. In diesen Kategorien schlägt sich die Suzuki gut. Der Touring Windschild (+70 mm Höhe im Vergleich zum Standard) nimmt den Oberkörper gut aus dem Wind, während der Helm mit meiner Größe von 1,87 Metern den Umwelteinflüssen ausgesetzt bleibt. Dank dem angepassten Gehörschutz von Neuroth konnten wir uns in der Gruppe über unser Kommunikationssystem Cardo Packtalk Edge dennoch gut über die Fahreindrücke unterhalten. Auch die Suzuki selbst trägt dank Touringsitzbank und geradem Lenker, die eine aufrechte Sitzposition erlauben dazu bei, dass lange Etappen im Sattel ohne nennenswerte Ermüdung möglich sind.

Abstriche muss man beim Schutz der Extremitäten machen, ohne Handguards kühlen die Finger trotz Griffheizung rasch aus. Zudem ist es schade, dass die Bedienung der Heizgriffe keine optische Implementierung in das herrlich ablesbare 6,5 Zoll TFT Display erfährt. Dadurch war während der Fahrt nicht ersichtlich, welche der drei Heizstufen eingestellt ist.

Beim Thema Stabilität hat die GSX-S 1000GT ihre Hausaufgaben gemacht. Das Fahrwerk, dessen Gabel voll einstellbar ist und dessen Federbein eine Vorspannungs- und Zugstufenadaption erlaubt, ist zwar komfortbetont grundabgestimmt, erlaubt jedoch durch den weiten Einstellbereich auch eine sportlichere Abstimmung. Im Grundsetup kommt bei forsch gefahrenen welligen Kurven doch einiges an Bewegung ins Fahrzeugheck, die GT neigt zum Nachschwingen. Daher haben wir die Zugstufe mit ein paar Umdrehungen angepasst, was zu einer spürbaren Besserung geführt hat. Die Verstellung der Vorspannung am Federbein erfordert den Griff zum guten alten Hakenschlüssel (der dem Boardwerkzeug beiliegt), lässt sich also nicht rasch per Handrad anpassen - schade! Bei der Gabel sucht man den für dieselbe Arbeit benötigten Schraubenschlüssel unter der Sitzbank vergeblich.

Optimale Ausgangsposition für den Stelvio - MoHo Paradies in Sulden am Ortler

Nimmt man sich einen Gegner wie den Stelvio vor, ist, unabhängig vom Motorrad, optimale Vorbereitung Pflicht. Leichter kann man es sich machen, wenn man in einem auf Motorradfahrer ausgelegten Hotel nächtigt. Wir vertrauen seit Jahren auf die Vereinigung MoHo-Motorradhotels. Beim Hin- und Rückweg haben wir daher jeweils einen Zwischenstopp in Kärnten eingelegt, einmal beim Strasswirt im Gailtal und einmal beim Erlebnishotel Kärnten-Mölltal. Da wie dort wurden wir dank Halbpension mit guter Küche und unsere Motorräder dank Garage samt Platz zum Waschen und Pflegen bestens versorgt. So erholt und vorbereitet konnten die anstehenden 400km Etappen, gespickt mit Tourentipps der Hoteliers, problemlos absolviert werden.

In Südtirol angekommen haben wir mit dem Pure Mountain Resort Paradies die perfekte Ausgangsposition für unseren Sturm aufs Stilfser Joch gefunden. Das auf 1900 Meter Seehöhe gelegene Sulden am Ortler ist nah genug am Stelvio dran, um schon früh am Tag, noch vor dem Ansturm der Massen, am Fuße des Passes einzutreffen und bietet gleichzeitig mit 15 km kurviger Anfahrt genug Aufwärmzeit für Mensch, Maschine und Reifen, um sich den 48 Kehren gut vorbereitet hingeben zu können. Besser geht es nicht. Auch postkartenschmückende Highlights wie der Reschensee, samt dem in ihm stehenden Kirchturm, sind von hier aus in unter einer Stunde zu erreichen.

Knapp 2000 Höhenmeter auf 27 Kilometer - Suzuki GSX-S 1000GT am Stelviopass

In medias res, den ab Leerlaufdrehzahl schön Druck liefernden K5 Motor zwischen den Beinen, schlängel ich mich die ersten Kehren hinauf. Das gut schaltbare Getriebe samt Quickshifter erleichtert mir die Wechsel zwischen Gang 1 und 2, die anderen werden am Stelvio nicht oft benötigt. Der Lenkeinschlag der Suzuki GT ist sporttourertypisch beschränkt, dennoch gelingt es mir durch die Nähe zum Vorderrad viel Vertrauen aufzubauen. Den Wendekreis kann ich durch mehr Schräglage verkleinern. Der gerade Lenker hilft beim Dirigieren durch die engen Kehren immens, hier ist richtige Blickführung und Linienwahl gefragt.

In der Anbremszone, die sich am Pass oft wellig und rissig präsentiert, kann die Suzuki mit zwei weiteren Stärken aufwarten, die helfen, meinen Puls im Zaum zu halten. Einerseits verrichtet die Gabel mit ihrem angenehmen Ansprechverhalten ausgezeichnete Arbeit, andererseits tut sich der Doppelanker von Brembo in der Front kräftig, aber nicht bissig als ideal zum Tourenmotorrad passend hervor.

Assistenzsysteme vorhanden aber nicht mehr 100% zeitgemäß

Während ich an der fünfstufig einstell- und abschaltbaren Traktionskontrolle nichts auszusetzen habe, ist das ABS in der GT nicht mehr ganz am Puls der Zeit. Die Regelintervalle scheinen länger zu sein als bei der Konkurrenz und auch der Eingriff erfolgt abrupt und relativ grob bzw. stark spürbar. Schräglagenabhängiges Regelverhalten sucht man bei beiden Systemen, mangels 6-Achsen-IMU, übrigens vergeblich. Der serienmäßige Tempomat zeigt dem Piloten nicht die eingestellte Geschwindigkeit, obwohl genug Platz dafür im Display wäre. Das Symbol ist zudem immer grün eingefärbt, unabhängig davon, ob der Tempomat aktiv, also eine Geschwindigkeit gesetzt, oder inaktiv ist. Hier wäre eine weitere Farbe, wie Gelb oder Orange wünschenswert, um einen eingeschalteten, aber inaktiven Tempomat anzuzeigen. Auch das Beschleunigungsverhalten beim Reset auf eine zuvor gespeicherte Geschwindigkeit ist sehr träge, am Motor kann es bei einer Spitzenleistung von 152 PS wohl kaum liegen.

Fahrendes Motorrad

Einen kleinen Augenblick bitte,
die technischen Daten werden geladen...

Ergänzend möchte ich noch das von uns auf der 1000PS Viehwaage ermittelte Gewicht (vollgetankt, samt Zubehör, ohne Koffer) von 231 Kilogramm erwähnen. Damit zählt die Suzuki zu den leichteren Sporttourern am Markt.

Auf der Tour erfahren: Verbrauch, Koffersystem, Tankrucksack, Zuladung und Platz für 2

Der durstige Superbikemotor? Dieses Vorurteil hatte ich zugegebenermaßen im Hinterkopf, als wir die Suzuki mit auf Tour nehmen. Die anderen Teilnehmer: die biedere Honda NT1100, die Triumph Tiger 1200 Rally Pro und die ebenfalls in die unvernünftige Kerbe schlagende Kawasaki Ninja H2 SX SE. An der Tankstelle kam die große Überraschung, Tiger, Ninja und GSX-S 1000GT brauchen quasi gleich viel Sprit, nur die Honda genehmigt sich weniger. 5,7 Liter auf 100km sind für die gebotene Leistung und den an den Tag gelegten Fahrstil ein durchaus vertretbarer Wert. In Kombination mit dem 19 Liter Tank ergibt sich eine Reichweite jenseits der 300 Kilometer.

Das Zeugnis für die Gepäcklösung am Fahrzeug, also den Tankrucksack und die Koffer, fällt durchschnittlich aus. Stauraum ist da wie dort genug vorhanden - die Koffer schlucken jeweils locker einen Helm -, auch die Befestigungslösungen am Bike sind durchdacht und intuitiv in der Handhabung. Leider war das Band auf der Innenseite des rechten Koffer, das den Deckel im rechten Winkel halten sollte, nicht mehr voll funktionstüchtig, was das Beladen erschwerte. Generell habe ich eine Vorliebe für Toploader, die man leider im Originalzubehör der Hersteller aktueller Sporttourer vergeblich sucht. Der Tankrucksack ist in der Größe variabel, aber leider nicht wasserdicht. Das Gefummel mit dem Regenüberzug stellt insbesondere an wechselhaften Herbsttagen eine entbehrliche Übung dar.

Der Soziusbetrieb auf der Suzuki GSX-S 1000GT ist möglich. Einschränkende Faktoren sind zum einen die relativ geringe Zuladung von knapp 190 kg, zum anderen die Sitzposition des Sozius. Knapp am Piloten dran, jedoch weit oben in der Galerie thront der Hintermann mit spitzem Kniewinkel auf einem kleinen Polster, das ermöglicht zwar eine gute Übersicht für den Mitfahrer, hebt den Schwerpunkt der GSX-S 1000GT jedoch merklich an. Das wiederum schlägt sich in ungewohnt unhandlichem Fahrverhalten im Zweimannbetrieb nieder.

Fazit: Suzuki GSX-S1000GT 2022

Die Grand Touring Variante der GSX-S vereint die supersportlichen Gene der Modellreihe mit erstaunlich viel Touring Potential. Das top Chassis und der bombige Motor garantieren Fahrspaß. Gleichzeitig ist die Ergonomie vielseitig genug gestaltet, um auch entspannte Etappen zu ermöglichen. Die Suzuki nimmt als echte Sporttourerin sowohl den Sport, als auch das Touring ernst und schafft diesen Kompromiss ausgesprochen gut. Lediglich die Übersetzung könnte für den Landstraßeneinsatz etwas kürzer sein und Technokraten könnten schräglagenabhängige Systeme vermissen. Davon abgesehen bietet die GSX-S GT aber üppige Ausstattung und ein rundes Gesamtpaket.


  • Geiler Motor mit viel Drehmoment aus der Mitte
  • Stabiles Chassis
  • Vielseitige Ergonomie
  • Guter Sound
  • Top Quickshifter
  • Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Ziemlich lange Übersetzung
  • Windschild nicht verstellbar
  • Kein Schräglagensensor

Bericht vom 27.09.2022 | 15.494 Aufrufe

Du hast eine Neue?

Verkaufe dein Gebrauchtmotorrad im 1000PS Marktplatz.

Inserat erstellen

Empfohlene Berichte

Pfeil links Pfeil rechts