Moto Guzzi V7 Sport 1972 vs. V7 Stone 2022 im Vergleich

Wie sehr verändert sich ein Motorrad in 50 Jahren?

Nicht viele Motorrad-Modelle können auf eine über 50-jährige Geschichte zurückblicken. Und selbst wenn, sehen sie sich selten so ähnlich, wie die Moto Guzzi V7 Sport aus 1972 und die V7 Stone aus 2022. Die zwei V7-Generationen zeigen uns, was sich in einem halben Jahrhundert Motorradentwicklung alles verändern kann.

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Heutzutage wird Moto Guzzi vor allem mit emotionalen Motorrädern, sich durchziehendem Retro-Design und nicht zu vergessen, dem längs verbauten V2-Motor assoziiert. All das wäre aber vermutlich nie soweit gekommen, wenn es die Moto Guzzi V7 Sport nicht gegeben hätte. Sie war 1971 der Funke, der Moto Guzzi wieder Leben einhauchte und das Feuer der ikonischen Marke wiederbelebte.

Das Motorrad mit dem queren V2! - Der Moto Guzzi Mythos entsteht

Moto Guzzi hat seine sportlichen Ambitionen Ende der 50er Jahre begraben und seitdem konzentriert sich die finanziell schwache Marke auf den lukrativen Vertrag mit der italienischen Polizei und dem Militär, wofür sie die erste Zweizylinder des Hauses, die erste V7, bauen. Doch diese ersten Zweiräder mit knapp über 700 cm³ sind eher träge und praktische Bikes und lassen in der zivilen Welt nur wenige Herzen schneller schlagen. Finanziell gerät Moto Guzzi immer mehr in die Bredouille, muss ab 1969 sogar staatlich verwaltet werden und dadurch vor allem sparen. Doch ein Erstarken des Motorradmarkts veranlasst die Direktoren zu einem vielleicht letzten Versuch, Moto Guzzi wiederzubeleben. In Monza tritt 1969 eine modifizierte V7 Special auf und stellt beim Rennen aus dem Stegreif 15 Weltrekorde auf. Noch am gleichen Tag beginnt Technikchef und legendärer Motorradingenieur Lino Tonti mit der Entwicklung der V7 Sport. 1971 wird sie erstmals präsentiert.

Tonti baut die V7 von Grund auf neu auf, nur der Aufbau des Motors bleibt gleich. Rahmen, Tank und Zündung werden neu entwickelt, der Schwerpunkt sinkt, doch die Leistung und Sportlichkeit der Moto Guzzi V7 Sport steigt. Die Fachpresse und das Publikum sind begeistert, als Moto Guzzi die V7 Sport mit einer Höchstgeschwindigkeit von 206 km/h auf den Markt bringt. Das Motorrad wird zum Objekt der Begierde für viele, das coolste Motorrad der Saison 1972. 62 PS bei 7.250 U/min aus dem 748 cm³ V2, 220 kg fahrfertig, Fünfganggetriebe, Kardan, Stahl-Doppelschleifenrahmen von Tonti und die feinsten Trommelbremsen der frühen Siebziger hören sich heutzutage vielleicht nicht nach viel an, damals ernteten diese technischen Eckdaten aber Begeisterung.

Eigenheiten der Moto Guzzi V7 Sport

Heute mögen uns die Eckdaten nicht mehr vor Ehrfurcht erschaudern lassen, aber auch im Detail betrachtet bleibt die V7 Sport ein interessantes Motorrad. Tonti ging mit ihr aufs Ganze und ließ sich im Laufe der Entwicklung einige technische Lösungen einfallen, die es so heute nicht mehr gibt. Zum Beispiel kann die V7 Sport auf zwei Arten gestartet werden. Einerseits mit dem typischen Startknopf am rechten Lenker, zusätzlich lässt sie sich aber auch nur über das Zündschloss, wie es heute bei PKWs üblich ist, starten. Die Stummellenker sind an den Holmen der Telegabel befestigt und lassen sich über ein einfaches System nach oben verschieben und erhöhen, wodurch diese Lenkerart "Schwanenhalslenker" getauft wurde. Dadurch kann man mit nur wenigen Handgriffen die Ergonomie auf der V7 Sport radikal ändern und sie deutlich Cruising-freundlicher machen. Unter der Sitzbank ist eine kleine Glühbirne zu finden, welche bei Hochklappen des Sattels automatisch anspringt und so den Batteriekasten erleuchtet. Der elektromagnetische Benzinhahn war damals auch eine Neuheit.

Moto Guzzi V7 Sport 1972
Eine von vielen Besonderheiten der V7 Sport: Über den sogenannten Schwanenhalslenker konnte die Ergonomie des Motorrads radikal verändert werden.

Moto Guzzi strauchelt trotz der V7 Sport weiter

Das Gesamtpaket der Moto Guzzi V7 Sport war sportlich, modern und technisch am Zahn der Zeit, sodass selbst der für sie verlangte sehr hohe Preis von z.B. 8360 Mark in Deutschland von der breiten Masse akzeptiert wurde und es viele Interessenten gab. War Guzzi damit endlich auch aus finanzieller Sicht auf der Überholspur? Nein! Der befristete Vertrag der staatlichen Verwaltung lief ab und so konzentrierte sich die Chefetage bei Guzzi auf die Suche nach neuen Geldgebern und die Produktion der V7 Sport lief nur sehr schleppend an. Ab 1973 landet Guzzi endlich in den neuen, zahlungskräftigen Händen des Argentiniers Alejandro de Tomaso, doch für die V7 Sport ist der Zug bis dahin abgefahren. Ende 1972 stellt die neue Kawasaki Z1 die Moto Guzzi in den Schatten und die öffentliche Aufmerksamkeit wendet sich dem Superbike aus Japan zu. Von der V7 Sport werden schlussendlich nur 3691 Stück gebaut. Trotz dieser geringen Stückzahl schaffte sie es aber, den ikonischen längs-V2 für immer an die Marke Moto Guzzi zu ketten. Seitdem ist er sozusagen das Wahrzeichen Guzzis und krönt bis heute die zahlreichen V7-Modelle, die der Sport folgten.

Vergleich zur Moderne - So viel ändert sich in 50 Jahren

Bei Moto Guzzi würde man meinen, dass sich allzu viel in den 50 Jahren gar nicht verändert habe. Der Hubraum ist bei der neuen V7 Stone mit 853 cm³ etwas größer, die Leistung mit 65 PS aber annähernd gleich. Die Ergonomie ist entspannter geworden, die Bremsen mit Scheiben dafür deutlich potenter. Selbst die zu bewegende Masse ist mit 218 kg fast gleich geblieben. Und doch trennen die V7 Sport und die V7 Stone im Sattel Welten. Für die erste Verwirrung sorgt schon die Schaltung, die nicht nur auf der falschen Seite, sondern passend zum "Sport" im Namen auch wie im Rennsport umgekehrt geschalten wird. Das heißt erster Gang hinauf, der Rest hinunter und das Ganze auf der rechten Seite des Motorrads. Auch der Gasgriff braucht viel mehr Kraft zur Betätigung und die Bremsen beißen deutlich langsamer und schwächer zu. Die V7 Sport fordert vom Fahrer Respekt und volle Aufmerksamkeit, während die neue V7 Stone zwar auch den Moto Guzzi Flair bietet, jedoch mit Elektronik und optimierten, modernen Bauteilen ein Rundum-Sorglos-Paket darum schnürt. Kollege Zonko hatte die Gelegenheit eine der seltenen V7 Sport Eisen zu fahren und bespricht gemeinsam mit Besitzer Dr. Hans Jorda von Deusmoto das Fahrgefühl und die Details zur Maschine. Alle Fahreindrücke gibt es im unterhalb verlinkten Video für euch.

Moto Guzzi V7 Sport 1972 technische Daten

Hubraum748 cm³
Motor BauartV2, 4-Takt
Leistung62 PS (45.3 kw) bei 7250 U/min
Verdichtung9.8:1
Bohrung x Hub82.5 x 70.0 mm
Ventile pro Zylinder2
VentilsteuerungOverhead valves (OHV)
KühlungLuft
Getriebe5 Gänge
AntriebKardan
Leergewicht220.0 kg
Höchstgeschwindigkeit128.0 mph/206.0 km/h
Vorderrad-Dimension3.25-18
Hinterrad-Dimension3.50-18
Bremsen vorneTrommelbremse
Bremsen hintenTrommelbremse

Alle Angaben ohne Gewähr

Autor

Bericht vom 22.07.2022 | 6.592 Aufrufe

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