Kleiner Sporttourer ganz groß! - Triumph Tiger Sport 660 im Test

Praxistest in und um Barcelona

Eine Woche lang musste die Triumph Tiger Sport 660 zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt ist und den knallharten Umgang der 1000PS-Filmcrew überstehen. Eignet sie sich als Alltags- und Reisemaschine?

Werbung
powered by HONDA AUSTRIA Branch of Honda Motor Europe Ltd
Mehr erfahren

Motorräder in den Händen von 1000PS haben es nicht leicht. Sie werden gnadenlos durch Kurven gepeitscht, brachial aufs Hinterrad gehoben und bis zum letzten Tropfen im Tank weitergetrieben. Am schlimmsten trifft es aber jene Bikes, die als Begleitfahrzeug in den Händen des Videoteams landen. Dann gilt es Unmengen an Kameraequipment mitzuzerren und egal bei welchen Bedingungen am Filmobjekt dranzubleiben. Die Tiger Sport 660 musste sich dieser Challenge stellen und hat gezeigt, ob sie sich auch als praktikables Alltags- und Reisebike eignet.

Reger Testbetrieb auf der 1000PS-Exklave in Spanien

Spielwiese dieses und vieler weiterer Tests am Anfang der Saison ist Katalonien. Um dem kalten und feuchten Winter in Österreich zu entfliehen, hat sich das 1000PS-Team im Raum Barcelona einquartiert und macht nun das katalanische Hinterland unsicher. Vom Stallduell der Ducati Multistrada V2 vs V4 2022, bis zum rasanten Vergleichstest der Ducati Streetfighter V2 versus der KTM 1290 Super Duke R erwarten euch aus Spanien noch viele leiwanden Tests und Vergleiche.

Anzeige

Der klassenbeste Motor? - Triumph Tiger Sport 660 2022

Schon seit der Vorstellung der Triumph Trident 660, der ersten Vertreterin der 2021 ins Leben gerufenen 660er-Modellreihe, waren wir bei 1000PS begeistert vom Motor. Dabei waren die Erwartungen anfangs alles andere als groß:

Bild von Poky
Poky

"Als ich beim ersten Test der Triumph Trident 660 auf die Maschine aufstieg, hatte ich wenig Erwartungen an den Motor. Zu stark waren die Erinnerungen an den 3-Zylinder in der Street Triple mit seiner ewig langen Übersetzung und dem landstraßen-untauglich späten Leistungsfeuerwerk bei fünfstelligen Drehzahlen. Doch es sollte alles anders kommen."

Und wie es anders gekommen ist! Der 660 Kubik Reihen-Dreizylinder ist ein wahres Gedicht der Motorabstimmung. Wunderbar gleichmäßige, zugängliche Leistungsentfaltung mit genug Punch von unten und trotzdem noch ausreichend Leistungszunahme beim Ausdrehen. In Kombination mit der goldrichtig gewählten Übersetzung der sechs Gänge ist die Tiger Sport 660 in der Mittelklasse ganz vorne mit dabei. Die 81 PS bei 10.250 Umdrehungen pro Minute und das maximale Drehmoment von 64 Nm bei 6.250 U/Min machen nicht durch ihre Anzahl auf sich aufmerksam, sondern wie vielseitig sie sich nutzen lassen. Gemütlich im 5. Gang durch die Innenstadt von Barcelona cruisen? Gar kein Problem! Aus dem Radius hinausfeuern, den Gasgriff auf Anschlag halten und mit typischem Dreizylinder-Pfeifen bis 11.000 Umdrehungen stehen lassen? Macht irrsinnig Spaß! Schaltfaules Touring auf der Landstraße? Geht kaum einfacher. Die Souveränität in unterschiedlichsten Situationen macht es aus. Ein großer Grund für diese feine Steuerbarkeit des Motors ist, wie sollte es heutzutage auch anders sein, die Elektronik. Hier finden sich aber auch erste kleine Mankos.

Üppiges Elektronik-Paket mit etwas zu viel Eingriff - Elektronische Systeme der Triumph Tiger Sport 660 2022

Das Elektronik-Paket ist auf jeden Fall auch eine Stärke der Tiger Sport 660. Zwei frei einstellbare Fahrmodi und TFT-Display in der Serienausstattung sucht man sonst in der Mittelklasse vergeblich. Zusätzlich lässt sich die kleine Tiger gegen gutes Geld auch noch mit Smartphone-Connectivity, Lauflichtblinkern, Griffheizung und einem Quickshifter aufmotzen. Das funktioniert auch alles gut und vorbildlich. Das Display ist gut ablesbar und übersichtlich, die Bedienung intuitiv. Die Fahrmodi bringen spürbar einen Unterschied, im Rain-Modus wird zum Beispiel die Gasannahme noch weicher und sanfter. Was gibt es also zu meckern? Für viele Piloten wird der folgende Punkt nicht einmal störend sein, doch gerade erfahrene Fahrer mit starkem Drang zur Selbstbestimmung könnte es missfallen. Das Ride-by-Wire greift, wie bei fast jedem modernen Motorrad, zwischen Gashand und Motor ein und regelt elektronisch die Drosselklappen. Problem ist nur, dass dieser Eingriff aufgrund einer zeitlichen Verzögerung recht deutlich spürbar ist. Am deutlichsten fällt dieser Lag im Stand auf, wenn man einen kurzen Gasstoß abgeben möchte, der Motor aber wie bei einem Echo noch nachhallt und das Gas länger hält als die Hand am Lenker. Kein großes Drama und für die meisten vernachlässigbar, doch bei manchen Manövern, wie zum Beispiel einem präzisen Gasstoß vor dem Runterschalten am Kurveneingang, stört diese Verzögerung dann doch. Unsere Kameramänner stehen auf ihrer Jagd nach dem perfekten Shot aber sowieso über solchem Kinderkram und freuen sich über die zugängliche Charakteristik und die praktische Seite der Tiger Sport 660.

Top Windschutz und reichlich Platz mit an Bord der Tiger Sport 660

Neben dem anständigen Elektronik-Paket lässt sich auch die restliche Ausstattung unseres Testbikes sehen. Zusatzscheinwerfer sind ein nettes Detail, richtig praktisch ist aber das (aufpreispflichtige) Kofferset der Tiger Sport. 57 Liter fassen allein die Seitenkoffer, weitere 47 Liter passen in das zwei Integralhelme fassende Topcase. Äußerst praktisch für ausgedehnte Reisen, oder Unmengen an Kameraequipment. Mit einer maximal zulässigen Beladung von bis zu 223 kg gehen sich sogar Trips zu zweit aus. Auch der Windschutz des mit einer Hand verstellbaren Windschilds macht ausgedehnte Fahrten angenehm. Nur zu rumpelig und uneben sollte die Straße nicht werden, denn da zeigt sich die einzige gröbere Schwäche der Tiger Sport 660.

Etwas weiche Knie - Fahrverhalten der Triumph Tiger Sport 660 2022

Prinzipiell richtet sich die Triumph Tiger Sport 660, wie viele Bikes der mittleren Hubräume, auch an Fahranfänger und ein jüngeres Publikum. Aber bei dem genialen Motor und top Ausstattung könnte sie auch viele erfahrene Piloten in Versuchung führen. Tendenziell sind solch Veteranen der zweirädrigen Fortbewegung aber nicht nur älter, sondern auch größer oder schwerer als die jüngste Riege an Bikern. Schwer beladen, auf holpriger Straße oder allzu motivierte Gangart offenbaren alle die gleiche Schwäche der Triumph Tiger Sport: Das recht weich abgestimmte Fahrwerk. Die 41 mm Upside-Down-Telegabel von Showa und das Showa Monofederbein am Heck bieten beide 150 mm Federweg, wobei nur die Federvorspannung hinten per Handrad einstellbar ist. Die werkseitige Einstellung ist klar auf Komfort ausgerichtet und ist in vielen Situationen auch goldrichtig gewählt. Nur bei stärkerer Beanspruchung knickt das Fahrwerk wie weiche Knie ein. Im schwer beladenen Zustand macht sich dadurch mehr Bewegung im Fahrzeug bemerkbar. Bodenwellen schaukeln das Heck auf und beim starken Anbremsen am Kurveneingang taucht die Gabel ordentlich ein.

Das wird erfahrenen Radienjägern negativ auffallen, die meisten Piloten sollten aber dennoch Spaß mit der Tiger Sport haben und die weiche Abstimmung gerne in Kauf nehmen. Warum? Weil sonst alles top funktioniert. Die Bremserei verzögert fein dosierbar und präzise. Über den breiten Lenker und mit aufrechter Sitzposition lassen sich die 206 kg (fahrfertig) der Tiger Sport kinderleicht in Schräglage drücken. Der Motor macht in allen Lagen Spaß und rundet das sehr gelungene Gesamtpaket der Tiger Sport 660 als zentrales Highlight ab.

Fazit: Triumph Tiger Sport 660

Die Triumph Tiger Sport 660 ist ein grundsolides und gelungenes Reisemotorrad mit für die Mittelklasse ausgezeichneter Ausstattung. Highlight ist der 660er Dreizylinder, der mit elastischen Gängen, ordentlich Drehmoment in der unteren Hälfte des Drehzahlbandes und perfekt gewählter Übersetzung schnell und dauerhaft ein Grinsen unter den Helm zaubert. Hinzu kommt noch guter Windschutz, angenehme Ergonomie und praktisches Zubehör. Einziges Manko der Tiger Sport 660 ist die sehr auf Komfort ausgerichtete Einstellung des Fahrwerks. Angenehm auf Reisen, doch zu weich für ernsthafte Anraucherei.


  • Genialer Motor
  • Top Ausstattung
  • Aufrechte, sehr angenehme Sitzposition
  • Grandioser Quickshifter (optional)
  • Goldrichtig gewählte Übersetzung
  • Guter Windschutz
  • Für sportliche Andrücker oder schwere Piloten zu weich abgestimmtes Fahrwerk
  • Gas wird durch die elektronische Regelung verzögert angelegt

Bericht vom 13.03.2022 | 18.439 Aufrufe

Du hast eine Neue?

Verkaufe dein Gebrauchtmotorrad im 1000PS Marktplatz.

Inserat erstellen

Empfohlene Berichte

Pfeil links Pfeil rechts