Indian Roadmaster Test 2021

So fährt der noch bessere Reisedampfer!

Ein Motorrad mit über 400 Kilo Lebendgewicht kann nur mächtig sein, da wäre es ziemlich unglaubwürdig, würde man von Leichtfüßigkeit sprechen. Die Indian Roadmaster 2021 lässt sich dennoch vergleichsweise einfach bewegen - und überzeugt mit einer Ausstattung die (fast) keine Wünsche offen lässt!

Ein Motor, zwei Räder, ein Sattel und ein Lenker - fertig ist das Motorrad! Zumindest wenn künstlerisch Unbegabte zeichnen, braucht es nicht mehr als diese paar Zutaten, um ein Motorrad zu skizzieren. Und das ist tatsächlich die eine Seite des Spektrums, wo es um Minimalismus, wenig Gewicht und einfachstes Handling geht. Auf der anderen Seite des Spektrums steht hingegen die Indian Roadmaster. Von Minimalismus will dieses vollausgestattete Touren-Flaggschiff nichts wissen. Mit wenig Gewicht will sie bei 412 Kilo fahrfertig ebenfalls nichts am Hut haben. Wie steht es aber um das einfache Handling?

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Auf die Indian Roadmaster kann sich fast jeder schwingen

Nun, grundsätzlich würde ich keines dieser Schwermetalle, sei es Harleys Electra Glide, BMWs R 18 Transcontinental oder eben die Indian Roadmaster einem Anfänger oder Ungeübten in die Hand drücken. Das wäre tatsächlich aufgrund der übermäßigen Masse dieser Bikes zu viel des Guten. Wer aber schon ein wenig Erfahrung (im wahrsten Sinne des Wortes) hat, kann sich getrost auf die Indian Roadmaster schwingen. Denn da wäre schon mal die Sitzhöhe ein Garant für gute Kontrolle - mit 673,1 Millimeter Höhe findet selbst die/der kleinste Pilot/in einen sicheren Stand und muss nur die Maschine vom Ständer heben. Der Rest läuft dann eigentlich wie von selbst.

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Das riesige Thunderstroke 116-Triebwerk benimmt sich erstaunlich gutmütig

Grund dafür sind die angenehm dosierbare Kupplung und natürlich der durchzugsstarke Motor. Die Werte am Papier lassen mit 92 PS und 171 (!) Newtonmeter Drehmoment bei nur 3000 Umdrehungen zwar unbändige Kraft erwarten, allerdings ist das Thunderstroke 116-Triebwerk mit gewaltigen 1890 Kubik Hubraum (daher die Beschriftung 116 für 116 Cubic Inch) bereits untenrum, also auch bei niedrigsten Drehzahlen souverän und umgänglich. Da hat Indian die Elektronik bestens im Griff, der Motor hat keinerlei Tendenzen zu stampfen oder sich unangenehm abzubeuteln. Stattdessen ist das Schmalz stets da und schiebt die Fuhre erstaunlich locker voran, man würde nicht erwarten, dass hier über 400 Kilo bewegt werden müssen. Dass der Motor dabei trotz Euro5 auch noch herrlich klingt und diesen unnachahmlichen V2-Sound generiert, ist das Tüpfelchen auf dem i.

Der Roadmaster macht auch beim Handling alles richtig

Der Vortrieb ist also schon mal gelungen, stellt sich nur die Frage, wie (un-)handlich solch ein Koloss um die Ecken geschoben werden kann. Und auch da zeigt sich die Indian Roadmaster von ihrer besten Seite. Wer denkt, dass die Amerikaner ihre Bikes lediglich auf schnurgeraden Highways testen, irrt gewaltig. Natürlich ist das Fahrwerk auf totalen Komfort getrimmt - wäre schlimm, würde Indian gerade beim Roadmaster zu wenig Komfort bieten. Dennoch ist so viel Rückmeldung im Fahrwerk, dass man diese Indian vergleichsweise spielerisch durch die üblichen Radien heimischer Landstraßen dirigieren kann. Als große Neuerung für den heurigen 2021er-Jahrgang ist die geänderte Dimension des Vorderrads zu nennen, statt 16-Zöller kommt nun ein 130/80-17er-Reifen zum Einsatz, der den Roadmaster einerseits stabil im Geradeauslauf macht, andererseits ein überaus williges Einlenkverhalten an den Tag legt. Korrekturen mitten im Radius sind klarerweise immer noch unerwünscht, aber so mancher sogar 100 Kilo leichtere Tourer macht es auch nicht besser.

Die Bremse der Indian Roadmaster erwartet schon etwas Handkraft

Da passt dann wiederum die Bremsanlage sehr gut dazu, es wird schon erwartet, dass jemand, der diese Wuchtbrumme in Betrieb nimmt, auch etwas fester am rechten Hebel ziehen kann, damit die Fuhre eingebremst wird. Dadurch ist die Anlage aber auch nicht allzu nervös sondern verzögert genau so zuverlässig, wie man es von einem modernen Reisedampfer erwarten darf.

Bei der Ausstattung gibt es wirklich nichts zu meckern!

Wer sich nun trotzdem über die fehlende Dynamik gegenüber einem halb so schweren Motorrad beschwert, sollte sich schließlich die Ausstattung der Indian Roadmaster ansehen - die lässt nämlich keine Wünsche offen! Okay, ich erwähne es gleich zu Beginn, ein Retourgang wäre vermutlich bei solch einem massigen Motorrad kein Fehler, allerdings sollte man sich daher sogleich bei der ersten Ausfahrt einbläuen: Immer mit Hirn einparken! Ansonsten gibt es bei der mehr als umfangreichen Ausstattung tatsächlich nichts zu meckern: verschiedene Fahrmodi, Traktionskontrolle, ABS, 7 Zoll Farb-TFT mit Touch-Funktion (unter anderem Navi per Apple Car Play), Musik-Anlage mit 200 Watt, Heizgriffe, beheizte Sitzbank (Fahrer/Beifahrer getrennt) Tempomat, Keyless Ride, Voll-LED-Beleuchtung und ein Koffersystem (2 Seitenkoffer, Topcase), das mehr als 140 Liter Stauvolumen bereithält. Absolutes Highlight ist (für mich) der elektrische Windschild, der ganz easy über einen eigenen Taster am rechten Lenker aus- und eingefahren werden kann. Damit bietet die Indian Roadmaster einerseits optimalen Wind- und Wetterschutz, wird aber auf Wunsch zum puristischen Bagger mit niedrigem Windschild - den Wind kann man sich nämlich nicht nur auf amerikanischen Highways um die Nase wehen lassen!

Fazit: Indian Roadmaster

Wer sich nicht schon von den 412 Kilo fahrfertig abschrecken lässt, wird bei der Indian Roadmaster durch ein erstaunlich einfaches Handling belohnt. Der bereits von ganz unten souverän hochdrehende Motor und das transparente Fahrwerk machen es jedem Piloten leicht, die schwere Fuhre zu kontrollieren. Die Bremsanlage braucht zwar Handkraft, lässt sich aber gut dosieren und die Sitzposition ist erwartungsgemäß darauf ausgelegt, auch auf hunderten Kilometern nirgendwo zu drücken. Abgesehen vom fehlenden Retourgang (den aber viele ohnehin nicht brauchen/wollen) ist der Roadmaster voll ausgestattet - da fehlt es an nichts. Nicht einmal auf einen elektrischen Windschild muss man verzichten!


  • Souveräner V2-Motor mit spitzen Sound
  • komfortables, stabiles Fahrwerk
  • neutrales Handling
  • gute Bremsen
  • volle Komfortausstattung
  • elektrisch verstellbarer Windschild
  • Sehr hohes Gewicht
  • ordentlicher Preis

Bericht vom 16.10.2021 | 3.950 Aufrufe

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