Royal Enfield Himalayan - Test in Indien

Royal Enfield Himalayan - Test in Indien

Fahrbericht der kleinen Reiseenduro in ihrer Heimat

Die Straßen Goas sind eng, voll und in eher bescheidenem Zustand. Doch im Sattel der kleinen Himalayan kann einem das alles nichts anhaben. Ich hatte die Einzylinder-Reiseenduro drei Tage lang in Indien ausgefasst und durfte sie ausgiebig testen.

24,5PS auf 185 Kilogramm fahrfertig, das Leistungsgewicht verspricht nicht unbedingt Adrenalinräusche im Sattel, entsprechend unaufgeregt nahm ich die kleine Inderin an Tag 1 meines Goa-Trips anlässlich der Royal Enfield Rider Mania entgegen. Warum ich die 411 Kubik Reise-Enduro dann doch nur schweren Herzens wieder hergab, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Wo, wenn nicht hier - wer, wenn nicht wir? Himalayan in Indien - Ein Heimspiel

Die Himalayan wurde 2016 als erstes "purpose-build-motorcycle" von Royal Enfield vorgestellt. Die Ingenieure hatten die Aufgabe ein Motorrad zu bauen, mit dem man den Himalaya überqueren kann. Dennoch sollten die grundlegenden Eigenschaften der Marke, wie Langlebigkeit, einfache Fahrbarkeit und Erschwinglichkeit erhalten bleiben. Das Ergebnis ist eine handliche kompakte, komfortable Reise-Enduro mit ABS, die einen in keiner Situation überfordert.

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Motor und Ergonomie - Die Royal Enfield passt jedem

Der kleine Langhuber hat für indische Verhältnisse genug Kraft (32 Nm bei 4.500 U/Min) um einen selbst bei Überholvorgängen, die in Indien auch in unübersichtlichen Kurven gerne hupend und aufgrund der unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Verkehrsteilnehmer (Kühe!) ständig vorgenommen werden, sorgenfrei durch die Gegend zu befördern. 24,5 PS Spitzenleistung sind ausreichend um im Verkehr mitzuschwimmen.

Das Fünfgang-Getriebe der Himalayan lässt sich butterweich schalten, die Kupplung verlangt kaum Handkraft, so tuckert man entspannt durch die Gegend. Der Einzylinder fühlt sich zwischen 2.500 und 5.000 Umdrehungen pro Minute wohl, darüber nehmen die Vibrationen überhand und die Enfield mahnt zum Schaltvorgang. Sogar im Soziusbetrieb, der aufgrund der extrem weich gepolsterten zweigeteilten Sitzbank auch für den Sozius / die Sozia überaus angenehm von statten geht, fühlt man sich nicht untermotorisiert. Mehr als 70 km/h kann und will man auf indischen Straßen ohnedies nicht fahren (ich wiederhole: Kühe; aber auch Gegenverkehr auf der eigenen Spur).

Sowohl kleine als auch große Piloten finden sich auf der Himalayan gut zurecht. Die Sitzhöhe von 800 mm ist aufgrund der schlanken Sitzbank keine Hürde. Ein britischer Kollege, den ich auf 1,70 Meter schätzen würde, war ebenso problemlos unterwegs wie ich mit meinen 1,87 Metern.

Bremse - Die einzige richtige Schwachstelle der Himalayan

Wirklich Grund zur Kritik liefert hingegen die Bremsleistung der Himalayan, die Vorderradbremse, die mit einer 300 mm Scheibe und Stahlflexleitungen auf dem Papier nicht unterdimensioniert scheint, lässt jeglichen Biss vermissen. Für halbwegs vertretbare Bremswege muss die Hinterradbremse massiv eingesetzt werden- für ein Motorrad dieser Klasse ungewöhnlich, da ja kaum Gewicht auf dem Hinterrad lastet. Das ABS arbeitet zuverlässig, zumindest hinten, die Vorderbremse habe ich, aufgrund der vorhin beschriebenen schwachen Leistung nie in den Regelbereich gebracht.

Elektronik - weniger ist mehr

Neben dem erwähnten ABS und elektronischer Einspritzung, sind hier nur noch die Ganganzeige und der formidable kleine digitale Kompass zu nennen, die man im Cockpit der kleinen Inderin vorfindet, vor allem der Richtungsweiser ist ein herrliches Gadget. Andere Helferlein wie Traktionskontrolle oder etwa Fahrmodi sucht man vergeblich, vermisst sie aber auch keine Sekunde.

Praktikabilität als Trumpf - der größte Vorteil der Royal Enfield Himalayan

Auf den ersten Blick scheint der Tank mit 15 Litern nicht außergewöhnlich groß. Bei einem Verbrauch von rund 3 Litern auf 100 Kilometer sind allerdings Reichweiten um 500 Kilometer damit möglich. Und tatsächlich, nach drei Tagen, in denen ich rund 180 km zurücklegte, war der Tank, der Anzeige nach zu schließen, noch weit über die Hälfte gefüllt. Auch die serienmäßige Gepäckbrücke hinten und der Rahmen um den Tank, an dem sich ebenfalls einiges befestigen lässt tragen zur Vielseitigkeit der Maschine bei. Die hohe Zuladung erlaubt es einen Beifahrer und Gepäck für zwei Wochen mitzunehmen.

Die Himalayan ist eine Senfte - Fahrwerk und Reifen

Die 41mm Teleskop-Gabel vorne und das Monoshock Zentralfederbein hinten, das übrigens erstmalig in einer Royal Enfield verbaut wurde, bieten 200 mm Federweg, man fühlt sich wie auf einem (gemächlich) fliegenden Teppich. Kein Schlagloch, oder die in Goa so beliebten Temposchwellen können einem etwas anhaben. Die Fahrwerksabstimmung ist alles andere als straff, was aber ausgezeichnet zum sonstigen Charakter der Himalayan passt. Wer auf diesem Motorrad Hausstrecken-Rekorde brechen will, hat sowieso Grundlegendes nicht verstanden.

Die schmale Bereifung in den bewährten Offroad-Dimensionen 90/90 21-Zoll vorne und 120/90 17-Zoll hinten, ermöglicht es moderne Stollenreifen aufzuziehen, wodurch die Reise-Enduro auch im Gelände, in Kombination mit der stattlichen Bodenfreiheit, ernstzunehmende Fähigkeiten hat. Die Serienbereifung von Pirelli ist ein guter Kompromiss zwischen Straße und Gelände und war für die kurzen Passagen, die wir auf Staub- und Schotterstraßen zurücklegten vollkommen ausreichend.

Fazit: Royal Enfield Himalayan

Die Verarbeitung ist auf einem überraschend hohen Niveau für ein Motorrad, das in Deutschland und Österreich für unter 5.000 Euro zu haben ist. Alles an der kleinen Himalayan wirkt, als wäre es für die Ewigkeit gebaut. Natürlich kann die kleine Inderin hinsichtlich Leistungsdaten nicht mit anderen mithalten, das will sie aber auch gar nicht. Es ist ein Motorrad für Individualisten die sich dem Höher, Schneller, Weiter der Gesellschaft entziehen wollen- Entschleunigung erster Güte.

1
Vorteile
  • einzigartiger Hingucker
  • stimmiges Konzept
  • hohe Reichweite
  • bequemer Sitz
  • Kompass
  • robuste Technik
  • Preis-Leistungsverhältnis
1
Nachteile
  • Vorderradbremse unterirdisch
  • Leistung für Europa etwas schwach
  • Gewicht relativ hoch

Bericht vom 11.12.2019 | 11.909 Aufrufe

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