Kawasaki Ninja H2 SX Test

Kawasaki Ninja H2 SX Test

H2 SX und H2 SX SE auf Tour

In der H2 SX wird der furchteinflößende Kompressormotor zu einem souveränen Langstrecken-Aggregat. Beim Test in Portugal fahren wir die H2 und die H2 SX auf der Landstraße, in der Stadt und auch auf der Teststrecke. Faszinierendes Motorrad!

Beinahe hätte ich sie unterschätzt - die Kawasaki Ninja H2 SX SE. Wir glitten hier in Lissabon gemütlich durch den beschaulichen Sonntagmorgen Verkehr. Der dominante Drehzahlmesser baumelte beschaulich im unteren Drehzahlbereich dahin. Die Maschine wirkte souverän, komfortabel und überaus zahm. Schon nach wenigen Kilometern vergisst man, dass man hier ein extrem explosives Kompressoraggregat unter sich hat. Doch dann kam die Lücke in der mittleren Fahrspur der Stadtautobahn. Die Fahrbahn war noch etwas feucht, die Strecke leicht gebogen. Ich drückte 2 Gänge nach unten und erfreute mich am gut abgestimmten Quickshifter. Dann öffnete ich den Gasgriff hastig und war plötzlich wach.

Kawasaki Ninja H2 SX - Sporttourer - Der Name ist Programm

Die H2 SX mutierte vom frommen Tourer zum böse anreissenden Sportler. Die Traktionskontrolle machte einen sauberen Job und bewahrte mich vor weiterem Unheil. Die Tachonadel war blitzartig auf Tempo 180 und die große Lücke würde plötzlich ganz klein. Ja es stimmt - die H2 SX ist ein einfach zu fahrendes Motorrad, wenn man bloß nicht vergisst, dass sie auch anders kann.

Nun begann ich mich genauer mit der Ausstattung der Maschine zu beschäftigen. Tatsächlich ist es speziell bei diesem Motorrad sinnvoll, verschiedene Powermodi zur Verfügung zu haben. Für die weitere Fahrt hier auf der Stadtausfahrt wählte ich die mildeste Stufe „L“. Zusätzlich dazu kombinierte ich das mit der Einstellung „3“ auf der Traktionskontrolle. Die Justage klappt leider nur bei geschlossenem Gasgriff. Man gewöhnt sich daran, doch wirklich perfekt ist es nicht. Perfekt verrichten die Assistenten danach jedoch ihren Job. In der Stufe L ist weniger Konzentration erforderlich und die sportlich abgestimmte Traktionskontrolle ist im Stadtverkehr in Stufe 3 tatsächlich eine gute Wahl. Auch wenn die Fahrassistentsysteme nur in wenigen Stufen einstellbar sind, ist der Einstellbereich groß. Und das ist gut so - denn in der H2 SX stecken ja quasi 2 Motorräder in einem Bike.

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Kawasaki Ninja H2 SX - Souveräne Spitzenleistung bei perfektem Durchzug

Die Tour führte hier über die lange und beeindruckende Brücke hinunter in den Süden von Lissabon. Danach ließen wir die Maschine wieder etwas von Leine und erfreuten uns am guten Windschutz. Das Windschild selbst ist nicht einstellbar. Laut Kawasaki ist das in dem hohen Geschwindigkeitsniveau etwas heikel. Denn die H2 SX ist von Kawasaki auf der Autobahn bis Tempo 300 geprüft und getestet worden - mit Seitenkoffern. Diese souveräne Art ist die elementare Eigenschaft der Kawasaki Ninja H2 SX. Auf schnellen Passagen hat man im Sattel ein erhabenes und überlegenes Gefühl. Ständig sind Reserven vorhanden, die Freiheit wird nicht durch ordinäres Leistungsdefizit eingeschränkt.

Kawasaki Ninja H2 SX - Schwerer Job für die Reifen

Klar ist die H2 SX insgesamt eher auf der stabilen Seite. Vor allem beim Losfahren biegt sie etwas störrisch ab. Am Motorrad verrichten die eigentlich recht handlichen Bridgestone S 21 ihren Dienst. Doch beim 300km/h Marschflugkörper kommt eine eigene Spezifikation „S“ zum Einsatz. Ziemlich sicher ist hier die Karkasse etwas stabiler und steifer. Sie muss erst warmgeknetet werden - dann lenkt die H2 SX williger und gefälliger ein. Beim Kauf von Reifen ist bestimmt Vorsicht nötig. Für das starke, schnelle und schwere Motorrad muss man bedächtig wählen. Sehr sportliche Reifen haben oftmals ein Problem bei langen Vollgasetappen. Tourenpneus kommen am Kurvenausgang bei flotten Ausfahrten schnell ans Limit. Einige Hersteller haben von ihren Reifen sogenannte „GT“ Varianten im Angebot. Diese bieten zusätzliche Stabilität. Die Fahrten zur Reifenfreigabe werden die Kawasaki Techniker für die H2 SX übrigens im Juni absolvieren. Danach gibt es klare Empfehlungen für die 300kmh Fuhre aus erster Hand. Dieses etwas bürokratisch wirkende Prozedere der „Freigaben“ ist oftmals etwas mühsam und auch überflüssig. Doch gerade hier auf der H2 SX eine unglaublich wichtige Sache. Oder hat jemand von euch Lust darauf Versuchskaninchen bei 300 km/h zu spielen?

Kawasaki Ninja H2 SX - Die Schräglagenfreiheit

Als im Hinterland die ersten Kurven auftauchten, vermittelte die H2 SX sofort vertrautes Sporttourer - Feeling. Man kombiniert leichte Gewichtsverlagerung mit etwas Nachdruck am Lenker und dirigiert das schwere Motorrad präzise und flink auch durch kompakte Kurven. Je weiter wir das Tempo steigerten umso beachtlicher präsentierte sich die Schräglagenfreiheit. Im Laufe des Tests ließen wir die „Lean Angle“ Anzeige bis auf stolze 52 Grad klettern.

Das hochwertig wirkende Fahrwerk verrichtete im Laufe der Tour den Job anstandslos. Klar wurde es von der kompetenten Testcrew perfekt für dieses Terrain abgestimmt. Einige Käufer könnten jedoch das in dieser Preisklasse durchaus übliche elektronische Fahrwerk vermissen. Das Fahrwerk ist voll einstellbar, die Federvorspannung hinten auch sehr komfortabel mit dem hydraulischen Handrad anpassbar, doch eben immer noch konventionell und auch ohne aktive Komponenten. Da begann ich nachzudenken welche Features man noch vermissen könnte. Möglicherweise ein Keyless-System für Fahrzeug und Koffer sowie eine Sitzheizung. Denn bei allen anderen Themen hat Kawasaki sich hier keine Blöße gegeben.

Schaltassistent nur bei der Ninja H2 SX SE

Der Quickshifter arbeitet sauber und präzise beim Rauf- und Runterschalten ohne Kupplung. Das „KQS“ ist an der „SE“ Version der H2 SX serienmäßig mit dabei. Bei der „Standard“ ist er von Kawasaki auch als Zubehör nicht zu bekommen. Außerdem mit an Bord ist eine Griffheizung und die schon erwähnten hochwertigen Fahrassistenzsysteme Traktionskontrolle und Kurven ABS. Leider konnten wir ein weiteres intelligentes Feature nicht ausprobieren. Das Kurvenlicht an der H2 SX SE. Drei LED Scheinwerfer in der Seitenverkleidung leuchten schräglagenabhängig in den Radius hinein. Auf den Fotos und Videos sah das großartig aus. Die simple Lösung kommt ohne bewegte Teile im Scheinwerfer aus und ist damit leicht, robust und vermutlich auch einigermaßen günstig.

Unterschiede Kawasaki Ninja H2 SX und H2 SX SE

-H2 SXH2 SX SE
Anti-Hopping Kupplungxx
Tempomatxx
IMUxx
Traktionskontrollexx
Lounch Kontrolle-x
Kurven ABSxx
Engine Brake Kontrollexx
3 Leistungsmodixx
Quickshifter-x
AnzeigeLCDTFT
Kurvenlicht-x
BremsschläucheGummiStahlflex
Gefräste Speichen-x
Premium Farbe-x
Niedriger SitzZubehörZubehör
12V oder USBZubehörx
Große WindschutzscheibeZubehörx
HauptständerZubehörx
HeizgriffeZubehörx
TankpadZubehörx
KoffersystemZubehörZubehör
RahmenseitenteileZubehörZubehör
KniepolsterZubehörx
Getönte WindschutzscheibeZubehörZubehör
HelmschlossZubehörZubehör
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Hubraum998 ccm998ccm
max Leistung200 PS200 PS
max Drehmoment137 Nm137 Nm
EndantriebKetteKette
Leergewicht fahrfertig256 kg260 kg
Tankinhalt19 Liter19 Liter
Radstand1480 mm1480 mm
Sitzhöhe835 mm835 mm

Wesentlicher Unterschied wird für viele wohl der Quickshifter sein

Kawasaki Ninja H2 SX - Preis Deutschland, Österreich und Schweiz

Wenn man den Preis der H2 oder gar der H2 R im Kopf hat, ist man vom Preis der H2 SX auch positiv überrascht. Sie hat für ein Motorrad dieser Leistungsklasse einen durchaus normalen Preis. Wie konnte Kawasaki dieses Motorrad um rund 10.000 Euro billiger machen als die H2? Da muss erstmal klargestellt werden, dass die H2 SX in sehr vielen Bereichen deutlich anders aufgebaut ist. Der Motor zum Beispiel ist innen ein eigentlich neues Aggregat. Das Verdichtungsverhältnis ist deutlich höher, der Ladedruck ist etwas gesunken und vor allem ist die H2 SX auch so konstruiert, dass man aus ihr keine H2 R machen kann. Sie wurde anders als die H2 nicht mit dem Fokus „Spitzenleistung“ entwickelt, sondern als Tourenmotorrad. Die maximale Drehzahl ist niedriger doch das Drehmoment von 137 Nm immer noch sagenhaft. Außerdem wird die H2 SX bei Kawasaki auch als „normales“ Massenprodukt produziert. Die H2 und die H2 R werden de Facto ja in Handarbeit zusammengebaut. Möglich machen dass zum Beispiel so kleine Unterschiede wie die einfachere Lackierung. Dadurch wird das Motorrad insgesamt deutlich günstiger und öffnet sich einer breiteren Zielgruppe. Aktuelle Preise und Verfügbarkeiten für die Kawasaki Ninja H2 Palette in Deutschland, Österreich und der Schweiz findest Du hier

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Serviceintervalle Kawasaki Ninja H2 SX

Wie ernst es Kawasaki mit der Alltagstauglichkeit meint, zeigen die Angaben zum Serviceintervall. Die H2 SX ist die erste Kawasaki mit 12.000 km Serviceintervallen. Auch der Kompressor benötigt keine besondere Aufmerksamkeit. Trotz des zugänglicheren Preises und dem hohen Maß an Alltagstauglichkeit erregt die Maschine immer noch viel Aufsehen. Dafür sorgt natürlich die markante Optik der im Windkanal gestalteten Maschine. Die Front ist lange, die Linienführung wirkt aggressiv und technokratisch. Doch die Überstunden im Windkanal dürften sich gelohnt haben. Denn davon konnten wir uns am zweiten Tag auf der Rennstrecke in Estoril überzeugen. Anders als sonst, waren wir hier auch mit Textilkombis unterwegs. Denn zwei verschiedene Bekleidungsvarianten haben im Fluggepäck schlicht und ergreifend keinen Platz. Erstaunlich: Auch bei Tempo 280 präsentierte sich die Maschine ruhig und präzise. Auch große Piloten mit ausladenden Klamotten werden also von der Verkleidung gut in Deckung gehalten. Ich selbst fühlte mich mit 185 cm Körpergröße gut behütet. Kollegen mit 195 cm klagten jedoch über den zu engen Kniewinkel.

Kawasaki Ninja H2 SX Beschleunigung 0 - 200

Auf der Rennstrecke war der Sprint von 0 auf 200 natürlich ganz OK. Man ist ja mittlerweile einiges gewohnt und sinkt nicht mehr andächtig in die Knie, wenn der Tacho atemberaubend schnell nach oben schnellt. Beeindruckend wird es dann jedoch über 200km/h. Denn dort spielt die aerodynamisch gute und souverän motorisierte Maschine ihren irren Durchzug aus. Auf deutschen Autobahnen wird sie ziemlich sicher die linke Fahrbahn beherrschen und die Ehre der Motorradfahrer hochhalten. Überholmanöver erledigt sie auch bei 220 noch mit einem müden Lächeln und das folgende Bremsmanöver ebenso. Dank der serienmäßig montierten Stahlflexleitungen (SE Modell) bleibt der Druckpunkt auch bei heftiger Anraucherei klar und knackig. In der Praxis wird sie jedoch auch beim Ampelstart hervorragend abschneiden. Denn im Vergleich zu Supersportlern hat die H2 SX einen längeren Radstand und verzeiht mit dem breiteren Drehzahlband Fehler an der Kupplung. Auch wenn der Sprint von 0-200 theoretisch mit einer Ninja ZX-10R ähnlich schnell möglich wäre, sind durchschnittliche Fahrer auf der Geraden mit der H2 SX deutlich überlegen. Denn die H2 SX schiebt ab 4.000 U/min mit kräftigen Druck nach vorne, während eine ZX-10R immer im hohen Drehzahlbereich gehalten werden muss.

Kawasaki Ninja H2 SX unschlagbar?

Diese Überlegenheit macht die H2 SX aber noch nicht zu einer Wunderwaffe. In Wechselkurven ist man mit dem Handling zwar zufrieden, doch auch ein hochwertiges Fahrwerk kann den Mantel des Schweigens nicht vollständig über die 250 Kilo breiten. Kawasaki richtete für uns einen selbstbewussten Handlingparcours auf der Strecke in Estoril ein. Die stabile Tourenmaschine zirkelte präzise und ausgesprochen flink durch die Radien und machte klar, dass Speed sehr oft durch Stabiltiät und nur selten durch atemberaubendes Handling erzielt wird. Auch beim Rangieren fühlt man sich auf der Maschine einigermaßen sicher. Denn der Lenkeinschlag ist sehr großzügig bemessen und der Motor lässt sich angenehm dosieren. Doch am Ende des Tages ist die H2 SX genau jenes Motorrad in dessen Rubrik sie von Kawasaki einsortiert wird: Ein Sporttourer.

Kawasaki Ninja H2 SX im Vergleich

Wir sind gespannt wie sich die H2 SX bei den Fans von sportlichen Reisemotorrädern behaupten wird. Denn leider bearbeiten manche Hersteller das Sporttourer Segment nur etwas halbherzig. Wie fährt die H2 SX im Vergleich zu anderen Sporttourern? Die SuperDuke GT wirkt handlicher, läuft aber rauer und bietet weniger Komfort auf langen Strecken. Die VFR 1200 von Honda wirkt etwas komfortabler und gediegener ist aber nicht so performant und auch etwas behäbiger. Die Hayabusa ist insgesamt sportlicher positioniert und bietet weniger Reisekomfort. Die hauseigene Z 1000 SX ist insgesamt einfach das kleinere und günstigere Motorrad. Daneben wirkt die H2 SX naturgemäß in jeder Hinsicht wie das Flaggschiff und Topmodell.

Ist die H2 SX empfehlenswert? Solche Fragen muss man selbst für sich beantworten. Fakt ist jedoch, die Angaben im Prospekt werden mehr als erfüllt. Die H2 SX streift den furchteinflößenden Charakter der H2 und H2 R mühelos ab und ist zugänglich und angenehm einsetzbar. Andererseits bietet sie immer noch ein faszinierendes Antriebsaggregat mit sagenhaftem Durchzug. Wer das Wesen von schnellen Sporttourern mag, wird dieses Motorrad lieben.

Fazit: Kawasaki Ninja H2 SX SE

Kawasaki macht aus der H2 einen faszinierenden Sporttourer. Die H2 SX ist ein neues Motorrad und hat bis auf den Kompressor und die markante Front so gut wie nix mehr mit der furchteinflößenden H2 und H2 R gemeinsam. Sie bietet tollen Komfort und glänzt mit den bekannten und universellen Tugenden eines Sporttourers. On top genießt man atemberaubende Beschleunigung.

1
Vorteile
  • faszinierendes Aggregat mit hohem Drehmoment und starkem Durchzug bei tollem Ansprechverhalten
  • tolle Bremsen und sehr stabil in der Bremszone
  • angenehmer Reisekomfort auch bei hohen Geschwindigkeiten
  • hochwertige Fahrassistenzsysteme
  • 12000km Serviceintervall
1
Nachteile
  • Heizgriffbedienung etwas fummelig
  • elektronisches Fahrwerk wäre praktisch und würde zum universellen Charakter sehr gut passen

Bericht vom 06.02.2018 | 20.247 Aufrufe

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