BMW R nineT Scrambler Test 2016

BMW R nineT Scrambler Test 2016

Die etwas gemütlichere und günstigere Version der R nineT

Manchmal liegen selbst die größten Marketingexperten und Branchenkenner falsch - das unfassbare Interesse an der BMW R nineT haben selbst die optimistischsten BMW-Mitarbeiter nicht erwartet! Damit dieser Erfolg auch in der kommenden Saison nicht endet, schiebt BMW mit der R nineT Scrambler ein interessantes Einsteigermodell in die Welt der R nineTs nach.

Vielleicht ist es ihre Optik, vielleicht diese Mischung aus modernen und retro-orientierten Elementen, vielleicht aber auch die Möglichkeit, die R nineT mit coolem "Customizing" auf die eigenen Wünsche hinzuschneidern. Ganz egal, was es ist, das moderne Retrobike verkauft sich wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln - weltweit. Die Produktion musste hinaufgefahren werden, um den Markt bedienen zu können. Damit das Interesse auch in der kommenden Saison nicht abebbt, schiebt BMW ein günstigeres Modell nach, die R nineT Scrambler. Dabei handelt es sich aber keineswegs um eine R nineT, die sich nur durch schlechtere Komponenten definiert, sondern sehr schlau um ein neues Modell, das vom Grundsatz her schon etwas weniger bieten MUSS, als das Original. Einen Scrambler zeichnet nämlich neben geänderter Bereifung und hoch verlegtem Auspuff auch ein minimalistischer Auftritt im Sinne von Gewichtseinsparung aus. Der englische Begriff "Scrambler" bedeutet nämlich Kletterer und wurde ganze zwei Jahrzehnte für geländegängige Motorräder verwendet.

Scrambler - der Ursprung des Motocross

Begonnen in den 1950er Jahren wurden Strassenmotorräder mit grösseren und schmäleren Reifen ausgestattet, im Idealfall auch mit grobstolliger Bereifung, um offroadtauglich zu werden. Der bereits erwähnte hoch verlegte Auspuff, der im Geländeeinsatz nicht behindert und nicht so schnell Schaden nimmt und eine möglichst minimalistische Verkleidung, da Gewichtsreduktion im Gelände natürlich oberste Priorität hat. Erst in den 1970er-Jahren wurden dann erstmals reinrassige Motocross-Maschinen präsentiert, die schliesslich auch in Sachen Chassis und Fahrwerk voll und ganz auf den Geländeeinsatz abgestimmt sind. Damit gerieten Scrambler die kommenden 40 Jahre ziemlich in Vergessenheit.

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BMW R nineT Scrambler - die Bayern werden immer cooler!

Erst in letzter Zeit wird der enorme Coolness-Faktor dieser Motorradgattung vermehrt wiedererkannt und die neue BMW R nineT Scrambler erinnert auf erfrischende und herrlich umgesetzte Weise an die gute alte Zeit. Dementsprechend minimalistisch gibt sich die Maschine etwa mit dem kleinen Rundinstrument über dem klassischen Rundscheinwerfer, das einen analogen Tacho und ein kleines Infodisplay beinhaltet. Letzteres kann unterschiedliche Daten wie Uhrzeit, Tageskilometer und weitere Informationen anzeigen - durch das schmale Display allerdings nur nacheinander, nicht zugleich. Eine wünschenswerte Ganganzeige fehlt im kleinen Display gänzlich, BMW wäre aber nicht BMW, würde es dafür nicht eine aufpreispflichtige Lösung geben - als Sonderzubehör wird es sehr wohl einen Drehzahlmesser geben, der auch eine Ganganzeige beinhalten soll. Weniger gespart wurde bei der Auspuffanlage, stammen die beiden linksseitig hoch verlegten Rohre doch vom renommierten Hersteller Akrapovic. Um den strengen Euro4-Abgasnormen gerecht zu werden, befindet sich links neben dem Federbein zusätzlich ein Aktivkohlefilter und das Mapping des Motors wurde grundlegend überarbeitet.

Der "alte" Boxermotor nach wie vor mit Rechtsruck

Dennoch zeigt sich das bekannte Zweizylinder-Boxer-Triebwerk erstaunlich unverändert, mit 110 PS bei 7750 Umdrehuhungen bleibt die Leistung völlig gleich, mit 116 Newtonmeter Drehmoment bei 6000 Touren stehen lediglich 3 Newtonmeter weniger zur Verfügung. Damit bleibt die ausgeprägte Spritzigkeit und der Grundcharakter des nach wie vor luftgekühlten Triebwerks mit seinem herrlich rauen Benehmen, den phantastischen Vibrationen und vor allem diesem unvergleichlichen Rechtsruck beim Gasgeben nach wie vor erhalten. Also ein durchaus würdiger, trotz modernster Technik der guten alten Zeit verpflichteter Scrambler, der auch in Sachen Bereifung seinem Stil treu bleibt - vorne ein grösseres Rad, hinten ein schmäleres. Die Metzeler Tourance Next-Reifen in den Dimensionen 120/70-19 vorne und 170/60-17 hinten werden im Übrigen direkt von der Reiseenduro R 1200 GS übernommen und bieten wie auf der GS auch auf der Scrambler zuverlässigen Grip und hohen Komfort. Auf Wunsch gibt es auch den beliebten Metzeler Karoo 3 Stollenreifen ab Werk für die R nineT Scrambler und wer sich an den nicht ganz stilechten Gussfelgen stösst und stattdessen lieber Kreuzspeichen-Felgen hätte wird absolut positiv überrascht sein: Die noch edleren und ausgezeichnet zum Gesamtbild passenden Felgen kosten nur knapp 400 Euro Aufpreis - zumindest für mich persönlich eine unumgängliche und glücklicherweise leistbare Zusatzinvestition. Wenn Geld keine Rolle spielt (ja, auch das soll es geben), kann man an Stelle des Stahltanks den Alutank der R nineT montieren, der passt perfekt und kostet in der Version mit wunderschöner Mittelschweissnaht "nur" 900 Euro, mit verschliffener Mittelnaht einen glatten Tausender.

Das komfortable Fahrwerk der R nineT Scrambler entspricht dem Konzept

Der Komfort an sich ist auf der Scrambler besser als auf der normalen R nineT - da sich die vordere Telegabel gar nicht verstellen lässt, ist es durchaus verständlich, dass die Ingenieure gerade beim gemütlichen Scrambler einen Kompromiss zwischen Sport und Komfort in Richtung Komfort eingegangen sind. Am hinteren Federbein lässt sich hingegen die Federvorspannung und die Zugstufe justieren, um das Fahrwerk auf etwaigen Zweipersonenbetrieb abzustimmen. Und da wären wir auch schon beim Sattel, unsere Testmaschinen waren mit einem kürzeren Sattel für Einmann-Betrieb aus dem Original-Zubehör ausgestattet, der sich auf unserer Tagestour als relativ hart erwies - ein weiteres Plus für die etwas weichere Fahrwerksabstimmung bei der R nineT Scrambler als bei der R nineT. Trotz der etwas längeren Federwege von 125 Millimeter vorne und 140 Millimeter hinten ist der Scrambler aber dennoch weit entfernt von schwammig oder indirekt.

Sogar die Bremse macht auf Retro

Ganz so direkt wie die normale R nineT lässt sich der Scrambler aber nicht bewegen, der auf 61,5 Grad abgeflachte Lenkkopfwinkel (R nineT 64,5 Grad) und das grössere Vorderrad sorgen für einen Nachlauf von 110,6 Millimeter, rund 8 Millimeter mehr als bei der R nineT und auch der um 51 Millimeter längere Radstand begünstigt eher die Stabilität als die Handlichkeit. Er animiert also eher zu einer flotten Gangart - der breite und hohe Lenker sowie die aufrechte Sitzposition geben ein ausgezeichnetes Kontrollgefühl - als zu extrem sportlichen Exzessen. Wobei auch die Bremsanlage mit 320 Milimeter-Doppelscheiben an der Front sportliche Anbremsmanöver duldet und völlig ohne Performance-Schwäche pariert - und das, obwohl die Brembo-Bremssättel dem Stil entsprechend axial montiert sind und nicht radial, wie es heutzutage ab der oberen Motorrad-Mittelklasse schon Standard ist. Wer nun denkt, BMW hätte mit den Bremszangen in älterer Bauweise Geld gespart , liegt aber falsch, laut Techniker hat sich Brembo den Retro-Look der modernen Technik fürstlich entlohnen lassen.

Ist die R nine T Scrambler zu gewöhnlich? Individualisierungs-Möglichkeiten ohne Ende!

Das besondere Zuckerl an der R nineT Scrambler ist, dass sie so wie die teurere R nineT über vielfältige Customizing-Möglichkeiten verfügt - auch bei ihr ist der Heckrahmen verschraubt und kann somit ganz einfach verändert werden, die Schwinge verfügt über mehrere Befestigungsmöglichkeiten, etwa für einen seitlich montierten Kennzeichenhalter und das CAN-Bussystem, also die Elektronikleitungen durch das Motorrad verfügen über drei Kabelbäume - einer für den Motor, einer für das Chassis und ein zusätzlicher für das Heck, um eben Umbauten möglichst unkompliziert vornehmen zu können. Damit steht sie zumindest in Sachen Umbaumassnahmen nur wenig ihrer edleren aber auch teureren Schwester nach, immerhin ist die R nineT Scrambler mit 13.000 Euro in Deutschland und 15.550 Euro in Österreich die vielleicht kaufentscheidenden paar Tausender billiger als die normale R nineT.

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Fazit: BMW R nineT Scrambler

Es macht eigentlich keinen Sinn, herausfinden zu wollen, warum die R nineT so beliebt ist, das Konzept passt offensichtlich ausgezeichnet in die heutige Zeit. Ob dieser moderne Retro-Stil auch eine Preisklasse weiter unten mit der BMW R nineT Scrambler funktioniert, wird sich noch weisen. Die Voraussetzung ist aber sehr gut, die Scrambler vertraut auf das gleiche, "alte" Boxer-Triebwerk mimt Luftkühlung, das BMW auf wundersame Weise ohne Einbußen bei Performance und Charakter die Euro4-Tauglichkeit anerzogen hat. Das Fahrwerk ist weicher, der Radstamd länger und die Ausstattung spartanischer - unter dem Decknamen Scrambler geht das aber voll in Ordnung, immerhin steht gemütliches Fahren im Vordergrund. Der optionale Einmann-Sattel ist zwar etwas hart geraten, unbequem ist die R nineT Scrambler aber keinesfalls, vor allem die Sitzposition überzeugt voll und ganz. Wer also mit weniger Ausstattung, Stahl statt Alu und einfacheren Federelementen leben kann, spart mit der Scrambler eine Menge Geld - das er dann am besten in insdividuelles Customizing investiert!

1
Vorteile
  • Boxer-Motor mit Charakter - Vibrationen, Power und Sound inbegriffen. Trotzdem Euro4-tauglich
  • komfortables Fahrwerk
  • angenehme Sitzposition
  • kräftige Bremsen
  • coole Optik
  • viel günstiger als R nineT
1
Nachteile
  • ziemlich harter Sattel
  • spartanische Armaturen, in der Basis ohne Drehzahlmesser und Ganganzeige

Bericht vom 15.07.2016 | 42.972 Aufrufe

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