BMW R nineT Test

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Test der neuen BMW R nineT. Noch keine BMW war so sehr Boxer, wie diese.
BMW R nineT Test
Der Inbegriff eines klassisch-modernen Motorrads und ein Denkmal für den letzen echten Boxer.
 

BMW R nineT Test

Für manche Motorräder muss man sich bedanken. Und als Dank muss man sich eines kaufen.

Obwohl die Auswahl an aktuell angebotenen Motorrädern insgesamt nicht klein ist, gibt es saisonal immer nur ein einziges Motorrad, das ich wirklich unbedingt haben möchte. Ist vielleicht nicht ganz fair, da ich mir Kraft meines Amtes ohnehin alles Erdenkliche herbeiwünschen kann und ich es dann auch tatsächlich zu Testzwecken bekomme, was nicht viel Platz zum Träumen läßt. Dadurch ist mein Hunger nach Neuem, Teurem und Edlem, das ich mir niemals leisten könnte, praktisch zwölf Monate im Jahr gestillt und es ist locker zu verkraften, daß sich keines der getesteten Motorräder in meinem Besitz befindet. Bis auf das eine, das besondere, das begehrenswerte, wo auch mich Lust und Gier zum Sünder machen. Oftmals wird vom höchsten Ziel eines Sammlers blasphemisch vom Gral gesprochen. So viel Pathos möchte ich nicht in das Verlangen nach materiellen Dingen legen, aber es bereitet mir schon leichte Schmerzen, wenn ich weiß, daß geborgt nicht gleich geschenkt bedeutet.


Konsequent einreduzierte Gestalt eines supernackten Nakedbikes.

Beim Test der R nineT in Mallorca schloß sich ein Kreis, der vor über 5 Jahren seinen Anfang hatte. Ende 2009 veröffentlichten wir erste Infos und Bilder zu einem Projekt, das damals noch „LoRider“ heißen durfte. In den folgenden Jahren fragten wir BMW Motorrad Boss Hendrik von Kuenheim unter anderem bei den BMW Motorrad Days und auf der EICMA in Mailand nach Fortschritt und Status Quo des Custom Concepts und wurden jedes Mal vertröstet, allerdings mit optimistischen Worten in Richtung positiver Entwicklung. Denn dieses Projekt, so Kuenheim, läge ihm persönlich ganz besonders am Herzen. Und jetzt, wo wir wissen, daß der Ex-Chef Wort gehalten hat, freuen wir uns mit ihm und verzeihen den Bayern auch, daß die Gestaltungsmöglichkeiten ab Werk doch stark reduziert wurden. Keine Farboptionen, keine Startnummernschilder, keine wirklich extremen Auspuffvarianten.

Aber Vieles wurde dann doch aus den ersten Entwürfen übernommen, wie der flach-gestreckte Tank mit klar lackierten Seitenflächen, die Möglichkeit, ein Café-Racer Heck zu montieren und die konsequent einreduzierte Gestalt eines supernackten Nakedbikes. Ich wage zu behaupten, daß noch keine BMW so sehr Boxer war, wie diese. Ein Denkmal zum 90-jährigen Jubiläum und ein Geschenk an den Flat Twin, der bei der nineT die Hauptrolle spielen darf.

BMW R nineT Test
Plakette am Lenkkopf wie in der guten alten Zeit, mit nostalgischen Begriffen wie "Baumuster". Sogar die Leistung der Kraftrads ist vermerkt, und selbstverständlich Made in Germany.
BMW R nineT Test


Für den Antrieb hat BMW bewußt nicht das neue Wasser-/Luft-gekühlte Aggregat eingesetzt, sondern den nun „alten“ Boxer mit Luft-/Öl-Kühlung. Zwar leistet der „nur“ 110 PS und stemmt ein Drehmoment von 119 Nm. Aber erstens ist das mehr als genug für das vollgetankt 222 Kilo leichte Motorrad (ohne Flüssigkeiten also unter 200 Kilo) und zweitens bringt der Vorgänger doch deutlich mehr Charakter mit als der neue Motor. Der Zug nach rechts beim Gasgeben, die Vibrationen, das Schütteln am Stand. Es war wichtig, daß BMW dieses Juwel in eine wunderschöne Fassung gekleidet und konserviert hat. Denn ich fürchte, ab jetzt könnte es zu modern werden, zu technisch, zu glatt. Wer z.B. nur eine neue GS fährt, wird das kaum merken, da ist immer noch viel Räudigkeit zu spüren, aber im Vergleich zum Luftkühler – kein Vergleich.

Man spürt es und hört es, während man als Fahrer auf einer Sitzhöhe von nur 785 mm ein so nostalgisches Panorama genießt, daß man weinen möchte. Zunächst verraten nur die massive 46 mm Up-Side-Down Gabel und ein kleines LCD-Display, daß das hier nicht von gestern ist. Selten sind Kopf und Tank so weit voneinander entfernt. Der Aluminium-Körper fließt praktisch horizontal in den ebenso flachen Sitz, der entweder in einen Sozius ausläuft oder durch ein Café-Racer Heck (Aluminium-Höcker aus dem Zubehör) auf einen Monoposto reduziert wird. Unter dem schwarz-silbernen Tank quillt die angespannte Boxer-Brust an den Seiten hervor. Der Anblick trübt die Sinne; selbst wenn man nicht der Typ dafür ist, denkt man bald, man wäre James Dean.

BMW R nineT Test
Man fährt in Farbe, fühlt sich aber wie in einem Schwarzweißfilm.
BMW R nineT Test
So müssen sich unsere Väter und Großväter gefühlt haben. Motorräder waren etwas Besonderes, Seltenes. Autos auch. Entsprechend groß die Freiheit auf den Straßen.

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Das Fahrwerk der R nineT ist überraschend hart abgestimmt, von 120 mm Federweg vorne und hinten ist nicht viel zu spüren. Auch der Sitz bietet eher bescheidenen Komfort, wenngleich er mehr Halt bietet als erwartet, was angesichts des fehlenden Tankbuckels zum Abstützen bei radikalen Bremsmanövern zu begrüßen ist. Der breite Lenker kommt einem weniger entgegen als auf einer R 1200 R, mit der die nineT übrigens kaum etwas gemeinsam hat. Der Blick von oben ist ohnehin mit nichts zu vergleichen, man kann das nicht oft genug betonen, wie auf einem alten Café Racer. Die R nineT schafft es nicht nur, die volle Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich zu ziehen und ihn in ihre Gefühlswelt zu holen, sie ändert die gesamte Perzeption, als würde alles auf 16-mm Film ablaufen. Erlebt man auf modernen Motorräderrn nicht mehr oft. Durch das Fehlen jeglicher aerodynamisch sinnvoller Teile, "genießt" man zudem einen Windschutz wie im freien Fall.


Sportlichkeit und Romantik harmonieren.

Interessant ist, dass die Sportlichkeit der Romantik nicht in die Quere kommt. Neben der massiven Gabel wird das Vorderrad auch von einem Lenkungsdämpfer beruhigt, das Zentralfederbein an der Einarm-Aluminiumschwinge ist in der Federvorspannung mittels Handrad hydraulisch stufenlos einstellbar, auch die Zugstufendämpfung ist einstellbar. Der Motor mag nicht die letzte Evolutionsstufe seines Typs sein und ist dennoch ein hochmodernes Stück Technik. Zwischen analoger Geschwindigkeitsanzeige und Drehzahlmesser kauert ein kleines LCD Display mit diversen Zusatzinformationen zu Kilometerstand, Tageskilometer, Benzinstand etc. All das vernichtet meistens den Versuch, klassisches Design mit moderner Technik zu verbinden. Die Bayern haben es in der nineT in fast perfekter Weise geschafft. Ich wünschte mir sogar noch neuere Technik, nämlich beim Bremsen. Nicht, dass die beiden 320 mm Scheiben mit radial montierten 4-Kolben-Monoblock-Bremssätteln nich enorm verzögern würden. Aber sobald das ABS anfängt, zu regeln, lässt diese Vehemenz nach. Kann sein, dass ich bei meiner Aktion, auf die ich zur Schonung der Nerven meiner Verwandten und Freunde nicht näher eingehen will, ohne ABS gestürzt wäre, optimal zum Stehen kam ich aber nicht. Die R nineT ist dynamisch genug, um sich das Sport-ABS aus der S-Serie zu verdienen. Abschaltbar ist das Assistenzsystem leider nicht.
 
BMW R nineT Test
Das Logo im Scheinwerfer ist ein weiteres, nettes Detail. Wird aber überstrahlt von der gold eloxierten 46 mm Gabel. Die Instrumenteneinheit passt nicht ganz ins Bild, ein analoges Rundinstrument hätte besser gepasst.
 

Es war einer jener Tests, wo man die Arbeit am liebsten ab- und ausbrechen möchte, um einen raren Moment der Freiheit zu genießen. Mit einem Retro-Bike, das sich so wenig Schwächen leistet (der mit Aluteilen montierte Front-Kotflügel ist selbst aus Plastik, die Instrumenteneinheit ist etwas lieblos), dass man gerne darüber hinweg sieht. Man kann die R nineT entweder so akzeptieren, wie sie ist, oder sie als Rohling sehen, aus dem man das macht, was man sich wünscht. Ich würde kaum etwas ändern, die Kreuzspeichenräder, die schwarz eloxierten Felgen und Radnaben, der runde Scheinwerfer, der göttliche Boxer, ser salbungsvolle Alutank, der klangvolle Doppelrohrauspuff...Es gibt tausend Dinge, die ich an ihr mag. Liebe dein Motorrad wie dich selbst. Die R nineT macht es einem sehr leicht.

Man darf annehmen, dass junge Hohlhipster, die ihr Verwandtschaftsverhältnis zum Vati auch als Beruf ausüben, und endgeile Mittdreissiger, die immer noch mit zerrissenen Jeans nach San Fransisco fliegen (meine Hand ist oben), von der nineT sehr angetan sein werden. Doch die Absatzgrenze wird – bei Umsatz-Rekordmeister BMW keine Seltenheit - nicht durch den Kostenfaktor kundenseitig gedeckelt, sondern durch die Liefermenge. Nach Österreich wurden nur ca. 70 Einheiten bestellt, ein Großteil davon schon vor Ende des Winters durch von Bauch und Börse schnell entschlossenen Vorbestellungen weggeschmolzen. Wie Onkel Grunge Neil Young einst heiser ins Mikro ächzte: “Never get to fall in love, never get to be cool.” Verlieben werden sich in die R nineT viele, mit ihr cool zu sein bleibt ein Privileg. Schade, die RnineT wäre jedem zu wünschen, der sie sich wünscht.


Technische Daten BMW R nineT

BMW R nineT Test
Dean, James Dean.


Text:kot
Fotos:
BMW

Bericht vom 28.02.2014 | 97.168 Aufrufe

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