Piaggio Carnaby 300

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Piaggio streut dem Carnaby mehr Pfeffer unter den Sattel und schraubt Cruiser-gerechtes Metall drauf.

Piaggio Carnaby 300 Cruiser

Tarnen & Täuschen

Piaggio Carnaby 300 Cruiser: 22,5 PS aus 278 ccm bei einem Trockengewicht von 164 kg – keine unflotte Kombination.

 

Woran es wohl liegt, dass Cruiser wieder im Vormarsch sind? Weil wir älter werden. Kann nie sein, dass das einen Einfluss darauf hat! Dafür steht der schöne Merksatz „we are ageing, but we are not getting old.“ Ist es die Bequemlichkeit? Oder die allerorten wie die Schwammerl aus dem Boden wachsenden Blitzkästen und die immer raffinierteren Versteck-Methoden der Kameramänner im Staatsdienst?

Die Bequemlichkeit sortieren wir gleich einmal aus. Die zunehmende Begehrlichkeit der Obrigkeit, in unsere Taschen zu greifen und die Tarife saftig zu erhöhen auch schon bei kleinsten Speed-Ungenauigkeiten nach oben hin, die ist ein Argument. Ein teures und handfestes, das viele zur zurückgelehnteren Art des Einspur-Fahrens bekehrt. Zum Cruising.

Jetzt macht ja der Cruiser-Trend nicht Halt bei der schwereisernen Abteilung, nein, diese Welle schwappt stark auf die Roller-Abteilung über. Zwar ist das nichts ganz, ganz Neues – siehe z. B. Aprilia Habana, und Honda hatte einmal einen customisierten Scooter namens Shadow im Programm (und so was soll dem Vernehmen nach auch wieder kommen) – doch hat es ebenso damit zu tun, dass nicht ganz so toll begehrte Modelle mit ein paar Kniffen attraktiver gestaltet werden. Auch ist die Crossover-Mode nicht den Vierradlern vorbehalten.

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Bei Piaggio hat man im Vorjahr schon den Beverly aufgebrezelt,
vielmehr aufgecruist. Denn: In Italien sind die Sheriffs mittlerweile noch unerbittlicher als bei uns, auch werden die Big Bikes auch dort nicht billiger, also steigt man beim südlichen Nachbarn im Stadt- und Kurz(land)strecken-Verkehr noch emsiger auf großvolumige Roller um. Der Kandidat der heurigen Saison war und ist der Carnaby. Dem wurde leistungsseitig mit dem 300 ccm-Aggregat (das in der Vespa debutiert hatte), optisch mit Chrom- und Alu-Look-Zierat mehr Pfeffer verpasst.

Damit entpuppte sich der brave und – pardon auch recht fade – zartwüchsige Großrad-Roller als fescher und eleganter Blickfang, der auch was kann: Besser als beim Beverly Cruiser – der als Fünfhunderter mit knapp 40 PS und 209 Kilo Trockengewicht nur bedingt mit dem Carnaby vergleichbar ist – hat Piaggio bei ihm die Cruiser-Umsetzung hingekriegt.
 

Der spitz zulaufende Heck-Fortsatz ist für die Montage eines Topcase vorbereitet. Ein Kühlergrill wie ein Auto: An der Front herrscht ein Zusammenspiel zwischen blitzendem Chrom und satiniertem Alu-Look.

Große 16er-Räder, wackere Bremsen.


Die Chrom-Zutaten wirken nicht aufgesetzt,
vor allem im Cockpit. Das ist eine runde Sache, die so aussieht, als wäre sie vorneherein so geplant gewesen. Das Haus-interne Facelift hat ihm auch sehr gut getan. Der hohe Kühlergrill und der Chrom-umrandetet Rundscheinwerfer verleihen ihm Charakter. Selbst wenn manche Details wie etwa die offenen Staufächer in der Frontschürze noch immer wenig einfallsreich designt und lieblos angepickt wirken. Hingegen ist der Carnaby auch mit Cruiser-Zierat nicht allzu gewichtig, 164 Kilo sind moderat, was kleine Leute besonders zu schätzen wissen, denn ein Seitenständer ist nicht im Serien-Lieferumfang enthalten, auch im Optionen-Katalog gibt es keinen.
 
 
Die Stopper versehen souverän ihren Dienst. Auch die Gewichtsverteilung passt. Ob im Stau-Schritt-Tempo oder bei Top-Speed, wenn so an die 140 Sachen und fallweise ein bissl mehr auf der Uhr stehen. Da beginnt der Carnaby nicht zu wackeln, wozu die 16er-Räder klarerweise einen wesentlichen Anteil beitragen. Dazu kommt, dass er - grundsätzlich schlank & schmal - sehr wendig ist. Wendiger als eine Reihe seiner dickbäuchige(re)n Kollegen in derselben Hubraumklasse.

Fahrwerksseitig folgt der Carnaby einem einfachen, aber bewährten Muster: Die mit 35 Millimeter doch gut stämmige Gabel korrespondiert harmonisch mit den konventionellen Stereo-Federbeinen. Das Gröbste wird ausbruchs-neutral weggefiltert. Mehr erwartet man nicht, aber auch nicht weniger.
 

Konventionelle Federung, die die gröbsten Schläge nicht gröbstens weiterreicht.


Noch crusiger gestalten kann man den Carnaby mittels Windschild.
Das optionale Topcase passt optisch weniger ins Heavy-Metal-Bild, das ist gar nicht Cruiser-like, aber das ist wahrscheinlich weniger ein Kriterium, wenn man z. B. einen Vollvisierhelm verstauen will. Unter die Sitzbank passt so einer nämlich nicht, da ist nur für eine kleine Halbschale Raum genug. Und in die Staufächer in der Schürze kann man höchstens ein Wollhauberl stopfen. Was es aber, Stichwort warme Mütze, sehr wohl gibt, ist ein Hotcover, für alle, die auch im Winter Carnaby-Cruisen wollen. Wozu das fesche Weiß besonders gut passt. Obwohl Schwarz auch sehr elegant rüberkommt, das Hellblau muss man mögen.

Tarnen & Täuschen kann nicht nur die Exekutive, das kann man mit dem Carnaby auch. Weil er, zart wie er gebaut ist, ziemlich harmlos ausschaut. Und man grundsätzlich mit einem Cruiser – sei es ein Bike, sei es Roller – optisch nie so g’schwind wirkt wie auf anderen motorisierten Zweirädern.

 

Aus dem im Prinzip einfach gestrickten Roller wurde mit größerem Hubraum, höherer Power und durchdachten Design-Elementen ein fescher Crossover.

 
 

Text: Trixi Kickeis
Fotos: Trixi Keckeis / Piaggio

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Bericht vom 28.09.2009 | 62.234 Aufrufe

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