KTM 890 Duke R - Ready to Reise?

Das Super Skalpel auf großer Tour

Sechs Tage mit dem Funbike durch Österreich, Italien und Slowenien. Warum die neue 890er zwar touren-, aber nicht unbedingt offroad-tauglich ist.

Die Hecktasche passt schon mal ganz gut drauf. Zwar sieht die Verzurr-Konstruktion irgendwie abenteuerlich aus. Aber hält bombenfest, sagt Fabian und lacht. Er hat die Givi-Tasche mit diversen Klettbändern am Heck der 890 Duke fixiert. Klar, wir hätten auch ein Gepäcksystem dazukaufen können - verschiedene Hersteller haben bereits passenden Stauraum für die KTM im Programm - aber es musste schnell gehen. Die Reiseenduros aus dem 1000PS Dauertest-Fuhrpark wären für unseren Sechstagestrip sicher die vernünftigere Wahl gewesen als Kawasaki Z900 und KTM 890 Duke R, aber wir hatten eben Lust auf die beiden nackten Kanonen. Die Hecktasche und zwei Rucksäcke genügen auch für frische Unterwäsche und Kamera-Equipment. Übrigens passt erstere auch super auf das zweite Bike: die Kawasaki Z900. Und alles weitere steht in den Hotels sowieso bereit, denn wir haben nicht irgendwo, sondern bei MoHos gebucht.

TOUR von MoHo zu MoHo

Was ein MoHo ist? Nun ja, kurz (oder besser lang) gesagt: ein Motorrad Hotel. Davon gibt es eine ganze Menge und MoHo vereint sie in einem großen Netzwerk. 54 Gastgeber erwarten uns Biker in insgesamt sechs verschiedenen Ländern. Fabian und mich in drei davon: wir touren erst durch Österreich, wohin wir nach drei Reisetagen über Italien und Slowenien auch wieder zurückkehren.

Dass uns unzählige Kurven, Kehren und beeindruckende Panoramen erwarten, versteht sich von selbst. Von Wiener Neustadt über die Kalte Kuchl geht´s auf engen Sträßchen nach Obertauern. Kühe, Pferde und Ziegen grasen links und rechts des grauen Pfads und zeigen bei einem kurzen Stopp sogar neugieriges Interesse an uns und den Bikes. Ob es an der 890er liegt? Bestimmt. Im Hotel Solaria angekommen bekommen wir an der Bar nicht nur Bier und selbstgebrannten Schnaps (ja, das Augenlicht haben wir behalten), Gastgeber Christian gibt uns haufenweise Routenempfehlungen. Er kennt vermutlich jede asphaltierte Straße im Umkreis von 300 Kilometern. Die besten spielt er per GPX-Datei direkt aufs Navi. Wunderbar, ab jetzt nur noch den Anweisungen folgen und genießen.

Über Nockalmstraße und Nassfeldpass führt uns das TomTom am nächsten Tag nach Bella Italia. Von der Terrasse des Hotels Bellavista genießen wir abends den Ausblick auf das im Tal des Monte Zoncolan gelegene Ravascletto. Der Sonnenuntergang ist inklusive. Wie auch Werkzeug für den losen Spiegel der Kawa. Wir können den Zoncolan also mit gefestigtem Rückblick erklimmen.

In der Früh ist dort zum Glück noch nicht viel los und Gegenverkehr bleibt uns meist erspart. Schon eine Reiseenduro à la GS wird auf diesem Pass zum Reisebus, ein Wohnmobil nimmt gar die komplette Straßenbreite und mehr in Beschlag. Augen also immer schön nach vorn, was beim tollen Blick ins Tal auf dem oberen Teil des Passes durchaus schwerfällt. 

Nach dem nicht weniger anspruchsvollen Abstieg geht´s weiter in Richtung Slowenien. Genauer gesagt in das grenznahe Weinbaugebiet, wo MoHo Gastgeberin Vesna uns schon im Hotel San Martin erwartet. Den heimischen Wein sollte man hier auf keinen Fall ausschlagen, auch wenn er nach einer Tagesetappe weniger isotonisch ist als das (im besten, aber seltensten Fall, alkoholfreie) Bier. Natürlich bekommen wir auch hier Tourentipps. Das Soča-Tal solltet ihr unbedingt anschauen, schwärmt die motorradbegeisterte Vesna und zeigt uns dabei die Route ganz analog auf der Karte. Erfrischend, denn eine Geschichtsstunde ist inklusive. Welche Stadt im ersten Weltkrieg eine Rolle spielte, wo Grenzen verliefen und was die Burgen auf den Gipfeln für eine Funktion hatten - Vesna erzählt und das macht Lust, die Orte dann auch anzufahren. 

Wir genießen erst die Kehren und Ausblicke des Monte Matajur und erklimmen dann den Vršič-Pass. Diesen hatte Vesna uns als das slowenische Stilfserjoch beschrieben. Anschließend folgen wir, wie empfohlen, dem Soča-Fluss mit spaßigen langgezogenen Kurven. Die Kombination aus humidem Klima, tiefgrünen Pflanzen und türkis-blauem Wasser erinnert etwas an die Tropen. Allerdings nicht die Temperatur des Flusses. Ein Fußbad kommt als Abkühlung ganz gelegen, weiter trauen wir uns deutsche Sissis aber nicht rein.

Nach einer weiteren Nacht im San Martin steht die letzte Etappe zurück nach Österreich an. Zum Berghotel Brunner in Bad Eisenkappel. Schon die Anreise durch enge Täler - vorbei an Felswänden, die hunderte Meter neben uns in die Höhe ragen - ist ein würdiger Abschluss. Im Berghotel selbst verwöhnt dann zuerst die top sortierte Biker Werkstatt samt Waschstation und ein paar Minuten später der Ausblick von der Terrasse auf Täler und Berge. Nach dem Essen wird auf eben jener Terrasse die Lautstärke der Rockmusik aufgedreht und die Après-Bike-Party könnte beginnen. Unter den aktuellen Umständen bleibt es aber beim gemütlichen Bier auf Abstand. Ist auch besser, denn wir müssen ja noch zurück nach Wiener Neustadt und da wäre ein Kater nicht so hilfreich.

Auf den Navi-Fauxpas auf der finalen Verbindungsetappe, der uns durch die Grazer Rushhour leitet, die drückende Hitze und den sintflutartigen Regen, der 20 km vor Ankunft einsetzt, gehe ich an dieser Stelle nicht weiter darauf ein. Am Ende stehen KTM und Kawa wieder vor der 1000PS Redaktion, auch wenn wir uns das Putzen am Morgen hätten sparen können.

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KTM 890 Duke R auf Tour

Die KTM wieder abzugeben fällt schwer. Auch wenn sie ganz offenkundig nicht für die große Reise gebaut wurde sind Fabian und ich uns einig, dass wir gerne noch ein paar Tage verlängert hätten. Vielleicht mit einem Tag Pause. Der Hintern schmerzt schon etwas, woran die harte Sitzbank der 890 Duke R auch ihren Anteil hat. Das zugunsten der Sportlichkeit sehr straff abgestimmte Fahrwerk ebenfalls. Kurze, harte Schläge gibt das Federbein wenig gefiltert weiter an den Fahrer. 

Für den Spaß an der Tour sorgt die Elektronik. Der Schaltautomat mit Blipper funktioniert blendend, sogar herunterschalten unter Last meistert er. Die Kraft, die in der Kupplungshand gespart wird, sollte aber für entschlossene Schaltbefehle mit dem Fuß genutzt werden. Fabian fand zwischen dem fünften und sechsten Gang beim laschen Antippen des Schalthebels mehrmals einen Leerlauf. Davon, dass der Anti-Wheelie-Modus unabhängig von der Traktionskontrolle deaktiviert werden kann, war er aber sehr angetan, ebenso vom Supermoto-Modus des ABS, der sogar dezente Stoppies zulässt und im Zweifelsfall doch beherzt eingreift.

Auch der 890er Motor kann überzeugen. Viel Druck, sattes Drehmoment - wie ein Floh springt die quirlige KTM von Kehre zu Kehre. In den ganz engen Wendungen muss die Kupplung dann aber doch bemüht werden, denn in niedrigen Drehzahlen hackt der Twin unsanft auf die Kette. Mit etwas Übung lassen sich dann auch Kehrtwenden einfach meistern. Für alle anderen Radien braucht es eigentlich keine Eingewöhnungszeit, denn Handlichkeit und Neutralität gehen bei der 890 Duke R Hand in Hand.

Die Sitzposition ist durchaus tourentauglich, aber aktiv. Das Vorderrad gefühlt zwischen den Beinen gibt eine gute Rückmeldung über den Untergrund und das Bike lässt sich präzise positionieren. Komfortpunkte kostet das Ansprechverhalten der Gabel, die wie das Federbein kurze Schläge nicht perfekt aufnimmt.

Am ungewollten Steckenbleiben auf dem Pass Rifugio Pelizzo (Monte Matajur) trifft aber beide keine Schuld. Hier ging uns unerwartet der Asphalt aus. Eine Woche später wären wir vermutlich über einen nagelneuen und griffigen Belag gefahren, aber so war es tiefer, ungewalzter Sand. Einmal kurz vom Gas gegangen, stehengeblieben und das war´s. Beim Anfahrversuch gräbt der Conti Sport Attack 4 nur eine tiefe Mulde unter das Hinterrad. Jetzt bekomme ich zwar endlich beide Füße fest auf den Boden (was bei der Sitzhöhe von 834 Millimetern sonst nicht klappt), aber ohne das Anschieben von Fabian geht's in dem Moment nicht weiter. Zum Glück sind die übrigen Straßen besser - nicht nur asphaltiert, sondern größtenteils auch schlaglochfrei. Eindeutig eher Duke-Gebiet.

Gepäckmöglichkeiten KTM 890 Duke R

Unterm Strich bin ich von der Tourentauglichkeit der KTM 890 Duke R überrascht. Trotzdem, wäre sie mein eigenes Motorrad, ich würde mir ein passendes Gepäcksystem mit Hecktasche oder Seitentaschen zulegen. Da gibt es eine ganz gute Auswahl von Firmen wie SW-Motech, Hepco, und weiteren. Oder natürlich von KTM direkt, wenn man das nötige Kleingeld übrig hat: Für das Seitentaschenset plus Befestigungssystem darf man beispielsweise ca. 670 Euro blechen.   

Damit sich das lohnt, müssen schon mehrere große Touren (oder eine ganz große) anstehen. Sonst würde vielleicht doch unsere Universal-Lösung reichen. Die fünf Minuten zum morgendlichen Verzurren stören mich persönlich nämlich nicht.

Vorteile KTM 890 Duke R für die Reise:

  • Starker Motor mit Unterhaltungsfaktor
  • Niedriges Gewicht und einfaches Handling
  • Umfangreiche sicherheitsrelevante Elektronik 
  • Viel Bewegungsfreiheit

Nachteile KTM 890 Duke R für die Reise:

  • Wenig Komfort durch sportlich-straffes Fahrwerk und harten Sitz
  • Getriebe nicht immer präzise
  • Keine USB-Steckdose zum Laden eines Navis vorhanden
  • Sound leider über 95 dB (stellenweise Fahrverbote)
  • Laufkultur bei niedrigen Drehzahlen schlecht
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Bericht vom 06.09.2020 | 15.444 Aufrufe

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