Wohin steuert Indian-Motorcylces? Management im Interview

Design, Modellplanung und Marktziele für 2026–2027

Drei Vertreter aus Indians Management spricht über Designfreiheit, Modellstrategie, jüngere Zielgruppen und Wachstum im Bagger-Segment – und wie die Marke ihre Zukunft als Cruiser-Spezialist sieht.

Im Zuge der Ausgliederung von Indian Motorcycles aus der Polaris Gruppe und dem Beginn eines neuen Kapitels als eigenständige Marke traf Poky, 1000PS drei zentrale Führungskräfte zum Interview: Joel Harmon (Vice President of Global Sales), Ben Lindaman (Director of Product Planning) und Ola Stenegärd (Director of Industrial Design).

Poky, 1000PS: Im Zuge der Ausglierderung und Übernahme: Wie wird sich aus eurer Sicht eure Design-Autonomie und kreative Freiheit entwickeln, jetzt wo ihr nicht mehr unter dem Polaris-Dach seid?

Ola Stenegärd: Wir haben uns kürzlich mit unserem neuen CEO Mike Kennedy getroffen. Es ist wirklich spannend, sich mit ihm zusammenzusetzen und über die Produkte und das neue Produktportfolio zu sprechen, weil er durch und durch ein Motorradmann ist. Er hat eine lange Erfahrung mit einer anderen Marke aus einem Bundesstaat in unserer Nähe und auch Erfahrung aus der Händlerseite. Wenn man sich mit ihm zusammensetzt, muss man nichts mehr erklären. Man ist auf derselben Wellenlänge und auf demselben Weg. Das macht es sehr, sehr einfach.

Poky, 1000PS: Ben, die 2026er Scout-Modelle wie Sport Scout und Scout Sixty öffnen Indian stärker für Einstiegsfahrer, während ihr gleichzeitig absolute Premium-Bikes, in hohen Preisregionen anbietet. Wie priorisiert ihr, wie welches Modell entwickelt wird, wenn ihr so unterschiedliche Segmente bedient?

Ben Lindaman: Das ist eine großartige Frage. Wir haben beide Enden dieses Spektrums priorisiert. Wenn man zurückgeht ins Jahr 2014 (Ende von Victory Motorcycles, Anm. d. Redaktion), haben wir mit null Kunden gestartet. Ein wichtiger Teil war deshalb, neue Kunden zu gewinnen und jüngere Kunden, weil wir viel Arbeit hineingesteckt haben und wissen: Wenn wir sie in die Marke bringen, ihnen ein gutes Erlebnis geben, bleiben sie bei uns. Das ist extrem wichtig.

Wir behalten diesen Neueinsteiger immer im Kopf. Ich habe es heute schon erwähnt: Die Sport Scout Sixty ist ein tolles Bike. Super niedrige Sitzhöhe vielleicht noch wichtiger: ein sehr niedriger Schwerpunkt. Sehr einfach zu fahrende Motorräder.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Kunden mit sehr hohen Erwartungen in Sachen Finish, Performance im Cruiser-Bereich, Premium-Komponenten, Premium-Marken. Wir denken diese Welten unterschiedlich. Sie hängen am Ende natürlich zusammen, weil wir wollen, dass alle eine großartige Zeit haben und bei uns bleiben. Aber es braucht unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Erfahrungsstufen.

Poky, 1000PS: Und aus Marketing-Sicht ist da etwas anderes oder habt ihr da denselben Ansatz?

Joel Harmon: Hundert Prozent das Gleiche. Es wird keine Änderungen an unserem Marketingplan geben. Du hast mich heute Morgen bei der Pressekonferenz über diese "never finished"-Idee sprechen hören. Das ist unser Fokus. Wir wollen sicherstellen, dass Öffentlichkeit, Händler, Konsumenten und Fahrer wissen, dass wir den Rahmen weiter verschieben, dass wir mit dem nächsten Kapitel von Indian Motorcycle nach vorne gehen und dass wir nicht vom Gas gehen. Genau das wirst du 2026 sehen.

Poky, 1000PS: Design-seitig: Es gab in den letzten Jahren einige Konzeptbikes, die schon angedeutet haben, wo Indian hin wollen könnte. Was ist eure Design-DNA, die man heute in den Serienmodellen wiederfindet?

Ola Stenegärd: Konzeptbikes sind extrem wichtig. Wir machen intern viele Konzeptstudien, die wir nie zeigen. Manchmal wie heute finden wir das richtige Concept Bike, um es nach draußen zu bringen, damit die Leute ein bisschen träumen können.

Das hat sich hier auch wunderbar mit Tylers Rekordlauf auf den Bonneville Salt Flats verbunden buchstäblich auf den Spuren von Burt Munro. Das war ein großer Teil dieses Bikes. Aber auch die Feier der Trapezgabel ist für uns ein großes Thema.

Nächstes Jahr steht viel im Zeichen des 125-Jährigen Markenjubiläums, da werden wir keine Zeit haben, die Trapezgabel zu feiern, obwohl sie 80 Jahre alt wird. Also haben wir gesagt: Wir machen jetzt eine kleine Vorschau. Und wie bei jedem Concept ist man natürlich neugierig, was Publikum, Kunden und Fahrer denken. Einige inge können in die Serie einfließen, wenn das Feedback passt.

Poky, 1000PS: Eine Anschlussfrage zu jüngeren Fahrern: Berücksichtigt ihr bei ihnen ästhetisch oder ergonomisch etwas Spezielles beim Designen für diese Zielgruppe?

Ola Stenegärd: Ja, aber eher bei bestimmten Bikes. Die Scout 101 ist wahrscheinlich das beste Beispiel. Da kommt eine ganz neue Kundengruppe rein jüngere Kunden, deutlich sportlicher orientiert. Man sieht es in Europa, aber auch in den USA.

Wir sind mit Jesse James aufgewachsen sie sind mit Carey Hart aufgewachsen. Viele kommen aus der Motocross-Szene. Man sieht das an ihrer Ergonomie: Sie bevorzugen eine zentrale Fußposition, höhere Lenker. Ein Motocross-Bike ist zum Stehen gebaut, aber wenn man sitzt, hat es sehr hohe Lenker und genau diese Haltung wollen sie.

Diese jungen Fahrer modifizieren ihre Bikes, bauen Motocross- oder Sportbike-Teile dran: Sportbike-Bremsen, Upside-Down-Gabeln. Die Scout 101 ist das perfekte Beispiel, weil wir genau das aufgenommen haben und gesagt haben: "Wir sollten ihnen das einfach geben." Darum ist das Bike so beliebt.

Poky, 1000PS: Wenn ihr zwei Jahre vorausblickst: Welche Segmente und Hubraumklassen haben für Indian das größte Wachstumspotenzial?

Ben Lindaman: Ein riesiger Wachstumsbereich für uns ist das Bagger-Segment. Das ist in den USA natürlich riesig, dort ist es Kern des Marktes. Aber was wir in den letzten Jahren gesehen haben: starkes Wachstum in Europa, und zwar schon seit mehreren Jahren. Wir sehen hier nach wie vor eine große Wachstumschance.

Ein Trend bei Baggers ist mehr Performance. Historisch hatten Cruiser- und Custom-Bikes wenig mit Performance zu tun. Heute suchen diese Fahrer Brembo-Bremsen, Öhlins-Gabeln also Teile, die das Fahrverhalten wirklich verbessern. Das ist ein wichtiger Grund, warum das Segment in Europa wächst und warum wir hier großes Potenzial sehen.

Poky, 1000PS: Liegt das daran, dass wir in Europa anders fahren? Oder ist der Druck durch die Bikes anderer Hersteller mit performance-orientierten Modellen im Cruiser-Bereich hoch? Triggert euch das?

Ben Lindaman: Ich würde nicht sagen, dass das uns triggert, aber wir sehen es natürlich. Wir merken, dass Marken da reingehen, die stärker performance-orientiert sind. Im klassischen Cruiser-Bereich waren wir mit einigen Produkten sowieso schon performance-orientierter. Für uns ist das eher ein Zeichen dafür, was Kunden wollen: mehr Performance in dieser Kategorie.

Joel Harmon: Und das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir wissen, wohin sich der Markt bewegt. Wir werden in unseren Kernmärkten doppelt so stark reingehen, dort Marktanteile holen und gewinnen.

Poky, 1000PS: Ein bisschen anders gefragt als vorher: Wir haben die Herausforderung einer alternden Fahrerschaft und zu wenig junger Neueinsteiger gerade in Europa. Auch bei Indian ist der Altersdurchschnitt ziemlich hoch. Wie wollt ihr jüngere Fahrer anziehen?

Joel Harmon: Ich glaube, wir haben vorhin alle über die 101 gesprochen. Diese aggressive Natur der Scout wird junge Fahrer anziehen. Je mehr wir dort machen, desto besser. Du hast heute die Sport Scout RT gesehen ein weiteres gutes Beispiel: funktional, sportliches Feeling, aber mit Seitenkoffern. Das bringt ebenfalls jüngere Fahrer rein, weil sie sehr alltagstauglich ist.

Unser Fokus wird nicht darauf liegen, ein bestimmtes demografisches Segment zu bewerben. Wir werden einen Lifestyle vermarkten Cruiser, Bagger, Touring und sicherstellen, dass wir vor den richtigen Gruppen stehen, damit sie die Bikes sehen, die zu ihnen passen.

Poky, 1000PS: Wenn du von "vor die richtigen Gruppen stellen" sprichst meinst du das vor Ort auf Events oder auch online?

Joel Harmon: Beides. Unser Forged-Custom-Programm ist ein Beispiel also die richtigen Builder zu haben, die mit der richtigen Zielgruppe sprechen aber auch hier präsent zu sein, bei den richtigen Events. Beim Wheels & Waves zum Beispiel weil das genau die Crowd ist, mit der man sprechen muss. Und es gibt viele lokale Events, bei denen wir weiter präsent sein werden in allen Ländern. Unser Marketingteam ist auf eine breitere Awareness-Kampagne in Europa fokussiert. Wir wissen, dass unsere Bekanntheit steigen muss, und wir werden das 2026 stark angehen.

Poky, 1000PS: Ich weiß nicht, ob ihr darüber schon Bescheid wisst, aber 1000PS wird ein eigenes Event haben. Der Newchurch Summit. Eure deutschen Kollegen waren früher schon bei den Vorgängerevents in Salzburg und wir würden euch sehr gerne wieder sehen.

Joel Harmon: Da war ich noch nie, aber ich muss hin. Das ist das in den Alpen, mitten zwischen Gletschern, mit diesem verrückten 125-Kubik-Rennen?

Poky, 1000PS: Ganz genau! Letzte Frage zum Abschluss: Man sieht hier auf der EICMA an vielen Ständen elektrisch betriebene Bikes. Ist das etwas, das Indian Motorcycles beschäftigt? Oder passt das nicht zu eurer Ausrichtung?

Ben Lindaman: Ich würde sagen: Das ist nicht unser primärer Weg. Wir sind stark darauf fokussiert, dass Cruiser- und Touring-Segmente in unserem Kern wirklich stark sind. Das ist unser Fokus für die nächsten drei bis fünf Jahre. Danach ist alles offen. Wir haben eine Marke, die in jedes Segment gehen kann, wenn sie das will. Wir werden den Markt beobachten, sehen wohin er geht, und dann entsprechend handeln.

Ola Stenegärd: Wenn ich diese Frage bekomme, rede ich oft über die Chief. Heute nimmt jeder als gegeben hin, dass man keinen reinen luftgekühlten Motor mehr bauen kann. Aber man kann nur muss man enormen Aufwand hineinstecken. Es sieht simpel und sauber aus, aber ist sehr schwer umzusetzen: kein Ölkühler, keine Flüssigkeitskühlung, nichts von dem. Viele gehen den einfachen Weg.

Wir investieren bewusst viel Arbeit, um zu zeigen: Du kannst es noch machen. Du brauchst gute Ingenieure und musst hart dafür arbeiten, aber es ist möglich. Diese komplexe Einfachheit des Bikes ist beeindruckend. Man muss es einfach sagen: Wenn du wirklich hart daran arbeitest, geht das immer noch.

Poky, 1000PS: Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt.

Joel, Ben, Ola: Gern. War uns ein Vergnügen.

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Bericht vom 21.12.2025 | 10.126 Aufrufe

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