Indian Chief Vintage 2026 im Test: Wolf im Schafspelz?
1,9l V-Twin, 163 Nm, 1940er-Fenders und sportlicher als gedacht
Amerikas älteste Motorradmarke feiert 125 Jahre - und bringt ausgerechnet jetzt ihr puristischstes Modell. Die Indian Chief Vintage sieht aus wie 1946, basiert auf 3D-Scans originaler Kotflügel und verzichtet bewusst auf Chrom. Doch hinter dem Vintage-Look steckt eine Überraschung: Dank 150er Hinterreifen statt 180er lenkt sie agiler ein als ihre Geschwister und fährt sportlicher durch Kurven als die Sport Chief. Wir haben den 1,9-Liter-Cruiser mit 163 Nm Drehmoment auf Serpentinen, Landstraßen und Autobahn rund um Alicante getestet.
Es gibt Motorräder, die testet man wegen der Technik. Und es gibt Motorräder, die testet man wegen der Geschichte. Die Indian Chief Vintage 2026 ist beides - und noch ein bisschen mehr. In Alicante, Spanien, hat Indian die internationale Presse eingeladen, um das neueste Mitglied der Chief-Familie auf den Strassen Südspaniens zu bewegen. Und was auf den ersten Blick wie ein rollendes Museumsstück wirkt, entpuppt sich auf der Strasse als echte Überraschung.
Zur Einordnung: Indian Motorcycle wurde 1901 in Springfield, Massachusetts gegründet - zwei Jahre vor Harley-Davidson. Damit ist Indian die älteste amerikanische Motorradmarke überhaupt. In den 1910er-Jahren war Indian sogar der grösste Motorradhersteller der Welt, gewann unter anderem die Isle of Man TT. Dann kam der Niedergang, die Insolvenz in den 1960ern, die Wiederauferstehung unter Polaris - und seit Februar 2026 steht die Marke wieder auf eigenen Beinen. Neuer Eigentümer ist die Investmentgesellschaft Carolwood LP aus Los Angeles, neuer CEO ist Mike Kennedy, ein Branchenveteran mit Harley-Davidson- und Vance-&-Hines-Hintergrund.
2026 markiert das 125-jährige Jubiläum. Und was könnte passender sein, als ausgerechnet jetzt ein Modell auf den Markt zu bringen, das so nah an den Wurzeln ist wie kein anderes im aktuellen Lineup?
Design der Indian Chief Vintage 2026: Kein Retro-Fake, sondern echte Archäologie
Wer die Chief Vintage zum ersten Mal sieht, denkt sofort an die 1940er-Jahre. Und genau das ist gewollt. Designchef Ola Stenegärd, der bei der Präsentation am Vorabend des Testtages persönlich durch die Designphilosophie führte, erzählte, dass ein Foto einer Indian Chief aus den 1940ern seine lebenslange Leidenschaft für Cruiser auslöste - damals noch als Junge in Schweden.
Das Designteam hat die Kotflügel eines originalen 1948er Chief per 3D-Scan digitalisiert und die Oberflächen auf die Proportionen der modernen Plattform adaptiert. Die finalen Formen wurden zusätzlich von Hand in Modellierton nachgearbeitet - eine Technik, die seit den 1930er-Jahren für komplexe, organische Kurven eingesetzt wird. Das Ergebnis sind die ikonischen Valanced Fenders, jene weit heruntergezogenen, bauchigen Kotflügel vorne und hinten, die das Designbild der Chief seit jeher definieren.
Auffällig: Fast kein Chrom. Viele Menschen assoziieren die 1940er und 50er automatisch mit Chrom, aber das war damals gar nicht so verbreitet. Indian wollte bewusst nachbilden, was wirklich da war - und nicht das, was die Nostalgie daraus gemacht hat. Der beleuchtete Indianerkopf am vorderen Kotflügel, ein Markenzeichen seit 1947, ist heute LED-betrieben und sorgt an jeder roten Ampel für Blicke.
Fun Fact zum ikonischen Sitz der Indian Chief Vintage - Der Messenger Seat: Komfort aus einer anderen Ära
Das auffälligste Detail am Fahrerplatz ist der sogenannte Vintage Floating Solo Seat. Er sieht aus wie ein Traktorsitz. Im Gespräch mit Ola Stenegärd erfuhr ich die Hintergrundgeschichte: Die Ingenieure hatten zunächst immer mehr Schaum hinzugefügt, um den Sitz komfortabler zu machen. Stenegärd stoppte das und schaute zurück in die Archive. Die Lösung war der alte Messenger Seat, wie er auf den Kurier- und Botenmotorrädern der 1940er-Jahre verbaut war. Die Logik dahinter: Damals fuhren die Leute den ganzen Tag auf diesen Maschinen, über hunderte von Meilen. Diese Menschen wussten, wie man einen Sitz baut, der wirklich bequem ist.
Und tatsächlich: Trotz des minimalistischen Aussehens ist der Sitz überraschend komfortabel. Er sitzt auf einer flexiblen Halterung, die Strassenunregelmässigkeiten vom Fahrer isoliert. Die einzige Einschränkung ist, dass man genau eine Sitzposition hat. Wer gewohnt ist, sich beim Fahren mal weiter nach vorne oder hinten zu verlagern, muss sich umgewöhnen. Dafür sitzt man in dieser einen Position auf Anhieb richtig - die 686 mm Sitzhöhe machen das Bike auch für Fahrerinnen und Fahrer mit kürzeren Beinen sehr zugänglich.
Technik der Indian Chief Vintage: Bekannte Plattform, cleverer Twist
Technisch basiert die Chief Vintage auf derselben Plattform wie die restliche Chief-Familie: Sport Chief, Chief Bobber, Super Chief. Das Herzstück ist der bewährte Thunderstroke 116 - ein luftgekühlter V-Twin mit 1.890 Kubikzentimetern Hubraum, der 163 Newtonmeter Drehmoment bei nur 2.900 Umdrehungen liefert. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Kein Aufdrehen bis in hohe Drehzahlen, keine Hektik. Das volle Drehmoment liegt an, bevor man überhaupt richtig am Gas ist. Im Sport-Modus wird der Antritt fast schon aggressiv - für ein Bike dieser Gattung durchaus überraschend.
Das Ride Command System kommt mit einem 4-Zoll-Touchscreen, der sich bei Sonneneinstrahlung erfreulich gut ablesen lässt. Die Navigation lässt sich über physische Tasten am Lenker bedienen, ohne auf dem Display herumtippen zu müssen - ein durchdachtes Detail. Für die reine Anzeige von Gang und Tempo ist das Display ohnehin bestens lesbar. Erst wenn man in die tieferen Navigations-Funktionen geht, wird es stellenweise etwas kleiner, aber nie unbrauchbar.
Die gesamte Beleuchtung ist LED: Scheinwerfer, Blinker, Rücklicht. Moderne Technik, verpackt in einem Gewand, das den Namen Vintage tatsächlich verdient.
Fahrgefühl Indian Chief Vintage auf der Strasse: Wo der Wolf aus dem Schaf herauskommt
Der Testritt führte über Serpentinen, offene Landstrassen und auch Autobahnabschnitte rund um Alicante. Der Morgen begann noch mit feuchten Strassen, doch als die Sonne herauskam und der Asphalt trocknete, konnte die Chief Vintage zeigen, was in ihr steckt.
Und hier kommt der entscheidende Unterschied zu den anderen Mitgliedern der Chief-Familie: Der Hinterreifen. Statt der üblichen 180er-Dimension fährt die Vintage mit einem 150er. Der Grund ist pragmatisch und gleichzeitig genial: Ein 180er Reifen hätte die historisch korrekten Valanced Fenders viel zu breit werden lassen. Designchef Stenegärd formulierte es unverblümt - es hätte schlicht schlecht ausgesehen. Also musste ein schmalerer Reifen her.
Die Konsequenz auf der Strasse ist bemerkenswert: Die Chief Vintage lenkt spürbar leichter ein und fühlt sich in Kurven deutlich agiler an als ihre Geschwister. Auf den Serpentinen hatte ich fast das Gefühl, weniger am Bodenblech zu kratzen als damals auf der Sport Chief - und das bei einem Motorrad, das auf den ersten Blick alles andere als sportlich wirkt. Genau das macht den Reiz aus. Die Chief Vintage ist ein Wolf im Schafspelz: Optisch ein Gentleman, fahrdynamisch überraschend bissig.
Natürlich gelten die üblichen Cruiser-Einschränkungen. Die grossen Trittbretter setzen bei sportlicher Fahrweise irgendwann auf, auch wenn sie flexibel montiert sind und nachgeben. Und die sehr aufrechte Sitzposition bedeutet, dass der Weg zum Hinterradbremspedal ein spürbarer Stretch ist - auf der Sport Chief oder Sport Chief RT, wo man bereits leicht nach vorne geneigt sitzt, ist die Bremse intuitiver erreichbar. Das ist Gewöhnungssache, aber kein Showstopper.
Bremsen, Motor und Schaltung der Indian Chief Vintage 2026: Souverän und geschmeidig
Die Bremsen arbeiten in der Kategorie hervorragend. Natürlich merkt man die über 320 Kilogramm Nassgewicht - wer am Nachmittag auf die deutlich leichtere Scout 101 umsteigt, spürt den Unterschied sofort. Aber innerhalb der Heavyweight-Cruiser-Klasse lässt die Bremse nichts zu wünschen übrig: gut dosierbar, mit ausreichend Biss und zuverlässigem ABS. Ein besonderer Pluspunkt ist die Motorbremse des Thunderstroke 116, die bei gemässigter Fahrweise ein angenehmes, natürliches Verzögerungsgefühl liefert.
Das eigentliche Highlight ist aber das Zusammenspiel von Kupplung und Getriebe. Das Anfahren, das Schalten, die Art, wie die Beschleunigung einsetzt - alles fühlt sich an, als würde man auf einer Wolke fahren. Kein Ruck, kein Hakeln, einfach butterweich. Auch auf der Autobahn im sechsten Gang bleibt alles kultiviert. Die V-Twin-typischen Vibrationen sind da und fühlen sich authentisch an, bleiben aber in einem Bereich, wo die Hände nicht taub werden und nichts kribbelt. Indian hat die Balance zwischen Charakter und Komfort hier sehr gut getroffen.
Preis und Ausstattung der Indian Chief Vintage: Die Krux mit den Extras
Hier wird es etwas kniffliger. Die Chief Vintage startet in Deutschland bei 20.990 Euro, in der Schweiz bei 20.990 CHF und in Österreich bei 24.450 Euro. Das ist preislich auf Augenhöhe mit der Harley-Davidson Heritage Classic - dem direkten Konkurrenten.
Der Unterschied: Bei Harley bekommt man Satteltaschen und einen Soziussitz serienmässig dazu. Die Chief Vintage kommt hingegen puristisch - sprich: nackt. Wer zu zweit fahren oder Gepäck mitnehmen will, muss in Zubehör investieren. Das relativiert den Preisvorteil, den Indian traditionell als Argument gegen Harley ins Feld führte. Gerade für Einsteigerinnen und Einsteiger, die bisher zu Indian griffen, weil es ein paar Franken oder Euro günstiger war, könnte das ein Punkt sein.
Der Silberstreifen: Da die Chief Vintage auf derselben Plattform wie die anderen Chief-Modelle steht, passen sämtliche Zubehörteile der Chief-Familie auch auf die Vintage. Satteltaschen, Soziussitz, Windschild - alles nachrüstbar. Aber eben als Aufpreis.
Fazit: Die Indian Chief kehrt zurück zu ihren Wurzeln
Die Indian Chief Vintage 2026 ist kein Motorrad für Datenblatt-Fetischisten. Es ist ein Motorrad für Menschen, die beim Fahren etwas fühlen wollen. Kein Windschild, keine Sitzheizung, keine beheizten Griffe. Morgens in Alicante war es kalt, der Wind blies ins Gesicht - und genau das war grossartig. Man spürt die Umgebung. Man riecht die Landschaft. Man fährt Motorrad, wie Motorradfahren gemeint ist.
Dass dieses Gefühl aus einem Bike kommt, das optisch an 1946 erinnert, aber dank des 150er-Hinterreifens sportlicher durch Kurven zieht als die Sport Chief - das ist die eigentliche Geschichte. Indian hat nicht einfach ein Retro-Modell gebaut. Indian hat ein ehrliches Motorrad gebaut. Eines, das seine Herkunft ernst nimmt, ohne sich dahinter zu verstecken.
Wer sich für grosse Cruiser interessiert, auch als jüngerer Fahrer: Geht zum Indian-Händler und setzt euch auf dieses Ding. 163 Newtonmeter bei 2.900 Touren, das gibt es auf keinem Sportbike. Und mit den historischen Kotflügeln, dem beleuchteten Indianerkopf und diesem unglaublich sauberen Antrieb ist die Chief Vintage vielleicht das ehrlichste Kompliment, das eine Marke ihrer eigenen Geschichte machen kann.
Fazit: Indian Chief Vintage 2026
Die Indian Chief Vintage ist ein Motorrad, das aussieht wie 1946 und fährt wie eine Überraschung. Dank des 150er-Hinterreifens geht sie agiler in Kurven als die Sport Chief - ein Wolf im Schafspelz mit 163 Nm ab 2.900 Touren. Kein Windschild, keine Sitzheizung, dafür Wind im Gesicht und ein Antrieb, der sich anfühlt wie auf Wolken schalten. Ein Cruiser für alle, die wieder spüren wollen, warum sie mit dem Motorradfahren angefangen haben.- Überraschend agiles Handling dank 150er Hinterreifen
- Traumhaftes Zusammenspiel von Kupplung und Getriebe
- Authentisches Design mit 3D-gescannten Original-Kotflügeln
- Massives Drehmoment bereits ab niedrigen Drehzahlen
- Komfortabler Sitz trotz puristischem Look
- Kein Soziussitz und keine Satteltaschen serienmässig
- Preis auf Harley-Niveau bei weniger Ausstattung ab Werk
- Nur eine fixe Sitzposition möglich
- Langer Weg zum Bremspedal bei aufrechter Sitzposition
- Trittbretter schleifen bei sportlicher Kurvenfahrt
FAQ zu Indian Chief Vintage 2026
Bericht vom 10.02.2026 | 1.186 Aufrufe