Yamaha XSR 900 GP Test 2024

Retro-Racer vom Feinsten

Ein glaubwürdiges Styling im Stile der 500er GP Maschinen aus der Zeit rund um 1990 trifft auf mondernste Komponenten aus dem CP3 Baukasten. Für die Saison 2024 wagt sich Yamaha mit mehr Retro Charme als jemals zuvor in den Schauraum der Händler. Wir waren für Euch in Portugal unterwegs und durften die XSR 900 GP einem ersten Test unterziehen.

Beim Erscheinen der XSR 900 GP wollten wir unseren Augen nicht trauen...

Nostalgiker, die der Hochzeit des Motorsports in den 80er- und 90er-Jahren nachtrauern, haben beim ersten Blick auf die XSR 900 GP vermutlich feuchte Augen bekommen. Solch ein Design fand man heutzutage bis vor kurzem entweder im Museum oder an edlen, handgefertigten Einzelstücken aus der Hand von Customizern. Beides quasi nicht käuflich bzw. leistbar für uns Normalos. Das ändert sich in der Saison 2024. Yamaha nutzt die Plattform rund um die Nakedbikes MT-09 und XSR 900, um daraus mit neuen Verkleidungsteilen und viel Liebe zum Detail ein modernes Retrobike im Look der alten Racing-Eisen entstehen zu lassen. Inspiration für die Form- und Farbgebung fand man bei den hauseigenen 500er-Zweitakt-GP-Maschinen aus dem Zeitraum von 1989 bis 1992. Wir vermuten: Vor mehr als 30 Jahren wäre man an der Spitze des Motorradsports froh über einige der aktuellen Komponenten gewesen, welche nun für jedermann käuflich im Schauraum stehen.

Yamaha XSR 900 GP vs. XSR 900 "Standard" - ein Blick auf die Daten

Nach einer passenden Fahrzeugbasis musste man bei Yamaha nicht lange suchen. Das Chassis mitsamt Motor wird weitestgehend von der nackten Standard-XSR 900 übernommen. Es wurden allerdings kleinere Anpassungen vorgenommen, die zum verschärften sportlichen Charakter der GP passen. Damit ist nicht nur die schicke, silberne Farbgebung von Rahmen und Schwinge gemeint, sondern auch ein paar technische Feinheiten. Der Nachlauf wurde bei gleichbleibendem Lenkkopfwinkel um 3 mm vergrößert. Der Radstand der GP ist etwas länger geworden und misst nun genau 1.500 Millimeter, während die Standard-XSR900 von Radachse zu Radachse 1.495 Millimeter lang ist. Beides soll den sportlichen Anspruch unterstreichen und mehr Stabilität bringen. Die vorderradorientierte Sitzposition verlagert logischerweise mehr Gewicht auf die Front-Partie - um weiterhin ein ausgewogenes Handling zu erzeugen, steht der Lenkkopf an der GP um 5 Millimeter höher. Außerdem sorgen angepasste Motorhalterungen für ein angepasstes Flex-Verhalten des Rahmens.

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Ergonomie auf der Yamaha XSR 900 GP im Vergleich mit R7 und Basis Modell
Die Ergonomie auf der Yamaha XSR 900 GP fällt sportlich aus. Hier ein Vergleich mit der supersportlichen R7 und dem nackten Basis-Modell

Motorisch bleibt man bei den Qualitäten der letzten Generation des CP3 Antriebs

Viertakt statt Zweitakt und Triple anstelle von V4, heißt die Devise am charmanten Retro Renner. Ansonsten wäre das im heutigen Straßenverkehr natürlich undenkbar. Der bewährte CP3 Motor liefert auch in der GP unverändert 119 PS und 93 Newtonmeter. Seit seinem letzten Update im Jahr 2021, wo der Antrieb um 43 Kubikzentimeter und 4 PS zugelegt hat, ein wirklich feiner Geselle, der sich auf der Landstraße bewährt und viele Freunde gefunden hat. Auf den portugiesischen Küstenstraßen blieben keine Wünsche offen. Der Motor spricht fein an, hat eine satte Mitte und auch oben raus wird mit nicht Leistung und Drehfreude gegeizt. Der Dreizylinder steht diesem Konzept schlichtweg hervorragend.

XSR 900 GP Serienausstattung lässt kaum Wünsche offen

Die neue XSR 900 GP bietet eine wirklich umfassende Serienausstattung. Grundlegend handelt es sich um das gleiche Paket, welches auch im jüngsten Update der MT-09 zu finden ist. Sämtliche Features greifen auf die Daten einer 6-Achsen-IMU zu. Das heißt, Traktionskontrolle, ABS, Slide- und Wheelie-Control agieren schräglagenabhängig. Darüber hinaus verhindert eine Motorschleppmomentkontrolle das Blockieren des Hinterrads beim harschen Anbremsen. Ein Tempomat ergänzt das Elektronikpaket und sorgt zwischendurch für eine willkommene Entlastung der Handgelenke auf anspruchsvollen Etappen. State of the Art ist auch eine USB-C-Buchse, welche sich unter einem Verkleidungsteil im Cockpit findet. Dort kann man sich bei Bedarf unkompliziert ein Ladekabel in Richtung Lenker legen.

Yamaha XSR 900 GP Riding Modes gewähren Freiheit in der Konfiguration

Zusätzlich zu den vordefinierten Riding Modes (Sport, Street, Rain) können zwei individuell anpassbare Modi verwendet werden. Ein Schalter an der rechten Lenkerarmatur ermöglicht einen schnellen und unkomplizierten Wechsel zwischen den Profilen. Besonders angenehm ist die Tatsache, dass jeder Modus vorab im Untermenü individuell konfiguriert werden kann. Yamaha gestattet sogar die Abschaltung einzelner Systeme - so kann man beispielsweise bei aktiver Traktionskontrolle die Wheelie-Control auch komplett ausschalten.

Besonders erwähnenswert ist auch der fantastisch funktionierende Quickshifter samt Blipper, damit werden geschmeidig die Gänge sortiert und sogar das Hochschalten bei geschlossenem Gasgriff (etwa beim Einrollen in eine Ortschaft, wo man nach dem Gefecht gemütlich wieder die Drehzahl fallen lässt) und auch das Runterschalten bei geöffnetem Gasgriff (praktisch bei spontanen Überholmanövern), funktioniert ausgezeichnet. Somit bleiben in Sachen Elektronik Ausstattung tatsächlich keine Wünsche offen.

Die elektronischen Systeme der XSR 900 GP im Detail:

  • PWR: Power Modes
  • TCS: Traction Control System
  • SCS: Slide Control System (Rear Wheel)
  • LIF: Lift Control (Front wheel lift rate)
  • BSR: Back Slip Regulator
  • QSS: Quick Shift System
  • BC: Brake Control (ABS link to the IMU)

Yamaha XSR 900 GP Fahrwerk begeistert im Test

Bei den Fahrwerkskomponenten griffen die Japaner auch auf hochwertige, voll einstellbare Teile von KYB zurück. Die Gabel ist die gleiche, welche auch in der MT-09 SP zum Einsatz kommt. Sie erlaubt sogar, gleichsam wie das Federbein, eine getrennte Einstellung von High- und Lowspeed-Druckstufe. Das Ansprechverhalten der Komponenten ist erstklassig. Die GP liegt sportlich straff in den Radien. Ihre Präzision weiß zu gefallen, mühelos gelingt es, eine saubere Linie zu treffen. Der Restkomfort geht dabei auch vollkommen in Ordnung. Wir waren auf Abschnitten mit Kopfsteinpflaster und schlechtem Asphalt unterwegs - alles kein Problem. Schön, dass beim Fahrwerk kein Rotstift angesetzt wurde - die Wertigkeit passt zum Anspruch des Gesamtkonzepts!

Yamaha XSR 900 GP - wie viel Rennsport steckt drin?

Im weiteren Testverlauf führte uns der Weg auch auf die geschichtsträchtige Rennstrecke in Estoril. Dort angekommen konnten wir nicht nur fantastische Bilder schießen, sondern dem Retro-Racer auch so richtig auf den Zahn fühlen und ausloten, wie viel Rennsport diese Zeitmaschine wirklich mit sich bringt. Die XSR GP hat sich auch hier ausgezeichnet geschlagen, so viel sei vorweggenommen. Die vorderradorientierte Sitzposition ermöglicht nicht nur eine sportliche Positionierung am Fahrzeug, sie liefert auch ein angenehm klares Feedback. Der Motor läuft ab etwa 6.500 Umdrehungen zur Bestform auf und dreht freudig temperamentvoll in Richtung Begrenzer. In Sachen Leistung vermisst man nichts, druckvoll wird aus den Ecken gefeuert. Dank der kurzen Übersetzung wird im zweiten Gang am Kurvenausgang regelmäßig die Front leicht und die quirligen Wurzeln der MT-09 blitzen hervor. Da schleicht sich direkt ein freudiges Lächeln ins Gesicht. Auf kleineren Rennstrecken wird man auch bei Trackday-Besuchen viel Freude mit der XSR haben!

Die Elektronik macht das Spiel anstandslos mit. Die Traktionskontrolle im sportlichsten Setup, also auf Stufe 1, dient dabei als gutes Backup. Sie lässt ein kurzes Momentum zu, welches dem Fahrer zu verstehen gibt, dass die Haftgrenze beinahe erreicht ist - danach wird mit feiner Regelung zur Korrektur eingegriffen. Etwas Kritik gibt es beim sportlichen Verzögern. Die Bremsleistung fällt ein wenig zahnlos aus und auch der Druckpunkt ist nicht unbedingt als knackig zu bezeichnen. Wir meinen, dass Stahlflex-Leitungen und etwas aggressivere Bremsbeläge dem Fahrzeug gut stehen würden. Das hätte den sportlichen Anspruch jedenfalls weiter unterstrichen. Ganz anders sieht es wiederum beim schräglagenabhängigen ABS aus, letzteres funktioniert ausgezeichnet. Die Regelung gelingt grundsätzlich sportlich spät und auch dann sehr fein und unauffällig.

Bremse der Yamaha XSR 900 GP
Raum für Verbesserung fanden wir am Bremssystem. Stahlflex-Leitungen und aggressivere Bremsbeläge könnten eine mögliche Optimierung darstellen.

Mit einem fahrfertigen Gewicht von exakt 200 kg ist die XSR 900 GP ganze 7 Kilo schwerer als das Basis-Modell. Das geht natürlich weitestgehend auf die zusätzlichen Verkleidungsteile. Negativ bemerkbar hat sich dieser Umstand aber nicht gemacht. Man fühlt sich auf einem kompakten, handlichen Paket platziert. Das Fahrzeug ist trotz dem vergrößerten Nachlauf und dem langen Radstand nicht kompromisslos auf Stabilität getrimmt. Richtungswechsel und Korrekturen gehen leicht von der Hand. Für den Haupteinsatzzweck Landstraße ein wirklich gelungenes Paket. Interessenten muss dennoch bewusst sein, dass die Sitzposition bei alledem doch recht sportlich ausfällt. Wem der Kniewinkel zu spitz erscheint, der hat zumindest die Möglichkeit, die Fußrasten eine Stufe tiefer zu setzen. Yamaha hat mitgedacht und ab Werk eine zweite Bohrung dafür am Rahmen angebracht. Echt klasse!

Yamaha XSR 900 GP - Farben, Preise und Verfügbarkeit

Yamaha bietet die XSR 900 GP in zwei Farben an. "Legend Red" und "Power Grey" steht zur Auswahl. Was kostet sie?

  • In Deutschland: € 13.899,-
  • In Österreich: € 15.299,-
  • In der Schweiz: CHF: 13.990,-

Je nach Land ist sie damit rund 2.000er teurer als die nackte Basis XSR 900. Im Laufe des Monats Mai 2024 sollen die ersten Exemplare bei den Yamaha Händlern eintreffen.

Yamaha XSR 900 GP in schwarz und grau
Die XSR 900 GP gibt es auch in schwarz und grau. Sieht nicht schlecht aus, aber an die ikonische Farbgebung in rot und weiß kommt sie unserer Meinung nach nicht heran.
Fahrendes Motorrad

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Fazit: Yamaha XSR900 GP 2024

Ein glaubwürdiges Styling im Stile der 500er GP-Maschinen aus der Zeit rund um 1990 trifft auf modernste Komponenten aus dem CP3-Baukasten. Bei den Fahrwerkskomponenten griff Yamaha auf hochwertige, voll einstellbare Teile von KYB zurück. Die Gabel ist die gleiche, wie sie auch in der MT-09 SP zum Einsatz kommt. Das sportliche Grundsetup passt hervorragend zu diesem bildhübschen Retro-Racer. Die serienmäßige Elektronik-Ausstattung kann sich ebenfalls sehen lassen. Alle Fahrhilfen agieren schräglagenabhängig, der Quickshifter funktioniert erstklassig und sogar ein Tempomat ist an Bord. Wer mit der sportlichen Sitzposition klar kommt, darf sich an einem traumhaften Motorrad erfreuen. Abgesehen von der Bremse, welche noch etwas mehr Biss vertragen könnte, haben wir keine echte Kritik anzubringen.


  • hochwertiges und voll einstellbares Fahrwerk
  • druckvoller und kultivierter Motor
  • glaubwürdiges Retro-Styling
  • liebevolle Details
  • serienmäßig umfangreiche Ausstattung
  • Bridgestone S23 Bereifung ab Werk
  • Blinker-Schalter gewöhnungsbedürftig
  • Bremse dürfte kräftiger sein

Bericht vom 24.04.2024 | 10.811 Aufrufe

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