LiveWire One & S2 del Mar im Alltagstest 2024

Elektrifiziert die täglichen Wege - geht das?

Elektromobilität ist am Vormarsch, bei den Vierrädern wird der Anteil an elektrifizierten Modellen für den täglichen Gebrauch immer höher - warum also nicht auch bei den potenten Zweirädern? Wir nehmen zwei unterschiedliche Konzepte unter die Lupe - wie gut kommt man mit LiveWire One und LiveWire S2 del Mar durch den Alltag?

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Harley hat Wort gehalten - als 2019 bekannt gegeben wurde, dass die damals noch als Harley-Davidson LiveWire bezeichnete Elektro-Rakete auf den Markt kommt, war auch die Rede von einem Portfolio an elektrisch angetriebenen Modellen in den kommenden Jahren. Nun, nachdem die Amerikaner, aus welchem Grund auch immer, nicht mehr prominent den Namen des Traditionsunternehmens auf die Maschinen schreiben, sondern sie nun als eigene Marke LiveWire antreten lassen, gibt es tatsächlich zwei Modelle: Die LiveWire One (vormals eben die Harley-Davidson LiveWire) und ihre kleinere Schwester LiveWire S2 del Mar.

Schon die LiveWire S2 del Mar schiebt gewaltig an

Das kleiner bezieht sich dabei auf Motor, Akku, Gewicht und Preis, denn bei der Sitzhöhe und vor allem den Reifendimensionen übertrifft die Kleine die Große ordentlich - aber dazu etwas später. In Sachen Performance kann jedenfalls bereits die S2 del Mar ein massives Grinsen ins Gesicht des Fahrers zaubern. Unglaublich, wie vehement die vergleichsweise leichte S2 ohne einen einzigen Schaltvorgang nach vorne katapultiert wird! Der Motor leistet laut Datenblatt zwar nur 84 PS, während die LiveWire One 100 PS stemmt, die über 50 Kilo weniger der del Mar - 198 Kilo fahrfertig gegenüber 255 Kilo - sorgen aber für einen noch spielerischen Antritt, der real gewiss weniger stark ausfällt als bei der One, subjektiv auf dem schlanken, im FlatTrack-Stil gehaltenen E-Bike aber unfassbar einfährt. Immerhin ist es das gewaltige Drehmoment, das auf solchen Elektro-Motorrädern zählt, Werte von über 200 Newtonmeter sind schwer zu fassen, man darf es sich jedenfalls so vorstellen, dass solch ein Motorrad mit Elektroantrieb immer viel ärger anschiebt, als ein von Gewicht und Leistung her äquivalentes Benzin-Motorrad.

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Noch edlere Komponenten an der LiveWire One

Beim Handling gibt es grundsätzlich auch an der S2 del Mar nichts auszusetzen, die Showa-Fahrwerkskomponenten sind durchaus stabil und die Einscheibenbremse von Brembo ist bemüht und gut dosierbar, die Komponenten und vor allem die Doppelscheibenanlage der One, ebenfalls von Brembo, sind aber hochwertiger. Da hat es LiveWire eigentlich schlau gelöst, die del Mar von der One schon alleine durch die völlig andere Bereifung abzugrenzen. Auf der One versehen Reifen in den völlig normalen Straßen-Dimensionen von 120/70-17 vorne und 180/55-17 hinten den Dienst. Auf der S2 del Mar sind es hingegen riesige 19er vorne und hinten(!) - 130/80-19 vorne, 140/80-19 hinten. Das bringt klarerweise Stabilität auf der Geraden, verhindert aber ein noch quirligeres Einlenken. Bei unter 200 schwerpunktgünstig positionierten Kilos ist die del Mar trotzdem erstaunlich agil und lässt sich gut über den breiten Lenker steuern.

Umfangreiche, moderne Elektronik-Features an beiden LiveWire-Modellen

Die Sitzhöhe von 825 Millimeter passt zwar sehr gut zum FlatTrack-Style der del Mar und die Sitzbank ist ohnehin ziemlich schmal geschnitten, sodass man den Boden mit den Füßen besser erreicht, kleinere Piloten und Pilotinnen wird der Zugang zur kleinen LiveWire damit aber unnötig erschwert. In Sachen Elektronik-Features erachte ich hingegen bereits die LiveWire S2 del Mar als völlig ausreichend ausgestattet: 6-Achsen-IMU für Kurven-ABS, schräglagenabhängige Traktionskontrolle, Schleppmomentregelung, Farb-TFT-Display mit Connectivity, Tempomat und vier vorkonfigurierten Fahrmodi samt drei zusätzlichen Modi, die frei belegt werden können, bietet die kleine LiveWire kaum weniger Features als die große Schwester One.

Die Reichweite der LiveWires hängt extrem vom Fahrmodus ab

Mit den Fahrmodi sind wir schließlich auch schon bei der Sache, durch die sich die beiden Elektro-Motorräder massiv von benzinbetriebenen Maschinen unterscheiden. Der Fahrmodus entscheidet nämlich auf den LiveWires enorm, welche Strecken man ihnen zumuten kann und wann sie wieder für längere Zeit an die Stromzufuhr müssen. Interessanterweise sind sich die beiden im Eco-Mode ziemlich ähnlich - man schafft mit behutsamem Gasgriff und viel Rekuperation (Energie-Rückgewinnung durch Verwendung der Motorbremse anstatt der Bremsen an den Rädern) erstaunlich weite Strecken und kann somit tatsächlich den Alltag gut bewältigen!

Im Eco-Mode sind beiden LiveWires fast 200 Kilometer zuzutrauen

Wir sind in Barcelona jedenfalls ganze drei Tage mit einer Batterieladung von unserem, außerhalb der großen Stadt gelegenen Quartier in die inneren Bezirke vorgedrungen und ich würde beiden Maschinen zutrauen, dass eine Arbeitswoche mit fünf Tagen durchaus zu bewältigen ist. Dass wir es dennoch nicht geschafft haben, liegt daran, dass wir nun mal nicht anders können, als austesten zu wollen, wie gut die eine und die andere mit ihren enormen Drehmomenten anschieben - und dann wird die Akkuladung förmlich im Sekundentakt weggefressen. Empfehlenswert für den Alltag ist also ein Mischbetrieb mit einem Hang zum Eco-Mode - was ich allerdings auch für benzinbetriebene Maschinen empfehle. Denn auch mit solchen Bikes fahre ich im höchstmöglichen Gang durch Ortschaften und drehe nicht in der Ersten in den Begrenzer. Also kann der Hausverstand durchaus die Reichweite erhöhen.

Sogar mich konnten die LiveWires zum Umdenken bewegen!

Bei der Ladung der Batterien sind wir schließlich beim eklatanten Unterschied zu herkömmlichen Motorrädern angelangt - wobei ich durch den Alltagstest der beiden LiveWire tatsächlich zum Umdenken bewegt werden konnte. Vergleicht man nämlich den Tankvorgang einer herkömmlichen Maschine mit dem Laden eines Elektro- Motorrades, so ist der Zeitunterschied das einzige Killerargument gegen Elektro. Und da auch nur an der normalen Steckdose, an der die S2 del Mar wegen ihres kleineren Akkus (10,5 kWh gegenüber 15,4 kWh bei der LiveWire One) etwas schneller lädt. Per Schnellladung soll der LiveWire One sogar eine knappe halbe Stunde von 20 auf 80 Prozent Ladestand reichen, die S2 del Mar braucht beim Schnelladen etwas länger. Betrachtet man es eben so, dass man sein Elektro-Bike über Nacht ausgezeichnet an der Steckdose laden kann, spart man sogar Zeit - weil man sich jegliche Fahrt zu und Aufenthalt an Tankstellen spart!

Kreditkarte zücken und der Strom fließt? Neeee…

Es steht und fällt also mit der Möglichkeit, seine LiveWire zu einer Zeit laden zu können, in der man die Maschine ohnehin nicht verwendet - im Idealfall über Nacht. Wir hatten allerdings in Spanien das Problem, dass wir die Motorräder auf der Straße parken mussten und nur eine Stromversorgung über ein Verlängerungskabel bewerkstelligen konnten - und das funktioniert bei den kapazitätsstarken Akkus der LiveWires nicht. Also versuchten wir es an einer Schnelladestation, wobei ich etwas naiv und blauäugig erwartet habe, dass es doch reichen müsste, die Kreditkarte zu zücken und schon würde der Strom fließen. Falsch gedacht, nach Bewältigung der Anmeldeprozedur hat es grundsätzlich geklappt, die Maschinen zu koppeln, dann wurden die Motorräder allerdings als nicht kompatibel abgelehnt.

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Wer die Möglichkeit hat, lädt die LiveWire einfach über Nacht

Die Lösung des Problems fanden wir in einer öffentlichen Garage mit einer Station desselben Anbieters, bei der es herkömmliche Steckplätze gab. Die Ladedauer von jeweils knapp 9 Stunden ließe sich natürlich nicht locker mit einem Kaffee oder einer kleinen Jause zur Überbrückung bewerkstelligen, dafür bräuchte es schon Frücktück, Brunch, Mittagessen, Nachmittagsjause und Abendessen zusammen (da würde ich noch ärger aussehen). Wir ließen die LiveWires aber über Nacht am Netz und konnten dann in der Früh unsere frisch getankten Maschinen abholen. Ich komme also zu dem Schluss, dass man auch mit den LiveWires eine gute Lösung finden kann, sie ständig mobil zu halten. Das Laden an der Steckdose in der Nacht vergleiche ich gerne damit, dass man sich ja eigentlich auch ein riesiges Spritfass in die Garage stellen könnte, aus dem man jeden Tag nach dem Heimkommen die Maschine wieder volltankt - mit dem Unterschied, dass das Anstecken schneller und vor allem sauberer über die Bühne geht. Laternenparker, also all jene, die keinen Abstellplatz mit Stromzugang besitzen, haben da natürlich das Nachsehen.

Bild von Vauli
Vauli

"Sowohl die LiveWire One als auch die S2 del Mar bieten eine interessante und vor allem charmante Art, Motorrad zu fahren, die durchaus ihren Reiz hat. Für mich als Sparefroh macht die günstigere S2 sogar mehr Sinn, da sie nur etwas weniger Performance, Akkukapazität und Hochwertigkeit an den Tag legt als die One. Dafür geht sie beim Design einen erfrischend eigenen Weg und kostet mit 18.500 Euro um einiges weniger als die One um 25.000 Euro. Ich freue mich jedenfalls, dass wir diesen Alltagstest mit den beiden LiveWires durchgezogen haben - und eigentlich funktioniert das Laden ohnehin erstaunlich reibungslos, wenn man mal weiß, wie man es mit den persönlichen Voraussetzungen und Gegebenheiten schafft. Vor 100 Jahren, als es noch nicht dieses gut ausgebaute Tankstellen-Netz gab, war es sicher problematischer, an Sprit für das benzinbetriebene Vehikel zu kommen, als heutzutage an Strom. Und der Spaßfaktor ist bei den Elektros zwar anders, aber nicht unbedingt schlechter!"

Fazit: LiveWire One 2024

Die LiveWire One, vormals als Harley-Davidson LiveWire bekannt, ist nach wie vor eines der flottesten und hochwertigsten Elektrobikes am Markt. Ihre knapp über 250 Kilo merkt man zwar beim Hochrichten der Maschine vom Ständer, in Fahrt spürt man aber viel Dynamik und kann auch enges Winkelwerk sportlich nehmen - Fahrwerk und Bremsen machen da ohne Probleme mit. Die Sitzposition ist sportlich, entspricht also einem dynamischen Naked Bike und passt somit ausgezeichnet. Selbst die Akku-Kapazität ist beachtlich, wer die LiveWire One im Eco-Mode mit viel Rekuperation (Energie-Rückgewinnung, wenn man vom Gas geht) fährt, kommt erstaunlich weit. Dann hat man allerdings nichts von diesem gewaltigen Schub, den sie im Sport-Mode bietet, der dann aber die Akku-Ladung allzu schnell auffrisst.


  • heftige Beschleunigung
  • super abgestimmter Antrieb
  • hochwertige Traktionskontrolle und sportliches ABS
  • hochwertige Bremsen und gutes Fahrwerk
  • wartungsarmes Gesamtkonzept
  • umfangreiche Elektronik
  • schicke, schlichte Optik
  • maximale Ladeleistung sollte noch erhöht werden, um Ladezeit weiter zu reduzieren

Fazit: LiveWire S2 Del Mar 2024

Die kleinere S2 Del Mar bringt alles mit, was man sich von einem urbanen Elektromotorrad erwartet: Style, leichte Fahrbarkeit und alltagstaugliche Reichweite. Im Sport-Mode zeigt sie aber, was einen E-Antrieb ausmacht und katapultiert den Piloten regelrecht nach vorne. Die del Mar ist daher eine gute Wahl für alle, die sich für Elektromobilität interessieren, das Gefühl eines Motorrads aber nicht aufgeben wollen. Ein wirklich cooles Pendlerfahrzeug, das aber auch im Kurvengeläuf Spaß macht!


  • clevere Arrow-Plattform mit tauschbaren Komponenten
  • pendlertaugliche Reichweite
  • sanft ansprechender E-Motor
  • sinnvolle Fahrmodi
  • einfaches Handling
  • ansprechende Optik
  • die riesigen Reifendimensionen reduzieren die Handlichkeit

Bericht vom 04.04.2024 | 5.630 Aufrufe