Stark Varg Elektro-Motocross Test 2023

Stark Varg - die MX-Revolution?

Jetzt ist sie endlich da, die erste ernste elektrische Motocross. Möglicherweise die Zukunft im Offroadsport?

Es war wieder einer dieser seltenen erste Mal Momente im Leben. Sicher, die Varg hat auch nur zwei Stollenreifen, aber so wie sich das Ding fährt, mit der Leistungsentfaltung und Power, sowie die Einstellmöglichkeiten, ist das schon eine ganz andere Welt. Aber alles der Reihe nach. Und ja, auch im Offroadsport wird die E-Mobilität kommen, das ist für mich nach diesem Test schon mal fix. Wie groß, werden wir sehen, ist aber auch wurscht. Wenn bisher die 2 Takt Fans über die 4 Takter gemault haben und umgekehrt, kommt halt jetzt noch eine weitere Variante dazu, mit all den Vor- und Nachteilen, aber auch den bislang unbekannten, genialen Möglichkeiten. Mich erinnert die Geschichte von Stark schon sehr stark (sorry, das Wortspiel musste sein) an Tesla. Ich glaube auch, dass Stark hier ein echter Gamechanger sein wird. Wenn man bedenkt, wie stark der MX Sport (und damit meine ich nicht nur in Österreich) hauptsächlich wegen Lärm verdrängt wurde, so könnte die E-Mobilität diesen Sport wieder näher zu den Menschen bringen.

Der Ursprung der Marke Stark

Kurz zur Geschichte von Stark. Das Unternehmen geht eigentlich noch als Startup durch. Gegründet 2019 von Anton Wass (stammt aus Schweden und hat den Offroad online Giganten 24MX aufgebaut, verkauft und anschließend damit Stark gegründet) wurde in der Nähe von Barcelona eine Fabrik aus dem Boden gestampft, wo seit kurzem die Serienfertigung anlief. Um in so kurzer Zeit ein wirklich wettbewerbsfähiges Motorrad auf die Beine zu stellen, wurden nicht nur begnadete Techniker an Bord geholt, sondern auch von Beginn an ehemalige internationale Top Fahrer als Entwicklungsfahrer engagiert. Es stand im Vorhinein fest, sie wollen mit klassischen Verbrennern nicht nur mithalten, sie wollen besser sein. Varg heißt übersetzt Wolf. Aber im Schafspelz kommt sie definitiv nicht daher. Ganz im Gegenteil, sie sieht richtig sexy aus. Vom Design trifft sie sicher den Geschmack der Masse, scharf, schnittig und modern, ohne zu futuristisch zu wirken. Da wurden die Fehler der Autoindustrie bei deren Einstieg in die E Mobilität gleich mal ausgelassen.

Anders als bei den Verbrennern - ist der Akku der Stark Varg geladen?

Bevor es losgehen kann, sollte man schauen, dass der Akku voll ist. Das Aufladen erfolgt sehr unspektakulär mit einem gewöhnlichen Stecker aus der Haushaltssteckdose. Das Ladegerät wird in Form eines sehr hochwertigen Motorradständers (im Sockel des Ständers sind alle notwendigen Kabel verbaut) gleich mitgeliefert. Wenn auf der MX Strecke kein Strom vorhanden ist, dann kann dies natürlich auch über ein Notstromaggregat erfolgen. Jedoch sind hier mindestens 3,5 kW zu empfehlen. Wir haben es mit 2kW probiert, da schaltet sich bei voller Ladeleistung der Überlast ständig ein. Je nach Stromleistung ist der Akku in 1-2h voll. Zunächst eröffnen sich bei der Varg unglaublich viele Möglichkeiten, die mit dem mitgelieferten Telefon am Lenker, positioniert als Kommandozentrale, fungieren. Dieses Telefon von Stark ist übrigens stoßfest und wasserdicht! Grundsätzlich kann jedes Telefon verwendet werden, was dieselbe Größe hat. Das Telefon von Stark ist beim Motorradkauf schon dabei. Auf der Stark App können 5 beliebige Leistungsmodi sehr einfach eingestellt werden. In der starken Version von 10-80PS, dazu noch die Motorbremswirkung von null bis voll. Also so wie man es halt gewohnt ist oder eben gerne hätte.

Wir starten die Stark Varg mal mit 45 PS und halber Motorbremse

Ein längerer Druck auf den Startknopf aktiviert das Motorrad, das Display zeigt die wichtigsten Infos an und mit einem weiter Druck auf die untere Modi-Taste leuchtet das grüne Licht und die Stark ist quasi geladen und entsichert. Gasgriff auf und die MX setzt sich fast lautlos in Bewegung. Unglaublich, so viel Aufmerksamkeit hatte ich glaub ich noch nie im Fahrerlager, trotz fast lautlosem Antritt! Trotz kurzem Hub am Gasgriff ist die Gasannahme butterweich und super zu dosieren. Zum Eingrooven starten wir den ersten Testtag auf einer eher langsameren CrossCountry Strecke mit 45 PS und halber Motorbremse. Da die Stark keine rotierenden Massen hat, fühlt sich das Motorrad von der Wendigkeit her eher an wie eine 125er 2-Takter. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass die Varg extrem schlank daherkommt. Nachdem keine Schaltvorgänge und kein Kuppeln notwendig ist, fährt sich die Varg einfacher als jeder Verbrenner. Man hat viel mehr Gehirnkapazität für alle anderen Dinge. Und auch der nicht vorhandene Lärm geht nicht ab. Der Sound ist mehr ein säuseln, also nicht lautlos, ist auch gut so, nur die Kette alleine wäre auch keine schöne Geräuschkulisse. Was das Fahren natürlich so einmalig macht, ist der Durchzug, die Leistung immer und überall voll auf der Kette anliegen zu haben. Das zoomt einen richtig von Ecke zu Ecke. Und das Gefühl macht einfach unglaublich viel Spaß und richtig süchtig nach dem genialen E-Schub! Egal wer aller das Motorrad probiert hat, jeder war von der Leistungsentfaltung begeistert.

Vom Gewicht her ist die Stark Varg etwas schwerer als herkömmliche 4-Takter

Wir hatten die Version mit 18 Zoll Reifen und Hinterradbremse am Lenker zur Verfügung. Letztere würde ich auf alle Fälle nehmen. Auch wenn ich eine etwas schärfere Dosierung bevorzugen würde, gewöhnt man sich sehr schnell an die Umstellung. Die Bremsen sind von Brembo, damit in der Oberliga der Zulieferer. Das Fahrwerk von Kayaba, welche derzeit ebenso von den Zulieferern absolut on Top ist. Wir haben leider nicht erfragt in welcher Konfiguration die Dämpfung ausgestattet war, daher ist diese Beurteilung etwas heikel. In der getesteten Abstimmung war das Ansprechen top, schön progressiv, nur im letzten Viertel etwas stumpf. Das Federbein war sehr unauffällig, was an sich immer ein gutes Zeichen ist. Die Stark wir mit 118 kg angegeben, und damit schon etwas schwerer als herkömmliche 4 Takter. Auf der geeichten Waage mit Seitenständer, breiten Enduro Vorderreifen und fetten Extremenduro Reifen sowie Mousse standen 123kg auf der Waage. Umgemünzt auf normale MX Reifen und dünnen Schläuchen werden 118kg schon ganz gut passen. Fairerweise muss die Varg mit einer vollgetankten 450er verglichen werden und da wiegt sie im Schnitt um rund 6kg mehr. Beim Fahren selbst merkt man diese 118kg kaum (fehlende rotierenden Massen). Beim Anbremsen und über künstliche Hindernisse schlägt die Schwerkraft dann doch zu. Wirkt aber nie schwerfällig!

Die Stark Varg vermittelt extrem viel Vertrauen

Ein weiteres Unikum fiel uns nach 4 Testtagen auf, die Varg vermittelt extrem viel Vertrauen. Warum auch immer, aber Varg ging kein einziges Mal zu Boden, obwohl die Rundenzeiten von Beginn an fast ident waren mit den besten Rundenzeiten der eigenen gewohnten MX Bikes. Bei den Hobbyfahrern steigerten sich dann die Rundenzeiten. Die nächsten Tage war eine klassische Hobby MX Strecke und der sehr flotte MX Track in Stockerau am Programm. Natürlich wurden während der Fahrt die Modi ständig gewechselt. Es ist schon genial, dass man mit einem Knopfdruck die Leistung so anpassen kann. Klar mussten auch die 80 PS ein paar Mal probiert werden. Aber ganz im Ernst, braucht man wirklich nicht. Da ist eine alte 500er 2 Takt Rakete mit 70 PS bescheiden, denn die 80 PS bzw. 938 Nm liegen immer an! Über die Tage haben sich so 45-50 PS als richtig lässig herausgestellt. Möglicherweise ergeben je nach Steckentyp weniger PS bessere Rundenzeiten, aber der Spaß und die Beherrschbarkeit waren halt mit dieser Leistung am höchsten. Aber es ist einfach richtig lässig, wenn sich der Stollenreifen mit der E Power in den Boden verkrallt und einen so richtig perfekten Schub abliefert. Dann schießt einen die Varg aus der Kurve heraus über jeden Table. Je schwächer der Fahrer vom Leistungsniveau, desto mehr profitiert er von der Leistungsentfaltung und der einfachen Bedienung. Fahrer auf Profiniveau, die ihre MX-Bikes immer im perfekten Leistungsband fahren, haben auch immer volle Leistung anliegen bei geringerem Gewicht, aber Fahrer dieser Qualität gibt es halt wenige. Weiters sollte man mit der Leistung und der Entfaltung ein Abo auf den Holeshot haben! Kurz zusammengefasst, die Umstellung gelingt schneller als gedacht, die Varg kann richtig schnell sein, der Spaßfaktor enorm hoch. Nach meinem Empfinden sollte die Varg im Supermoto Bereich ebenso einschlagen. Dort kann auch die volle Leistung auf den Asphalt gebracht werden. Bin schon gespannt, wann dort die ersten Wölfe ausrücken.

Hohe Qualität und feine Komponenten an der Stark Varg

Natürlich war dies kein Langzeittest, aber wenn man sich die gesamte Varg ansieht, dann merkt man bei jeder Schraube bis ins kleinste Detail, dass hier Nägel mit Köpfen gemacht wurden. Neben der schon erwähnten Highend Ausstattung mit Kayaba, Brembo und Galfer, sind die Kunststoff/Carbon Teile in einer eigenen Liga. Spaltmaße wie wir sie bislang noch bei keinem Hersteller sehen konnten! Die gefrästen Gabelbrücken und Radnaben schauen Weltklasse aus. Sitzbank bietet super Grip. Alleine der Kettenspanner ist genial. Keine Ahnung warum diese einfache Verstellmöglichkeit mit einem Sechskantschlüssel so noch kein anderer Hersteller die letzten 40 Jahre umgesetzt hat. Einfach mit Klicks zu verstellen, da kann nix mehr schief gehen. Fast alle Schrauben mit Torx, Fußrasten aus Edelstahl, leichter als Titan und super einfach geschraubt. Klasse gemacht!

Die Reichweite der Stark Varg? Von - bis...

Ja und jetzt zu dem Punkt, nach dem bei E-Bikes alle zuerst fragen. Wie lange kann ich damit fahren? Leider nicht ganz so einfach zu beantworten. Dies hängt bei der Varg extrem davon ab, wie und wo man unterwegs ist. Wenn man in der MX ÖM vorne mitfährt, auf einer Strecke mit tiefen Boden (Sand, Schlamm) wird der Akku vermutlich nach 35 bis max. 45 Minuten leer sein. Auf normalen MX Strecken sind wir je nach Topografie und Fahrerniveau auf rund 75 Minuten mit 12% Restkapazität gekommen. Bei der CrossCountry Strecke waren nach 100 Minuten noch 22% übrig. Beim Endurofahren reicht die Bandbreite bis zu mehreren Stunden. Aber eines hat sich gezeigt, dass die Versprechen des Herstellers definitiv nicht aus der Luft gegriffen sind. Wie Benjamin Diesel (CEO beim Auner) bei der Enduro ÖM gezeigt hat, reicht der Akku mit zwei kurzen Zwischenladungen (10-15 Min.) für 4 Stunden mit 4 Runden mit je 19 km aus. Wäre er in der Hobbyklasse mit 3 Runden gestartet, wäre die gesamte Renndistanz inklusive Sonderprüfungen ohne Zwischenladung drinnen gewesen. Der Akku kann übrigens komplett auf 0 heruntergefahren werden, die letzten 10% laufen aber schneller ab als zu Beginn.

Service, Garantie und Kosten der Stark Varg

  • Service: Fahrwerk, Bremsflüssigkeiten, Kühlflüssigkeit wie bei jedem anderen Bike auch, nur Dinge wie Ölwechsel, Ventile einstellen, Kolbenwechsel oder der Luftfilterwechsel entfallen gänzlich! Der Test hat gezeigt, es ist schon lässig, wenn nur noch Waschen und Ketten Schmieren am Programm steht!

  • Garantie: 2 Jahre! Das gibt es auch bei keinem anderen Offroadbike Hersteller. Da könnten sich alle anderen mal eine Scheibe abschneiden!

  • Kosten: Die Firma Auner war so nett, das Testbike zur Verfügung zu stellen. Sie waren auch einer der ersten Händler in Österreich und bieten die Bikes ab 12.900 Euro an. Ein richtig fairer Preis, wenn man bedenkt, welche Technology, Möglichkeiten und Ausstattung in dem Motorrad stecken. Auch ist der laufende Betrieb weit günstiger. Daher hätte ich den Preis definitiv höher eingeschätzt.

Zu bekommen ist die Stark Varg bei www.auner.at

Fazit: Stark Future Varg 2023

Noch cooler als erwartet! Kann mich nicht erinnern auf einem MX Bike gesessen zu sein, das so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, so dermaßen anschiebt, Spaß macht und seiner Zeit voraus ist wie die Varg. Klar, einen einzigen Haken hat die Sache, man muss sich die Akkuladung einteilen und Zwischenladungen einplanen, auch das Gewicht ist ein kleinwenig mehr. Aber sonst gibt es eigentlich nur eine Menge an Vorteilen und unglaublich vielen Möglichkeiten. Da müssen alle anderen Hersteller richtig aufpassen, dass sie da den Trend nicht verschlafen oder sich die gute alte MX Welt schönreden. Autoindustrie lässt grüßen. Hut ab, in so kurzer Zeit ein so innovatives und hochwertige MX Bike zu bauen ist eine gewaltige Leistung!


  • Unzählige Einstellmöglichkeiten bei Leistung und Motorbremse
  • unglaubliche Kraftentfaltung
  • cooles Design
  • hochwertige Verarbeitung
  • Top-Komponenten
  • einfache, intuitive Bedienung
  • Etwas höheres Gewicht
  • Akku kann nicht schnell „nachgetankt“ werden

Bericht vom 27.08.2023 | 34.594 Aufrufe