Aprilia Tuono 660 Factory Vergleichstest 2023

Der Baby-Werksthunfisch muss sich strecken

Bei unserem großen Vergleichstest von Nakedbikes bis 100PS die A2-tauglich sein sollen, ist die Aprilia Tuono 660 Factory zwar dabei, läuft aber etwas außer Konkurrenz. Zwei Gründe: Erstens ist sie mit Abstand die teuerste und überflügelt die Konkurrenz um mehrere tausend Euro. Und Zweitens: Durch ihren 100PS-Motor ist sie nicht auf A2-taugliche 48 PS drosselbar, womit sie streng genommen nicht vergleichbar ist. Ursprünglich wollten wir die normale Aprilia Tuono 660 mit den anderen Bikes vergleichen, nur leider war diese nicht verfügbar.

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Gegen sechs waschechte Naked Bikes tritt die Aprilia Tuono 660 Factory an: Honda Hornet 750, Suzuki GSX-8S, KTM 790 Duke, Kawasaki Z650, Triumph Trident und Yamaha MT-07. Schauen wir mal, ob die italienische Diva die europäische und japanische Konkurrenz ausstechen kann!

Test Aprilia Tuono 660 Factory
Die sportliche Erscheinung trügt nicht: Der Baby-Werksthunfisch animiert zum Andrücken.

Unterschiede Tuono 660 und Tuono 660 Factory

Für unseren Vergleich ist der größte Unterschied der Motor: Während die normale Aprilia Tuono 660 mit 95 PS-Motorisierung kommt, hat die Factory derer fünf Pferdestärken mehr, womit aber die A2-Drosselbarkeit schwindet. Andere Ausstattungsmerkmale: Die Factory ist kürzer übersetzt (das Kettenritzel hat einen Zahn weniger), es gibt eine IMU für schräglagenabhängige Traktionskontrolle und ABS sowie ein vollverstellbares, hochwertigeres Fahrwerk, das Federbein mit Ausgleichsbehälter für konstantere Performance auch bei höherer Beanspruchung. Um das Gesamtgewicht zu drücken, kommt die Factory auch mit einer leichten Lithium-Starterbatterie, das reißt dem kleinen Werksthunfisch zwei Kilogramm runter. Dazu gesellen sich noch fünf verschiedene Fahrmodi, derer man zwei komplett frei nach den eigenen Ansprüchen und vorlieben einstellen kann. In Summe ist die Factory-Version der Tuono 660 das besser ausgestattete Motorrad, welches vor allem Performancefahrer ansprechen soll. In Deutschland und in der Schweiz fällt der Aufpreis so gering aus, dass man bedenkenlos zur Factory-Version greifen kann. In Österreich ist der Aufpreis mit 1.000 Euro am größten, wobei man vermutlich beim Wiederverkauf den Preispreis wieder reinbekommen wird.

Test Aprilia Tuono 660 Factory
Im direkten Vergleich mit der Konkurrenz steht fest: Die Tuono 660 Factory ist die teuerste, aber auch die sportlichste.

Kleiner Motor, reife Fahrdynamik

Dass man für den vergleichsweise hohen Preis nur einen 659-Kubik-Zweizylindermotor bekommt, mag am ersten Blick überraschen, aber die klare Stärke der Aprilia ist nicht das Triebwerk, sondern die sportliche, ernstzunehmende Fahrdynamik. Weiter unten gibt es die einzelnen Statements der Kollegen, die auf verschiedene Punkte nach persönlichem Gusto eingehen ind. Fakt ist: Der Zweizylinder im Aprilia-Chassis bietet weniger Punch von unten und in der Mitte, dafür kommen die 100 italienischen Pferdchen eher spitz obenraus, die Maximalleistung liegt erst bei 10.500 Umdrehungen an. Dadurch fühlt sich der Motor im ersten Antritt nicht so kräftig an wie jene der Konkurrenz im direkten Vergleich. Grund: Das Drehmoment mit 67 Newtonmetern ist nicht gerade üppig und kommt auch erst bei 8.500 Umdrehungen zur vollen Geltung. Dafür ist es ein Antrieb mit Charakter, der einen hörbar individuellen Sound hat und den man spürt, in den Schenkeln und in den Handgelenken. Er ist kein Smooth Operator, er ist ein ausdrucksstarker Sportler, der erst in seinem Wohlfühlumfeld die Topleistung abruft und das sind eben höhere, brüllende Drehzahlen.

Test Aprilia Tuono 660 Factory
Die Sitzposition auf der Aprilia ist deutlich sportlicher als auf den Klassenkollegen.

Die Ergonomie macht den Unterschied

Wir waren uns alle einig: Die Ergonomie am Baby-Werksthunfisch sticht heraus und hat Potenzial zu polarisieren. Man sitzt deutlich sportliche als auf einem klassischen Nakedbike: Der Kniewinkel ist spitzer, der Lenker weiter vorne, breit und tiefer. Der Schrittbogen schmal, die Aprilia sagt dir sofort: Wir machen heute keine Bummelfahrt, wir greifen an, Vollgas mein Freund! Da der Reiter deutlich sportlicher auf der Tuono integriert wird, ergibt sich von selbst das beste Gefühl für das Vorderrad im Vergleich. Auf längeren Tagestouren kann es für große Piloten aber auf Dauer zu eng im Sitzdreieck aus Fußrasten-, Lenker- und Sattelposition werden. Wer mit sportlichen Sitzpositionen tendenziell seine liebe Not hat und deswegen vom Supersportler auf ein Nakedbike wechselt, sollte die kleine Tuono daher unbedingt länger zur Probe fahren. Genau richtig im Aprilia-Sattel sind jene Piloten, die nicht die kompromisslose Superbike-Sitzposition wollen, aber ein Maximum an Vorderradperformance (im Nakedbike-Segment) suchen.

Test Aprilia Tuono 660 Factory
Großer Unterschied zur normalen Tuono 660: Das bessere, vollverstellbare Fahrwerk.

Knackiges Fahrwerk

Neben der Ergonomie verhilft auch das straffe, präzise Fahrwerk der Tuono 660 Factory zur sportlichen Krone. Ist man auf Straßen zweiter Ordnung unterwegs, wo Längs- und Querfugen den Fahrer peinigen und Bodenwellen und Schlaglöcher warten, dann holpert es sich auf der Aprilia zu steif über das Asphaltband. Sie mag es topfeben, ohne böse Überraschungen, dann kann sie ihre volle Präzision ausspielen. Aber: Federbein und Gabel lassen sich voll einstellen und somit anpassen. Ähnlich knackig agiert die Brembo-Bremse an der Front. Zwar weist die Testmaschine ein leichtes Bremsrubbeln auf, aber das könnte am falschen Einfahren auf den ersten Kilometern gelegen haben. In Summe ist das Feedback auf der Bremse erstklassig: klarer Druckpunkt am Bremshebel, berechenbarer Biss und in Verbindung mit der straffen Gabel spürt man gut, wo die Belastungsgrenze des Vorderreifens liegt.

Test Aprilia Tuono 660 Factory
Schlank baut die schicke aber teure Italienerin. Dafür gibts viel Ausstattung serienmäßig.

Preise Aprilia Tuono 660 Factory

In Deutschland kostet der Baby-Werksthunfisch 10.999 Euro, die Basis-Version 10.599 Euro. In Österreich kostet die Factory-Version stolze 13.590 Euro, die normale Tuono 660 12.590 Euro. In der Schweiz liegen die Preise bei 12.795 CHF für den Factory-Thunfisch, die Non-Factory kostet 12.195 CHF. (Stand: Mai 2023)

Zonkos Meinung

Die Tuono 660 Factory mit dem Schaltautomaten und dem scharfen Motorklang ist schon eine mörderleiwande Maschine, wobei sie es bei mir naturgemäß immer etwas schwerer hat. Warum? Weil ich einfach nicht anders kann, als an den großen Werksthunfisch zu denken und der stellt halt alles gnadenlos in den Schatten.

Vaulis Meinung

Mag schon sein, dass die 5 PS mehr der Aprilia Tuono 660 Factory gegenüber ihrer normalen Schwester dazu führen, dass sie nicht mehr auf A2 gedrosselt werden kann. In unserem Vergleich machen die 5 PS ohnehin nicht den großen Unterschied und ich bewundere die Italiener, dass sie ein so gut ausgestattetes Naked Bike mit nur 659 Kubik ins Rennen schicken. Denn die Brembo-Bremse werkt tadellos, das verstellbare Fahrwerk ist stabil, die Elektronik präsentiert sich samt IMU richtig umfangreich, und der Motor ist agil, dreht schön hoch und wird oben raus richtig stark - allerdings fehlt es ihm eben wegen des kleinen Hubraums an Souveränität. Dafür ist die Zahl am Preiszettel meiner Meinung nach dann doch zu hoch. Daher kommt die Tuono 660 zwar für mich nicht in Frage, ich freue mich aber einerseits für Aprilia, wenn die kleine Tuono großen Anklang findet, andererseits freue ich mich für jeden Käufer, denn wer sich letztendlich für die Tuono 660 entscheidet, wird von der Performance sicher nicht enttäuscht!

McGregors Meinung

Selbst wenn man das "Factory" im Namen und dessen Zusatzausstattung ausklammert, hat die Tuono 660 gewisse Alleinstellungsmerkmale. Ihr Motor liefert das emotionalste Klangbild, ist im Gegensatz zu den anderen Reihen-Zweizylindern aber nicht auf Drehmoment bei niedrigen Touren, sondern eher auf Endleistung getrimmt. Dementsprechend viel Drehzahl braucht sie, um ordentlich in Schwung zu kommen. Das passt auch zu ihrer besonderen Sitzposition. Supersport-like ist man im Motorrad integriert, lastet mit mehr Druck auf dem Lenker und nimmt so eine deutlich Vorderrad-orientiertere Haltung ein, als auf den anderen Bikes. Dieses charakterstarke Gesamtpaket muss man aber auch wollen, denn die Tuono 660 verlangt nach einer erfahrenen Führungshand. Die anderen Motorräder im Vergleich sind leichter, angenehmer und unkomplizierter zu bewegen.

Pokys Meinung

Antritt außer Konkurrenz gilt für die Aprilia Tuono 660, zumindest in der Factory-Variante, die uns für den Test zur Verfügung gestellt wurde. Die 100 PS starke Maschine lässt sich im Gegensatz zum Standard Modell nicht mit dem A2-Führerschein bewegen, auch der Preis von über 13.500 Euro (in Österreich) würde wohl die meisten Jungfahrer abschrecken. Für Piloten mit sportlichen oder gar Rennstrecken-Ambitionen ist die Aprilia sicher eine gute Wahl, allein große Fahrer werden mit dem sehr spitzen Kniewinkel ihre liebe Not haben.

NastyNils' Meinung

Die Aprilia Tuono 660 Factory bietet ein faszinierendes Gesamtpaket. Der breite Lenker und die aufrechte Sitzposition vermitteln Nakedbike Feeling. Die integrierte Sitzposition vermittelt Supersport-Feeling. Man ist toll ins Fahrzeug integriert. Im Vergleich zu anderen Bikes dieser Klasse wird viele der hohe Preis abschrecken.

Mex' Meinung

Die Tuono 660 Factory war für mich die sportlichste Vertreterin in unserem Vergleich. Die Sitzposition ist klar nach vorne orientiert und sorgt für ein schönes Vorderradgefühl. Dazu passt auch das stabile Chassis mit hochwertigen und voll einstellbaren Fahrwerkskomponenten. Das Elektronikpaket war bei Aprilia ebenfalls das beste und umfangreichste in unserem Vergleich. Wo bleibt die Kritik? Sensiblen Naturen werden die starken Vibrationen des Motors auffallen und auch das ansprechverhalten des 660er Zweizylinders kann mitunter etwas harsch sein. Eben eine sportliche Diva mit Charakter. Doch die hochwertigen Zutaten fordern spätestens am Tresen des Händlers ihren Tribut - denn sie ist das mit Abstand teuerste Motorrad im getesteten Septett.

MoHo-Empfehlung in Yspertal

Bei unserer zweitätigen Testtour sind wir im Gasthof / Pension "Drei Hacken" eingekehrt und können über Gastgeber und Küche nur Bestes berichten. Der köstliche Schweinsbraten war der Hauptakteur, aber auch die Leberknödelsuppe und die ehrlichen Mohnnudeln waren vom Feinsten. Wer also im Kurvenparadies oberhalb der Donau eine motorradfreundliche Unterkunft braucht, kann gerne bei Inhaber Andi Starkmann Halt machen und sich auf hohem Niveau verköstigen lassen. Ganz schwere Empfehlung von 1000PS. Alle Infos dazu hier.

Fazit: Aprilia Tuono 660 Factory 2023

Die Aprilia Tuono 660 Factory, liebevoll auch Baby-Werksthunfisch genannt, ist ein edles Gerät, sehr sportlich orientiert und mit viel Charakter. Das Preis ist kein Schnäppchen, dafür bekommt man eine Topausstattung mit allem, was der moderne Motorradbau zu bieten hat. Für größere Piloten ist eine längere Probefahrt dringend angeraten, denn die Sitzposition polarisiert.


  • beste Ausstattung
  • eigenständiger Charakter
  • guter Sound
  • bestes Vorderradgefühl
  • vollverstellbares Fahrwerk
  • sehr gute Bremsen
  • echte Sportlerperformance
  • hoher Preis
  • spitze Motorcharakteristik
  • wenig Drehmoment und dieses kommt erst spät
  • spezielle Sitzposition (für ein Nakedbike)

Bericht vom 17.05.2023 | 7.675 Aufrufe