Aprilia Tuono V4 im Hyper-Touring Vergleichstest 2022

Naked oder Touring - oder gar beides?

Dass Aprilia eine äußerst sportliche Marke ist, erkennt man unter anderem daran, dass die Tuono V4 das tourenfreundlichste Straßen-Motorrad der Italiener ist. Als komfortableres Hyper-Naked Bike kommt daher doch eine Menge Sportsgeist im Sattel der V4-Rakete auf - kann sie es da mit der vollausgestatteten Kawasaki Ninja H2 SX SE, der quirlige KTM 1290 Super Duke GT und der Hghspeed-Ikone Suzuki Hayabusa aufnehmen?

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Aprilia macht aus der Not eine Tugend - und das sogar ziemlich gut. Wer sich das Modellprogramm der Italiener ansieht, wird schnell merken, dass es in allen Kategorien stark in Richtung Sport geht - und genau das wollen die Fans ja auch. Komfort spielt bei Aprilia offensichtlich eine untergeordnete Rolle, ein echtes, bequemes Touringbike fehlt völlig im Sortiment. Allerdings will sich der Hersteller aus Noale natürlich auch das Geschäft mit reisetauglichen Maschinen nicht völlig entgehen lassen, nach der Einstellung der großen Caponord 1200 zeigt der Erfolg der Aprilia Tuareg 660 ja sehr wohl, dass die reisetauglichen Adventurebikes ein ganz wichtiges Segment darstellen. Bei den rein auf Straßengebrauch ausgelegten Tourern sieht es bei Aprilia hingegen sehr mau aus, weshalb die findigen Italiener schnurstracks die Tuono V4 ohne Factory-Zutaten zum Touring-Bike ernennen! Ein höherer Windschild, bequemerer Sattel samt größerem Beifahrer-Polster und ein höher positionierter Lenker - fertig ist die Aprilia Tourono V4!

Der potente V4-Motor zoomt die große Tuono durch die Landschaft

Aber reicht das, um die tatsächlich und nur auf Touring ausgelegten Konkurrentinnen in unserem Hyper-Touring Vergleich anzugreifen oder gar in Schach zu halten? Einerseits ja, erstaunlich gut, andererseits fehlt es der Tuono V4 aber doch an wahrer Reisetauglichkeit. Da wäre mal der Motor, der die Tuono V4 dank seiner 175,4 PS bei 11.350 Umdrehungen und dem ordentlichen Drehmoment von 121 Newtonmeter bei 9000 Touren vorrangig sportlich, aber doch auch souverän durch die Landschaft zoomt. Dass die Tuono V4 damit zwar zusammen mit der KTM die Schwächste in dem Vergleichs-Quartett ist (die Suzuki Hayabusa hat 190 PS, die Kawasaki Ninja H2 SX SE hat gar 200 PS) soll dabei nicht weiter stören. Denn die Power aus dem 1077 Kubik großen V4-Triebwerk kann nicht nur in der Manier eines Hyper-Naked Bikes abgefeuert werden, sondern auch einem Touringbike entsprechend kultiviert. Somit ist es auch verschmerzbar, dass die Tuono V4 beim Drehmoment sogar als Einzige das Schlusslicht markiert, immerhin lässt sie sich aus dem Drehzahlkeller ohne lästiges Ruckeln und weitaus williger hochdrehen als die KTM 1290 Super Duke GT.

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Die Tuono V4 ist auf Touring getrimmt, nicht explizit auf die große Reise

Die fehlende Leistung macht die Tuono V4 ohnehin durch fehlendes Gewicht wett, mit ihren 216,5 Kilo (von uns selbst vollgetankt gemessen) wiegt sie mit Abstand am wenigsten. Die KTM kommt mit exakt 20 Kilo mehr noch am ehesten ran, aber sowohl Suzuki als auch Kawasaki wiegen jeweils knapp 50 Kilo mehr! Und genau dieses vergleichsweise niedrige Gewicht zeigt, dass die Tuono V4 nun mal nach wie vor ein Naked Bike ist, das gut auf Touring getrimmt, aber nicht explizit auf die große Reise eingestimmt ist. Die höhere Scheibe ist natürlich ein guter Ansatz und wirkt tatsächlich ziemlich effizient, die wuchtigen Verkleidungen der Konkurrentinnen machen ihre Arbeit aber erwartungsgemäß besser. Die KTM hat sogar als einzige eine höhenverstellbare Scheibe an der Front und zusammen mit der Kawasaki eine dezent integrierte Seitenkoffer-Halterung - damit kann die Aprilia nicht aufwarten.

Warum hat gerade die touristische Aprilia Tuono V4 kein elektronisches Fahrwerk?

Ebenso scheint es eigentlich unlogisch, dass gerade die Tuono V4 auf ein elektronisch verstellbares Fahrwerk verzichten muss, während die Factory-Schwester ein hochwertiges System von Öhlins besitzt, wo doch gerade auf einem Touring-Bike die Abstimmung per Knopfdruck auf mehr Gewicht durch Beifahrer und/oder Gepäck Sinn machen würde. Logisch wird es erst wieder, wenn man bedenkt, dass die Tuono V4 nach wie vor die Einsteiger-Tuono V4 sein soll und einfach nebenbei das beste Touringbike der Italiener ist. Insofern passt es natürlich wieder sehr gut, dass das Fahrwerk mit der Sachs-USD-Gabel vorne und dem Monofederbein im Heck, ebenfalls von Sachs, ohnehin voll verstellbar ist und bereits in der Grundversion zwar weit entfernt von gemütlich aber doch mit ausreichend Komfort abgestimmt ist. Auch die Brembo M50-330er-Bremsanlage kann richtig fest zupacken, benimmt sich allerdings nicht so radikal, dass sie bei gemütlicher Fahrweise Probleme bereiten würde.

Ergonomie und Elektronik machen aus ihr eine Aprilia Tourono V4

Schließlich ist natürlich die Sitzposition ein besonders wichtiger Faktor auf einem Touringbike und auch hier ist die Aprilia Tuono V4 mit ihrem höheren Lenker gegenüber der Tuono V4 Factory schon mal erheblich aufrechter und somit komfortabler. Rein von der Ergonomie her ist sie sogar zusammen mit der KTM am rückenschonendsten zu fahren, denn sowohl die Kawasaki als auch die Suzuki gehen mehr in Richtung Sporttourer und weisen somit höflich auf ihre Hochgeschwindigkeits-Fähigkeiten hin. Bei den Elektronik-Features fehlt es wie bei den drei Konkurrentinnen auch auf der Aprilia grundsätzlich an nichts, dank der aPRC (Aprilia Performance Ride Control) genannten Einheit ist die Tuono V4 schon mal mit sechs einstellbaren Fahrmodi, Kurven-ABS, schräglagenabhängiger Traktionskontrolle, Quickshifter up & down und Tempomat sehr wohl auf einen gewissen Touring-Anspruch getrimmt. Wheelie Control, Engine Brake und vor allem Launch Control deuten hingegen wieder stark darauf hin, dass es die Tuono V4 doch auch mal krachen lassen möchte.

Die Aprilia Tuono V4 vermittelt unterschwellig ihre Wünsche

Was ich damit sagen möchte ist, dass die Aprilia Tuono V4 grundsätzlich alle Touring-Anforderungen sehr gut abarbeitet, vor allem durch die angenehme Sitzposition kann man gewiss auch längere Etappen unter die Räder nehmen. Allerdings vermittelt sie durch ihren antrittsstarken Motor, den herrlichen Sound und den knackigen Schaltassistenten permanent ganz unterschwellig ihren Wunsch nach sportlicher Fahrweise. Und ehrlich gestanden störte es mich selten so wenig, dass man mich manipulieren wollte - offensichtlich wäre ich wohl auch ein guter Aprilia-Fanboy!

Horvaths Meinung zur Aprilia Tuono V4 im Hyper-Touring Vergleichstest:

Ein V4-Naked Bike in einen Hyper-Touring Vergleich zu ziehen, mag absurd wirken. Doch tatsächlich positioniert Aprilia die Standard-Tuono spürbar touristisch und verpasst ihr unter anderem einen hohen Lenker und ein ausladendes Windschild. Wer sportlich auf Reise gehen möchte, muss eigentlich nur mehr Soft-Gepäck montieren und kann mit unglaublichem Speed über jegliche Alpenpässe fegen.

Bild von Der Horvath
Der Horvath

"Wer Aprilias V4 im reisetauglichen Paket sucht, muss zur Tuono V4 greifen"

Was mich bei meinem Prämierenritt auf der Tuono V4 begeistert hat, ist die Vielseitigkeit des Naked Bikes aus Noale. Der Motor ist eine absolute Wucht und kann dank Klappenauspuff bei niedrigen Drehzahlen angenehm ruhig durch Ortschaften tuckern, verwandelt sich aber ab 4.750 Umdrehungen und offener Klappe zum waschechten Rennaggregat. Dank großartigem Chassis und sportlichen Fahrwerkskomponenten bereitet sie eine wahre Freude im Winkelwerk und lässt sich dabei absolut intuitiv in die Kurven werfen. Den einzigen und sehr subjektiven Kritikpunkt finde ich in der Anmutung der Bedieneinheiten und der Optik des TFT-Displays. Das bekommt die Konkurrenz meiner Meinung nach hochwertiger hin.

Fahrendes Motorrad

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Fazit: Aprilia Tuono V4 1100 2022

Die Aprilia Tuono V4 ist so wie ihre Vorgängerin ein Naked Bike und keine explizite Touring-Maschine. Allerdings haben die Techniker aus Noale sehr geschickt im Vergleich zur Factory-Version den Lenker erhöht, einen bequemeren Sattel montiert und einen größeren Windschild befestigt. Damit sieht die Tuono V4 immer noch richtig fesch aus, kann aber tatsächlich auf größere Touren gehen als die äußerst sportive Schwester. Das Fahrwerk der normalen Tuono V4 muss zwar auf elektronische Verstellbarkeit verzichten (was ja auf einer Touring-Maschine durchaus Sinn machen würde), allerdings sind die Sachs-Federelemente voll verstellbar. Das Handling ist wiederum dank stabilem Chassis herrlich sportlich und die Bremse kann fest zupacken, ohne allzu aggressiv zu wirken. An elektronischen Helferlein fehlt es nicht, während der serienmäßige Tempomat den Touring-Charakter hervorkehrt, machen Wheelie- und Launch-Control klar, dass es auch die „Tourono V4“ krachen lassen will!


  • kräftiges, aber doch kultiviertes V4-Triebwerk
  • großartiger Sound
  • voll verstellbares Fahrwerk
  • bequeme Sitzposition
  • stabiles Handling
  • gute Bremsen
  • unverwechselbare Optik
  • Fahrwerk nicht elektronisch verstellbar
  • Display etwas unaufgeräumt

Bericht vom 29.06.2022 | 5.572 Aufrufe

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