Indian Pursuit Test 2022

Mit dem Reisedampfer durch die Alpen wieseln!

Indian wagt sich als erster Hersteller klassischer Touringmaschinen mit V2-Motor in eine höhere Leistungsklasse – nach der erfolgreich etablierten Challenger kommt nun die Indian Pursuit mit kräftigem PowerPlus-Triebwerk. Mit diesem dicken Tourer durch die verwinkelten französischen Alpen - kann das gut gehen?

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Ich könnte klarerweise (wie so oft) raunzen, dass es immer regnet, wenn ich zu einer Präsentation anreise, bei der alles viel besser und schöner gewesen wäre, wenn es eben nicht geregnet hätte. Klar. Ich hätte allerdings kaum ein besseres Motorrad für die Fahrerei im Regen erwischen können, als die Indian Pursuit. Denn bei diesem Reisedampfer kann ich mit ruhigem Gewissen sagen, dass er sich sowohl auf trockener als auch auf nasser Piste ausgezeichnet benimmt. Und schließlich fuhren wir am Ende ohnehin viel mehr im Trockenen als im Nassen. Allerdings merkt man im Nassen sehr viel schneller, ob ein Motorrad auch in brenzligen Situationen dazu neigt, den Fahrer zu unterstützen oder ihn nur noch mehr zu fordern. Die neue Pursuit ist klar und deutlich eine, die unterstützt - obwohl das bei so einem Eisenhaufen nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann.

Die neue Indian Pursuit überzeugt durch ihr neutrales Handling

Bei der Pursuit stimmt das Handling richtig gut, es trägt nach der Indian Challenger also weitere Früchte, dass die europäischen Indian-Verantwortlichen 2015 die amerikanischen Indian-Techniker und -Ingenieure ins französische Chamonix einluden, um ihnen zu zeigen, worauf es in Europa bei einem Motorrad ankommt - Kurven-Performance! Und so erklärt sich auch, warum wir gerade dieses Dickschiff in den verwinkelten französischen Alpen fahren mussten, oder besser durften. Wir bestritten nämlich die exakt gleiche Route wie damals die Techniker, mit all den engen Kurven und teilweise auch schlechtem Asphalt. Konklusion: Es kann auch ein dicker Tourer mit 400 Kilo Trockengewicht (!) durchaus agil und wendig durch die Alpen gezirkelt werden.

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Abgewandelt von der Indian Challenger - die Indian Pursuit

Das Chassis ist also äußerst stabil und das Fahrwerk so homogen abgestimmt, dass man sich darauf jederzeit verlassen kann. Natürlich ist die Pursuit kein absoluter Kurvenräuber, dafür kratzen dann doch zu bald die Fußrasten und andere metallene Teile, sie ist aber doch so stabil und handlich, dass man es auch mal sportlicher angehen kann, wenn man will. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Pursuit an ihre Bagger-Schwester Challenger erinnert, immerhin haben die beiden mit 1668 Millimeter den exakt gleichen Radstand und auch die niedrige Sitzhöhe von 672 Millimeter gemeinsam. Das hilft auch beim Rangieren, wenn man trotz dem hohen Gewicht die schwere Fuhre mit einem ordentlichen Stand gut unter Kontrolle hat. Lediglich rückwärts aus einem abschüssigen Parkplatz herausschieben stellt sich als nahezu unlösbare Aufgabe heraus Augen auf bei der Parkplatzwahl!

Nur 35 Kilo Mehrgewicht gegenüber der Indian Challenger machen sich doch bemerkbar

Allerdings merkt man gerade im direkten Vergleich mit der Challenger, dass sich vermeintlich vernachlässigbare 35 Kilo Mehrgewicht doch bemerkbar machen. Denn diese 35 Kilo sind großteils Schwerpunt-ungünstig in Form des Topcase weit oben montiert und rein fahrdynamisch ist die Challenger am Ende doch die bessere Wahl. Allerdings hat man nur mit der Pursuit die vollen 133 Liter Stauraum, den höheren und klarerweise effektiveren Windschild sowie den, bei den Beinen besseren Windschutz. Auch das, auf der Pursuit serienmäßige (auf der Challenger gegen Aufpreis nachrüstbare) Fox-Federbein samt elektronisch einstellbarer Federvorspannung macht auf der Pursuit mehr Sinn. Denn abgesehen von der ganz einfach am Touchscreen justierbaren Sitzbelegung (Fahrer mit/ohne Sozius) kann auch das Fahrergewicht sowie leichtes und schweres Gepäck eingegeben werden. Dieses neue Feature ist im Übrigen auch für alle Indian Challenger-Modelle als Zubehör nachrüstbar.

Auf der Indian Pursuit genießt man den Tritt in den Allerwertesten

Einen sehr großen Anteil an der Souveränität der Pursuit hat natürlich der Motor, den Indian verheißungsvoll PowerPlus nennt. Nun, es ist tatsächlich (noch) nicht üblich, dass solch traditionelle V2-Tourer viel mehr als 100 PS besitzen. Bei der Pursuit sind es gleich 122 bei 5500 Touren aus dem modernen 1768 Kubik großen Triebwerk. Aber keine Sorge, das Drehmoment kommt dabei keineswegs zu kurz, stolze 178 Newtonmeter stehen bei 3800 Umdrehungen an - und das spürt man auch. Der Antritt von ganz unten ist enorm, in Wahrheit nutzt man auf solch einem schweren Tourer ohnehin vorrangig das gewaltige Drehmoment als die Spitzenleistung. Ich hatte jedenfalls niemals das Verlangen, den Motor in den Begrenzer zu orgeln, stattdessen macht es viel mehr Spaß den Tritt in den Allerwertesten zu genießen.

Viel Elektronik in der neuen Indian Pursuit

Falls man es jedenfalls nicht will, bietet die Pursuit eine ganze Menge anderer Unterhaltung, die vor allem beim gemütlichen Cruisen und Kilometerfressen die Zeit vertreibt. Damit meine ich natürlich die viele Elektronik, die mit an Bord ist und über intuitiv bedienbare Elemente oder den 7 Zoll großen Touchscreen bedient werden. Ride Command Infotainment System nennt Indian das Unterhaltungsprogramm, das nicht nur die Navigation auf neuestem Stand übernimmt, sondern auch Musik oder Radio spielen kann - wer will, aus insgesamt 16 Rockford-Boxen, die allesamt in Kombination ein herrliches Klangbild zaubern. Die Elektronik greift aber nicht nur in das Geschehen beim Entertainment ein sondern auch bei den sicherheitsrelevanten Features der Pursuit. Da der Reisedampfer eine IMU verbaut hat, sind auch eine schräglagenabhängige Traktionskontrolle und ein Kurven-ABS mit an Bord.

Andere Brembo-Vierkolbenanlagen funktionieren besser!

Allerdings möchte ich gerade an der Bremsanlage die einzige Kritik an der neuen Pursuit üben. Die Vorderrad-Bremse ist mir einerseits etwas zu schwergängig, andererseits auch nicht ganz einfach zu dosieren. Mag sein, dass die üblichen Fahrer solch schwerer Tourer es gewohnt sind, dass sie bei der Bremserei fester zupacken müssen. Ich hätte mir bei einer 320er-Doppelscheibe mit Brembo-Vierkolbenzangen aber etwas mehr Feingefühl erwartet. Da die Marketing-Abteilung von Indian die neue Pursuit sogar mit den BMW K 1600-Modellen in einen Topf wirft, muss sich die Pursuit tatsächlich gefallen lassen, dass die Bremsanlage mindestens einer ernsthaften Konkurrentin besser ist. Schon bei der Challenger habe ich befunden, dass die Vorderradbremse etwas zu lasch an die Arbeit geht, bei der Pursuit ist es nun nicht anders. Insgesamt stimmt das Konzept aber sehr wohl, denn eine ehrliche Tourerin ist die Pursuit allemal. Wer noch mehr Individualität braucht, wird auch für die Pursuit im umfangreichen Zubehörprogramm fündig. Dann steigt zwar der Preis noch weiter an, bei über 35.000 Euro für ein Motorrad darf das Geld aber ohnehin keine große Rolle spielen!

Preise und Farben der neuen Indian Pursuit 2022

In Österreich und Deutschland ist die neue Indian Pursuit in zwei Versionen zu haben, als Indian Pursuit Limited in Black Metallic (DE: 34.190 Euro, AT: 40.390 Euro) und als Indian Pursuit Dark Horse entweder in Black Smoke (DE: 34.440 Euro, AT: 40.590 Euro) oder in Silver Quartz Smoke (DE: 34.740 Euro, AT: 40.990 Euro).

Fazit: Indian Pursuit Limited

Die neue Indian Pursuit ist eine logische Weiterentwicklung der Indian Challenger. Mit gleichem Motor, Chassis und Sitzposition fährt auch die Pursuit sehr wendig und agil. Lediglich die knapp 35 Kilo Mehrgewicht machen sich am Ende doch bemerkbar. Allerdings bietet die Pursuit auch mehr Features und nicht zu vergessen einen Laderaum von 133 Liter Volumen. Für einen so schweren Reisedampfer ist die Pursuit aber ohnehin sehr agil und wendig im Fahrverhalten. Lediglich die vordere Bremse könnte etwas leichtgängiger sein. Der hohe Preis verwundert in dieser Klasse wiederum nicht wirklich, dafür hat der stärkste V2-Tourer in dieser Klasse eine Menge Prestige!


  • sehr handlich für einen schweren Tourer
  • kräftiges PowerPlus-Triebwerk mit Charakter
  • voller Komfort und umfangreiche Ausstattung
  • stabiles Fahrwerk
  • Kurven-ABS
  • schräglagenabhängige Traktionskontrolle
  • drei Fahrmodi
  • stolzer Preis
  • Bremse braucht viel Handkraft

Bericht vom 25.05.2022 | 6.790 Aufrufe

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