Das Erfolgsgeheimnis der Kawasaki Z900

Der grüne Verkaufsschlager

Die Aufgabe, die Kawasaki Z900 testen zu dürfen, könnte aus einem speziellen Betrachtungswinkel durchaus als undankbar bezeichnet werden. Und zwar aus der Perspektive des Motorradtesters. An diesem Zweirad gibt es nämlich so wenig auszusetzen, dass bei einigen Leserinnen und Leser zwangsweise der Eindruck entstehen wird, hier einen Werbe- und keinen Testbericht zu lesen. Aber - ganz ehrlich - ich bin gerne bereit, ein wenig an Glaubwürdigkeit einzubüßen, wenn ich dafür endlich wieder Z900 fahren darf! Denn dieses Motorrad ist für mich uneingeschränkt großartig und in diesem Text werde ich erklären, was genau für diese Großartigkeit verantwortlich ist.

Betrachtet man die 2020er Kawasaki Z900 aus der 1000PS-Perspektive, bin ich, Kamerakind Schaaf, der Anfang und das Ende. Unter meinem Hintern hat sie im Rahmen der Präsentation Ende 2019 auf 1000PS ihre Testpremiere gefeiert. Und nun ist es eben erneut mein knochiges Gesäß, dass unsere Dauertest Kawasaki während ihrer letzten Probefahrt vor Saisonabschluss noch einmal erspüren darf. Mein Allerwertester und ich waren immer begeisterte Fans, ohne genau zu wissen, warum. Vier Zylinder in Reihe bewegen mich äußerlich zwar schnell, aber innerlich, auf der emotionalen Ebene, bevorzuge ich es, Sprit und Luft in zwei oder drei Brennräumen zu zünden. So habe ich mir für meine letzte Ausfahrt des Jahres 2020 nun vorgenommen, das Geheimnis der Kawasaki zu lüften. Während meiner Fahrt durch den herbstlichen Wienerwald wurde mir klar, dass genau zwei Aspekte das Z900-Erlebnis für mich zu etwas Besonderem machen: Motor und Chassis.

Das Motorkonzept Reihenvierer und seine Schwächen

Die Z900 ist in Wahrheit der alleinige Grund, warum ich Reihenvierzylinder nicht komplett auf die Rennstrecke abschreibe. Laut mir passt dieses Motorkonzept mit seiner Charakteristik einfach am besten in Rundkurs-und Zeitenjäger. Hohe Drehzahlen halte ich auf der Straße nerventechnisch nur auf sehr kurzen Abschnitten aus, gleichzeitig möchte ich aber trotzdem jederzeit ausreichend Drehmoment und Leistung zur Verfügung haben. An diesem Anspruch scheitern die meisten Vierzylinder in Reihe. Manche Hersteller packen diese Aggregate sogar in waschechte Touren- Motorräder und schaffen es dabei NICHT, die Motorcharakteristik hinsichtlich mehr Bums im Drehzahlkeller zu optimieren. Möchte ich mit einer solchen Maschine flott fahren, dann bedeutet dies leider auch zwangsweise eine MotoGP-ähnliche Geräuschkulisse, eben wegen der notwendigen hohen Drehzahlen. Und wir alle wissen, dass es insbesondere unseren Mitbürgern ohne Zweirad-Affinität schwerfällt, ein solches Auspuff-Orchester gebührend zu schätzen. Verständlicherweise, wohl gemerkt.

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Der Z900 Motor mit massig Drehmoment

Der Motor der Z900 allerdings ist anders. Er lässt sich nicht bitten. Er stellt schon untenrum so viel Leistung zur freien Entnahme, dass man auf den ersten Metern fast ein wenig erschrickt. Vor allem, wenn man normale Vierzylinder gewöhnt ist. Der Z-Motor aber eben ist nicht normal. Gleichzeitig aber auch nichts Neues. Denn schon die erste Z1000-Generation wusste mit ihrer Leistungsentfaltung auf der Straße zu begeistern. Seit mittlerweile 18 Jahren weiß Kawasaki bestens bescheid, wie ein Reihenvierer zu funktionieren hat, der mächtig und alltagstauglich zugleich ist, der seidenweich und kultiviert ist und dennoch untenrum schon ordentlich Druck bereitstellt.

Die Z900 kennt kein Leistungsloch

Befindet man sich mit einem gewöhnlichen Vierzylinder in Reihe im unteren Drehzahlbereich und möchte dann die Brennräume ordentlich fluten um rascher von A nach B zu kommen, so gönnt einem das Aggregat durchaus ein wenig Bedenkzeit, bevor die pulsbeschleunigenden Leistungsbereiche ihre Wirkung zeigen. Die Z900 verkürzt diese Bedenkzeit auf ein gefühltes Wimpernzucken, sie verteilt die Leistungswatschn beinahe sofort, sie hat den direktesten Draht zum mesolimbischen System unseres Hirns. Also dorthin, wo durch Glücksgefühle das Verstärken bestimmter Verhaltensmuster gefördert wird, welche mit Belohnung in Verbindung stehen. Der Weg von der Drehung des Gasgriffs bis hin zu glücklich machenden Dopaminrezeptoren ist auf der Kawasaki ausgesprochen kurz. Das heißt, die Kawasaki Z900 macht besonders schnell glücklich.

Die Lautstärke der Kawasaki Z900 und ihr Standgeräusch

Diese unerwartet schnell einsetzende Beschleunigung wird von einer würdigen Geräuschkulisse begleitet. Aber weniger von einer solchen, die diverse Gruppen von Bergvölkern auf die Barrikaden gehen lässt, sondern eher von einer, die vor allem dem Piloten selbst zu gute kommt. Das vehemente Drehen am Hahn wird auf der Z nämlich mit einem gut hörbaren Airbox-Heuler quittiert, sozusagen eine akustische Bestätigung dafür, dass es unerwartet rasch vorwärts geht. Und dieser Luftkasten-Tenor macht auch schon vor Erreichen der rennstreckentauglichen Drehzahlen Freude. Ein für den Fahrer hörbarer Genuss, ohne die nähere Umgebung asozial anzukreischen. Dank der linearen Leistungsabgabe tut eben auch das frühere und lärmschonendere Schalten in den nächsten Gang nicht besonders weh. Umso bitterer und vor allem auch lächerlicher, dass die aktuelle Z900 auf den speziellen Straßen Tirols aufgrund ihres eingetragenen Standgeräuschs von 97dB nicht mehr fahren darf.

Die Z900 im Vergleich zur Konkurrenz

Dieser grandiose Motor ist sicherlich der Hauptgrund für meine Z900-Begeisterung. Denn in den meisten anderen Aspekten schafft die Kawasaki es nicht, sich deutlich vom Mitbewerb abzuheben. Sie funktioniert genau so gut wie all die anderen modernen Mittelklasse-Nakedbikes. Das Handling ist spielerisch und neutralst, die Bremsen können sanft oder vehement stoppen. Die Sitzposition ist entspannt-sportlich und erlaubt agile sowie faule Fortbewegung. Die elektronischen Gadgets sind mittlerweile komplett zeitgemäß und für mich gleichzeitig immer noch nicht von großem Interesse oder Bedeutung. Viel wichtiger ist, dass die Kawa sich trotz Elektronikeinsatzes immer noch so wunderbar analog anfühlt. Und dies bringt mich zu meinem zweiten Lieblingsaspekt, dem Feedback der Kawasaki Z900.

Das Z900 Chassis begeistert

Zu Beginn des Artikels habe ich den Hauptverantwortlichen noch beim Namen genannt: Chassis. Das tragende Element der Z nämlich ist unglaublich gut zu verstehen. Was ich damit meine? Nun, 95% meiner Arbeitszeit bei 1000PS verbringe ich hinter der Kamera oder am Schnittcomputer. Aus diesem Grund habe ich an diesem Punkt des Artikels die Freiheit, zugeben zu dürfen, dass ich leider nicht begründen kann, welche Chassis-Komponenten dafür verantwortlich sind, dass die Z900 während der Fahrt so eindeutig und klar zu mir spricht. Für diese Erklärung reicht mein technisches Verständnis leider nicht aus, sorry. Dafür kann ich aber bestätigen, dass sich für mich kaum ein anderes Nakedbike ähnlich vertrauenserweckend anfühlt. Obwohl die Kawa ganzsicherlich nicht die hochwertigsten Federelemente verbaut hat, vermittelt sie mir auf der Straße eine beeindruckend klare Rückmeldung. Das Zusammenspiel von Dämpfern, Reifen und Chassis wird deutlich an meinen Allerwertesten übermittelt. Und diese störungsfreie Übermittlung beschert erneut Glücksgefühl der höchsten Güte, denn ich fühle mich nicht nur schnell sondern auch sicher. Dabei ist die Z900 aufgrund ihres erschwinglichen Preises noch nicht einmal ultra-sportlich. Ja, sie kann unglaublich schnell bewegt werden aber nein, definitiv nicht so schnell, wie deutlich teurere Mitbewerber mit güldenen Fahrwerken. Aber das zu erfahrende Feedback ist für mich auf einem ähnlichen Niveau. Kawasaki hat sich für die Gesamtkonstruktion der Z wahrlich das Adjektiv stimmig verdient. Die 900er ist ein Wohlfühlmotorrad durch und durch. Aber ganz und gar nicht langweilig.

Die Nummer 1 unter den Naked Bikes

Normalerweise schenke ich der breiten Masse kein Vertrauen und bilde mir lieber selbst ein Urteil. Im Bereich Motorrad aber muss ich eingestehen, dass die Verkaufszahlen der einzelnen Modelle tatsächlich einigermaßen verlässliche Rückschlüsse auf die jeweilige Qualität zulassen. Unter den Top-Sellern finden sich beinahe ausschließlich jene Motorräder, die auch in den diversen objektiven Tests immer eine richtig gute Figur machen. Wer dort unter den Top 3 landet, der sorgt auch im echten Leben für Begeisterung. Diese Zahlen lügen nicht. Die Kawasaki Z900 steht in Deutschland auf Platz zwei. Überbieten kann sie nur der ungeschlagene Dauerbrenner namens BMW R 1250 GS. Aber diese müsste man ja fast schon außer Konkurrenz auflisten. Unter den Nakedbikes jedenfalls gehört der 900er Kawa der Platz an der Spitze. Absolut verdient und ohne Diskussion.

Fazit: Kawasaki Z900

Die neue Kawasaki Z900 hat durch den Elektronikeinsatz glücklicherweise nichts von ihrem Wesen verloren. Sie ist und bleibt ein spielerisch zu bedienendes Mittelklasse-Nakedbike, welches gleichzeitig die flotte Gangart auf der Landstraße grandios beherrscht. Der Fahrspaß und die Alltagstauglichkeit sind hoch, die nun verbauten Fahrhilfen bieten ein Plus an Sicherheit. Ihre Gegner haben es ab sofort richtig schwer.


  • Leichtes und selbstverständliches Handling bei hoher Stabilität
  • Seidiger Motor mit vollem Durchzug ab der Drehzahlmitte
  • Hohe Fahrwerkstransparenz, tolles Feedback
  • Sitzposition mit Wohlfühlfaktor
  • Fairer Preis
  • TFT-Display zu niedrig montiert
  • Umständliche Bedienung des Menüs
  • Rückspiegel bieten bescheidene Sicht

Bericht vom 10.01.2021 | 18.705 Aufrufe

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