Energica EVA Ribelle - Elektro Motorrad im Test 2020

Katapultartige Beschleunigung dank 215 Nm Drehmoment

Ribelle bedeutet zu Deutsch Rebell. Ob die Energica diesen Namen zu Recht trägt und wogegen sie denn möglicherweise rebelliert, lest ihr in den folgenden Zeilen.

Motor der Energica EVA Ribelle: Beschleunigung, Reichweite, Beschleunigung!

Der ölgekühlte Permanentmagnet-Wechselstrommotor wird von einem Lithium-Polymerakku mit 21,5 kWh Kapazität betrieben und leistet 107 kW also umgerechnet 145 PS. Damit reißt man in der Liga der Powernakeds heutzutage keine Bäume aus. Die wahre Stärke des E-Murl, den man schon aus der verkleideten Schwester Energica Ego kennt, sind die 215 Nm Drehmoment. Konzeptbedingt liegen diese vom Stand weg an - fantastisch. Kein anderes Motorrad beschleunigt vergleichbar, schließlich muss weder gekuppelt noch geschaltet werden. Maximale Power, die gleich vom Start weg abrufbar ist (ein E-Motor muss nicht warmgefahren werden - die Reifen allerdings schon) und keine materialbelastende Launch-Conrtrol erfordert. Eine sechs stufig verstellbare und abschaltbare Traktionskontrolle hält dabei den Pirelli Diabolo Rosso III 180er Pneu im Zaum, sodass man sich voll auf die grandiose Beschleunigung konzentrieren kann. Nach rund 3 Sekunden stehen 100 km/h am 4,3 Zoll Farb TFT-Display wow. Als realistische Reichweite kann je nach Temperatur, Fahrweise und Beladung im Schnitt ein Wert um die 200 Kilometer angenommen werden.

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Energica EVA Ribelle: Fahrbetrieb im Alltag, Soziustauglichkeit

Die Motorbremswirkung kann in drei Stufen eingestellt aber auch gänzlich abgeschaltet werden. Das lautlose Segeln nach dem Beschleunigungsvorgang, ist zwar eine besondere Erfahrung verhindert aber, dass eines der intelligentesten Systeme an der EVA Ribelle eingreift: die Rekuperation. Beim vom Gas gehen wird die Verzögerungsenergie wieder ins System eingespeist. Zum einen werden damit die (absolut zufriedenstellenden Brembo-)Bremsen entlastet zum anderen die Reichweite gesteigert. Nach einer längeren Bergabfahrt hat man also einen höheren Akkustand zur Verfügung als davor. Im Test erwies sich im Solo-Betrieb die mittlere Stufe als perfekt für die Kurvenhatz im flacheren Gelände geeignet. Fährt man vorausschauend ist ein Bremseingriff nur in Ausnahmefällen erforderlich. Geht es stark bergab macht die höchste Stufe der Motorbremse Sinn. Im Soziusbetrieb ist die niedrige Stufe die richtige Wahl, mehr verträgt die Nackenmuskulatur der Test-Sozia nicht.

Zum Thema Soziusbetrieb ist zudem noch zu sagen, dass dieser zwar möglich, aber aufgrund der Platzverhältnisse und vor allem bei Nässe fehlenden Spritzschutz am Hinterrad, praktisch nur eingeschränkt empfehlenswert ist. Schade, denn das (aufpreispflichtige) Öhlinsfahrwerk wäre mit den mannigfaltigen Einstellmöglichkeiten natürlich durchaus in der Lage einer zweiten Person Herr zu werden.

Fahreindrücke bei flotterer Gangart mit dem Rebell

Das Fahren in flotterem Tempo lässt sich bei Beschleunigungswerten wie jenen der Energica EVA Ribelle verständlicher Weise kaum vermeiden. So brachial der Vortrieb im Sattel auch an den Armen zieht, so seidenweich und harmonisch ist das Ansprechverhalten der Energica. Der Drehmomentverlauf ist, Elektro sei Dank, 100% linear und die Kraft lässt somit zu keinem Zeitpunkt zu wünschen übrig. Hier erschließt sich auch der Inhalt der Rebellion: Die Ribelle räumt eindrucksvoll mit dem Vorurteil, elektrisches Fahren sei emotionslos auf. Wer's nicht glauben kann - Probefahrt! Die EVA Ribelle ist übrigens bei 200 km/h, no na ned elektronisch, abgeriegelt. Der Sound der Energica polarisiert, den einen sagt der hochfrequente Ton beim Beschleunigen zu und sie fühlen sich an ein Raumschiff, das den Sprung in die Lichtgeschwindigkeit wagt, erinnert. Den anderen klingt es zu sehr nach einem heiß-laufenden Küchengerät. Leise ist die Ribelle jedenfalls nur im Stand.

Als Spaßverderber in flotteren Wechselkurven aber auch beim richtig harten Anbremsen und schnellem Einlenken agiert das hohe Gewicht von 275 Kilogramm. Diese lassen sich einfach nicht wegdiskutieren, auch wenn das Fahrwerk an sich von allererster Güte ist und die Ribelle in weiteren Radien unfassbar satt auf der Straße liegt. Der über 120 Kilogramm schwere Akku fördert die ausgeprägte Kopflastigkeit der Maschine, senkt allerdings gleichzeitig den Schwerpunkt.

Generell gilt: Will man das volle Potenzial des Motorrads auskosten führt kein Weg am Sportmodus vorbei. Die anderen Fahr-Modi Rain, Eco und Urban sind als reine Sparvarianten konzipiert und allenfalls zur Reichweitenmaximierung, die wirklich entspannte Stadtrunde, oder für Fahranfänger zu empfehlen.

Energica EVA Ribelle: Schnelles Laden ist möglich aber nicht immer ganz einfach und günstig umzusetzen

Zuerst zum Positiven: Die Anzahl an Ladestationen im öffentlichen Raum wächst von Tag zu Tag - praktisch alle werden mit Schnellladevorrichtungen ausgestattet. Die Energica ist als weltweit erstes Motorrad mit einem kombinierten Ladesystem (CCS) ausgestattet. Für die Ladung von 0 auf 85 % benötigt die EVA Ribelle nicht einmal 30 Minuten, dann sind wieder rund 150 km möglich. Das Laden zwischen 85 und 100% erfolgt dann etwas langsamer um die Batterien zu schonen. Alle, die die Möglichkeit haben das Bike zu Hause zu laden werden bei einer normalen Tagestour mit einer Ladung außer Haus auskommen.

Leider gibt es hier auch Negatives zu berichten: An den wenigsten Ladepunkten im urbanen Raum stehen Kabel zur Verfügung, wodurch man selbiges mitschleppen muss, will man die freie Wahl haben. Zudem existieren 6 unterschiedliche Steckertypen, die unter einander nicht kompatibel sind. Die wenigen E-Ladestationen in Wien, die mit einem für die Energica passenden Kabel versehen sind, befinden sich großteils in kostenpflichtigen Parkgaragen, während man auf der Straße während des Ladevorgangs gratis parken könnte.

An der E-Tankstelle sind die Preise gestaffelt, je nachdem wie hoch die maximal pro Stunde abgegebene Ladeleistung ist. Langsames Laden ist günstiger als schnelles. Wie bereits erwähnt, lädt die Energica bis 85% rasch, danach langsamer. Hat man sie an einer Schnellladestation angeschlossen zahlt man auch den höheren Tarif wenn das Motorrad tatsächlich nur langsam lädt. Im Ergebnis, ist es also sehr teuer das Motorrad an einer der öffentlich zugänglichen Schnellladestation 100% voll zu laden.

Energica EVA Ribelle Ausstattung

Neben dem bereits erwähnten Öhlins-Fahrwerk, das mit knapp 3.000 Euro zu Buche schlägt, waren an unserem Testmodell noch Kettenschutz und Kotflügel aus Carbon, sowie Komfortfeatures wie Heizgriffe und ein Tempomat verbaut. Zu letzterem ist zu sagen, dass er in der Lage ist auch bergab das Tempo zu halten (also nicht schneller wird), indem das Tempo über die oben beschriebene Rekuperation gesteuert wird. Serienmäßig verfügt der Rebell zudem noch über 3 USB-Buchsen (zwei im Cockpit und eine unter der Sitzbank). Das - natürlich serienmäßige - Bosch-ABS der EVA Ribelle ist in 6 Stufen einstell- und abschaltbar. Ein witziges Feature ist der Park Assistant genannte Fahrmodus, der sowohl vor- als auch rückwärts bis maximal 3 km/h funktioniert. Spätestens wenn man bergabstehend nach vorn eingeparkt hat, ist man sehr froh über diese Unterstützung Erinnerung die Energica wiegt 275 Kilogramm.

Die verbaute Bluetooth Connectivity-Einheit, die es neben umfangreichen Informationen ermöglichen soll mittels integriertem GPS die nächstgelegene Ladestation ins Display zu holen, das Aufladen live zu überwachen und das abgestellte Fahrzeug zu orten, steckt softwareseitig leider noch in den Kinderschuhen. Trotz mehrfacher Versuche gelang es nicht eine Verbindung zwischen Smartphone (iPhone Xr) und Motorrad herzustellen.

Fazit: Energica EVA Ribelle

Der Rebell unter den E-Motorrädern lehrt den Verbrenner-Kollegen hinsichtlich Bescheunigungsvermögen das Fürchten. Auch fahrwerksseitig ist feinste Ware an der EVA verbaut. Die perfekte Fahrspaßnote verhindert lediglich das hohe Gewicht von 275 Kilogramm. Die Energica nimmt einem die Angst vor einer möglich rein elektrischen Zukunft. Anfangsschwierigkeiten, wie das immer noch teils mühsame Laden und eine nicht ausgereifte App, muss man allerdings in Kauf nehmen. Der stolze Preis unseres Testmotorrads jenseits der 30.000 Euro schränkt das Zielpublikum an potenziellen Käufern naturgemäß deutlich ein. Probieren sollte man die Energica EVA Ribelle aber in jedem Fall einmal!


  • BESCHLEUNIGUNG
  • Fahrwerk sehr stabil
  • Hingucker
  • wenig Verschleißteile
  • Rückwärtsgang
  • keine Hitzeentwicklung vom Motor
  • kein Standgeräusch
  • schnellladefähig
  • hoher Preis
  • Laden im öffentlichen Raum vergleichsweise mühselig
  • hohes Gewicht
  • Soziustauglichkeit eingeschränkt

Bericht vom 22.08.2020 | 14.523 Aufrufe

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