Indian Scout Bobber Test 2017

Indian Scout Bobber Test 2017

Langer Radstand, niedriger Sitz, hohe Leistung - Bester Bobber?

Mit 94 PS bei nur 255 kg vollgetankt und der niedrigsten Schulterlinie ever schickt Indian die Scout Bobber in den Ring. Kann sie im Kampf um die Krone unter den Retro-Cruisern mitfighten?

Kurzer Schwenk: Der Bonneville Bobber war das am schnellsten verkaufte Modell in der Geschichte von Triumph. Schon vor der ersten Auslieferung waren Hunderte Kaufverträge unterschrieben, es musste nachgeordert und –produziert werden und 1000PS musste auf seinen Dauertester verzichten. Der logische Schritt nennt sich Bobber Black, kommt in eben dieser Farbe und mit 16 Zoll Vorderrad, sowie einigen Upgrades. Der Gegenangriff auf Basis der Indian Scout fällt nicht bescheiden oder zurückhaltend aus, klare, kantige Härte tritt hier anstelle von klassischer Eleganz.

16 Zoll Felgen, taiwanesische Reifen

Vorne wie hinten 16 Zöller, bereift mit 130/90-16 und 150/80-16, also nicht sonderlich breit, aber besonders fett und stärker profiliert als an der Standard-Scout. Leider wird man auf bekannte Markenprodukte noch etwas warten müssen, Indian steht gerade in Verhandlung mit Pirelli und wird neben der Scout womöglich auch weitere Modelle mit Produkten der Italiener ausstatten. Derweil rollt man auf taiwanesischen Gummis von Kenda, die tadellosen Dienst verrichtet haben. Zu erwähnen wäre allerdings, dass wir uns an der K.OT-d’Azur über beste Wetter- und Straßenverhältnisse freuen durften und nur einige Kurven in morgendlichem Schatten und Nässe standen. Wie der Reifen im Alltag und über einen längeren Zeitraum tatsächlich funktioniert, kann ich deshalb nicht bewerten.

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Bobber passt zu einem Panzer

Muskulös, weit gestreckt und tief am Boden wie ein Komodowaran wartet der Bobber darauf, loszurollen und er sieht nicht so aus, als würde ihn irgendetwas aufhalten können. Wie ein Elektrofahrrad auf einem Campingbus könnte man sich den Bobber durchaus an einem Panzer vorstellen. Der Einzelsitz liegt auf gerademal 649 mm, das Fahrzeug dürfte selbst beim Lenker nicht höher als einen Meter sein, wobei die Spiegel an unseren Testfahrzeugen an den Lenkerenden montiert waren, was im europäischen Raum gesetzlich leider nicht erlaubt ist. Schade, denn ich empfand diese Variante als aufmerksamkeitsfördernd, da das Blickfeld spiegelfrei bleibt. Zumindest die beiden Blinker-/Rück-/Bremslicht-Einheiten sind zulässig. Somit spart man sich einen Lichtkörper am hinteren, gechoppten Fender und kann seine Aufmerksamkeit ganz dem Kennzeichenhalter aus Aluminium-Guss widmen.

255 kg leicht, 94 PS stark. 100 PS in den USA.

Der Lenker ist etwas weiter vorne gerückt als bei der Scout, wodurch man schon bei einer Körpergröße von 1.80 m die Arme strecken muss. Persönlich mag ich diese Sitzhaltung, obwohl sie auf die Dauer für kleine Verspannungen sorgt. Dafür fühlt man sich kräftig und mächtig und kann selbst so einen Bobber recht flott bewegen. Motorisch ist der nur 255 kg leichte Cruiser für einen ernsthaften Angriff auf die amerikanische und britische Konkurrenz allemal, mit dem 1131 Kubik großen, 94 PS starken und optisch eindrucksvollen V-Twin, der seine Kraft über ein 6-Gang-Getriebe und einen Riemen ans Hinterrad überträgt. Das maximale Drehmoment von 97 Nm steht bei 5600 Touren an, ich fuhr gerne mit ca. 3000 Touren herum und genoss den irren Druck im 2. und 3. Gang. Der Zweizylinder im Mittelklasseformat (1000 bis 1400 cc) schiebt ungewöhnlich ausgedehnt über das Drehzahlband und lässt einen oft weit vorm Begrenzer abdrehen und den Gang wechseln.

Nur 50 mm Federweg. Ein hartes Eisen.

Indian hat seinen Bobber eher ernsthaft angelegt, das wird spätestens dann klar, wenn die Bandscheiben ein Schlagloch schlucken müssen. Der Federweg der beiden hinteren Dämpfer ist um einen Inch (ca. 2,5 cm) gegenüber der Scout geschrumpft und steht jetzt bei 50 mm. Dass das nicht viel ist, muss nicht erst bewiesen werden, so konnte ich mich fallweise des Eindrucks nicht erwehren, mit einem Starrrahmen unterwegs zu sein. Die Gabel kann mit 120 mm Federweg arbeiten, dank eines Radstands von 1562 mm bleibt alles stabil aus Kurs und reagiert niemals nervös. Ich brauchte keine Sekunde der Eingewöhnung, sondern konnte den Bobber sofort bewegen, als wären wir seit Ewigkeiten zusammen.

Gute Bremsen, wenig Schräglage

Mehr Leistung als erwartet kam von den Bremsen. Mit je einer 298 mm Scheibe vorne und hinten und einer Zwei- bzw. Einkolbenbremszange verzögerte die Indian verlässlich und gut dosierbar, hat somit die Motorleistung durchaus fest im Griff, zur Not mit der Unterstützung von ABS. Nur die Schräglagenfreiheit war beschränkter als der amerikanische Präsident. 29 Grad sind zwar nicht das mir bekannte Minimum, aber der sportlichen Performance des Bobbers werden die Bewegungsmöglichkeiten nicht gerecht.

Mit einer 50 PS starken kleinen Sportster fällt es mir wesentlich leichter, auf freudvolle Fahrdynamik zu verzichten, obwohl mich der Bobber eher an die selige V-Rord erinnerte. Mit der Indian wollte ich meist mehr, als die Geometrie letztlich zuließ. Es waren weder die nicht ganz sauber montierten - ein kleines unschönes Detail an der sonst sauber gemachten Maschine - überlangen Fußrasten, die sich am Asphalt langsam abarbeiteten, da diese ohnehin nachgeben, sondern der recht frühe Kontakt des Krümmers und später auch des Auspuffs mit der Fahrbahnoberfläche.

Man muss nicht ans Limit gehen

Nach mehreren Tagen des Testfahrens waren die Hitzeschutzbleche einiger Bikes schon ordentlich gelöchert. Wie immer weise ich darauf hin, dass bei den internationalen Pressevorstellungen mitunter sehr engagiert gefahren wird und es gerade die Hosentaschen-Rossis aus Italien oder auch Frankreich darauf anlegen, die Motorräder ans Limit zu führen und manchmal zu quälen. Die meisten Blessuren stammten also von den Journalisten vor uns, ich selbst konnte weitere Beschädigungen vollkommen vermeiden. Allerdings wird sich zu zweit die Fahrdynamik nicht verbessern, Beifahrerfußrasten sind im überschaubaren Zubehörangebot zu haben.

Amerikanische Alternative

Wir haben also ein Motorrad, dessen Motor mehr kann als das Fahrwerk, so what? Bei welchem Modell ist das nicht so? Seine Herkunft kann der Indian Scout Bobber kaum verbergen und das soll er auch nicht. Indian will eine echte amerikanische Alternative sein, mit derzeit 35 Händlern in Deutschland und Österreich, 50 sollen es werden, und einem Plus von 23,5% dieses Jahr. Dazu engagiert man sich auf Custombike-Events, baut Dragbikes für die Viertelmeile und gewinnt Rennen. Verwechslungsgefahr besteht jedenfalls keine, eine Indian sieht und spürt man und ich habe auch den Bobber als eigenständiges, unverwechselbares Konzept erlebt.

Starke Marke

Welche Strahlkraft und Aura die Marke Indian hat, erlebte ich an zwei Begegnungen, die ich während meiner Moderation am Yachthafen hatte. Ein typischer Franzose konnte nicht glauben, dass tatsächlich eine neue Indian vor ihm stand, die Marke sei ja bereits mehr als hundert Jahre alt. Er wusste nicht, dass sie Marke noch oder wieder operativ war. Und das Highlight war eine, mit großer Wahrscheinlichkeit gut situierte, ältere englische Lady, die ganz entzückt zu ihrer Freundin meinte: "Oh, it's an Indian! Don't you know Indian? It's an old motorcycle brand." Scheinbar hatte sie eine wilde Jugend. Und ihr Freund eine Indian.

Fazit: Indian Scout Bobber

Indian verfolgt mit seinem Scout Bobber einen eigenständigen Ansatz, sowohl die Optik als auch die Performance betreffend. Kraftvoll und kompromisslos geht der 1131 Kubik große und 94 PS starke V2 ans Werk und dreht länger und druckvoller, als man es erwarten würde. Auch die Bremsen funktionieren trotz nur einer Scheibe vorne tadellos, zur Not mit ABS. Ansonsten sucht man elektronische Fahrhilfen wie Traktionskontrolle oder Riding Modes vergeblich. Einzig das Fahrwerk mit nur 50 mm Federweg hinten und die durch die niedrige Geometrie beschränkte Schräglagenfreiheit setzen der Fahrfreude Grenzen. Performancetechnisch wäre mehr drin, aber hat man sich erstmal dran gewöhnt, ist man schnell genug unterwegs - nur auf Wunsch zu zweit.

1
Vorteile
  • unverwechselbare Optik
  • starke Motorleistung
  • gute Bremsen
1
Nachteile
  • beschränkte Schräglagenfreiheit
  • wenig Originalzubehör
  • Fußrastenmontage nicht hochwertig

Bericht vom 18.10.2017 | 7.314 Aufrufe

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