Zero S Test

Zero S Test

Losfahren mit 22 Prozent?

Sie wirkte unscheinbar, doch die Neugier wurde trotzdem geweckt. Erstkontakt mit der Zero S. Soll ich die Heimfahrt mit 22% wagen?

„Bist Du wahnsinnig?“, fragte Vauli als ich mir den Schlüssel der Zero S holte und den Heimweg antreten wollte. Das Motorrad hat in den letzten gut 1,5 Stunden bloss 22% Akkusaft inhaliert. Er war schockiert und wirkte als würde ich gerade ohne Wasservorräte die Sahara durchqueren wollen. Elektromotorräder haben es nicht leicht. Sie werden immer auf ihre Reichweite reduziert. Doch pragmatisch betrachtet gibt es in diesem Land wesentlich mehr Steckdosen als Tankstellen.

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Bei Vollgas 70km

Die Jungs haben vorhin das Testvideo gedreht und wollten die Fuhre richtig hart ran nehmen. 70 Kilometer weit sind sie gekommen, dann stand die Zero S mit 0km Restreichweite still. Ich liess die Kabeltrommel vom Bürofenster in den Hinterhof gleiten und steckte die Zero S ans Stromnetz. Grosser Vorteil der Zero Bikes: Sie kann man mit bem beiligenden Stecker an jede Steckdose hängen - die Ladetechnik ist integriert. Der Nachteil offenbarte sich eine gefühlte Ewigkeit später. Das Laden geht richtig langsam. In der Praxis ist es so, dass man das Motorrad in Wahrheit nur über Nacht oder eben während des gesamten Arbeitstages über aufladen kann. Mal schnell mit Vollgas aufladen geht nur mit einem zusätzlichen sperrigen Ladegerät oder an einer Stromtankstelle.

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Heimfahrt mit 22%?

Vor dem Losfahren begann ich zu rechnen. Die Jungs kamen mit 100% 70km, also reichen 22% für 15,4 km. Die kürzest mögliche Route betragt exakt 18 km. Da muss ich jedoch schon einzelne Abkürzer mit einbauen, wo „eigentlich“ Fahrverbot besteht. Doch das Fahrverbort in vor dem Kurgelände und in dem klitzekleinen Stück Fussgängerzone besteht ja „eigentlich“ nur wegen dem Lärm und Gestank. Wo kein Kläger, da kein Richter. Das ist mein Lieblingssprichwort im Umgang mit Elektrofahrzeugen. Diese eröffnen einen dann komplett neue Möglichkeiten.

Nie war Motorradfahren einfacher

Schon nach wenigen Metern war klar, dass Motorradfahren niemals einfacher war. Keine Kupplung, kein Getriebe, keine Lastwechselreaktionen durchs Schalten und kein ruckliger Benzinmotor. Im Vergleich zu dem Elektromotorrad wirkt sogar der feinste Honda-Motor wie eine ungezähmte Rüttelkiste. Man fährt spielerisch in Schrittgeschwindigkeit und beschleunigt dann ruckfrei hoch bis auf 100km/h. In den Kurven lässt sich das Motorrad hervorragend mit den Bremsen stabilisiseren und im Stadtverkehr ist die Zero S eine Macht. Durch den fehlenden Motorlärm ist es tatsächlich so, dass man sie auch als Fussgänger nicht als „Gegner“ betrachtet. Sie wirkt immer friedlich und man kann sich mit ihr problemlos durch oben genannte Problemzonen durchschwindeln.

So gelang es mir die Stadt Wiener Neustadt mit nur 4% Akkuleistung komplett zu durchqueren. Der Akku stand nun also bei 18% und es lagen nun ein paar Überlandstrassen vor mir. Auch nun möchte ich vor allem in den Bremszonen vor den Ortseinfahrten darauf achten, dass ich die kinetische Energie optimal nutze. Anders als bei Benzinmotorrädern, aber auch bei anderen e-Bikes muss man die wertvolle Energie nicht mit den Bremsscheiben in Wärme umwandeln, sondern kann sie mit der „Motorbremse“ zurück in den Akku fliessen lassen. In der Praxis ist das bestimmt bloss ein Tropfen auf den heissen Stein. Doch bei der knappen Sache heute könnte dies den Ausschlag geben.

Heimfahrt für ein paar Cent

Ich trieb die Sparwut auf die Spitze. Klarerweise war ich schon die ganze Fahrt über im „Eco“ Modus unterwegs. Die Bremse wurde nie berührt und das Gelände wurde optimal ausgenutzt. So kam es, dass ich in der Nachbarortschaft Wiesen angelangt war und immer noch stolze 10% Akkuleistung im Display hatte. Ich begann zu rechnen und schnell wurde klar, dass ich niemals zuvor billiger vom Büro nach Hause kam. Selbst zu Fuss wäre vermutlich teurer gewesen - für die 18km hätte ich zu mindest einen Müsliriegel gebraucht, der ist deutlich teurer als die 20% Akkuladung.

Geizig und geil

Man kann mit der Zero S sehr geizig unterwegs sein. Doch als klar war, dass die Akkuladung locker reichen wird, war der Sportmodus an der Reihe. Nun fuhr die Zero S auch geil. Diese ruckfreie und nahtlose Beschleunigung hinauf auf 150 ist genial und faszinierend. Präzise und spielerisch wählt man die Geschwindigkeit für die Kurven und mit den Asphaltschneidern auf den Felgen ist die Fuhre auch sehr handlich. Sie fährt wie ein flinkes, leichtes Nakedbike nur eben mit dem Bonus dieser steril perfekten elektronischen Regelung. Insgesamt verbrauchte ich bei der Fahrt 15% Akkusaft und kam damit stolze 20 Kilometer weit - denn sogar ein kleiner Umweg war noch drinnen.

Warum fährt die nicht jeder?

Daheim angekommen war ich komplett fertig mit den Nerven - bahnt sich hier eine neue Ordnung an? Warum bloss fährt dieses leiwande Motorrad nicht Jeder? Der Anteil jener die den „Sound“ brauchen, reduziert sich doch am Ende des Tages auf die Jungs mit besonders kurzem Spatzi. Die Recherche im Internet machte schnell klar, wo der Haken an der Sache lag. Der Preis macht dieses praktische und quirlige Motorrad immer noch zu einem Exoten. Denn wenn ich den Preis betrachte, erscheint die Ausstattung der Maschine dann doch in einem anderen Licht. Die Bremsen sind OK, aber nicht wirklich die feinste Wahre. Die Bedienelemente wirken günstig und die Reifen sind auch nicht gerade der „letzte Schrei“ aus der Pirelli Palette. Die Zero S wirkt insgesamt ausgestattet wie ein Nakedbike in der Mitterklasse. Sagen wir mal so ca. 3000 Euro -4000 Euro günstiger. Der teure Akku ist und bleibt das Hindernis auf dem Weg zum durchschlagenden Erfolg. An den Fahrleistungen und auch and der Reichweite gibt es in der Praxis nix zu bemängeln. Wer die Knete hat, der wird mit dem Motorrad glücklich werden. Sie fasziniert, begeistert und bietet so viele praktische Vorteile. Eine tolle Bereicherung für die Motorradszene.

PS: Der umfangreiche Test samt Video von den Kollegen K.OT und Vauli folgt kommende Woche.

Weitere Zero Testberichte auf 1000PS:

Fazit: Zero S

nastynils

NASTYNILS

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Wer die Knete hat, der wird mit dem Motorrad glücklich werden. Sie fasziniert, begeistert und bietet so viele praktische Vorteile. Eine tolle Bereicherung für die Motorradszene.

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Vorteile
  • ruckfreie Beschleunigung
  • einfache Regelung
  • einfache Handhabung
  • quirliges Handling
  • günstiger und wartungsarmer Betrieb
  • Integrierte Ladetechnik - an jeder Steckdose zu laden
  • im Vergleich zu anderen e-Bikes hohe Reichweite
1
Nachteile
  • Einmal voll aufladen dauert an der Steckdose recht lange
  • hoher Preis
  • insgesamt wirken die Komponenten am Motorrad nach Mitteklasse, doch der Preis ist in der Premiumliga

Bericht vom 10.05.2015 | 58.296 Aufrufe

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