Repsol Honda Teil 3

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Tagebuch des Amtlichen Herbrenners.
Honda RC211V Test
 

MotoGP-Repsol-Test 2003 - Letzter Teil

 

Vor der ersten Kurve hatte ich also zwei Dinge unterschätzt: Erstens wie schnell man mit der 240 PS-Granate vom Doktor einen fürchterlich hohen Speed erreicht, obwohl man sich kein Vollgas getraut hat, und zweitens wie laff Carbon-Bremsen verzögern, wenn man sie nicht auf Temperatur gebracht hat. Ich hatte also keine andere Möglichkeit, als wirklich voll umzulegen. Und wie gesagt, Rossis RC211V fiel gedankengesteuert in den Radius wie ein Fallbeil. Wahnsinn! Nun muss man natürlich korrekterweise anmerken, dass die für mich tiefe Schräglage in einem Bereich war, in dem die wahren Helden noch keinen Gedanken an die Reifenhaftung und die Korrektur eventueller Slides verschwendeten und ein Marquez heute nebenbei ein SMS tippen könnte, aber für mich war diese Art des Fahrens vollkommen neu.

Keine Frage, die RC211V war schon ein Motorrad, aber sie war ganz anders als all die Tausender, die ich bisher gefahren war. Weil sie sich konkret wie ein Hammer anfühlte. Ich saß auf einem unvorstellbar starken, extrem homogenen, superpräzisen Gerät, das mir in aller Deutlichkeit vermittelte: „Sag mir, wie du fahren willst, und ich erledige das dann für dich.“ Ich öffnete am Kurvenausgang vorsichtig das Gas und erntete einen ruckfreien, aber druckvollen Schub, der mich heute noch erschüttert, wenn ich daran denke. Unvorstellbar leinwand. Und vollkommen egal, was ich auch anstellte, ob ich den Bremspunkt zu spät oder zu früh setzte oder die Linie zu spitz antrug oder kurz in der Aufregung die Konzentration verlor, die Repsol-Honda unter mir kam nie aus der Balance und agierte immer als Ganzes.

Ich sah keine Möglichkeit, jemals Vollgas zu geben.

Honda RC211V Test
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Ich konnte unmöglich das Verhalten von Gabel und Federbein auseinander dividieren oder den Motor vom Fahrwerk isolieren, Rossis Maschine war wie aus einem Guss. Und so gesehen, war sie um vieles einfacher schnell zu fahren als serienmäßige Tausender damals (und heute). Innerhalb einer halben Runde wuchs in mir großes Vertrauen. Ich sah zwar keine Möglichkeit, jemals Vollgas zu geben, weil mir der Motor einfach zu stark war, aber bremsen, einlenken, umlegen und nahe an der Wheelerei rausfeuern war tatsächlich eine leichte Übung. So hatte ich das überhaupt nicht erwartet. A priori bin ich davon ausgegangen, dass die Fahrt mit Rossis Eisen einem Ritt auf einer Kanonenkugel gleichen würde und dass man ständig mit Angst und Schrecken konfrontiert wäre. Aber jetzt ahnte ich, warum keine andere Maschine gegen die RC211V einen Auftrag hatte, warum sie einfach unbesiegbar war. Etwas, das sich so logisch, so präzise und so fehlerlos bewegen ließ und in keinem Moment divenartige Zicken zeigte - die gewaltige Maschine hatte nicht einmal Lastwechsel! -, musste in den Händen des Doktors allen anderen davonfliegen. Und dann kam die Start/Ziel-Gerade und damit meine Chance, das Vollgas zu erleben. So stellte ich mir das vor. Ich kam aus der Linken im Zweier raus, öffnete das Gas eine Nuance forscher als bisher und musste zur Kenntnis nehmen, dass die Front druckvoll in den Himmel stieg. Kein Problem, ich drückte einfach den Dreier nach. Aber wieder konnte ich unmöglich das Vorderradl am Boden halten. Abdrehen war aber auch keine Option, denn ich wusste, dass die versammelte Meute an der Boxenmauer lauerte und meinen Ritt beobachtete. Also legte ich den Vierer ein und hoffte auf Bodenkontakt. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte. Obwohl ich noch immer kein Vollgas gegeben hatte, bäumte sich die Repsol wieder auf. Was für ein Eisen, was für ein Ritt!

Ich konnte das Vorderradl einfach nicht am Boden halten.

Ob der Spuk dann im Fünfer ein Ende hatte und ob ich den Sechser überhaupt brauchte, weiß ich leider nicht mehr, aber der ungestüme Ritt mit der für mich unkontrollierbar irren Kraft auf der Start/Ziel hat sich für immer in meine Seele gebrannt. Ich habe nachher lange überlegt, wie es denn möglich sein kann, dass die echten Helden den V5 im Vollgas fahren und das Vorderradl dennoch am Boden halten können, und kam zu einigen Erklärungsvarianten, die ich aber weder veri- noch falsifizieren konnte und kann. Vielleicht legte ich zuwenig Gewicht nach vorne, vielleicht fuhr ich in einem mittleren Drehzahlbereich, den Rossi & Co nur verwendeten, wenn sie in die Box rollten, vielleicht hatten sie damals schon eine Wheelie-Control, die sie für die Journalisten nicht aktiviert hatten. Letzteres erscheint mir sehr unwahrscheinlich, aber eine gesicherte Information darüber habe ich nicht. Ich fuhr dann noch weitere zwei Runden (ohne das Vollgas jemals erreicht zu haben - es war mir schlicht nicht möglich) und übergab in der Box die Maschine an Zwedi Zwedorn, den Helden von Honda Österreich. Ich selber hatte in drei Runden genug Fahreindrücke gesammelt, um die Story meines Lebens schreiben zu können und war irgendwie auch heilfroh, die Maschine nicht entehrt zu haben, und außerdem wusste ich, wie viel dem pfeilschnellen Zwedi, der Staatsmeistertitel angehäuft und in Daytona den Kocinski ausgebremst hatte, zwei Runden auf Rossis Maschine bedeuten würden. Gegen die RC211V waren die besten Serienmaschinen bedauernswerte Krücken. Für mich war das damals der große Wahnsinn. Ich befürchtete, dass mir nie wieder ein anderes Motorradl so richtig taugen könnte, weil ich ja jetzt wusste, was technisch möglich war. Gegen die RC211V waren selbst die besten Serienmaschinen bedauernswerte Krücken, deren Schwächen man nicht mehr übersehen konnte. Ich durfte das perfekte Motorradl erleben und begreifen, wie es ist, wenn den besten Ingenieuren der Welt ein Wunder passiert.

Nie wieder bin ich auf einem Motorradl gesessen, das auch nur annähernd an die RC211V herankam. 2004 (Rossi war bereits bei Yamaha) durfte ich noch die Repsol-Honda vom Barros testen (ich spürte keinen Unterschied zu 2003), und später dann die RC212V vom Pedrosa (800 Kubik V4). Wieder waren die besten Ingenieure der Welt am Werk, aber die 800er war kein Wunder mehr. Sie war im Vergleich zur 1000er viel schwieriger zu fahren, hatte deutliche Lastwechsel und einen ruppigeren Gaseinsatz, und verlangte vom Piloten viel mehr Aufmerksamkeit. Selbstverständlich war und ist mir vollkommen klar, dass einer wie ich niemals das technische Potenzial dieser Rennmaschinen ausloten und sinnvolle Aussagen über deren Verhalten im Grenzbereich machen könnte, aber ich bin trotzdem unheimlich stolz und dankbar, dass ich gemeinsam mit dem Zwedi einer von zwanzig Menschen bin, die die Repsol vom Doktor im Sattel erleben durften. Zum Glück hat’s mich nicht aufg’haut. Dann wäre die Erinnerung wohl nicht ganz so gut. Lg Zonko

P.S.: Die Bilder stammen allesamt von Rudolph, dem Barmherzigen (Buenos Dias), der sie mir für Zonkos Corner kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Ein großartiger Fotograf und ein welt Bursch. Danke, Barmherz, danke!

Honda RC211V Test
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Text: Zonko
Fotos:
Rudolph der Barmherzige

Bericht vom 07.07.2014 | 11.438 Aufrufe

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