Piaggio MP3 250 i.e LT

Piaggio macht aus dem MP3 einen B-Schein-tauglichen Breitspur-Dreiradler. Umfallen kann er trotzdem.

Piaggio MP3 250 i.e LT

Missing Link

Streng seitlich betrachtet fällt das Doppel-Vorderrad gar nicht so auf.

 

Das logische Zwischenglied zwischen Zwei- und Vierrad ist ein Dreirad. Motorisierte Vertreter dieser Art haben oft zwei Räder vorne und eines hinten. An Isetta, Heinkel und Messerschmitt können sich die Älteren unter uns noch live erinnern. Da gab’s aber auch die Morgan Threewheeler, oft und gerne noch heute bei Oldtimer-Rennen im nervenzerfetzenden Einsatz, da gab es 2005 den Peugeot 20cup, ein Projekt, das in der Versenkung verschwunden ist, da gibt es den Can-Am Spyder.

 

Andersrum, mit einem Rad vorne und zwei hinten gibt’s auch Motorisiertes. Das heißt dann Piaggio Ape und reiht sich nicht unbedingt ins Kapitel Sportfahrzeuge ein (außer es ist von Valentino Rossi getunt, aber das war früher). Nicht für diese Lösung hat sich Piaggio entschieden, als ein Missing Link zwischen, sagen wir, Roller und Quad, angedacht wurde.
 

Umlegen bis zum Abwinken ist auch für Nicht-Zweiradreiter mit dem MP3 easy. Zumal es für die spurverbreiterten LT-Versionen keinen A-Schein braucht.

 

Als Basis wrude der X7 hergenommen und ihm zwei Vorderräder verpasst. Die jedoch nicht mit einer Achse verbunden, sondern in Form einer Einzelrad-, im konkreten Fall Parallelogramm-Aufhängung. Das Ding muss ja Schräglage können, sonst ist’s kein Moped mehr. Das Resultat wurde MP3 getauft und sorgte für Aufmerksamkeit und von Praxisdenken inspirierten Diskussionen à la: „Kann das umfallen?“ Die Probe aufs Exempel bescherte denen, die glaubten, es wäre nicht so, mehr oder weniger spektakuläre Abstiege. Denn: Ja, der MP3 kann umfallen. Wie jedes Motorrad auch. Zum Beispiel wenn man im Stand die Füße auf den Rastern stehen lässt und auf das Einschalten der Vorderrad-Arretierung – Roll-Lock – „vergisst“.

Trotzdem nimmt Piaggio jetzt gezielt die Vierrad-Fraktion ins Visier. Weil nämlich eine breitere Spur die Homologation des MP3 als Dreirad ermöglicht und damit die Berechtigung, nicht nur einen 125er ohne A-Schein fahren zu dürfen. Auf diese Idee waren findige Händler und auch der Piaggio-Importeur, Josef Faber, schon von selber gekommen. Das Problem lag nur in der Tatsache, dass diese Umbauten Einzelgenehmigungs-pflichtig waren, solange – siehe oben – keine Homologierung vorlag. Diese nun liefert der Hersteller selbst, indem er mit um 4,5 Zentimeter breiterer Spur -selbst nachgemessene 47,5 statt 43 Zentimeter   das Modell LT, Large Tread, serienmäßig anbietet. Und zwar den 250er mit 22,5 PS und den 400er mit 34 PS.

Im Zuge des Facelifts bekam der Dreiradler den/
einen neuen Kühlergrill. Der soll ihn optisch näher
ans Auto rücken.

 

 

Außer der erhöhten Breitspurigkeit gehört zur LT-Version, gesetzlich vorgeschrieben, ein Integral-Bremssystem und – ein Fußbremspedal. Letzteres ist ein Detail, das Fahrern klassischer Vespas nicht neu ist. Den anderen ist es am Anfang auf dem rechten Trittbrett möglicherweise ein wenig im Weg. Woran man sich aber schnell gewöhnt. Sonst gibt es nichts, woran man sich (um-)gewöhnen muss, wenn man den MP3 schon vorher gekannt hat. Auch nicht an die Hand- beziehungsweise Feststellbremse.

 

Kaum Gewöhnung dürfte die aufgefrischte Optik erfordern. Die komplette Baureihe hat ein Face- und Technik-Lift verpasst bekommen. Vorne prangt ein neuer Kühlergrill, statt der Quer- hat er jetzt Längsstreben – das soll ihn näher an eine Auto-Optik rücken - und unten dran ein Positionslicht. Woran sich Fahrer gerne gewöhnen werden, ist das breitere Windschild, Beifahrer werden die neu designte Soziussitz-Sektion inklusive Rückenlehne schätzen. Auf allen MP3-Varianten. Nicht nur auf dem LT. Und die 250- sowie 125 ccm-Varianten bekamen hinten ein 14-Zoll-Rad statt des bisherigen 12-zölligen.
 

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Ein bissl Alu-Look hat noch nie geschadet und ist auch nicht allzu schwer.

Am linken Lenker wird unter anderem gehupt...

...am rechten wird unter anderem die Roll-Lock-Funktion ein- und ausgeschaltet.

 

Da ist nicht viel Platz zwischen Federbein und Endtopf. Der Sound ist dezent

Zündschloss, Gepäckhaken, Feststellbremse:
Die üblichen Roller-Zutaten: Mulitfunktions-Zündschloss und Gepäckhaken. Beim MP3 grundsätzlich dabei: eine Feststellbremse.

 

Schon nah am Auto dran: in den Zündschlüssel integrierte Fernbedienung für die „Heckklappe“.

Fußbremspedal: eine der Bedingungen für die Homologierung als B-Schein-taugliches Dreirad. Für Reiter früher(er) Vespas nichts Neues.

Eine Lehne für alle MP3s. Beifahrer werden sie zu schätzen wissen

 

Für den LT sind die Blinker aus den vorderen Kotflügeln und der rückwärtigen Leuchteneinheit ausgezogen und dort eingezogen, wo sie bei einem Motorrad gewöhnlich auch montiert sind: vorne sind sie unterm Lenker aufgesteckt, hinten unter den Heckleuchten, damit die Distanz zwischen den beiden Richtungsanzeigern den gesetzlichen Vorschriften für diese Fahrzeugklasse entspricht. Bei den "normalen" MP3 sind die Blinker dort geblieben, wo sie vorher schon waren. An den übrigen Features hat sich aber nichts geändert: weder an den 65 Litern Stauraum unter der Bank, wo man einen Integralhelm nur dann reinbekommt, wenn man ihn geschickt mehr oder weniger hineinschraubt, noch an der via Schlüsselfernbedienung zu bedienenden „Heckklappe“.

 

Zur Probe aufs Exempel haben wir den 250er-LT ausgefasst. Nach längerer MP3-Abstinenz fällt Fahrgefühl-seitig vorerst überhaupt kein Unterschied zum Schmalspurigen auf. Bei eingehenderer Erprobung vermeint man, dass das Einlenkverhalten, das aufgrund des zwiefachen Vorderrads ohnehin ein wenig zäh ist, mit der verbreiterten Spur noch eine Idee zäher ist. Etwas, das einem Nicht-Eingeweihten sicher nicht auffällt.

 

Der Auffall-Faktor ist nach wie vor hoch, wenn auch nicht mehr so arg wie vor zwei Jahren, als der Dreiradler die ersten Runden in der Öffentlichkeit zog. Man sieht mittlerweile hier und da den einen oder anderen fahrend oder – geparkt – stehend. Mit dem neuen Gesicht schaut er doch eleganter aus. Sehr sexy wirkt er noch immer nicht, aber das tun andere Groß-Roller ja auch nur in recht bescheidenem Ausmaß.

 

Die Überlegungen, ob der MP3 Sex-Appeal hat oder nicht sind einem spätestens dann egal, wenn das derzeit Kapriolen-freudige Wetter den nächsten Regenguss liefert. Keep cool heißt es dann, und es gibt neidische Blicke von Einspur-Kollegen, weil man nämlich ungerührt auf glitschig-feuchtem Terrain, auch Straßenbahnschienen, weiter umrühren kann. Die dabei unvermeidlichen Slides wirken aufs Publikum spektakulär, sind es aber nicht.

 
 

Mit der sprichwörtlichen Wendigkeit des Rollers an sich ist es mit dem MP3 genauso weit her wie mit jedem anderen Riesen-Scooter. Der Lenker markiert die maximale Breite, und damit sind die Dimensionen gut kalkulierbar. Der lange Radstand von 1.490 Millimeter macht sich auf holprigem Terrain bezahlt. Die Federelemente arbeiten weitgehend feinfühlig genug, um den Bandscheiben nicht zu viel Streß zu bereiten.

 

Ob der MP3 LT schwerer ist als seine Kollegen, das ist den Piaggio-Leuten nicht herauszulocken. Man ist im Kapital Gewichtsangaben sowieso immer sehr schweigsam. Ein Blick in den Zuslassungsschein des getesteten Modells offenbart unter Eigengewicht 236 Kio. Was nicht wenig ist, unter Groß-Rollern jedoch normal und üblich. Der 250 ccm-Einzylinder mit seinen 22,5 PS hat damit jedenfalls zuweilen ein wenig Mühe. Vor allem, wenn’s bergauf geht oder die unter Bauartgeschwindigkeit vermerkte Top-Speed von 125 km/h ausgelotet werden soll. Das kann er. Es dauert nur ein bissl. Aber es gibt ja auch den MP3 400ie LT. Der hat 34 PS, kostet jedoch einen Tausender mehr.

 

Die Allwetter-Tauglichkeit dank des Doppel-Vorderrads kann man mit allerlei Zubehör auch für die ganz, ganz kalten Tage noch erhöhen: mit einem höheren Windschild, einem Topcase für wärmendes Gepäck und mit einer Heizdecke, genannt Hotcover. Keine schlechte Option für Sommerfahrer, die den MP3 gar in alpine Höhen ausführen wollen. Die sind dann gut gerüstet. Auch im Winter. Denn es gibt Winter-Pneus für den MP3, ob er ein LT ist oder nicht.

Stichwort Gebühren und Steuern: Bei der Versicherungen gilt der MP3 LT als Motorrad. Ebenso beim Finanzamt. Einzig für die Autobahngebühr gilt der Breitspur-Dreiradler als Vierradler: Da muss man eine Auto-Vignette picken.

 

Piaggio MP3 250 i.e LT

Technische Daten

Motorbauart Einzylinder, Viertakt (Master Quasar)
Hubraum 244,3 ccm
Bohrung x Hub 72 x 60x mm
Leistung (homologiert) 16,5 kW (22,5 PS) @ 8.250 U/min
Max. Drehmoment 21 Nm bei 6.750 U/min
Starter / Batterie E-Starter
Getriebe CVT
Gemischaufbereitung elektron. Einspritzung
Steuerung 4 V / SOHC
Kühlung Flüssigkeit
Kupplung automat., trocken, zentrifugal
Rahmen/Schwinge Stahl-Doppelschleife/Triebsatzschwinge
Federung vorne Parallelogramm-Aufhängung
Federung hinten 2 Federbeine
Federweg vorne / hinten 85 / 110 mm
Bremse vorne 2 x 240 mm-Scheibe
Bremse hinten 240 mm-Scheibe
Felgen, vorne / hinten 3,0 x 12"; 3,75 x 14“, Alu
Bereifung vorne / hinten 2 x 120/70 12; 140/60 14
Radstand 1.490 mm
Länge / Breite / Höhe 2.160 / 760 / 1.350 mm
Spurbreite 465 mm
Sitzhöhe 780 mm
Tankinhalt 12 Liter
Gewicht 236 kg (fahrfertig)
Top-Speed 125 km/h
   
Preis: 7.500 Euro
   
 
   
 

Text: Beatrix Keckeis-Hiller
Fotos: Piaggio, Trixi Keckeis

Bericht von Trixi am 15.07.2009 Aufrufe: 91.689

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