Moto Morini Corsaro

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Konkurrenz zu Superduke und Co.? Franco Morini wetzt die Säbel und bringt mit der Corsaro ein sehr ernstzunehmendes Naked Bike auf den Markt.

"Ah, Moto Morini! Als ich noch jung war hatte ich auch so eine!" erzählt mir verträumt lächelnd ein älterer Herr, während ich mich auf der Terrasse der "Kalten Kuchl" in der letzten Herbstsonne aufwärme.

‚Möglich, dass es eine Moto Morini war, aber SO EINE war es mit absoluter Sicherheit nicht' denke ich mir, und während ich noch überlege wie ich den Inhalt dieses Satzes höflich formulieren könnte, legt mein Gegenüber schon routiniert los mit einem historischen Rückblick auf die 1937 gegründete Edelschmiede.

Eigentlich, erzählt er, erzeugte Alfonso Morini vor dem zweiten Weltkrieg ja motorbetriebene Dreiräder zum Transport von schweren Lasten, doch seine wahre Leidenschaft waren Zweiräder. Bereits 1948 gewann seine zweitaktende 125-Kubik-"Competizione" die italienische Meisterschaft, keine fünf Jahre später entwickelte er seine ersten Viertakt-Motorräder.

In der Szene galten die Entwicklungen aus dem Hause Morini immer als absolut zuverlässig, die technische Sensation präsentierte man aber erst 1971, zwei Jahre nach dem Tod des Firmengründers. Die "3 ½" hatte 344 Kubik, ein 72-Grad-V-Zweizylinder Triebwerk mit zentraler Nockenwelle und war das erste Motorrad überhaupt mit elektrischer Zündung und Sechsganggetriebe. Konstrukteur dieses technischen Kleinods war der ehemalige Ferrari-Lehrling Franco Lambertini aus Modena.

Genau jenem Franco Lambertini verdanke ich es jetzt, 35 Jahre später, dass meine Glücksgefühle proportional zur Zeit im Sattel der 2004 erstmals präsentierten "Moto Morini Corsaro 1200" überschwappen. Dieses italienische Genie hat kurz vor seiner Pensionierung mein Nakedbike-Weltbild revolutioniert.

Ohne Übertreibung: Ich hatte noch nie so viel Spaß auf einer Nackten wie mit der Corsaro. Bislang hätte ich niemals gewagt die Allmacht von KTM Superduke, Ducati Monster S4RS und Co. in Frage zu stellen, aber von der ersten Sekunde an war klar: Mein Herz gehört von nun an Franco's Baby.


Was macht die Moto Morini nun so besonders, abgesehen von der wuchtigen und trotzdem sportlich wendigen Optik? Was ist neben dem straffen Fahrwerk, der perfekten Sitzposition, dem orchestralen Böllern des Doppelauspuffs, der bissigen Brembo-Bremsanlage und dem unglaublichen Motor so toll an der Corsaro? Die Antwort ist unspektakulär: Weil der Pilot nicht auf einem Motorrad sitzt, sondern damit verschmilzt. Weil ihre Grenzen erst dort beginnen, wo die menschlichen längst überschritten sind. Weil die Motorcharakteristik mit spontan abrufbaren 123 Nm Drehmoment und 140 PS Leistung die Freiheit gibt, überall und jederzeit die Flucht nach vorne anzutreten - ohne wild im Getriebe rühren zu müssen.

Und weil Franco wohl oft Urlaub in Österreich gemacht haben muss. Woher sonst kann er so genau wissen, nach welchen Eisen unsere heimischen Straßen verlangen, um möglichst flott bezwungen zu werden!? Egal ob weite Highspeed-Kurven oder winzige Kartkurs-Ecken - die Corsaro hat überall die Nase vorne. Egal ob der Pilot in tiefem Hang Off durch die Radien wetzt, kerzengerade sitzen bleibt oder nach Supermoto-Manier die Fuhre in die Kurve drückt, die Moto Morini ist flexibel und kann alles. Dabei ist es beinahe irrelevant, welcher der sechs Gänge eingelegt ist. Die 1187 Kubik sind über jeden, wirklich jeden Zweifel erhaben und pressen mit dem brutalen Druck eines Presslufthammers die 198 kg Trockengewicht aus jeder Ecke.


Trotz Umweltfreundlichkeit (Euro3-konform, Lambda-Sonde, 3-Wege-Kat) und doppeltem Schalldämpfer meldet sich die Moto Morini lautstark im Rückspiegel jedes Supersportlers an, um spätestens beim Herausbeschleunigen an ihm vorbeizugehen und - zumindest bis 250 kmh - am Horizont zu verschwinden. Das Allerbeste: Dazu braucht es nicht einmal Möchtegern-Rossis im Sattel. Mit Franco Lambertini's Meisterwerk wird (fast) jeder fertig, der ein wenig fahrtechnische Routine, eine starke Hand (nicht nur Ducati hat schwergängige Kupplungen) und etwas Hirn mitbringt. Die elektronische 54mm Magneti Marelli Einspritzung ist zwar anfangs gewöhnungsbedürftig, kann aber auch mit wesentlich weniger Gefühl im Handgelenk sauber dosiert werden, als es z.B. die sensible Superduke-Elektronik verlangt. Dass Franco bald im pensionsreifen Alter ist, schlägt sich auch in der Ergonomie der Moto Morini Corsaro 1200 deutlich nieder. Die Sitzposition ist aufrecht und entspannt, die Lenkerkröpfung tourentauglich. Obwohl das Popometer exaktes, ungefiltertes Feedback vom Hinterrad empfängt, kann die Sitzbank als "hart aber gerecht" bezeichnet werden: Auch nach einem langen Fahrtag oder einer weiten Urlaubsreise wird der hohe Spassfaktor nicht zwangsläufig mit Schmerzen zurückgezahlt.



Besonders gelungen ist die Form des Tanks: Eine tiefe Einbuchtung auf Höhe der Oberschenkel gibt Corsaro-Fahrern das Feeling auf einer schmalen 125er zu sitzen, und trägt so einen gewaltigen Teil zur Wendigkeit der italienischen Schönheit bei. Außerdem angenehm: Kommt die Corsaro bei einem (normalerweise kinderleichten und endlosen) Wheelie zu abrupt und steil in die Höhe, klemmt der tapfere Reiter kompakt auf seinem Arbeitsplatz wie eine Kluppe an der Wäscheleine. Kontrollverlust quasi unmöglich.

Bevor es heißt, für diese Lobeshymne auf Moto Morini bekomme ich vom Importeur einen Urlaub in der Dom.Rep.: Ich weiß, wo viel Licht, da ist normalerweise auch Schatten. Und ganz schattenfrei ist natürlich auch die Corsaro nicht. Trotzdem lassen sich die Nachteile allesamt locker verschmerzen: Über 150 kmh knallt der Fahrtwind gewaltig gegen Helm und Oberkörper - klar, Nakedbike bleibt Nakedbike. Die Reichweite des 17-Liter-Tanks ist bei einem Verbrauch von über 7 Litern eher bescheiden. Leuchtet - spät aber doch - die Reserve-Lampe, kann man eigentlich schon zu schieben beginnen. Das Fahrwerkssetting ist herrlich straff und wie geschaffen für einen Ausflug auf die Rennstrecke. Auf dem schlechten Asphalt der heimischen Bundesstraßen bezahlt der Pilot das mit gröberen Spurversetzern in den Kurven. Rollt man also vor dem Scheitel durch ein Schlagloch, ist die schöne Linie futsch. Stadtverkehr ist für die Corsaro dank schlanker Linie und Wendigkeit kein Problem, solange nicht im ersten Gang dahingegurkt wird - dann hat die elektronische Einspritzung ihre schieberuckelnden Tücken.




Und last but not least: Obwohl die Verarbeitung der Moto Morini sauber, detailverliebt und durchaus vorbildlich ist, beim multifunktionalen LCD-Display quälte das Testmotorrad ein Wackelkontakt nach dem anderen. Bei zügigen 170 kmh auf der Autobahn brennt gerne mal die Leerlaufleuchte, bei der abendlichen Heimfahrt aus dem Büro quittiert die Cockpitbeleuchtung angesichts des frischen, feuchten Fahrtwinds regelmäßig den Dienst. Dazu kommen einige rostende Schrauben an den Armaturen. Offensichtlich hat Franco Österreich nur im Hochsommer besucht...

Fazit: Die Moto Morini Corsaro 1200 ist (fast) das sprichwörtliche Gelbe vom Ei. Individualisten werden mit ihr mit Sicherheit glücklich, genau wie all jene, die ein unkompliziertes, brachiales Funbike suchen, um auf Straße und Rennstrecke ab und an die Sau raus zu lassen. Und selbst für sportlich orientierte Tourenfahrer ist sie bestimmt keine schlechte Wahl, sofern ein dichtes Tankstellennetz vorhanden ist. Im Nakedbike-Segment ist sie nicht nur ein Kontrahent von Superduke und Monster S4Rs, sondern bitterernste Konkurrenz. Auch beim Preis: Schon um 14.995 Euro kann man diese ultimative Fahrmaschine sein Eigen nennen.


Technische Daten:
http://www.blm.at/morini/corsaro/TechDat%20Corsaro.pdf

Bericht vom 09.11.2006 | 28.562 Aufrufe

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