CBR600RR am Ring

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Klaus Grammer nahm sich ungefragt die CBR von kot und wetzte über den Pannoniaring. Sein Fazit: Ein echter Racer, der seine zwei Rs wirklich verdient hat.

Um der Honda CBR 600RR des Modelljahres 2005 auf den Zahn zu fühlen haben wir uns diesmal wirklich die notwendige Zeit genommen, um das Bike auf sehr unterschiedlichem und dennoch für Motorradfahrer typischem Terrain zu bewegen. 

Wir waren zu Gast bei der Dunlop Max Tour und konnten uns dabei ein bisschen auf den Pässen Südtirols austoben und uns gleichzeitig auch ein Bild von der Alltagstauglichkeit eines Supersportlers machen. Den obligatorischen Abstecher auf den Pannoniaring ermöglichte mir Michi Fiala im Rahmen seiner Moto-Academy. 

Rein optisch gibt es nichts auszusetzen an der CBR 600RR. Die Verarbeitungsqualität ist bei Honda bereits eine fast sprichwörtlich gute. Wie es in dieser Klasse bereits zum guten Ton gehört findet man am Modell 2005 eine USD-Gabel und radial verschraubte Bremssättel. Ein neuartiges Verfahren bei der Herstellung ermöglicht es, die Wandstärke des Rahmens an die unterschiedlichen Belastungen anzupassen. Dadurch kann Gewicht eingespart und die optimale Steifigkeit erreicht werden. Selbiges Ziel verfolgt die nun in die Aluminiumschwinge integrierte obere Dämpferaufnahme. Geschlitzte Fußrasten sind ein untrügliches Indiz für die verzweifelte Suche der Japaner nach dem letzten Gramm. Bestrebungen, das Gewicht zu reduzieren werden von uns immer mit Applaus belohnt. Dadurch können wir unseren Körperspeckanteil erhöhen, ohne das Leistungsgewicht zu verschlechtern. 

Gabel wie auch Federbein sind natürlich voll einstellbar und funktionieren in der Originalabstimmung recht ordentlich. Wobei gleich gesagt werden muss, dass die Abstimmung der Federungselemente immer eine Gratwanderung bleiben wird und ein Supersport-Motorrad nicht jede heimtückische Welle der Alpenpässe schlucken kann. Also hat man auf der Straße eigentlich nur die Wahl zwischen einem guten und einem schlechten Kompromiss. Die CBR ist diesbezüglich sicher auf der Seite des Guten. Das Fahrverhalten ist sehr neutral. Eingeschlagene Radien werden anstandslos durchgezogen und können - falls notwendig - vom Fahrer gedankenschnell an eine sich verändernde Situation angepasst werden. Was natürlich im erhöhten Maße zur Verkehrssicherheit beiträgt oder es gefahrlos ermöglicht, den im Weg herumeiernden Nils zu überholen. Speziell auf kurze harte Schläge reagiert das Fahrwerk sehr sensibel. Grobe tiefe Löcher und Bodenwellen werden natürlich von einem Racer wie der CBR nicht geschluckt. Diese Angelegenheiten werden über die harte Sitzbank direkt an die Wirbelsäule weitergeleitet und können hoffentlich solange absorbiert werden, bis man Geld genug hat, um sich eine Gold Wing zu kaufen.

Zum Thema Sitzbank sei noch gesagt, dass nicht die Härte das Problem ist, sondern eher die glatte Oberfläche. Eine Bodenwelle in Verbindung mit dem Schließen der Drosselklappe reicht aus, um sehr hart gegen den Tank zu rutschen. Leider gibt es von diesen Bodenwellen in Südtirol schmerzhaft viele. Die Sitzposition ist typisch sportlich ohne dabei längere Tagesetappen zur Qual werden zu lassen. Positiv fällt der geringe Abstand zwischen Sitzbank und Lenkkopf auf. Es wird dadurch ein angenehmes Gefühl der Kontrolle vermittelt. Einzig beim Durchfahren von Spitzkehren wird, verursacht durch die geringe Geschwindigkeit und die dadurch fehlenden Kreiselkräfte das Fahrverhalten kippelig. Somit wird es fast unmöglich sauber und schwungvoll durch die Kurve zu kommen. Was sich am Staller Sattel insofern negativ auswirkte, dass "Nasty Nils" die Bergwertung gewann. Das ist ein wirklich starkes Indiz für schwierigste Verhältnisse. Über Motor und Bremsen braucht man eigentlich keine Worte verlieren. Genauso unspektakulär und trotzdem vehement wie der Motor die Fuhre beschleunigt wird sie auch wieder verzögert. Dass man von 599ccm in Verbindung mit dem langen ersten Gang beim Beschleunigen aus Spitzkehren keine Wunder erwarten darf versteht sich von selbst. Insgesamt macht die CBR 600RR auf den Alpenpässen für ein Supersport-Motorrad eine recht ordentliche Figur. Wenn man gewisse Abstriche beim Komfort zugunsten von Sportlichkeit in Kauf nimmt hat man um die Kleinigkeit von Euro 11.650,-- ein Bike für fast alle Eventualitäten gekauft. 

Auf der Rennstrecke offenbarte sich die wahre genetische Veranlagung der RR. Sie ist die erste CBR, die ihre Heimat eher auf der Rennstrecke als auf der Straße hat. Man begegnet bereits nach wenigen Kurven dem "Honda-Phänomen" - alles sitzt und passt perfekt. Nach einer Runde könnte man meinen, man säße auf seinem eigenen Motorrad. Die Selbstverständlichkeit mit der die Mühle um die Kurve zirkelt ist schon fast beängstigend. Angepeilte Linien und Kurvenausgänge werden sicher getroffen. Auch eine wissenschaftliche Abhandlung über Lenkkopfwinkel, Nachlauf, Schwingenlänge, Rahmensteifigkeit, Ventildurchmesser, Kolbengewicht, Einspritzzeiten usw. wird ihre Fahrbarkeit und die gute Balance nicht ohne weiteres erklären können. Es ist die Summe der Eigenschaften, die die CBR so stark machen und auch immer so stark gemacht haben. Nationale und internationale Rennergebnisse bestätigen dies eindrucksvoll. Besonders zu erwähnen ist sicherlich die kompakte und zum Vorderrad hin orientierte Sitzposition, die ein für das Schnellfahren unerlässliches Gefühl für das Vorderrad vermittelt. Einziger Wehrmutstropfen hierbei war der serienmäßig montierte Bridgestone BT 014. Er funktionierte auf der Straße hervorragend und hatte - wie von einem sportlichen Straßenreifen nicht anders zu erwarten - auf dem glühend heißen Pannoniaring seine Probleme. Der aus demselben Haus stammende BT 002 wäre für die Rennstreckenhatz sicher besser geeignet. Wo ich gerade beim Meckern bin, vielleicht noch eine Bemerkung zur Gabelabstimmung. 

Wie auch beim Reifen ist es logisch, dass die Gabel nicht auf Straße und Rundstrecke gleichermaßen gut funktionieren kann. Sie taucht beim harten Anbremsen zu schnell und zu tief ein und verursacht dadurch ein etwas instabiles Fahrverhalten. Für ernstere Einsätze (und damit meine ich keine Hobbyrennen auf 2:15er Niveau) auf der Rennstrecke würde ich vorschlagen, härtere Gabelfedern zu montieren und ein anderes Gabelöl mit korrigiertem Ölstand einzufüllen. 

Das Federbein konnte bei moderatem Rennstreckentempo durchwegs überzeugen. 

Über die Wirkung der Vorderbremse gibt es nicht viel zu sagen. Tadelloser Biss in Verbindung mit guter Dosierbarkeit. Positiv ist mir die Hinterbremse aufgefallen. Sie muss nicht wie bei anderen Sportmotorrädern mit der Ferse bedient werden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen sondern ermöglicht es, mit nicht allzu viel Kraftaufwand zur Verzögerung und zur Stabilisierung des Motorrades in der Bremszone beizutragen. 

 

Der Motor dreht ohne spürbare Einbrüche bis in den Drehzahlbegrenzer, der überdies angenehm sanft einsetzt. Wobei es nicht die schiere Kraft ist, die uns am Feind vorbeireisst sondern eher das feine Ansprechverhalten beim Öffnen der Drosselklappen am Kurvenscheitelpunkt und die daraus resultierende Geschwindigkeit auf der Geraden. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich Honda nicht damit begnügt hat immer mehr "R`s" auf die Verkleidung zu kleben sondern tatsächlich einen Racer auf die Räder gestellt hat, der diese Bezeichnung verdient.


Text: Grammer Klaus
Fotos: Haliklik

Weitere Informationen auf www.honda.at

Bericht vom 09.06.2005 | 21.259 Aufrufe

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