Zu zweit mit der Kawasaki Versys 650 quer durch Österreich

Die kleine Versys im Touren-Check

Optisch kommt die Kawasaki Versys 650 im Modelljahr 2022 ja ganz im Look der großen 1000er daher, mit dem optionalen Grand Tourer Paket soll sie auch wirklich bereit für die große Tour sein. Grund genug für unseren Reiseprofi Wolf, zusammen mit seiner langstreckenerprobten Sozia ein Wochenende lang herauszufinden, wie sie sich unterwegs zu zweit im Sattel schlägt.

Früh aufstehen lohnt, wenn man den Ochsattel für sich alleine haben will

Samstag früh gings los, und zwar richtig früh, noch ohne Frühstück. Das gönnten wir uns unterwegs in der Kalten Kuchl, wo man am Wochenende tagsüber meist nur schwer einen Sitzplatz findet, wir kurz nach acht Uhr aber das erste Motorrad gewesen sind. Einen Kaffee mit Ham and Eggs später stand schon ein gutes Dutzend Zweiräder vor dem beliebten Motorradtreff und ließ uns erahnen, was sich hier an diesem schönen Tag noch abspielen werde. Wir aber nahmen den Ochsattel in Angriff, den wir um diese Uhrzeit ebenso praktisch für uns alleine hatten. Und dessen Kurven der Agilität der Versys förmlich auf die 17-Zöller geschnitten sind. Seit 2007 gibt es sie bereits und sie war in meinem Augen schon immer ein unterschätztes Motorrad. Weil es wirklich universell einsetzbar ist, vom Cityflitzer für den Weg zur Arbeit bis zur flotten After-Work-Runde alles kann - aber auch die Reise zu zweit?

Für jeden Anspruch das richtige Ausstattungs-Paket

Kawasaki bietet jedenfalls für die verschiedenen Einsatzzwecke unterschiedliche Zubehör-Pakete an, vom Urban Paket mit einem 40-Liter-Topcase über Tourer, Tourer Plus bis eben hin zum Grand Tourer Paket, das rundum ausgestattet mit großem 47-Liter-Topcase, zwei 28-Liter-Seitenkoffern (jeweils samt wasserdichter Innentaschen), LED-Nebelscheinwerfern, stabilen Handprotektoren, 12-Volt-Steckdose, Navi-Halterung, Tankpad sowie großem Windschild daher kommt. Ab Werk hat die Versys 650 im Modelljahr 2022 übrigens erstmals auch eine zweistufige Traktionskontrolle an Bord, das schon von anderen Modellen bekannte 4,3-Zoll-TFT-Farbdisplay samt Smartphone-Konnektivität oder rundum LED-Beleuchtung. Ob man jetzt bei einer Spitzenleistung von 67 PS eine Traktionskontrolle benötigt, muss jeder für sich entscheiden, der Markt "verlangt" es bzw. der eine oder andere Mitbewerber bietet dieses Sicherheitsfeature ebenfalls an. In Stufe zwei hatte sie auf kurvenreichen Strecken praktisch rund um die Uhr zu tun - diese ist am ehesten für Fahrten im Regen oder vielleicht für Einsteiger zu empfehlen, Stufe 1 regelt aber dezent und war die Tour über meist aktiviert. Man kann die KTRC aber auch vollständig deaktivieren.

Lohnender Abstecher auf die Stoderzinken Alpenstraße

Nach dem Ochsattel ging es über Mariazell, Wildalpen und Nationalpark Gesäuse westwärts ins Ennstal. Nicht ohne bei Gröbming mal wieder die (mautpflichtige) Stoderzinken Alpenstraße auf mitzunehmen. Abseits der bekannten Touristenstrecken bietet die schmale, 12 Kilometer lange Stichstraße jede Menge enger Kurven, aber auch lohnende Ausblicke. Bei der Einfahrt öffnet sich der Schranken automatisch, bezahlt wird die Maut beim Kassenautomat vor dem Verlassen der Straße. Ein Tipp: Bei Konsumation im Gasthaus Steinerhaus (1.828 m) nur unweit des Stoderzinken Gipfels bekommt man auf Anfrage ein ermäßigtes Ticket, mit dem pro Motorrad nur 6 anstellte der sonst bei der Ausfahrt fälligen 15 Euro zu bezahlen sind. Für uns ging es anschließend noch weiter bis Altenmarkt im Pongau, wo wir im MoHo-Hotel Laudersbach nächtigten. Ein empfehlenswertes Haus mit schönen Zimmern, guter Küche, Wellnessbereich, Garage fürs Motorrad und einem Wirten, der selbst begeisterter Biker ist und immer den einen oder anderen Streckentipp (sowie auch eine Tourenkarte für die Gäste) parat hat. Uns fehlte leider die Zeit, davon groß zu kosten, der Standort eignet sich aber auf alle Fälle auch als Basis-Station für einen längeren Aufenthalt und Tagestouren in alle Himmelsrichtungen.

MoHo Laudersbach
Das MoHo-Hotel Laudersbach eignet sich perfekt als Basiscamp.

Nockalmstraße als Höhepunkt der Tour mit einer zufriedenen Sozia

Nach einem üppigen Frühstück am Sonntagmorgen führte uns der Weg zunächst rauf zum nahen Zauchensee, ehe es über den gut ausgebauten Tauernpass bzw. Obertauern sowie die Katschberghöhe zur Nockalmstraße ging. Diese absolut empfehlenswerte Mautstraße (15 Euro pro Motorrad), die bei mir zumindest einmal im Jahr auf der To-do-Liste steht, fuhren wir von Innerkrems in Richtung Ebene Reichenau. Nicht ohne auf der Eisentalhöhe (2.042 m Seehöhe) einen kurzen Stopp zu machen und uns dann noch im Alpengasthaus Glockenhütte auf der Schiestlscharte (2.024 m) zu stärken. Gerade bergauf merkte man beim Überholen dann aber doch, dass sich die Versys 650 zu zweit etwas schwer tut, vermisste man mitunter die Souveränität der großen 1000er-Schwester. Voll beladen kratzten natürlich in der einen oder anderen Kehre auch die Rasten, dennoch ist die Schräglagenfreiheit des Motorrads absolut in Ordnung. So wie der Wind- und Wetterschutz mit dem großen Windschild, die kleine Scheibe der Standardvariante kann in diesem Punkt nicht jeden zufrieden stellen. Und - extrem wichtig bei Touren zu zweit - auch die Sozia fühlte sich gut. "Der Kniewinkel ist angenehm, der Sitzkomfort wunderbar, wobei der Platz mit dem ganzen Koffersystem jetzt nicht der üppigste ist - aber man steigt auch nach langen Etappen entspannt ab", kann sie die kleine Versys durchaus auch für die große Reise empfehlen. Wenn man mit der richtigen Erwartungshaltung heran geht und von 67 PS keine Pässeheizer-Qualitäten erwartet, die sie im Solobetrieb ja durchaus zu bieten hat. Uns hat die ausgedehnte Wochenendtour, die uns schließlich über die Turracher Höhe, Preiner Gscheid etc. wieder nach Hause führte, richtig Spaß gemacht. Und die Versys 650 konnte ihre Vielseitigkeit beweisen. Wobei man freilich überdenken sollte, ob man wirklich das üppige Grand-Tourer-Paket benötigt, oder vielleicht auch mit dem Tourer Plus sowie einem Topcase das Auskommen findet.

Kawasaki Versys 650 Grand Tourer
Mit dem Grand-Tourer-Paket wird die Versys zum Reiseschiff.

Bericht vom 12.06.2022 | 26.702 Aufrufe

Empfohlene Berichte

Pfeil links Pfeil rechts