Honda im Umbruch: Elektro, A2-Bedeutung und Marktstrategie 2026
Honda Deutschland-Chef Albert Erlacher im Interview
Honda setzt auf Elektro, starke Mittelklasse und will neue Zielgruppen erschließen. Albert Erlacher erklärt im Interview Strategie, Markt und Herausforderungen.
Markt & Entwicklung
Poky, 1000PS:
Ihr habt 2024 stark zugelegt. Nach dem Einbruch 2025 - was rechnet ihr euch für 2026 und wie schätzt ihr die Gesamtentwicklung ein?
Albert Erlacher, Honda Deutschland:
Da muss man differenzieren. Der Rückgang ist eigentlich nur in den KBA-Zulassungen sichtbar. Da hatten wir rund 160.000 Einheiten in Deutschland - das wirkt wie ein dramatischer Rückgang von etwa 240.000 Einheiten 2024.
Aber man darf nicht vergessen: Rund 40.000 Zulassungen wurden ins Jahr 2024 vorgezogen, um gesetzliche Themen zu erfüllen. Wenn man das bereinigt, war die Nachfrage gar nicht so stark rückläufig.
Wir gehen davon aus, dass sich der Markt bei rund 190.000 Einheiten einpendelt. Das ist wieder ein normales Niveau.
Poky:
Und für Honda konkret, was ist die Prognose?
Erlacher:
Wir gehen von einem ähnlichen Markt aus. Ziel ist es, rund 34.000 Einheiten zu verkaufen. Damit sollte es wieder für die Nummer eins reichen.
Segmente & Modelle
Poky:
In welchen Segmenten seht ihr noch Potenzial? Und wo ist der Markt vielleicht schon gesättigt?
Erlacher:
Der Markt ist nie ausgeschöpft. Es gibt immer Möglichkeiten.
Unser Fokus liegt klar auf der Mittelklasse. Rund um 500 Kubik beginnt das Ganze, mit der 750er Hornet haben wir das nach oben verschoben.
Wir versuchen auch, neue Segmente zu erschließen - etwa mit Crossover-Konzepten oder sportlicheren Mittelklassemodellen.
Poky:
Apropos Mittelklasse, ihr gönnt euch hier gerade den Luxus von zwei Motoren mit ähnlichen Leistungsdaten: Bleiben 650er und 750er parallel bestehen?
Erlacher:
Das wird auch von Euro 6 abhängen. Der 750er ist ein neuer Motor, der Vierzylinder ist ein anderes Konzept, das Honda schon sehr lange im Programm hat.
Da wird sich entscheiden, wie sich die Plattformen entwickeln. Im Hintergrund wird auch schon an Neuem gearbeitet - aber es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.
Poky:
Und bei den "großen" Motorräder? Wie schätzt du es da ein?
Erlacher:
Die bleiben wichtig, aber das Volumen liegt in der Mittelklasse. Wir haben da unsere Kernprodukte.
E-Clutch
Poky:
Ist die E-Clutch aus deiner Sicht eher ein Komfort- oder Performancefeature?
Erlacher:
Ganz klar Komfort. Es ist ein strategisches Instrument, um neue Fahrer zu gewinnen.
Der Fahrer kann sich stärker auf das Fahren konzentrieren und ist weniger mit der Bedienung beschäftigt.
Poky:
Ist das auch als eine Art Einstieg in Richtung DCT gedacht?
Erlacher:
Kann sein. Wenn jemand einmal E-Clutch gefahren ist, hat er weniger Hemmungen gegenüber DCT. Und im Touring-Bereich gilt oft: Einmal DCT, immer DCT.
A2 & Reiseenduro-Segment
Poky:
Im A2-Segment seid ihr stark aufgestellt - aber gerade bei den boomenden Reiseenduros mit NX500 und der altgedienten CRF300 Rally eher zurückhaltend positioniert. Warum?
Erlacher:
Wir haben diese Nische früh erkannt. Die CRF300 Rally ist ein Beispiel dafür. Aber die Konkurrenz ist stark geworden - sowohl aus Japan als auch aus China. Da passiert viel. Wir arbeiten daran, unsere 500er-Serie weiterzuentwickeln und stärker in Richtung Offroad zu bringen.
Poky:
Ist dieser A2-Reiseenduro-Trend global oder eher europäisch?
Erlacher:
Das ist klar ein europäisches Thema. In Asien ist das Motorrad eher ein Mobilitätsprodukt, in den USA herrscht ein ganz anderes Marktumfeld. Europa ist da sehr speziell.
Poky:
Wie wichtig ist das Thema A2 strategisch für euch?
Erlacher:
Sehr wichtig. Da holen wir die Kunden ab, wenn sie den Führerschein machen. Wir arbeiten mit Kampagnen, Leasing-Modellen und Kooperationen mit Fahrschulen, um genau dort präsent zu sein.
Poky:
Bleiben eure Kunden dann oft beim gleichen Motorrad und entdrosseln es nach zwei Jahren?
Erlacher:
Eher nicht. Viele steigen nach der A2-Phase auf etwas Größeres um.
Poky:
Wenn du ein Modell aus eurem Portfolio nennen musst: Welche soll die erste Honda für eine(n) 20-Jährige(n) sein?
Erlacher:
Das hängt stark vom Fahrer-Typ ab. Für viele ist die CB500 ideal - sie bietet alles, was ein Motorradfahrer braucht.
Poky:
Schauen wir uns das andere Ende der Honda-Reise an, welche Honda ist die am meisten geschätzte im hohen Alter? Wie geht Honda mit älteren Fahrern um?
Erlacher:
Alter ist immer relativ. Du bist physisch alt, aber im Kopf noch jung. Ein Motorradfahrer wird ungern zugeben, dass er zu alt ist. Wir haben da Technologien wie DCT, E-Clutch, Traktionskontrolle und bessere Ergonomie - daran arbeiten wir. Ich gebe dir ein Beispiel, das ich bereits öfters erlebt habe: Wenn der Gold Wing Fahrer das Bike nicht mehr halten kann, geht er zum Händler und lässt es auf ein Trike umbauen. Das ist ein Eingeständnis - aber das ist cool und akzeptiert. Wenn die Option ist, du fährst nicht mehr, dann sind die rund 20.000 Euro für den Umbau vergleichsweise günstig."
Honda WN7
Poky:
Die WN7 - 15.000 Euro sind eine stolze Summe. Wie rechtfertigt ihr das?
Erlacher:
Die WN7 ist für uns das erste Modell, wo wir versuchen, die Honda-Philosophie in ein Elektro-Bike umzubauen. Also Fahrwerk, leichte Fahrbarkeit, Spaß, Problemlosigkeit.
Wir haben die Stückzahlen entsprechend geplant. Daher der etwas höhere Preis von 15.000 Euro. Wir haben keine Volumen-Erwartung und denken, der Kunde, der sowas von Honda - dem weltgrößten Motorradhersteller - haben will ist auch bereit, diese 15.000 zu bezahlen.
Poky:
Wer ist der Kunde?
Erlacher:
Urban, technikaffin, kaufkräftig. Jemand, der schon vieles hat und etwas Neues für die Stadt sucht.
Poky:
Reichweite?
Erlacher:
Realistisch 140 bis 150 Kilometer. Kein Ersatz für lange Touren.
Poky:
Commuting oder Spaß?
Erlacher:
Ganz klar Funbike.
Poky:
Ist das euer Modell, wo ihr Dinge ausprobiert?
Erlacher:
Wir haben bei der WN7 trotz des Preises auch die junge Zielgruppe im Auge, aber auch Frauen, oder Wiedereinsteiger. Hier denken wir z.B. über Abo-Modelle nach, dass man das Ding mal für sechs Monate oder ein Jahr nutzen kann.
Wir experimentieren hier bewusst. Das ist ein Playing Field. Wir schauen, was funktioniert und was nicht - und lernen daraus.
Bericht vom 06.04.2026 | 4.579 Aufrufe