Uwe Seitz im Interview: Wo bleiben die jungen Biker?
Der neue IVM-Präsident über Baustellen & Strategien der Branche
Uwe Seitz frisch gebackener IVM-Chef spricht mit Poky über seinen Rollenwechsel, die Baustellen der Branche und die Frage, wie Motorradfahren in Deutschland wieder relevanter werden kann.
Uwe Seitz ist seit 15. Januar Hauptgeschäftsführer des Industrie-Verbands Motorrad Deutschland. Im Interview spricht der frühere MOTORRAD-Chefredakteur über seine neue Aufgabe & Entwicklungen in der Branche, die er nun selbst mitbestimmen kann.
Poky, Redaktionsleitung 1000PS: Uwe, hol mich und unsere Leser bitte kurz zum IVM ab: Wer ist Mitglied, wie groß ist der Verband und was macht ihr?
Seitz, Hauptgeschäftsführer IVM: Satzungsgemäß gibt es bei uns zwei Kategorien von Mitgliedern. Das sind einmal die ordentlichen Mitglieder, die Fahrzeughersteller, die in Deutschland aktiv sind, also entweder hier produzieren oder eine Niederlassung oder einen Importeur haben und sich dann im Verband organisieren. Aktuell sind das 16 Mitglieder. Dann haben wir die Fördermitglieder, die den größten Teil unserer über 50 Mitgliedsunternehmen stellen. Dazu gehören Reifenhersteller, weiteres Zubehör, Schmierstoffe, Bekleidung, Helme und so weiter. Insgesamt decken wir damit rund 95 Prozent des Motorrad-Marktes in Deutschland ab. Und wir bauen das aktuell weiter aus.
Poky: Nach Jahrzehnten bei MOTORRAD bis hin zum Chefredakteur, jetzt der Seitenwechsel. Wie fühlt sich das an?
Seitz: Wenn du so lange in der Branche bist, hast du halbwegs eine Ahnung, um was es geht. Man redet ja viel mit den Herstellern. Also völlig unvorbereitet hat mich das nicht getroffen. Was du aber merkst, ist die andere Herangehensweise. Es geht nicht mehr darum, nachzufragen, auszuprobieren und dann darüber zu berichten. Jetzt geht es um Internes, um die Branche an sich, um Weichenstellung und politische Einflussnahme. Ich sage immer: Ich bin vom Beobachter zum Gestalter geworden. Oder zumindest habe ich jetzt Gestaltungsmöglichkeiten.
Poky: Was hat dich gereizt, diese Verantwortung zu übernehmen?
Seitz: Die Uneinigkeit in der Branche in einigen Dingen habe ich schon als Journalist beklagt. Letztendlich sind wir ja nicht Motorradjournalisten geworden, weil es einfach ein Betätigungsfeld ist, sondern weil uns das Thema begeistert und am Herzen liegt. Ich glaube an das Motorrad, an seine Vielfältigkeit, an seinen hohen Freizeitwert, aber auch an seinen praktischen Nutzen, gerade wenn wir über Mobilität der Zukunft und urbane Mobilität sprechen. Da kann man gesellschaftlich und politisch viel bewegen. Aber dazu braucht es die Einigkeit in der Branche. Man muss für die Wahrnehmung das Gewicht der Branche deutlich machen. Die letzte Erhebung hat einen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland gezeigt, rund 150.000 Beschäftigte hat die Branche. Das ist ein echtes Pfund. Wenn Motorradfahrer dann auf Krachmacher und Krawallbrüder reduziert werden, und wir uns nicht vereinigt dagegen stellen, verbaut uns das Gestaltungsmöglichkeiten. Das versuchen wir beim IVM zu organisieren.
Poky: Thema Messe: Braucht die Branche wieder eine zentrale deutsche Leistungsschau, hinter der der IVM voll steht?
Seitz: Zweifellos. Mit diesem Ansinnen bin ich auch angetreten. Die "alte" Intermot hat schon vor Corona das Rennen gegen die EICMA verloren. Die großen ausländischen Hersteller, vor allem aus Japan, haben die EICMA immer stärker favorisiert. Gleichzeitig wurden die Budgets enger, Entscheidungen stärker europäisch gebündelt, und dann wurde eben nicht mehr zweimal investiert. Die Umstellung der EICMA von einem alternierenden Rhythmus mit der Intermot auf jährlich war ein klarer Konfrontationskurs. Und am Ende hat die EICMA gewonnen. Dann kam noch Corona, und danach war klar: Wenn du im Oktober bleibst, verlierst du weiter gegen Mailand im November, weil die echten Neuheiten dort Premiere feiern. Also ist man mit der Intermot in den Dezember gegangen. Das war aber für Messebesucher und auch unsere Fördermitglieder kein wirklich guter Termin. Nach zwei Erfahrungen in Köln war klar: So kann es nicht weitergehen. Das ist für die Branche ein Armutszeugnis. Wir brauchen eine neue Bühne im Frühjahr. Und wir brauchen diese zentrale Leistungsschau, um die gesellschaftliche Bedeutung der Branche und unsere Gestaltungsmöglichkeiten sichtbar zu machen. Nur so bekommst du Entscheider für unsere Sache an den Tisch. Kein Verkehrsminister kommt wegen einer Regionalmesse. Wenn wir als Branche Einigkeit demonstrieren, können wir auch mit Themen wie Verkehrssicherheit, urbaner Mobilität und neuen Mobilitätsformen anders auftreten. Genau dafür ist die Intermot vom 19. bis 21. Februar 2027 in Köln so wichtig.
Poky: Nachwuchs, 125er, B196: Ist der Einbruch bei den 125ern eher ein Nachwuchsproblem oder ein abklingender Sondereffekt?
Seitz: Ich glaube, letztes Jahr war generell ein spezielles Jahr. Die Euro5+-Umstellung, dann gab es beim Führerschein eine gewisse Zurückhaltung, weil das Verkehrsministerium angekündigte, dass der Schein günstiger werden soll. Viele haben dann erstmal abgewartet. Gleichzeitig war der B196 bei den Neuzulassungen ein riesiger Faktor in den Jahren seit der Einführung. Wer über 25 ist und den macht, kauft sich meist ein neues Fahrzeug - ob Roller oder 125er-Motorrad. Der B196 bleibt für uns also ein wichtiges Thema, gerade weil es ja auch schon wieder Tendenzen gab, ihn abschaffen zu wollen. Das hoffen wir natürlich nicht, weil er gerade für urbane Mobilität wichtig ist.
Poky: Es gab ja - selbst in Auto, Motor & Sport - Berichte, wonach B196 gefährlich sei und wieder weg solle.
Seitz: Die Verkehrswacht hat sich da auf Zahlen berufen, die von der Bundesanstalt für Straßenwesen noch gar nicht offiziell veröffentlicht waren. Diskutiert wurde dann über die Einzeljahre 2019 und 2022. Heraus kamen die viel zitierten plus 57 Prozent bei 125er-Unfällen, und die Marktschreier im vermeintlichen Dienst der Verkehrssicherheit sahen im B196 die Ursache. Dabei wurde viel nicht beachtet, dass sich der Bestand in der Zwischenzeit mehr als verdoppelt hat und wir 2022 deutlich mehr Sonnenstunden hatten als 2019. Es waren folglich einfach viel mehr Leute mit 125ern mehr und öfter unterwegs. Wir haben uns die Zahlen mit dem IfZ genau angesehen und festgestellt, dass sich das ins Verhältnis gesetzt absolut im Rahmen bewegt. Ein ähnlicher Unfall-Verlauf ist übrigens bei E-Bikes abzulesen. Da habe ich aber niemanden gehört, dass da etwas verschärft werden soll. Das Problem ist: So eine Zahl ist schnell draußen, und dann hast du einen Stempel. Das Bild wieder geradezurücken, ist sehr schwer.
Poky: Genau das beobachte ich auch.
Seitz: Ich finde es sehr enttäuschend, dass respektierte Verbände und Organisationen mittlerweile so agieren. Das ist das eigentlich Bedenkliche, denn dahinter steckt oft Ideologie. Und das verhindert objektive Lösungen.
Poky: Wo liegt beim Thema bezahlbares Motorradfahren die Rolle der Hersteller und wo die des Verbands?
Seitz: Die Hersteller bauen Fahrzeuge, die in den Markt passen müssen, attraktiv sind und bezahlbar angeboten werden können. Man sieht, dass sich gerade bei 125ern und 48-PS-Bikes hier viel tut. A2 ist stark besetzt, und auch neue Hersteller sind da besonders aktiv. Als Verband geht es für uns darum, an den Tisch zu kommen, wenn beispielsweise über günstigere Führerscheine gesprochen wird. Im Moment dreht sich vieles noch um den Autoführerschein, beim Motorrad ist das noch kein großes Thema. Aber auch hier gibt es Punkte, über die man reden muss: Theorie modernisieren, Online-Lernen, Pflichtstunden hinterfragen. Warum muss ich mit dem Motorrad so viel nachts oder auf der Autobahn fahren, wo das eigentlich gar nicht unser Habitat ist? Unser Ziel muss sein, dass die Sicherheit nicht abnimmt, der Zugang zum Zweirad aber finanziell deutlich leichter wird. Interessant ist übrigens auch: Die bei den Führerscheinkosten oft zitierte hohe Durchfallquote trifft auf Motorradführerscheine kaum zu. Die Leute sind extrem motiviert und haben in der ersten Prüfung nur eine Durchfallquote von knapp sieben Prozent.
Poky: Ist das Thema Motorrad in Deutschland noch zu sehr von Hobby bestimmt und wird zu wenig als pragmatische Mobilität gesehen?
Seitz: Unbedingt. In Deutschland wurde über Jahrzehnte alles aufs Auto ausgerichtet. Das Auto war Statussymbol, die Städte wurden dafür gebaut. Dabei war das Motorrad früher auch ein völlig legitimes Familienfahrzeug und ist bis heute günstig, schau dir nur die Spritpreise und den Verbrauch im Verhältnis an. Gleichzeitig platzen die Städte aus allen Nähten. Beim Thema Ladeinfrastruktur für Autos sieht man ja schon, wie kompliziert es da wird. Dieses Problem hast du beim Zweiradpendeln überhaupt nicht. Trotzdem tut man gerade vieles, um Pendeln mit dem Motorrad unattraktiv zu machen. In Frankreich ist das Durchfahren im Stau geregelt, in Italien gesellschaftlich akzeptiert, in Österreich und Belgien gibt es Lösungen. Bei uns dagegen verlierst du den Führerschein. Gleichzeitig fahren immer schwerere und größere Autos in die Städte, sorgen für mehr Stau, mehr Abrieb und mehr Platzbedarf beim Parken. Da fragt man sich schon: Warum nicht dem Zweirad mehr Chancen geben? Das Problem ist, dass aufgrund von jahrzehntelang gepflegten Vorurteilen die Chancen oft gar nicht erkannt werden.
Poky: Darüber müssten wir als Medien noch stärker sprechen, könnte ich an dieser Stelle selbstkritisch anmerken.
Seitz: Das gehört eigentlich in die Tagespresse und in alle anderen Medien. Wir brauchen diesen Image-Wandel. Für viele, die im Auto sitzen und mit dem Motorrad keine Berührung haben, bist du erstmal ein Outlaw, ein Fremdkörper oder sogar ein Hassobjekt. Seit das Auto gesellschaftlich so dominant wurde, hat man immer eine neue Möglichkeit gefunden, Motorradfahrer zu diskreditieren: Rocker, Halbstarke, Organspender, Krawallmacher. Da kommt immer wieder etwas Negatives dazu. Jetzt ist Frühjahr, und alle Jahre wieder stimmen sich die Medien darauf ein, dass die Irren auf dem Motorrad wieder unterwegs sind. Dabei sinken die Unfallzahlen vor allem bei den Schwerverletzten stetig. Wir Motorradfahrenden haben uns da vor allem seit den furchtbaren Zahlen aus den 1980ern und 1990ern auch durch die technische Entwicklung in den Zweirädern gewaltig verbessert. Aber die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist eine ganz andere. Warum wohl? Dass mehr Menschen von der Leiter oder vom Pferd fallen und sich schwer verletzen, steht nicht in der Zeitung.
Poky: Gerade im urbanen Bereich könnten elektrische Zweiräder da helfen.
Seitz: Genau. Du brauchst viel weniger Energie, weil du viel weniger Masse bewegst. So ein E-Roller oder Motorrad funktioniert im urbanen Alltag sehr gut. Wobei ich mich gegen das Wort emissionsfrei immer ein bisschen wehre. Aber auch im Lebenszyklus ist so ein Elektroroller oder Scooter natürlich um Längen ressourcenschonender als ein Auto. Es gibt also durchaus viele Argumente für das motorisierte Zweirad.
Poky: Wäre das nicht auch ein guter Einstieg in die individuelle Mobilität?
Seitz: Da müsste man neben den offensichtlichen Vorteilen auch echte Anreize schaffen. Aber gerade E-Zweiräder zu fördern, war in Deutschland nie ein Thema.
Poky: Elektro-Motorrad in fünf Jahren: Nische oder echte Chance - insbesondere für junge Menschen?
Seitz: Fünf Jahre halte ich, wenn wir es im großen Stil betrachten, für zu kurz. Ich bin kein Physiker und stecke nicht tief genug in der Batterietechnik. Aber wenn ich sehe, wie aufwändig große Strecken mit dem Elektroauto aktuell noch sind, dann glaube ich nicht, dass das beim Motorrad als Abenteuer- oder Reisefahrzeug so schnell kommt. Fürs Pendeln und im urbanen Einsatz sind wir aber längst soweit.
Poky: Wie wichtig ist der frische Wind aus China für die Branche?
Seitz: Das ist schwierig zu beantworten, wenn man für etablierte Hersteller arbeitet. Aber klar ist: Wir bemühen uns auch darum, dass chinesische Hersteller in den Verband kommen. Die werden wichtig. CFMoto beispielsweise hat schon eine relevante Größe erreicht. Preislich sind sie interessant, und wenn die Qualität weiter steigt und der Preis stabil bleibt, werden sie noch interessanter. Ob dieses Preisniveau auf Dauer haltbar ist, muss man sehen. China als Land steht wirtschaftlich ja ebenfalls unter Druck.
Poky: Kann das auch ein Weckruf für etablierte Hersteller sein?
Seitz: Was mich erstaunt hat, ist, wie sehr man sich teilweise noch auf das gute Händlernetz verlässt und darauf, dass die Chinesen das nicht haben. Wenn das das einzige Argument ist, wäre ich vorsichtig. Wir haben ja selbst Probleme mit Händlersterben und fehlendem Generationenwechsel. Wenn dieses Netz bröckelt und die anderen längst neue Vertriebswege gefunden haben, kann das schnell kippen. Im Moment ist das Motorradthema aber noch sehr emotional. Du willst das Motorrad anfassen, du willst einen Händler deines Vertrauens haben, der genauso motorradverrückt ist wie du. Aber ich glaube schon, dass sich das Nutzungsverhalten mit der jüngeren Generation verändern wird. Die konfigurieren vielleicht irgendwann ihr Motorrad digital und lassen es sich dann nach Hause liefern.
Poky: Wird sich das klassische Händlermodell langfristig verändern? Siehst du Sharing- oder Abo-Modelle?
Seitz: Im Moment sehe ich das noch nicht. Vielleicht auch, weil ich persönlich sowas nie machen würde. Ich würde mein Motorrad nicht teilen wollen. Außerdem ist ein Motorrad nach wie vor ein echter Wertgegenstand, es muss gepflegt und instand gehalten werden. Da hängen viele praktische Fragen dran. Aber langfristig sind natürlich viele Modelle denkbar.
Bericht vom 09.04.2026 | 5.010 Aufrufe