MV Agusta: "Wir sind keine abgehobene Luxusmarke"
Brandmanager Sascha Renner im Interview
Sascha Renner ist das Gesicht von MV Agusta für den DACH-Raum. Als Brandmanager soll er die edle italienische Motorradschmiede wieder populärer machen. Wir sprechen mit dem ehemaligen Automobil-Manager darüber, wo MV Agusta aktuell steht und wohin die Reise geht.
Sascha, lass uns gleich mal zu Beginn ein wichtiges Thema klären: Ist die Ausgliederung von MV Agusta von der KTM-Familie nun endgültig abgeschlossen oder gibt es noch Verflechtung zwischen diesen beiden Unternehmen?
Sascha Renner: Kaufmännisch und juristisch sind beide Unternehmen seit Juli 2025 getrennt. Alle Anteile sind wieder im Besitz von MV Agusta. Seit Ende Januar haben wir auch die IT-Systeme unseres Händlernetzes umgestellt. Alle Händler sind nun direkt an MV Agusta angeschlossen. Damit sind alle MV Agusta-Händler wieder direkt an das Werk angeschlossen und profitieren dadurch von kürzeren Kommunikationswegen. Der Umzug des Teilelager von Österreich nach Italien ist ebenfalls abgeschlossen. In Zusammenarbeit mit DHL ist ein internationales Lager in der Nähe von Mailand entstanden. Dadurch wird sich die Teileverfügbarkeit für unsere Händler und unsere Kunden weiter verbessern.
Wer ist aktuell der Besitzer von MV Agusta?
100 Prozent der Anteile gehören der Art of Mobility SA. Die Art of Mobility SA hat Ihren Sitz in Luxemburg.
Wie genau schaut dein Job aktuell bei MV Agusta in Deutschland aus, was ist dein daily business?
Aktuell geht alles, was den kaufmännischen Bereich angeht, durch meine Hände. Fahrzeugdisposition, Fahrzeugdokumentenabwicklung, Marketing, Eventplanung, Kooperationsmanagement, Händlernetzentwicklung, Händlerinformationen, Absatzplanung, Planung von Verkaufsförderungen, Beschwerdemanagement und einiges mehr. Das macht jeden Tag sehr abwechslungsreich und spannend. Alles rund um die Abwicklung der Fahrzeuge, Transport und Faktura läuft direkt aus Italien. Für die verschiedenen Zulassungsprozesse in den verschiedenen Ländern arbeiten wir mit Agenturen zusammen. Dadurch besteht mein Alltag daraus viele Mails zu schreiben und zu telefonieren. (schmunzelt)
Wer ist der MV Agusta-Kunde?
Klingt nach einem umfangreichen Arbeitspensum. Mein Kollege Poky hat auf der EICMA euren CEO Luca Martin interviewt und hier viel über eure zukünftige Strategie und Modellentwicklung gehört. Du gehörst zu jenen im Team, die die Strategie auf die Straße (den Markt) und zu den Händlern bringen müssen. Wie ist das Feedback bis jetzt, von Endkunden- und Händler-Seite?
Wir haben ein sehr positives Feedback zur neuen Brutale 950. Kunden wie Händler loben das Design und das wir unserer Tradition in Form von Gitterrohrrahmen und Einarmschwinge treu geblieben sind. Auch das wir einen klassischen Dreizylindermotor verwenden ohne technische Spielereien. Dadurch erhalten wir den satten Klang, den unsere Kunden erwarten und erfüllen alle gesetzlichen Anforderungen bei deutlich gesteigerter Performance des Motors. Unsere neue Preispositionierung wird ebenfalls positive aufgenommen. Wir möchten damit mehr Motorradfahrern die Möglichkeit geben eine MV Agusta zu erleben. Die Brutale 800 als Einstieg in die Welt von MV Agusta ist dabei kein abgespecktes Modell. Die Brutale 800 kommt trotz günstigem Einstiegspreis mit Brembo-Bremszangen, einstellbaren Marzocchi Gabeln, einstellbaren Sachs Federbein, schräglagenabhängigen Assistenzsystemen, Quickschifter, Antihoppingkupplung, Connectivity und LED-Scheinwerfer mit Kurvenlicht. Wir haben die neue Preisstrategie auf der Intermot in Köln das erste Mal dem Publikum live präsentieren können und haben durchweg das Feedback bekommen, das unser Preis-Leistungs-Verhältnis als sehr interessant angesehen wird. Auch die Händler sehen in dieser Preisstrategie hohes Potenzial für 2026.
Wer ist eigentlich der typische MV Agusta-Kunde, gibt es den in der Form überhaupt?
Der typische MV Agusta-Kunde hat einen Drang nach Individualität und lässt sich durch Design und technische Feinheiten beeinflussen. Dabei spielt das Alter, Bildung oder der Beruf keine Rolle. Menschen, die sich für eine MV Agusta interessieren, möchten die Geschichte hinter der Marke und dem Modell besitzen. Sie suchen nach einem außergewöhnlichen Design, einem einzigartigen Klang, Details, die sie ihren Freunden oder der Familie zeigen können. Sie wollen über ihr Fahrzeug reden. Ich glaube, dass viele MV Agusta-Fahrer auch die Blicke der anderen genießen, ohne prollig wirken zu wollen. Wenn MV Agusta technisch der Ferrari ist, dann sind wir im Understatement Bentley oder RollsRoyce.
Ersatzteil-Versorgung gesichert
Hört man sich unter MV-Fahrern um, hört man oft, dass ihre MV nicht das einzige Ross im Stall ist, sondern oft ein edles Zweit- oder Drittmotorrad. Das läge aber teilweise auch daran, dass man bisher lange auf Ersatzteile hat warten müssen und schon mal mehrere Wochen und teils Monate für klassische Sturzteile ins Land gingen, bevor die Werkstatt die Teile hatte. Hand aufs Herz: Wie sieht es mit der Verfügbarkeit von Ersatz- und Sturzteilen aktuell und in naher Zukunft aus?
Der Umzug des Teilelagers ist abgeschlossen. Die letzten zwei Monate ging in der Teileversorgung gar nichts. Wir hatten unsere Händler so gut es geht auf diese Situation vorbereitet, aber nicht jedes Teil ist bei jedem Händler vorrätig. Ich möchte mich bei den Kunden entschuldigen, denen dadurch längere Wartezeiten entstanden sind. Nun starten wir mit DHL als neuen Logistikpartner mit einem neuen internationalen Teilelager. Die Zusammenarbeit mit Zulieferern wurde seit letztem Jahr kontinuierlich verbessert und viele neue Prozesse wurden implementiert, um die Ersatzteilversorgung zukünftig konstant auf einem hohen Niveau zu halten.
Die Versorgung mit Teilen für Fahrzeuge der jüngeren Generationen ist aktuell bei einer Quote von 95 Prozent innerhalb von drei Tagen. Sturzteile sind für uns immer eine Herausforderung. Aufgrund unserer aufwendigen Lackierung und den geringen Stückzahlen unserer Produktion, kann es bei Sturzteilen zu längeren Lieferzeiten kommen. Das sind dann die fünf Prozent, in denen wir länger brauchen.
Größte Herausforderung sind Ersatzteile für Fahrzeuge älterer Generationen. Wie du gesagt hast, sind es oft Zweit- oder Drittmotorräder, die weniger bewegt werden und dafür umso älter sind. Wir haben noch einen relevanten Bestand an F4-Modellen die zwischen zehn und 20 Jahren alt sind. Die Verfügbarkeit von Teilen für diese Fahrzeuge ist bei uns schwierig. Auch wegen der wechselnden Zulieferer-Situation aus früheren Tagen. Wir möchten dieses Problem angehen und, nachdem wir unsere Verfügbarkeit für die aktuellen Modellgenerationen auf das für uns akzeptable Niveau gebracht haben, schauen, ob wir mit unseren Zulieferern auch ein Programm für ältere Fahrzeuggeneration entwickeln können. Ähnlich wie es Volkswagen oder Mercedes im Pkw-Segment anbietet.
Apropos Teile: Wie ist euer Händlernetz derzeit ausgebaut? Sind jene KTM-Händler, die früher auch MV hatten, automatisch draußen oder hat man hier individuelle Lösungen gefunden?
Die Händlerverträge für MV Agusta waren stets eigenständige Verträge. Diese waren also nicht an die Zusammenarbeit mit KTM gekoppelt. Seit der Bekanntmachung, dass MV Agusta und KTM wieder getrennte Wege gehen, hat kein Händler seinen MV Agusta-Vertrag gekündigt. Ich habe seit der Trennung von KTM sogar mehr Anfragen bezüglich einer Zusammenarbeit als während der Zeit mit KTM. Aktuell suchen wir noch in einigen Regionen nach Partnern für den Vertrieb, aber auch Servicestützpunkte. Wir möchten nicht nur mit unseren Modellen näher an potenzielle Kunden, sondern auch mit unserem Händlernetz. Wir bieten einen fairen Einstieg in die Welt von MV Agusta und die Möglichkeit, mit uns zu wachsen. Wir freuen uns über jede Anfrage von potenziellen Partnern.
Geplant: Mehr MV Agusta-Händler und Servicepartner
In welchen Regionen sucht ihr noch?
Aktuell suchen wir in Deutschland im Nord-Osten, konkret in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, in Mitteldeutschland im Raum Kassel, Fulda und Erfurt, in Süd-West Deutschland im Raum Saarbrücken und Koblenz und im Süden im Raum Augsburg, Ulm und Allgäu. In Österreich suchen wir im Raum Innsbruck, Villach, Klagenfurt und Graz. In der Schweiz suchen wir in der Region Bern.
Okay, also doch ein paar neue Partner. Bleiben wir noch bei den Händlern: Die demografische Entwicklung lässt vermuten, dass wir ca. ein Drittel der Motorradhändler in den nächsten Jahren verlieren könnten, weil Betriebe keinen Nachfolger haben oder manche Nachfolger nicht übernehmen wollen, weil das Geschäftsmodell des Motorradhandels nicht für jeden lukrativ genug ist. Wie stehst du als MV Agusta-Vertreter zu der Thematik?
Zum Glück sehe ich in vielen Betrieben von MV Agusta-Partnern bereits die nächste Generation mit am Tisch sitzen. Aber grundsätzlich hast du recht. In den nächsten Jahren wird es zu einer Konsolidierung kommen. Betriebe werden nur weiterhin bestehen, wenn sie sich konsequent weiterentwickeln und an neue Marktgegebenheiten und Kundenerwartungen anpassen. Das bedeutet nicht, dass man alles Alte über Bord werfen muss und jedem Trend hinterherrennen sollte. Der Handel hat schon immer ein schweres Los gehabt. Er will Menschen von 16 bis über 80 erreichen. Dieser Spagat erfordert den Willen, sich selbst weiterzuentwickeln und nach Feedback zu fragen.
Neue Formate des Marketings gilt es mit klassischen zu kombinieren. Die Feierabendausfahrt oder die Sonntagsrunde haben nicht stattgefunden, wenn diese nicht in den sozialen Netzwerken geteilt wurde. Das Geschäft existiert nicht, wenn Google deine Unternehmensdaten nicht kennt. Diese Veränderungen müssen Unternehmer ernst nehmen und anpacken, um ihr Unternehmen für die nächste Generation interessant zu machen – für Kunden wie für potenzielle Nachfolger. Wir unterstützen unsere Händler durch aktives Feedback zur Wahrnehmung der Unternehmen im digitalen und physischen Raum. Mit der richtigen Strategie, um das Freizeitprodukt Motorrad zu vermarkten, lassen sich Renditen und Spaß bei der Arbeit kombinieren.
Lass uns kurz über das Thema Messen sprechen: Wie wichtig sind dir / euch Motorradmessen in der Gegenwart?
*Messen sind für uns die Gelegenheit die Marke MV Agusta zu den Menschen zu bringen. Ich habe bei jeder Messe positives Feedback zu unserer Präsenz bekommen. Leute haben auf der Messe vor den Modellen gekniet und sie angebetet. Dort haben wir auch die Möglichkeit mit Vorurteilen aufzuräumen und uns als nahbare Marke zu präsentieren. Viele kennen MV Agusta nur vom Stammtisch und dann Geschichten die zehn Jahre alt sind. Auf der Messe können wir unsere aktuelle Modellpalette präsentieren und was wir alles verändert haben. Großes Thema sind die ”5 Jahre-Garantie” die wir für alle Modelle mit EURO5+ anbieten.
Ich bin ein großer Verfechter davon Messen gemeinsam mit den Händlern vor Ort durchzuführen. Dadurch schaffen wir Regionalität und präsentieren unser Händlernetz. Außerdem sind Händler die besseren Verkäufer. Ich sehe unseren Fokus in der Unterstützung des Handels beim Organisieren und Kommunizieren vor der Messe. Auf der Messe kann der Handel seine Stärken ausspielen. Ebenso soll unsere Präsentation die Menschen einladen, zu uns auf den Stand zu kommen. Glanz und Gloria haben unsere Modelle, der Stand ist nur ein Rahmen. Wie Luca im Interview mit Poky gesagt hat: Wir wollen nahbarer werden, Premium- statt Luxusmarke. Daher lade ich alle MV Agusta-Interessierten ein, kommt bei den Messen auf uns zu, wir sind keine abgehobene Luxusmarke, wir sind leidenschaftliche Motorradfahrer, die auf cooles Design und moderne Technik stehen.
Bericht vom 06.02.2026 | 4.679 Aufrufe