BMW 600 Sport fordert Yamaha T-MAX. Ein Vergleich mit Maßband und Stoppuhr.
Yamaha T-MAX vs. BMW C 600 Sport
BMW fordert den Klassenprimus. Keine klare Sache, für keinen der beiden.
In jeder Saison gibt es ein Fahrzeug in
unserem Fuhrpark, für das jeder Mitarbeiter im Besitz eines A-Scheins
das Vor- und Erstrecht beansprucht. Das kann sein eine perfekt geschminkte Honda
CBR1000RR Fireblade im Tricolor Design, eine dauererigierte KTM 990
Superduke R oder eine hyperaktive Husqvarna 450 SMR. Die
Bemessungsgrundlage hat sich in den vergangenen 10 Jahren nicht
geändert. Showqualität plus Spaßfaktor mal Exklusivität. Wir brauchten
nie ein Topcase oder Stauraum unter dem Sitz, wir trugen Rucksäcke. Wir
verachteten Animositäten wie Griff- und Sitzheizungen, wir waren hetero.
Und wir dachten nicht einen Moment lang an mehr Windschutz, eine
bequemere Sitzbank, ein komfortableres Fahrwerk oder daran, ob es denn
auch am Sozius gemütlich genug sei für die zarten Hintern unserer
Eroberungen.
Wir glaubten seit jeher an die
Dreifaltigkeit aus Leistung, Gewicht und Design. Es sind jene Werte, die
unsere Urinstinkte auf der archaischen Ebene ansprechen, die unseren
verkümmerten Jagd- und Brunfttrieb aktivieren. Oder in meinen eigenen
Worten ausgedrückt, die uns einfach geil machen. Honda Silverwing 600
und Suzuki Burgman 650 waren für mich damals Gefährte für greise,
verwelkte Verkehrsteilnehmer, die gerne mit dem Familiensarg in den
Urlaub fahren und ihre Jagd- und Brunftzeit schon lange hinter sich
hatten.
Futuristic. Von der Ikone
zur Legende.
Der T-MAX feiert das erste Jahrzehnt.
Staufach links maximal für
ein Handy, Staufach rechts verschließbar und deutlich größer.
Fahrzeuge, die uns geil machen.
Nur ein Helm, ganz knapp und auf den Kopf
gestellt. Das kann praktisch jeder 125er besser.
Wer mit solch einem Gefährt mit dem
gestalterischen Anspruch eines ukrainischen Atommeilers irgendwo
aufkreuzte, musste sich darüber im Klaren sein, sicher nicht zum Stich
zu kommen. Was angesichts des Durchschnittsalters dieser Patienten nicht
weiter tragisch zu sein schien. Doch so vieles hat sich umgekehrt, in
der letzten Zeit. Für die Geräte die sie damals fuhren, bin ich erst
jetzt bereit, frei nach Tocotronic formuliert. Zeiten ändern dich. Nicht
nur unser Fuhrpark sieht heute irgendwie anders aus, als vor 10 Jahren.
Auch wir sehen irgendwie anders aus, und zwar außen wie innen. Beim
Hinsetzen tut's jetzt öfter weh als früher, die Beine schmerzen vorm
Einschlafen und in der Nacht müssen wir ständig raus. Zum Glück gibt es
heute dank dem selbstlosen Einsatz der Pharmaindustrie gegen jedes
Leiden ein Mittel.
Irgendwann schleift beim
T-MAX tatsächlich die Verkleidung. Doch darüber sollten sich nur ganz
wenige Gedanken machen.
Junge Römer haben keine Vorbehalte
gegenüber Rollern.
Unsere einzige Ausrede: Irgendwie ist der
T-MAX von Yamaha ja von einem ganz anderen Schlag. Seit nunmehr 10
Jahren im Programm, gab es ihn schon als Black Max, Night Max, White
Max, Tech Max, Tex Mex...Er war der erste Roller, an dem ich einen
Sportauspuff ernst nehmen konnte. Er war auch der erste, auf dem ich in
Badeshorts und Espandrillos gekleidete junge Römer im Südtiroler
Kurvenkampf ernst nehmen musste. Im Süden Europas gab und gibt es
keinerlei Vorbehalte, was die Stellung eines Großrollers als
vollwertiger Motorradersatz angeht. Dort fahren zwar alle nur in
Unterhose und Socken, dafür mit Frau, Freundin, Geliebter, Gepäck oder
da solo, um friedliche, aber übertrieben PS-bewaffnete Überläufer im
Grenzgebiet zu Rot-Weiss-Rot aus dem Hinterhalt anzugreifen und
abzustechen. Ich warne inständig davor, die Macht von 46,5 PS aus einem
Reihenzweizylinder in Kombination mit einem modernen Rollerfahrwerk (das
von Yamaha schlicht mit Teleskopgabel vorne, Schwinge hinten beschrieben
wird) und einem geisteskranken Ragazzo zu unterschätzen.
Der T-MAX frisst so einiges. Im direkten
Vergleich sieht sogar der von mir viel geschätzte C 600 Sport von BMW
gar nicht mehr so gut aus. Der Leistungsnachteil von fast 14 PS ist vor
allem auf den ersten 50 Metern non existent. Während die BMW etwas Zeit
braucht, um in die Gänge zu kommen, zeigt der T-MAX von Anfang an
druckvoll nach vorn. Den Sprint von 0 auf 100 absolvierten beide in
mehreren Versuchen mit zwei unterschiedlichen Fahrern in sehr ähnlichen
Zeiten, wobei der BMW im Schnitt um ein paar Zehntel schneller war. 7
Sekunden sind für ein Auto ein sehr guter Wert, das entspräche zum
Beispiel einem Golf GTI mit 200 PS. Und auf einem Roller ist das genauso
schnell. Zum Stillstand kommen die Roller sogar schneller und hier
fanden wir die vielleicht größte Überraschung des Vergleichs. Der BMW
hatte nach durchschnittlich 35,7 Metern Geschwindigkeit Null erreicht,
der T-MAX stand schon nach 33 Metern.
40 Kilo weniger sind
ein Thema.
Fast extrem war der Unterschied im
Slalomvergleich. Da wieselt der T-MAX nur so durch, während der auf
Landstraßen beeindruckende C 600 Sport geradezu behäbig wirkt. Auch wenn
der Bayrische den Japaner in der freien Natur auf weiteren Radien und
auf der Autobahn in letzter Konsequenz verbläst, bis beide aus der Stadt
draußen sind, ist der wesentlich flinkere und beweglichere T-MAX schon
längst über alle Berge. Und das ist es, was für mich die Yamaha zur
ersten Wahl macht. Über 40 Kilo Gewichtsunterschied wiegen immer schwer.
Die Mankos des T-MAX sind in Kürze
aufgezählt. Der Stauraum unter der Sitzbank erfüllt gerade noch so die
Norm (ein Integralhelm der Größe L), das linke, nicht verschließbare
Fach ist ziemlich sinnlos und insgesamt wirkt der Scooter nicht ganz so
hochwertig wie der BMW. Wahrscheinlich wird auch die Sitzbank nicht
wenigen zu hoch sein. Aber das war's dann auch schon. Letztendlich zählen 10 Jahre Erfahrung und 1000
Euro weniger, die über die Budel wandern.
Vaulis Wahl: BMW C 600 Sport
BMW ist gut aufgestellt, da gibt´s nix zu leugnen oder zu meckern.
Sowohl beim Geld scheffeln als auch bei der Modellpalette passt zur Zeit
alles bestens zusammen. Da bekommen wir mittlere und große Nackte,
Enduros von klein bis groß, sportliche sowie ultrabequeme Tourer und
sogar auf ein Superbike müssen wir nicht verzichten. Ob die S 1000 RR
schon Gewinne einfährt, ist natürlich fraglich, immerhin hat die
Entwicklung ein Vermögen gekostet. Allerdings ist so ein Modell eine
hervorragende Möglichkeit, das Markenimage aufzupolieren – und das tut
sie ausgezeichnet.
Nur eines hat den Bayern noch gefehlt, was vor einigen Jahren sogar
schon einmal da war – wenn auch nicht so erfolgreich, wie es die
damaligen C-Roller verdient hätten.
Zwei Köpfe, eine Meinung.
So ein Groß(raum)roller MUSS zwei Helme schlucken.
Kleine Anfahrschwäche, aber echte 60 PS,
die man spürt.
Die spacigen Dinger mit festem Dach
waren hipp aber schlicht und ergreifend zu schwach. Das höchste der
Gefühle war ein 200er-Triebwerk, viel zu wenig für das vergleichsweise
hohe Gewicht. Diesen Fehler machen die Blau-Weißen bei der neuen C-Reihe
nicht, der kräftige Reihen-Zweizylinder bringt es auf stolze 60 PS am
Papier und kann mich damit auch im echten Leben zum größten Teil
überzeugen. Souverän und kräftig schmeißt der Motor die fast 250 Kilo
Lebendgewicht nach vorne und sorgt für sportliche Fahrleistungen.
Lediglich die kleine Anfahrschwäche und das lästige Ruckeln in der
Kaltlaufphase stören mich ein wenig. Auch der Klang enttäuscht mich, mit
ähnlicher Leistung klingt der Yamaha T-Max viel dumpfer und nicht so
blechern wie der C 600 Sport.
Auf den ersten Metern ist
der T-MAX vorn, doch dann kommt die BMW Power. 0-100 in ca. 7 sec.
Dafür kann der Japaner bei der
Fahrwerks-Performance nicht ganz mithalten, die Aufhängung des
BMW-Rollers ist nämlich verdammt nah am Motorrad. Mit der hochwertigen
40-Millimeter-Upside-Down-Gabel und dem Mono-Federbein merke ich vor
allem in langgezogenen, schnellen Kurven, dass die Techniker super
Arbeit geleistet haben - indem ich einfach nichts merke. Der C 600 Sport
liegt wie ein Brett, schaukelt nicht und macht auch sonst keine
Mätzchen. Ebenso stabil gleitet er geradeaus und filtert obendrein noch
grobe Stöße im Asphalt gekonnt heraus. Dass der T-Max im ganz engen
Winkelwerk etwas leichter einkippt und somit wendiger ist, kann ich da
leicht verkraften.
Ziemlich gleichauf sind die Bremsen der beiden Luxus-Roller, die
Bremszangen des C 600 Sport wirken etwas bissiger, erstaunlicherweise
steht der T-Max aber sogar etwas früher. Das liegt am knackigen
Druckpunkt beim BMW-Roller, der gegenüber dem T-Max eine bessere
Bremsleistung impliziert. Insgesamt haben aber beide ausreichend groß
dimensionierte Stopper an Bord. In Sachen Ergonomie überzeugt mich
wiederum der C 600 Sport mehr als das japanische Gegenstück, dessen
Sitzposition für meinen Geschmack sogar etwas zu sportlich geschnitten
ist. Der Deutsche bietet hingegen bei entspannt aufrechter Haltung die
richtige, bequeme Entfernung vom Lenker, einen ordentlichen Windschutz
und einen gemütlichen aber nicht zu weichen Sattel.
Hohe Wertigkeit an allen
Ecken und Enden. Man zahlt ja schließlich auch dafür.
Besser durchdachte
Features, mehr Ladevolumen.
Und ebenso schlau wie die Ergonomie haben
die Deutschen auch die Features des C 600 Sport entwickelt. Die beiden
Staufächer in der Frontschürze klappen weit auf, sodass sie gut
„beladen“ werden können (allzu viel geht natürlich nicht hinein, fürs
Handy reicht es aber), eines davon ist abschließbar. Die Feststellbremse
wird automatisch mit dem Seitenständer aktiviert, was angesichts des
klobigen Hebels am T-Max eine sehr praktische und zudem dezente Lösung
darstellt.
Und auch das Gepäckabteil überrascht mit einer klugen Innovation. Neben
der Mulde unter dem Fahrerbereich, der einen Vollvisierhelm packt, kann
man unter dem Beifahrer auch noch einen stabilen Seesack nach unten
ausklappen, der dann einen weiteren Helm oder andere Utensilien
aufnimmt. Das funktioniert zwar nur im Stand und der Motor lässt sich
dann nicht mehr starten, allerdings sollte man zum Fahren ja ohnehin
wieder einen Helm auspacken. Ähnlich schlau finde ich den Verzicht auf
einen Drehzahlmesser – wer bitte braucht bei einem Automatik-Roller
einen Drehzahlmesser!? Ist doch eh völlig blunzn, ob ich die Drehzahl
sehe, wenn ich ohnehin nichts daran ändern kann. Das spart schon wieder
ein paar Euro, die offensichtlich in vergleichsweise höherwertige
Plastikteile investiert wurden – der C 600 Sport wirkt insgesamt sehr
edel und moderner als der Yamaha T-Max.
Spitze Sportblinker
serienmäßig und Aluminiumeinlagen an den Trittbrettern sind die kleinen,
aber feinen Details, auf die es ankommt.
BMW wiedermal sofort
konkurrenzfähig.
Die LED-Tagfahrleuchten
(natürlich nur gegen Aufpreis) passen perfekt zum modernen Auftritt. Die
hintere Einarmschwinge hat ein bisschen was von Two-Face aus
Batman-Verfilmungen: Auf der linken Seite ein klobiger, hässlicher
Kasten, in dem die Kette im Ölbad läuft, auf der rechten Seite dafür ein
fast freier Blick auf die wunderschöne Fünfspeichen-Felge.
Meine erste Wahl wäre daher eindeutig der BMW C 600 Sport. Der Yamaha
T-Max macht seine Sache zwar auch sehr gut und ist in keiner Disziplin
wirklich schlecht, der BMW-Roller hat aber sowohl optisch als auch
technisch das gewisse Etwas, das mich mehr in den Bann zieht. Vermutlich
ist es aber auch eine gewisse Bewunderung der Bayern, dass sie schon
wieder ein Modell aus dem Boden gestampft haben, das sogleich
erfolgreich den Kampf mit der Konkurrenz aufnehmen kann.
Respäääääkt! Friedlicher Abschied in
gegenseitiger Anerkennung.