Zusammen geh'n. Um mit dem Streetfighter zu harmonieren, muss man ihn verstehen lernen.
Ducati
Streetfighter 848
Wenn's mit dem Großen nicht funktioniert, muss man sich einen Kleineren
suchen.
Ich durfte den ersten Einsatz einer Ducati Streetfighter auf der Rennstrecke live miterleben, in der zugegeben
etwas exklusiv besetzten Naked-Klasse der Ducati Challenge (wer mitfuhr,
stand fast immer am Stockerl). Schon im ersten Trainingsturn lag die mit
Gold und Carbon behangene Edelprostituierte aus Italien im Schotter. Der
berühmt-berüchtigte Steuermann, den alle nur ehrfürchtig „The General“
nennen - was zwar auf seine Profession schließen lässt, aber auch alles
ist, was man über ihn wissen darf, wenn man sein Leben fortsetzen möchte
- kommentierte das Missgeschick gewohnt kühl, nüchtern, aber auch
befriedend mit den Worten: „I bin no net ganz mit ihr zsammkommen, aber
es wird schon.“
Superbike ohne
Verkleidung – haben fertig.
Bei einem Sturz mit einer nagelneuen Duc am
Saisonanfang wird es natürlich nur noch was, wenn man zwei Dinge in
ausreichender Menge zur Verfügung hat, nämlich Geduld und Geld. Da ich
weiter auf der Suche nach beidem bin und nach einer grenzwertigen
Probefahrt mit dem Streetfighter auf öffentlichen Straßen feststellen
musste, dass man mit diesem Motorrad näher am finanziellen und
nervlichen Zusammenbruch ist, als mit den meisten anderen Ausgeburten
der Hölle da draußen, stellte ich es vorsichtig wieder zurück, um es
tatsächlich für Jahre nicht mehr anzurühren. Wie viele andere, die nun
verängstigt in einer Garagenecke kauerten, machte auch ich den Fehler,
das Extrem „Streetfighter“ von der mit der S4RS zu Ende gedachten Idee
eines Über-Monsters abzuleiten. In Wahrheit aber lag dem neuen Nakedbike
ein gänzlich neuer Ansatz zugrunde. Eine Basis, deren Wurzeln nicht im
Boden, sondern in der Krone zu finden waren. Die Basis Superbike.
Eine Streetfighter fährt man anders
als eine Monster. Angriffslustiger, abhängender, ärger.
Schlicht und radikal.
Die Bologneser sind Freunde einfacher Gedanken. Rot fällt auf. Laut
auch. Und schnell sowieso. Und schon wird drauflos geschraubt. (Gelb
fällt übrigens auch auf.) Ähnlich simpel wie zielführend muss es beim Streetfighter gewesen sein: Wie wenig darf ich einem Supersportler
wegnehmen, damit er als Nakedbike durchgeht? Verkleidung? Ein klares Ja.
O.K., ich glaube wir sind fertig. Da bleibt dann viel Zeit für den
nächsten Espresso. Scheint schlicht, ist aber vor allem eins: Radikal.
Vielleicht wären der Streetfighter und ich niemals zusammengekommen,
wenn die Italiener noch eine zündende Idee gehabt hätten. Denn nach der
Einführung der 848 mussten sie wieder nur einen Millimeter weiterdenken
und kamen noch vor dem Primo Piatto einstimmig zu dem Schluss: Wir bauen
das Große auch in kleiner. Auch die Geburt des kleinen Streetfighters
war recht unspektakulär, aber er sollte meine Welt verändern. Wenn man
die zwei schlagkräftigen Schwestern vergleicht und beim Big Brother
beginnt, wirkt der Kleine wirklich klein. Denn während es die S Version des großen
Fighters mit seinen 155 PS aus 1099 Kubik Hubraum mit praktisch jedem
Leistungsschwergewicht auf der Straße aufnehmen kann, hat es der 848er
mit ordentlichen, aber nicht außergewöhnlichen 132 PS aus exakt 849,4
Kubik mit einer ganzen Horde an gleichstarken Mitstreitern zu tun. Sogar
zwei Kilo mehr Speck als der Erstgeborene schleppt der trocken 169 Kilo
schwere Kleine mit sich rum. Stellt sich die Frage, wozu wir ihn dann
überhaupt brauchen? An dieser Stelle bitte ich einfach um
bedingungsloses Vertrauen – wir brauchen ihn!
Radialer Bremszylinder,
radiale Vierkolbenzangen und 320er Scheiben.
Gelb, aber kein Öhlins.
Doch auch mit Sachs und Marzocchi eine großartige Performance.
Wozu eigentlich?
Die Geometrie blieb fast zur Gänze gleich. 24,5° Lenkkopfwinkel,
breitere Fußrasten, 20 mm höherer Lenker 2.120 mm lang, 890 mm breit mit
einem Radstand von 1.475 mm. Und der Allerwerteste wartet auf einer
Sitzhöhe von moderaten 840 mm auf seine gerechte Strafe. Optimiert wurde
nur im Detail. So hat man den Lenker um 20 mm höher gesetzt, wodurch man
nicht mehr ganz so aufgespannt sitzt wie auf einem Superbike. Auch die
verbreiterten Fußrasten machen abseits der Rennstrecke mehr Sinn und
bieten erhöhten Komfort. Schließlich ist der Lenkkopfwinkel mit 24,5°
nun etwas steiler.
Die ‚S’ fährt auf Öhlins, die 848 auf Marzocchi (43
mm, 127 mm Federweg) und Sachs (127 mm Federweg), und das ist gut so.
Denn erstens teilen sie sich den ChroMoly Stahlrohrrahmen und zweitens
braucht kein Mensch Öhlins auf der Straße, so gut das Zeug auf der
Rennstrecke auch funktionieren mag. Das Fahrwerk der 848 verzeiht mehr,
geht Kompromisse ein, die man beim Schwedengold nicht finden wird.
Benutzerfreundlicher könnte man es nennen.
>
Optimiert im Detail.
Selbiges gilt für die Bremsen. Statt 330er Scheiben kommt man mit 320er
aus, die immer noch eine imposante Performance bieten, vor allem was
die Transparenz betrifft. Man kann weniger Fehler machen, durchschaut
die 4-Kolben-Radial-Bremszangen mit Radial-Bremszylinder von Brembo
zudem schneller und kann sie effektiver nutzen. Ich war immer schon ein
Bremser, also ein Fan des Anbremsens, was mir ebenso viel Spaß machen
kann wie das Beschleunigen aus der Kurve, vor allem, wenn man bis in den
Scheitel über den Verzögerungsstatus voll im Bilde ist und jeden
Millimeter mehr oder weniger am Hebel deutlich spürt. Langsam wachse ich
mit dem kleinen Streetfighter zusammen (no Homo) und beginne ihn ganz
wahrzunehmen und zu verstehen.
Ich war immer schon ein
Bremser.
Klingt alles sehr harmonisch, ist es aber nicht immer. Beim Anstarten
kommt auch bei diesem Modell oft nicht mehr als ein heiseres Hüsteln.
Man muss der Diva schon durch mehrmaliges Drücken des Startknopfes
beweisen, dass man auch wirklich starten will. Ebenso zickig gibt sie
sich bei niedrigen Drehzahlen resp. in einem zu niedrigen Gang. So
ruppig scheppert und schiebt sonst kein anderes Modell am Weltmarkt, es
funktioniert dann praktisch nicht mehr. Das sind die fast 100%ig
vererbten Superbike-Gene; fahr sie richtig, oder fahr etwas Anderes. Du
musst nur kurz die Augen schließen, tief durchatmen und dir bewusst
werden, dass du nicht auf einem Nakedbike, sondern auf einem
Streetfighter sitzt. Dann werdet auch ihr zusammenfinden.