Ein Tag Schönwetter reicht. Die neue S 1000 RR am Pannoniaring. Immer noch
irre.
BMW S
1000 RR 2012 - Test am Pannoniaring
Die beste 1000er wird von BMW für 2012 noch besser gemacht. Japan hat
nachgezogen und Ducati kommt mit einem Großangriff. Das Modellupdate für
die S 1000 RR kommt also gerade recht.
Eine ganze Woche schon steht die neue S 1000 RR im Innenhof vom 1000PS
Büro. Ein richtig unwürdiger Anblick. Frühmorgens der eisige Reif am
Sattel weit und breit kein Reiter der ihr die Sporen geben möchte.
Eigentlich wollten wir das Thema "Test auf heimischen Asphalt" schon
abhaken, als der Wetterbericht einen richtig guten Montag versprach.
Montag 28. November 2011 um 09:00 Uhr: Die Sonne scheint, kein
Nebel weit und breit und die telefonische Auskunft der netten Lady am
Pannoniaring verkündet ebensolch tolles Wetter in der pannonischen
Tiefebene. Die S 1000 RR steht mit Metzeler Racetec K3 zur Verfügung -
der ideale Pneu für das heutige Vorhaben. Rein in den 1000PS
Fiat-Lastesel und um 11 Uhr wurde das erste Mal der Motor angeworfen.
Beinahe schon kitschig die tolle Atmosphäre. Das Thermometer hat die 10
Grad Marke übersprungen und die Sonne wärmt Körper und Seele. Neben uns
ist nur ein Suzuki Swift auf der Strecke und wir beide werden heute ein
paar nette Stunden miteinander verbringen.
Im Sommer undenkbar im Winter Realität: Der
Pannoniaring gehört Dir und Deinem Motorrad ganz allein.
Ich kenne die S 1000 RR nach zwei intensiven Saisonen sehr gut und das
Motorrad hat mir viel Freude bereitet. Die Unterlagen zur neuen S 1000
RR studierte ich mit Akribie. BMW verspricht darin eine verbesserte
Fahrbarkeit durch einen optimierten Drehmomentverlauf. Erste
Prüfstandsmessungen unserer deutschen Kollegen haben bereits bestätigt,
dass die Drehmomentkurve im unteren und mittleren Drehzahlbereich etwas
fülliger wurde. Auf der Strecke muss ich gestehen, ist das Schauspiel
immer noch von ähnlicher Gnadenlosigkeit. Wenn man nicht wirklich
unfähig in Sachen Gangwahl ist, hat man ständig mörderisch viel Leistung
zur Verfügung. Da kann man optimieren was man möchte. Nach 8 Runden ist
man müde, weil die Fuhre beschleunigt wie von einem anderen Stern. Fakt
ist aber auch, dass der neue Gasgriff und das neue Mapping gut
harmonieren.
Der Gasgriff hat nun weniger Hub, trotzdem kann man am Kurvenausgang
sehr sanft dosieren. Wenn man möchte, lässt man dann die Elektronik die
Arbeit machen und gibt eben etwas mehr Gas als der Verstand vorschlagen
würde, oder fährt einfach wie früher mit Gefühl. Das gefühlvolle Rausbeschleunigen klappt nun definitiv besser als früher. Gehst Du hart
ans Gas, blinkt die Traktionskontrolle im Cockpit und schont sowohl Dich
als auch die Reifen. Noch immer nicht so geschmeidig wie ich das gerne
hätte, ist die Regelung hinaus auf die Gerade. Etwas zu unsanft wird die
wheelende BMW immer und immer wieder zurück auf den Asphalt geholt. Vom
1. bis zum 3. Gang ist das quasi jederzeit der Fall, im 4. Gang dann
noch bei den beiden Beschleunigungskuppen. Im Sattel der Yamaha R1 2012
hatte ich da weniger zu kämpfen und die Regelung arbeitete sanfter. Doch
halt! Um der S 1000 RR nicht Unrecht zu tun, muss man auch festhalten,
dass sie einfach 20 Pferde mehr an die Kette schickt und daher auch
wesentlich mehr Regelungsaufwand für die Traktionskontrolle anfällt. Sie
geht durch die harte Power einfach auch öfters aufs Hinterrad als die
Anderen.
Effektives Tuning - Kurze Übersetzung
Das sich die fülligere Drehmomentkurve auf der Strecke gar so füllig
anfühlt, ist auch recht leicht erklärt. Zusätzlich zu den Änderungen an
der Motorelektronik wurde auch die Endübersetzung verkürzt. Die
effektivste und billigste Tuningmaßnahme überhaupt. BMW hat diese
Maßnahme nun schon werksseitig umgesetzt, schafft es dann aber trotzdem
noch über die Lärm- und Abgashürden. Denn eine zu lange
Sekundärübersetzung ist ein beliebter Trick von Fahrzeugherstellern,
sich die Abgas- und Lärmvorschriften elegant zu erleichtern. Beim
Durchfahren einer bestimmten Teststrecke mit definierter Geschwindigkeit
steht bei einer längeren Übersetzung eine niedrigere Drehzahl an. Die
Übersetzung der S 1000 RR würde ich nun so wie sie ist, als
praxistauglich bezeichnen und man muss als Käufer für den normalen
Gebrauch auf Straße und Strecke keine Änderungen vornehmen.
BMW verspricht für die S 1000 RR nun eine bessere Abstimmung für Race
ABS und DTC. Das ABS funktionierte in der Tat punktgenau und lässt offen
gesagt keine Wünsche mehr übrig. Anders als mit Slicks bei sommerlichen
Temperaturen, ist das Teil nun im November mit Straßenreifen ein sehr
hilfreiches und nützliches Teil. Nicht nur einmal war ich mit der BMW in
den Bremszonen im Regelbereich, konnte aber trotzdem ganz normal die
gewünschte Linie einschlagen.
Die wichtigsten Änderungen an der S 1000 RR waren jedoch die
zahlreichen kleinen Anpassungen am Chassis und an der Geometrie. Hier
profitiert man nun von tausenden Testkilometern der BMW Testcrew. Das
ist logische Evolution und ein toller Schritt nach vorne. Die Metzeler
Pneus wurden hinten richtig warm, kamen vorne aber nie wirklich auf
Temperaturen. Trotzdem waren es tolle Runden mit dem Dreamteam S 1000 RR/
Metzeler Racetec K3. Am Kurveneingang kippt sie nun flinker in den Radius als früher wird
aber am Kurvenausgang nicht nervöser. In den langen Kurven kriegt man
ein sehr gutes Feedback zum vorhandenen Gripniveau.
BMW S 1000 RR Besitzer fahren 2 Monate länger
Mittlerweile war auch der Spielkamerad mit dem Suzuki Swift auf der
Strecke. Beim Thema Leistungsgewicht ist der Flitzer natürlich
hoffnungslos unterlegen, beim Sound war er aber zumindest ebenbürtig.
Überraschend war der hohe Speed vom Swift am Kurvenausgang. Mit der S
1000 RR vollstreckte ich daher dann einfach ganz unfair und unsportlich
auf den langen Geraden.
Die peinlichste Nachricht jedoch zum Schluß.
Neben dem irren Motor, der guten Traktionskontrolle und dem tollen ABS
sowie dem makellos funktionierendem Schaltassistenten waren es die
Heizgriffe die mir am meisten taugten. Ich würde die S 1000 RR niemals
ohne diese Teile kaufen. Denn als Original-Extra ist das Zeug richtig
sauber verbaut und der Schalter sehr unauffällig am rechten Lenkerende
platziert.
Auf Stufe 1 ist es so, dass man mit leicht gefütterten
Supersporthandschuhen schwitzige Hände kriegt. Auf Stufe 2 ist es so,
dass man auch mit den dünnen High-Ende Racer Handschuhen herrlich warme Hände kriegt. Ein himmlisches Gefühl! So konnte der Pannoniaring
seine ganze Pracht entfalten.
Ich war mittlerweile ganz
alleine auf der Strecke, das Thermometer sank auf mittlerweile 8 Grad
und der Asphalt schimmerte in der tief stehenden Nachmittagssonne. Der Hitzepol in den Händen lässt den kühlen Fahrtwind vergessen und ich zog
Runde um Runde um die einsame Strecke. Diese Heizgriffe sind eine tolle
Saisonverlängerung und bringen in der Praxis viel mehr als jedes
Prospekt versprechen kann. Der bittere Beigeschmack für mich. Ende
November 2012 werde ich dann vermutlich den Pannoniaring nicht mehr
alleine genießen können.
BMW S 1000 RR - Video vom Pannoniabesuch im
November
Auch optisch wurden einige Details an der S 1000 RR verändert. Sogar das
Logo wurde angegriffen und natürlich auch die Aerodynamik-Teile. Auf der
Strecke vermutlich wirkungslos am Stammtisch-Parkplatz jedoch effektiv.
Viel Feind viel Ehr. Damit die Gegner am Stammtisch Angriffsfläche
kriegen, wurde die markante Front beibehalten.
Die Brembo-Bremserei lässt keine Wünsche offen. Die Zug- und Druckstufen
an der Gabel lässt sich wie bisher ganz einfach in 10 Clicks mit dem
Zündschlüssel einstellen.
Das Sachsfederbein im Heck der S 1000 RR ist sehr hoher Serienstandard.
Durch den breiteren Einstellbereich, sollte teure Tuningware 2012 erst
bei noch tieferen Rundenzeiten nötig werden.
Der Auspufftopf an der S 1000 RR hat immer noch überschaubare Ausmaße
und lässt sich auch mit wenigen Handgriffen durch einen Racing-Slip-On
ersetzen. Das fein polierte Alu der Schwinge kann man leider nur in
Natura echt genießen.
Kleine Änderungen auch am Heck der S 1000 RR.
Ein zusätzlicher Knopf am rechten Lenkerende, entlarvt Dich als "Duschgelvorwärmer"
bzw. aber auch als knallharter Wintertrainierer.