Größe zählt nicht. Große Größe zählt. Zwei Riesen die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Yamaha V-Max & Guzzi Griso
V8
Wahre Größe kommt von aussen
Aber ja aber nein aber ja aber nein...
Man hätte sich keinen besseren Ort für die
V-Max Präsentation aussuchen können, als das 10. Bundesland
Österreichs, Kalifornien. Sonne, Strand, Schönheiten, ab und zu ein
Flammeninferno - und Straßen so
breit wie der Ärmelkanal. Doch wo viel Licht, da noch mehr Schatten.
Hätte der amerikanische Traum ein Gesicht, würde Uncle Sam aussehen wie
Harvey Two-Face. Im "Land of the free" kennen die Hüter der Gesetze
keine Gnade, wenn sich jemand tatsächlich mal die Freiheit nehmen
sollte. Da werden Schwangere im 9. Monat mal gerne mit 50000 Volt Stromstößen aus
dem Taser bearbeitet, nur weil sie am Steuer geraucht haben. Während wir
uns auf freiem Fuß über eine Verwaltungsstrafe von 35 Euro grün und blau
ärgern, rufen dort Verkehrssünder schon bei vermeintlich seichten
Geschwindigkeitsübertretungen ihren Anwalt aus dem Kerker an. Wer nicht brav ist, muß 'brave'
sein.
Das perfekte Umfeld also für ein Motorrad, dessen 1,7 Liter V4
Reaktor 200 PS in die neue Welt bläst. Mir blieb nur die Möglichkeit,
mich -
bis auf ein paar Dragstrip-Ampelstarts - zu beherrschen und darauf zu
warten, die Bestie der Heimat vorzustellen. Ich würde nicht nur mehr
Möglichkeiten zum Andrücken haben, sondern im Land der begrenzten
Möglichkeiten vor allem mehr Aufmerksamkeit genießen. Großes Motorrad
trifft auf kleines Land. Es war zudem besonders wichtig, daß der
Exotenstatus des 26.499 Euro teuren Motorrades durch den Seltenheitswert
und die Anschaffung nach dem "first come, first serve" Prinzip (man
mußte im Internet vorbestellen) noch gestärkt wurde.
U.S. Verkehrssünder telefonieren im Kerker mit ihrem
Anwalt.
Aus dem Verhältnis geringe Stückzahl zu gehobenem Preis errechnete ich
schließlich einen immens hohen Exklusivitätsfaktor und nährte damit die Hoffnung in
mir, der erste V-Max Ritter auf österreichischem Boden zu werden, um die
schönsten Jungfrauen von Stadt und Land zu erobern. Als ich dann eine
V-Max in der Wiener Innenstadt erblickte, wußte ich, daß mir nicht alle
Jungfrauen alleine gehören würden. Doch es zählt nur die Welt, in der
man (die meiste Zeit) lebt, weshalb ich immer noch beste Chancen zu
Hause in Eisenstadt hatte. Der Traum zerplatzte jäh bei einem
gemütlichen Kaffee auf der wunderschönen Terrasse vor dem Schloß
Esterházy. Mein Blick folgte der schwerfällig dahinwalzenden V-Max, bis
er beim Kellner hängen blieb, bei dem ich mit eingeschlafenem Gesicht
ein Menü bestellte (Bier und Schnaps), um mich zu beruhigen.
Das Infozentrum der V-Max ist nicht größer
als ein Laufcomputer.
Leistung braucht Luft.
Am Ende dürfte ich nach insgesamt 26 Zulassungsbesitzern der Letzte
gewesen sein, der mit einer V-Max auf österreichischen Straßen
gesichtet wurde. Nur eine lange Strecke konnte diese Durststrecke und
die Enttäuschung um das verpasste Erstrecht auf die Jungfernfahrt wieder
gut machen. Deshalb fuhr ich an 2 Tagen 600 Kilometer nach Deutschland
und 600 Kilometer wieder zurück. Fast alles auf der Autobahn. Nun ist
das Geradeausfahren mit der V-Max nicht mit dem Geradeausfahren auf
normal sportlichen Motorrädern vergleichbar. Die V-Max selbst ist ja mit
nichts vergleichbar. Bei 160 hat man noch derartig viel Kraft zur
Verfügung, daß man oft denkt, vom Stand weg beschleunigt zu haben.
Gas-Bremse-Gas-Bremse...im Takt der Dopamin-Düse im Gehirn. Man muß sich aber nicht groß mit dem Gasgriff herumspielen, um die Gemüter
von Kampfpiloten vornehmlich deutscher Automobilfabrikate zu erhitzen.
Beim bloßen Blick auf die Motorrad gewordene Gewaltverherrlichung, die
sich V-Max nennt und so gesehen gar nicht so schlecht nach Amiland
passen würde, erzeugt die träge Masse in ihrem Schädel mehr Druck
als in einem Schnellkochtopf in der Schrottpresse. Sofort versteift sich
einer ihrer Körperteile und wird so weit nach vorn gestreckt, bis er ansteht -
die Rede ist vom rechten Fuß. Das nervt nach dem 5. Mal und wird dann so
gut es geht ignoriert. Die V-Max erzeugt Aggression.
V-Max: Motorrad gewordene Gewaltverherrlichung.
Man muß Macht nicht ständig demonstrieren, solange man sie nur nicht zu
verlieren droht. Zum Beispiel bei einer Geschwindigkeit von 220 km/h, wo
der Wind mangels Schutzschild bereits die nötige Kraft entwickelt hat,
um dich wie Butter vom Brot zu streichen. Selbst bei "normalen"
Geschwindigkeiten (wir sind kein Vorbild, gell) zwischen 130 und 170
bläst dir der Sturm auf weiten Strecken zügig die Substanz aus den
Ärmeln. Insofern sind der relativ hohe Konsum des V4 aus dem 15 Liter
Tank und die dadurch notwendigen, häufigen Tankstopps beinahe positiv zu
bewerten. Sitzbanklehne vorgeklappt, aufgeschraubt, eingefüllt und noch
bevor der Popo so richtig zu schmerzen begonnen hat, wiederholt man die
nervige Prozedur an der nächsten Tankstelle. Neben dem fehlenden
Windschutz eine weitere Schwäche der V-Max, wenn auch eine logische
Konsequenz der übertriebenen Leistungsfülle. So sollte man den Verbrauch
fossiler Brennstoffe in gleicher Weise akzeptieren wie den Verschleiß
der Gummis. So schön wird Benzin schließlich in keinem anderen Motor
verbrannt. Die nahe Zukunft gehört solchen hochmodernen
Verbrennungsmotoren, nicht Akkus, Bürsten und Magneten. Die Zukunft
gehört der V-Max. Geteilt durch 2, das reicht allemal.
Und was ist mit der Vergangenheit? Der Buckel unter mir ist
flacher, aber fast doppelt so breit wie meine Schultern, der Motor
mächtig und schwer. Auch hier sorgt ein Alphorn für Entlüftung, das nur
Platz findet, weil die Schwinge nur einen Arm hat. Die fetten Krümmer
schlängeln sich um das Aggregat wie die Wurzeln eines Kapokbaums um den
Ta Prohm Tempel in Kambodscha. An den Seiten steht "8V", nicht V4. Ich
spüre, daß ich mich wieder auf einem echten Motorrad befinde. Auf einem,
das man spürt, das sich in keiner Situation wegdenken oder vergessen
läßt. Dafür vergißt man alles andere um sich herum, man genügt sich in
dieser Zweisamkeit. Doch hier ist es harmonischer. Während sich die
V-Max ihre Zeit einfach nimmt, hat sich die Guzzi Griso schon Jahrzehnte
Zeit gelassen und gibt auch dir die Zeit, dich mir ihr zu arrangieren.
Eine Art Harold und Maude Beziehung entsteht.
Große Griso, lange Griso. Der Ständer muß bei normaler
Beinlänge mit der Ferse eingeholt werden.
Die V-Max nimmt sich die Zeit, die Guzzi gibt sie dir.
Das runde Licht leuchte uns ewig.
Leder wie im Wohnzimmer.
Also ich bin natürlich der Harold und eins kann ich euch sagen, Maude
ist nicht die Schnellste. Dafür - und ich muß das an dieser Stelle
in aller Direktheit sagen - hat sie fette Titten, die für ihr Alter noch
nichts an jugendlicher Spannkraft verloren haben. Sie sind seit jeher
ihr Markenzeichen und üben auf mich seit der Pubertät eine gewaltige
Faszination aus. (Den Vergleich mit den zwei Auspufflöchern bleibe ich
jetzt anstandshalber schuldig.) Während der V4 der V-Max in Sachen
Technik und Leistung derzeit das Non-Plus-Ultra darstellt, ist es bei
der Optik unangefochten der quer verbaute 90° V-Motor einer Guzzi.
Dennoch wirkt die Guzzi auf Verkehrsteilnehmer zwar eindrucksvoll bis
Respekt einflößend, aber nicht provokativ, eher wie ein sanfter Riese.
Dabei ist es nicht all zu viel, das sie von der V-Max unterscheidet.
Kann Kurven. Doch ohne Fleiß kein Preis.
Can't touch the sound of a Guzzi.
Beide sind ausgewachsene Schwergewichte (Griso: 245 kg, V-Max: 300 kg),
über 2 Meter lang (Griso: 2.260mm, V-Max: 2.395mm), wobei sich die Griso
mit ihren Ellenbogen noch um 10 mm mehr Platz zur Seite nimmt (830 mm
Breite), als die V-Max. Und ist die Guzzi einmal nach hinten offen, wird
sogar die Yamaha kleinlaut. Can't touch the sound of a Guzzi. Woraus
entsteht dennoch diese Freundlichkeit? Ein bisschen mehr Rundlichkeit,
ein bisschen hellere Farben, die lederne Sitzbank wie Opas Fernsehsessel
und ein bisschen mehr Herkunft. Die V-Max fährt ihrer Mutter einfach auf
und davon, die Griso nimmt sie in den Arm. Das ist genau das Gefühl, das
sie in uns erzeugt. Sicher reichen die 110 PS Maximalleistung und 109
Newtonmeter Drehmoment nicht nur für einen festen Drücker, sondern ab
und zu auch für eine g'sunde Watschen, das macht die Guzzi aber nicht
unsympathisch, sondern zeigt, daß sie sehr erwachsen ist. Sie will
niemandem was Böses, daß sie so groß ist, dafür kann sie ja nix.
Lehrling und Fliegengewicht KarolettaLambretta hatte den Dickwanst
jedenfalls nach den ersten gemeinsamen Metern ins Herz geschlossen. Das
sah dann aus wie ein indisches Kind auf einem Elefanten, paßte aber
trotzdem irgendwie. Die Griso ist ein Freund für's Leben, die V-Max ein
Sparringpartner.
Vor vielen, vielen Jahren hätte man sich vor einer
Griso V8 noch gefürchtet, heute möchte man sie streicheln. Das
Monument des Zorns heißt im 21. Jahrhundert V-Max, weil sie hin jeder
Hinsicht zu viel hat. Und das ist nur gut für jene, die eine V-Max
haben.