Da steht sie vor uns. Optisch ein ganz normales Motorrad. Wie aus
dem Hause KTM gewohnt: schmal, hochbeinig, puristisch, eine Sport-Enduro.
Ein bissl was fehlt halt: Da ist kein Auspuff zum Beispiel. Braucht sie
nicht, als Elektrifizierte. Im Rahmen hängt ein schlankes E-Aggregat.
Demzufolge gibt’s auch keinen echten Tank. Den ersetzt ein 17 Kilo
schweres Akku-Pack, das auf dem Motor sitzt (und abnehmbar ist). Es gibt
auch keine Kupplung. Denn auch die braucht’s nicht. Über- respektive
untersetzt wird die E-Power via Stirnradgetriebe und über die
Sekundärantriebskette, wenigstens das ist normal, ans Hinterrad
geschickt.
Stichwort Power: Die wird mit 7,5 kW (10,2 PS) angegeben. Im
Normalfall. Im Maximalfall können bis zu 25 kW (34 PS) abgerufen werden.
Das reicht dann schon bei einem Gewicht von knapp unter 90 Kilo. Aber
was nützen die tollsten PS, wenn das Drehmoment nicht hinhaut. Davon hat
ein E-Motor bekanntlich reichlich anzubieten. Direkt am Aggregat sind es
40 Nm, die von „Drehzahl“ Null an anstehen. Jederzeit griffbereit. Am Hinterrad
kann das bis zu 500 Nm bedeuten.
„Auch wir konnten uns angesichts der derzeitigen Situation dem Thema
alternative Antriebe nicht länger verschließen“, eröffnet Harald
Plöckinger, Vorstandsmitglied der KTM Power Sports AG, die Präsentation:
„Wir denken schon länger drüber nach.“ Vor zwei Jahren hat man sich mit
arsenal research, Wien (einem Unternehmen, das auf alternative Energien
und Antriebe spezialisiert ist) zusammengesetzt. Und mit der Entwicklung
des ZEM-Prototypen begonnen, gefördert vom Bundesministerium für
Verkehr, Innovation und Technologie. Eine Sport-Enduro ist es deshalb
geworden, weil bei aller Umwelt- und Geräusch-Bravheit KTM KTM bleiben
soll, nein muss: Ein Label, das für den kompromisslosen Sporteinsatz
steht.
Eine Hybrid-Lösung, wie sie ein italienischer Hersteller
derzeit in die Praxis umsetzt, war wohl auch angedacht, aber wieder ad
acta gelegt worden, weil zu schwer. Denn eine der wesentlichsten
Prämissen, die KTM ins Aufgabenheft geschrieben hatte, war –
haus-typische – Leichtigkeit und, nicht zu vergessen, Fahrspaß, ganz im
Sinne der „Ready to Race“-Philosophie, da durften keine Abstriche
gemacht werden. Dazu braucht’s ordentlich Leistung. Und das alles konnte
nur ein Elektromotor bieten. Eine Lösung, die derzeit zwar noch keine
normalverkehrs-taugliche Reichweite bietet, was sich aber angesichts der
galoppierenden Weiterentwicklung der Batterie-Technologie sehr schnell
ändern kann. Immerhin reicht die aktuelle Variante für eine
40-Minuten-Runde auf dem Cross-Parcours aus. Was für „Normalfahrer“, wie
Plöckinger sagt, auch wirklich ausreicht. Wer länger durchhält, muss
halt eine Stunde Pause einlegen. So lange dauert es, bis die
Lithium-Ionen-Akkus (1000 bis 2000 Ladezyklen) wieder aufgeladen sind
Neben Emissionslimit-Verschärfungen, seien es Abgase, seien es
Geräusche war für KTM eine wesentliche Tatsache ausschlaggebend für den
Schritt in Richtung ZEM: dass es immer enger wird für den Offroad-Sport.
In Österreich sowieso, längst auch im Süden – Italien, Frankreich,
Spanien – zunehmend auch im Osten Europas. Den Hauptvorwürfen – Lärm und
Gestank – zu begegnen ist für KTM als Spezialist für Offroad-Sportbikes
lebenswichtig. Gut ein Drittel aller Kanten aus Mattighofen sind
Gatschhupfer. Die an Attraktivität verlieren, wenn’s keinen Platz & Raum
mehr gibt, wo man sie bewegen kann.
Mit der Elektrifizierung und somit Annullierung des Lärm- und
Stink-Hindernisses rechnet man sich aus, dass man die Offroaderei
wieder „näher an die Ballungsräume bringen“ kann, sprich in die Städte
und – in die Hallen. Da werden die Fan-Trompeten das lauteste sein und
die Abluftsysteme werden mit dem Dampf der tobenden Massen beschäftigt
sein. Rauchverbot herrscht sowieso schon überall.
Nur Zukunftsmusik? Keineswegs, wie die ZEM beweist. Sondern
der handfeste Beginn einer Entwicklung, deren Potenzial schon jetzt
greifbar ist. Zum Beweis tritt Motocross-Crack und KTM-Testfahrer Michi
Staufer an. Er fetzt auf dem Parkplatz von arsenal research auf und ab
und zeigt, was in der Elektro-Kante steckt. Wheelies, Stoppies, alles
ganz normal. Bei dem Drehmoment dürften auch Burnouts kein Problem sein
(außer es baut einer eine Schlupfregelung ein, was hoffentlich nicht
passieren wird). Alles ganz normal. Nur: Dass man so gut wie nichts
hört. Vom Motor. Nur das Scheuern der Kette und das Abrollgeräusch der
Stoppler auf dem Asphalt sind vernehmbar. Und das Pfeifen der Bremsen. |