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50km Kurven - Nur zum Aufwärmen
Nachdem wir bereits seit 50km kein
gerades Straßenstück mehr gesehen haben, taucht hinter der nächsten Kurve ein
verheißungsvolles Verkehrsschild auf. „Vorsicht! kurvenreiche Straße!“ Alles
klar. Die letzen 1000 Kurven waren also nur eine Aufwärmübung für das große
Finale. Ich schalte einen Gang zurück und hebe den 3-Zylindermotor auf
Drehzahlniveau 6.000. Die perfekte Ausgangsbasis für ein grandioses Inferno.
Die halbe Modellalette in einem Bike
Triumph bringt für die Saison 2007 ein extrem interessantes Motorrad. Die
Triumph Tiger wurde nicht mit Gewalt in vorhandene Produktsegmente gezwängt
, sondern cool und lässig über jegliche Vorgaben der Konkurrenz hinweg entwickelt.
In diesem Bike finden sich Zutaten aus den verschiedensten Motorradkategorien.
Auf dem Papier eine perfekte Mischung, mal sehen was die nächsten 1000 Kurven
dazu sagen.
Eine große Supermoto mit Komfort!
Beim Umlegen ist die Tiger ein echtes Universaltalent. Das Fahrwerkslayout ist
eine Mischung aus Supermoto, Nakedbike und Big-Enduro. Das Bike lässt sich mit
unterschiedlichsten Stilrichtungen in die Kurve legen. Immer super exakt und
wenn nötig auch verdammt schnell. Die blinden Ecken hier in Andalusien nehme ich
mit der Tiger sehr aufrecht sitzend und mit breiten Ellenbogen. So habe ich im
gesamten Kurvenverlauf die meisten Reaktionsmöglichkeiten und bin Bergziegen und
Lastwägen nicht hilflos ausgeliefert. Sitzt man so im Sattel der Triumph, könnte
man meinen eine wendige Supermoto zu dirigieren. Einzig der relativ breite und
komfortable Sattel erinnert daran, dass man eigentlich auf einem „vernünftigen
Reisemotorrad“ (so wird der Neukauf in Mehrpersonenhaushalten verteidigt) sitzt.
In den wenigen Spitzkehren warte ich mit dem Umlegen besonders lange, drücke
dann mit einem kräftigen Impuls auf maximale Schräglage und bleib hier nicht
länger als unbedingt nötig. Auch hier sind die 6000 Touren am 3-Zylindermotor
eine perfekte Ausgangsbasis für eine Demütigung der Reisekollegen. Traktion
liefert die Kombination Motor, Fahrwerk und Reifen genug und so brilliert die
Triumph am Ende jeder Kurve. Hier ist es tatsächlich so, dass man mit dem
3-Zylindermotor einfach einen Gang weniger braucht als mit jedem anderen
Motorkonzept.
Volle Stabilität in langen Kurven
Eine liebenswerte Eigenheit hat auch die neueste Triumph bei langen, schnellen
Radien behalten. Das Motorrad folgt mit strenger britischer Ordnung den Befehlen
des Piloten. Stellt man sich die gewünschte Schräglage am Kurveneingang ein,
könnte man im Prinzip die Hände vom Lenker nehmen und das Bike fährt die Kurve
mit exakter Schräglage zu Ende. Mit dieser Ausgeglichenheit kann man in langen Kurven total relaxed den
Gasgriff immer weiter öffnen. Die Linie wird stur zu Ende gezogen.
Hang off mit Komfort
Doch auch Akrobaten am Bike werden nicht enttäuscht. Im Hang off fährt sich die
Tiger fast wie ein Naked Bike oder ein Sporttourer. In die Jahre gekommene
Supersportpiloten können hier ihren sportlichen Fahrstil beibehalten, erfreuen
sich aber über vollen Komfort für Bandscheiben, Genick und Unterarme.
Erste Zweifel machten sich breit!
Rechts ran!
Als der Asphalt schlecht und wellig wurde, begann ich für kurze Zeit an der Tiger
zu zweifeln. Der Kollege auf dem Naked Bike im Rückspiegel hatte mit den starken
Bodenwellen zwar noch viel stärker zu kämpfen, doch von der Tiger mit den
üppigen Federwegen hätte ich mehr erwartet. Ich fuhr rechts ran und begann
nachzudenken. Normalerweise rühr ich beim Fahrwerk keine Schraube an, doch
diesmal war es an der Zeit den geistigen Horizont zu erweitern. Das
Tiger-Fahrwerk bietet volle Einstellmöglichkeiten und somit viel Potential für
ein lausiges Setup. Bei der Tiger ist es tatsächlich so, dass sowohl Zug- und
Druckstufen Schrauben nicht bloß zur Show zum Verdrehen sind, sondern
tatsächlich Wirkung zeigen. Mit ein paar Handgriffen stellte ich mir ein
überraschenderweise tadelloses Setup ein und erfreute mich an einem neuen
Fahrgefühl. Fahrwerkstüfteleien sind in der Klasse der Big Enduros im Normalfall
ein spanisches Dorf für die meisten Piloten. Bisher bietet einzig die KTM
Adventure ein
voll einstellbares Fahrwerk mit extrem vielen Möglichkeiten. Doch zukünftige
Tigerkunden, welche bisher japanische Wahre gewohnt waren, sollten sich die Mühe
machen damit zu experimentieren. Es macht Spaß mit ein und demselben Motorrad
sowohl eine echt komfortable Reiseenduro als auch ein sportliches Nakedbike in
der Garage zu haben.
Unantastbar - Der Dreizylindermotor
Für Triumphfans ohnehin eine Bank ist der Dreizylindermotor. Gebetsmühlenartig
predigen mir Speed Triple Piloten und Tiger Fahrer die Vorteile ihrer Bikes.
Drehmoment im unteren Drehzahlbereich vom 2-Zylinder und Drehzahlreserven fast wie
bei einem Vierzylinder. Die Triumph Fans haben im Prinzip recht. In ein
kurvengieriges Motorrad wie die Tiger 1050 passt ein Dreizylinder besonders gut.
Bei den ersten Kilometern mit einem Dreizylinder fahr ich mit dem Motor leider
viel zu oft in den Begrenzer. Für meinen Geschmack macht der Motor genau dort
Schluß wo es gefühlsmäßig am schönsten ist. Sound, Vibrationen und Punch sind
gerade am Zenit wenn die Steuereinheit Schluß macht. Doch es dauert nicht lange
und die japanisch kreischende Drehzahlsensorik im Kopf wird britisch.
230 kein Problem, langsames Cruisen
ebenso
Vom tiefsten Drehzahlkeller bis ca. 4000 Umdrehungen halte ich den Motor wenn es
sanft zur Sache geht. Laufkultur und Gasannahme lassen auch hier keine Wünsche
offen. Auch im Sechser kann man hier schaltfaul aus den 80er Zonen cruisen. Bis
6000 Touren fahre ich immer dann, wenn ich unentschlossen im Sattel sitze. Erst
wenn es ernst wird, lass ich die Nadel über 6000 Touren steigen. Hier haben
Tiger Fahrer ein perfektes Drehzahlband bis 10.000 Touren zur Verfügung. Man
braucht keinen Prüfstand um zu spüren wie vehement hier die Tiger aus den Kurven
schiebt. Sämtliche Mitbewerber im Bereich der Big-Enduros sind hier unterlegen.
Die Tiger fährt hier in einer Liga mit den sportlichen Naked-Bikes. Die
Tachonadel winkt schnell in mühelos über die Marke 230 km/h und auch das
Fahrwerk zeigt bei den schnellen Autobahn-Passagen noch keine
Schwächen.
Männermoped
Die Triumph wird vermutlich ein echtes
Männermotorrad werden. Erstens wegen der Sitzhöhe, welche jener von klassischen
Reiseenduros sehr nahe kommt und zweitens wegen den Hebeln für Bremse und
Kupplung. Für beide sind lange Finger nötig und die mechanische Kupplung
benötigt auch ein wenig Schmalz in den Fingern. Die hydraulischen Gegenstücke
der Mitbewerber bieten hier mehr Komfort. Nichts zu meckern gibt es jedoch bei
Dosierbarkeit und Wirkung.
Sportliche Bremsen
Beide Bremsen wurden richtig, nämlich für
ein sportliches Motorrad, dimensioniert. Auch hier griffen die Triumph
Ingenieure nicht ins Teileregal der Tourenbikes, sondern zu den Sportlern.
Gediegene Reiseenduristen werden bei den ersten Bremsmanövern noch überrascht
sein. Das agile Fahrwerk, gepaart mit den kräftigen Bremsen führt zu etwas mehr
Unruhe in der Bremszone als man es von Reisedampfern in der Big-Enduro Klasse
gewohnt ist.
Trotz Sportlichkeit auch Komfort
Trotz der sportlichen Abstimmung kommt
aber auch der Genießer nicht zu kurz. Denn bei Triumph wusste man wo Komfort,
und wo Sportlichkeit gefragt ist. Bei der Sitzbank hatten klar die gemütlichen
Ingenieure das Sagen. Lange Touren, alleine oder zu zweit, werden sicherlich
nicht durch Schmerzen am Hintern scheitern.
In Sachen Windschutz ist die Tiger
sicherlich nicht Klassenprimus der Big-Enduro Liga sondern spielt hier eher bei
den Sporttourern mit. Für mich wurde hier der richtige Mittelweg gewählt. Die
Optik passt und der Windschutz ist okay.
Die breiteste Käuferschicht!
Insgesamt ist die Triumph ein Bike,
welches derzeit theoretisch die wohl breiteste Käuferschicht anspricht.
Reiseenduristen, Tourerpiloten, Naked-Biker oder Sport-tourer werden hier eine
interessante Mischung vorfinden. Einzig echte Hardcore Weltenbummler, welche mit
einer Big-Enduro echte Offroad Passagen bezwingen möchten, werden mit der
Triumph Tiger nicht bedient. Eingefleischte und langjährige Lenker einer
der oben genannten Gattungen sollten einmal einen Blick über den Tellerrand
wagen und sich dieses interessante Konzept im Sattel ansehen. Triumph ist es
gelungen ein Bike für viele Klassen anzubieten ohne dabei in einzelnen Bereichen
zu große Kompromisse einzugehen. |