Erste Ausfahrt mit der neuen Kawa im Salzburger Schnürlregen. Schlank, flink
und frech! Ab Oktober im Handel.
Kawasaki präsentiert mitten in der Saison ein neues
Bike. Das Motorrad soll neue Käuferschichten locken, Einsteiger
begeistern und in der Mittelklasse Stückzahlen machen. Die Schlagworte
"neue Käuferschichten", "Einsteiger" und "Mittelklasse" klangen
verdächtig nach einem langweiligem Krapfen. Doch schon als ich die
ersten Fotos sah, taten mir meine schnellen Vorurteile leid. Aggressives,
gewagtes Design und teilweise vollkommen neue Lösungen in dieser Klasse
machten mich sehr neugierig. Die ersten
Infos auf 1000PS erzeugten viel positives Echo.
Motiviert und voller Wissensdurst machte ich mich auf
dem Weg zur Kawasaki ER-6n Präsentation. Normalerweise werden neue Eisen
in Italien, Spanien oder Portugal präsentiert, doch Kawasaki lädt die
europäische Presse nach Salzburg ein und lernt den Salzburger
Schnürlregen von seiner heftigsten Seite kennen. Der Kawa Slogan zur
ER-6n - "Essential Riding" bleibt bei mir ab sofort in Form von "Essential Raining"
in Erinnerung.
Kawasaki ER-6n Details.
(Klicken für Vergrößerung)
Optisch spielt die ER-6n in ihrer Klasse in
einer eigenen Liga. Dem bisherigen Feedback auf 1000PS konnte ich sehr viel
positives und vereinzelt auch negatives entnehmen. Nur wurscht war das Design
niemanden. Es erregt die Gemüter. Ich finde es auf alle Fälle großartig,
dass wir in dieser Klasse nun endlich mal richtig freches Design von einem japanischen
Hersteller bekommen. In vielen Details wurde zwar aus Italien
abgekupfert, aber das find ich wesentlich smarter als die 17. Auflage
eines 08/15 Mittelklasse Naked-Bikes zu machen. Bei all der Schwärmerei
über das gewagte Design möchte ich euch Kawas Lösung zum Thema Topcase
an der ER-6n nicht vorenthalten (siehe rechts unten). Ich hoffe diesen
Anblick auf den Strassen nicht oft ertragen zu müssen.
Regenfahrt
Die Ausfahrt im Regen mit
der ER tat doppelt weh. Zum Einen, weil Regen beim Motorradfahren extrem
unwürdig ist und zum Anderen weil ich viel Gusto auf eine grimmige
Andrückerei mit der ER bekam. Das Gesamtkonzept wirkt für mich klein,
kompakt und quirlig. Trotz des Regens konnte ich einige interessante
Eindrücke auf der ER sammeln.
Seitenblicke auf die Kleidung
Sehr wichtige Eindrücke
sammelte ich wieder mal zum Thema Kleidung. Im gesamten Journalistenfeld
gab es verschiedenste Lösungsansätze um trocken zu bleiben. Wirklich
trocken geblieben sind nur ich und ein weiterer Kollege, welcher ein Rukka Goretex Gewand verwendete. Selbst den Kollegen mit den
Ganzkörperkondomen kroch das Wasser irgendwann in eine Ritze rein. Mein
oft verwendetes Sprichwort "Qualität hat seinen Preis" hat leider auch
hier seine Richtigkeit bewiesen. Das
Rukka Zeug ist recht
teuer, funktioniert aber großartig. Stundenlang im strömenden Regen und
trotzdem bequem und trocken.
Der Motor: Innen mehr - außen weniger
Kawasaki beteuerte im
Laufe der Präsentation ca. ein dutzend Mal, dass der ER-6n Motor nichts,
aber auch gar nichts mit dem alten ER-5 Teil zu tun hat. Beeindruckend
war dann wieder mal der technische Fortschritt. Wie in der Skizze rechts
zu sehen ist, wurde der um 150 ccm größere neue ER-6n Motor (gelbe
Schattierung) in allen Abmessungen kleiner als das alte ER-5 Aggregat
(graue Schattierung). Innen mehr - außen weniger.
Beim 2-Zylinder
Parallel-Twin hat man die Abstimmung gut erwischt. Typisch für einen
2-Zylinder hat der Motor viel Kraft im unteren und mittleren
Drehzahlbereich. Doch das nutzbare Drehzahlband ist erstaunlich groß.
Die maximale Leistung steht bei 8.500 an und der Motor dreht brav bis in
den roten Bereich bei 11.000 Umdrehungen. Viel Sinn hat es aber nicht
den Motor so auszuwinden. Ab 9.000 Touren ist man mit dem nächst höheren
Gang schon besser bedient.
Der Motor hört und fühlt
sich aber auch sehr gut an. Für 650 ccm erstaunlich satter Sound
(Klangprobe rechts) und sehr sanfte, gerade noch wahrnehmbare
Vibrationen. Unangenehme Lastwechselreaktionen gibt es keine. Insgesamt
also ein sehr würdiges Herz für das fesche Bike. Mir persönlich gefällt
aber zumindest optisch immer noch ein V2 besser als ein Twin. Kawasaki
passte der kurze Twin aber besser ins Konzept als ein V-Motor. Man kann
es eben nie allen recht machen.
Vorsicht Technik! Die Motorenfeatures im
Detail
Der neue Motor sieht von
außen wie ein biederes Motörchen aus, beherbergt aber zahlreiche
innovative Konstruktionsdetails.
Kurbelwelle und
Getriebewellen wurden in 3 unterschiedlichen Ebenen angeordnet. Der
Konstrukteur der Gussformen muss bei solchen Anordnungen zwar gordische
Knoten lösen, der gesamte Motorblock wird dadurch aber sehr kompakt und
kurz. Auch die Bauhöhe des Motors konnte durch das
Semi-Trockensumpf-Design reduziert werden.
Eine zweite Ölpumpe saugt
das Öl aus dem Bereich der Kurbelwelle in den Getriebebereich. Ein
großzügiger Kurbelwellenunterbau ist somit nicht mehr notwendig. Dieses
Konzept wird häufig bei Offroad-Motoren eingesetzt.
Die Zylinderlaufbahnen
sind beschichtet und auf konventionelle Zylinderlaufbuchsen konnte
verzichtet werden. Der Motor wird so leichter und schmaler.
Der unterhalb des Motors
platzierte Schalldämpfer verbessert laut Kawasaki die Zentralisierung
der Massen und senkt den Schwerpunkt des Motorrads. Das klingt für mich
logisch und nachvollziehbar. Umso unlogischer finde ich nach wie vor den
Hype rund um die ganzen Underseat-Anlagen der Supersport-Hersteller.
Gegen Marketing-Fritzen haben die Techniker eben nix auszurichten.
Wer sich in einem Naked
Bike einen fetten und mächtigen Motor wünscht, wird vom Konzept der Kawa
enttäuscht sein. In der Praxis hat der schlanke Motor aber angenehme Vorteile.
Die Konstrukteure haben wesentlich mehr Spielraum bei der Gestaltung von
Rahmen und Sitzposition und das spürt man auch. Im Oktober steht das
Bike beim Händler. Probesitzen!!
Grün für
Grünwähler!
Gute Nachrichten
für Grünwähler. Die Kawasaki ER-6n erfüllt im Gegensatz zur ER-5
schon jetzt die strenge Euro 3 Norm. Sowohl die Werte für CO als
auch für THC und NOx liegen deutlich unter der Euro 3 Grenze.
Die moderne Einspritzanlage kombiniert mit 3-Wege Kat macht es
möglich. Vorteilhaft wirken sich hier auch die kurzen
Krümmerwege aus. Der Kat kommt sehr schnell auf
Betriebstemperatur und die für Abgaswerte kritische
Kaltlaufphase wird so relativ kurz gehalten.
Weil wir gerade
das Thema grün ansprechen! Die neue Kawa gibt es NICHT in grün!
Der Schmerz hält sich bei mir aber in Grenzen. Ich finde die
Farbkombinationen an der neuen ER-6n sehr gelungen
Schmal und quirlig
Die Sitzgeometrie an der
ER lässt sehr entspanntes aber auch sportliches Fahren zu. Das gesamte
Motorrad ist sehr schmal und dadurch fühlt man sich sofort perfekt in
das Motorrad integriert. Der Lenker ist ebenfalls sehr schmal was man
besonders beim Drängeln in der Stadt zu schätzen lernt. Wer wie ich
jedoch an einem Naked-Bike einen mächtigen breiten Lenker möchte, muss
ins Zubehör Regal greifen. Der Beifahrer wird sich an der ER-6n über die
tief montierten hinteren Fußrasten freuen. Der fehlende Auspuff macht es
möglich.
Niedriger Schwerpunkt,
niedriges Gewicht und schlankes Design schauen nicht nur am Papier gut
aus. Die ER-6n lässt sich sehr quirlig fahren.
Die Kawasaki ist auf alle
Fälle ein ganz ein feiner Cityflitzer. Super zum Drängeln, auch kleine
Personen haben jederzeit festen Boden unter den Füßen und mit dem Bike
kann man beinahe in einer Telefonzelle umdrehen.
Vorne wurden an der ER
zwei Stück angeknabberte 300 mm Scheiben montiert, hinten wirft man den
Anker mit einer 220er Scheibe. Der Druckpunkt an der Vorderbremse ist
sehr hart, die Wirkung der Bremse lässt keine Wünsche übrig.
Etwas einfallslos war man aber bei der
Namensgebung. Die ER-5 war ja nicht gerade das megacoolste Bike aus der
Kawa Palette. Auch die Kawasaki Europa Mitarbeiter waren mit der
Namensgebung offensichtlich nicht so glücklich. Oftmals wurde uns
versichert, dass die ER-6n nix mit der ER-5 zu tun hat. Das kann ich auf
alle Fälle unterschreiben. Die ER-6n ist ein vollkommen neues Bike mit
vielen neuen Ideen. Nur beim Namen blieben die Ideen eben aus.
Der 160er Hinterreifen sieht in der
schmalen Kawasaki
breit genug aus.
Kawasaki ER-6n Designhighlights
Aggressives Front
Design
Blinker vorne in
Kühlerverkleidung integriert
Klare Blinkergläser
und orange-farbene Blinkerbirnen
einteiligen
Fußrastenausleger für Fahrer und Sozius
Das Design von
Rahmen, Hinterradfederung und Schwinge bildet eine integrierte Line,
die vom Lenkkopf hinunter zur Hinterradachse verläuft.
Rahmen, Schwinge,
Gabel, Gabelbrücken und Feder in einer Farbe. Kleines Detail mit großer optischer
Wirkung.
Der Raum Berchtesgarden ist normalerweise
ein Garant für Kurven ohne Ende. Diesmal war er ein Garant für
Wassermassen ohne Ende.
Kawasaki ER-6n Rundgang
Von Anfang an als Original-Zubehör
erhältlich: Fesches Windschild.
Erhältlich in drei Farbkombinationen.
Fazit:
Tolle Bereicherung!
Insgesamt ist die
Kawasaki ER-6n ein sehr gut gelungenes Motorrad. Eine tolle Bereicherung
für die mittlere Einsteigerklasse. Mit diesem Motorrad werden sowohl
Fahrschüler als auch erfahrene Motorradpiloten viel Freude haben.
Kawasaki hat es geschafft, günstig gefertigte Komponenten wie die
einfache Gabebrücke, die aus dünnen Stahlprofilen bestehende Schwinge
und den Stahlrahmen durch fesches Design und tolle Lackierung cool
aussehen zu lassen. Und ich denke, das ist in dieser Preisklasse der
Schlüssel zum Erfolg. Fesche Optik, einfaches Handling, coole Details,
passender Motor und ein günstiger Preis machen den Kassenschlager aus.
Apropos Preis: Hier gab man uns ärgerlicherweise keine Antworten auf
unsere Fragen. Meiner Meinung nach jedoch das wichtigste Kriterium in
dieser Klasse. Bleibt zu hoffen, dass die Preisgestaltung ähnlich
attraktiv ist, wie das Bike selbst. Dann wird das Bike sicherlich viele
neue Besitzer/innen finden.